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"Schulbibliothek aktuell" 1/98

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Leseratte trifft PC-Maus

Hessische Lehrer und Lehrerinnen entwickelten das Konzept eines Projekts zur Internetbenutzung in Schulbibliotheken. Sie lehnten sich dabei an Erfahrungen angelsächsischer Schulbibliotheken an, in denen die Entwicklung wesentlich weiter ist als bei uns. das hessische Projekt erhielt jedoch nur eine teilweise finanzielle Förderung und konnte somit auch nur in Teilen umgesetzt werden. Im folgenden erste Erfahrungen aus dem projekt.

Günter Schlamp

In Hessen versuchen einige Schulen mit Schulbibliothek - sie sind in der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken zusammengeschlossen - an das angelsächsische Konzept des Library Media Centers anzuknüpfen. Als Informationszentrum erschließt eine solche Bibliothek alle Informationsmedien der Schule. Sie ermöglicht allen Nutzern Zugang zu Informationen.

Die Schulbibliothek wird Zentrum schulischen Lernens, wenn sie die Medien nicht nur bereitstellt, sondern auch zum sinnvollen und produktiven Umgang mit ihnen befähigt. Training von Arbeitstechniken, Umgang mit Lexika, Exzerpieren aus Texten, propädeutisches Arbeiten in der Oberstufe, das alles wird in modernen Schulbibliotheken in Zusammenarbeit mit den Fachlehrkräften geleistet.

Diese Überlegungen standen im Hintergrund, als wir für das Projekt "Schulen ans Netz" (SAN) einen Förderungsantrag stellten. Unser Projekt "lnternetnutzung in der Schulbibliothek" hatte zwei Schwerpunkte:

  1. Wie kann die Schulbibliothek von einzelnen Schülern, Gruppen oder Klassen zur Informationsbeschaffung, -verarbeitung und zur weltweiten Kommunikation über Internet genutzt werden? Im Detail sollten methodische, didaktische und technisch-organisatorische Fragen beantwortet werden, wie:
  2. Wie können sich die Leiterinnen und Leiter von Schulbibliotheken durch elektronische Kommunikation gegenseitig unterstützen und welche Rolle können hierbei zentrale Dienste (Datenpools) einnehmen? Hier sollte u.a. geklärt werden:

Die Schulbibliothek erhielt vom Verein Schulen ans Netz in der ersten "Welle" der geförderten Schulen im Herbst 1996 den Zuschlag als Modellprojekt, d.h. ein Telefonkonto von 1.700,- DM und einen Rechner.

Auch in Schulbibliotheken gilt Murphy's Gesetz: Der ISDN-Antrag blieb beim Schulträger hängen, so daß zwischen SAN-Zusage und Internetstart einige Monate vergingen. Der Projektteil "Nutzung des Internet für schulbibliothekarische Dienste" entfiel, da vorerst nur eine der vorgesehenen Projektschulen den Zuschlag bekam und somit kein Verbund aufgebaut werden konnte. Der Versuch, dieses Vorhaben als BLK-Modellversuch durchzuführen, wurde vom Bundesbildungsministerium abgelehnt. Wir versuchen jetzt, ohne personelle und finanzielle Ressourcen mit Unterstützung kompetenter LAG-Mitglieder und dem hessischen Bildungsserver einen hessischen Informationsdienst für Schulbibliotheken (HIDS) zu realisieren (www.bildung.hessen.de/service/ sbi/index.htm).

Bilanz nach 200 Tagen Projekterfahrung

Wir erarbeiteten als erstes eine "Startseite", d.h. eine Zusammenstellung von Internetadressen, die häufig genutzt werden. Sie enthält u.a. ausgewählte Suchmaschinen, Zugänge zu einigen Tageszeitungen, Links zu URL-Sammlungen für die Fächer, Adressen für die wichtigsten Klassenfahrtziele (Straßburg, London), E-Mail-Kontakt-Börsen, literatur- und buchorientierte Adressen, z. B. Verlage, Autoren-Homepages, das Verzeichnis lieferbarer Bücher (VLB) u.a.

Die Unterrichtsorganisation in der Sekundarstufe läßt wenig Zeit für entdeckendes Lernen. Die zeitraubende Suche oder das lustvolle Surfen sind daher selten möglich. Eine den Bedürfnissen der Kolleginnen und Kollegen angepaßte Startseite kann nicht allein von den Landesbildungsservern zusammengestellt werden, die jetzt nach und nach entstehen. Zumal die Startseiten sich ständig verändern, sie wachsen, vor allem in den Untermenüs für die einzelnen Fächer. Sie entstehen aus den Fundstellen der täglichen Recherchen, Durchsicht relevanter Sites, vermutetem Bedarf des Kollegiums und nachgefragten Themen. Die Startseite ist der Versuch, die für eine Recherche aufzuwendende Zeit zu verkürzen und die benötigte Information "just in time" bereit zu halten.

Das vorgesehene Training der Nutzer/innen begann mit den ehrenamtlichen Helferinnen, den Bibliotheksmüttern. Das sind Eltern, die freiwillig in der Schulbibliothek mitarbeiten und ein- bis zweimal in der Woche während einer Vormittagshälfte Dienst tun: Sie leisten Aufsicht, beraten Schülerinnen und Schüler und erledigen organisatorische Arbeiten.

Dies erschien als der beste Weg, um Informationssuche übers Internet jederzeit, in allen Fächern, allen Schülerinnen, Schülern, Lehrerinnen und Lehrern möglich zu machen. Viele der Bibliotheksmütter sind nach dem Training nun in der Lage, den Rechner zu starten, online zu gehen, und ein Lesezeichen anzulegen. Einige können auch schon Dateien herunterladen und in die Textverarbeitung einbinden. Sie können also den schulischen Nutzern bei der Informationssuche helfen. Und da sie es mit einer gewissen Regelmäßigkeit tun, erlangen sie Routine. Dies ist bei Kolleginnen und Kollegen, die vielleicht einmal im Schuljahr ein "großes" Internetprojekt machen werden, weniger der Fall.

In einer nächsten Fortbildungsrunde wurden zwei Arbeitsgemeinschaften für Schülerinnen und Schüler angeboten, davon eine AG für die Redakteure der Schülerzeitung. Sie sollten wegen ihres Engagements bevorzugt werden, aber auch wegen der Möglichkeiten journalistischer Aktivitäten im Internet. Mit einer weiteren AG soll eine Gruppe "Schülerexperten" für die Internetnutzung entstehen. D.h. Schülerinnen und Schüler, die gegebenenfalls von den Bibliotheksmüttern gerufen werden können, wenn weitergehende Kenntnisse nötig sind.

Die Herstellung einer Schul-Homepage haben wir nicht als dringlich angesehen. In den Arbeitsgemeinschaften entsteht jetzt eine Homepage für die Schülerzeitung und evtl. für die Schule. Die Schulbibliothek hat eine.

Ähnlich wie für die Bibliotheksmütter wird auch den Kolleginnen und Kollegen ein mehrwöchiges nachmittägliches Training angeboten. Dabei offenbarte sich, wie unterschiedlich die Computernutzung im Kollegenkreis ist. Sollte die Chance der Weiterführung des Projekts gegeben sein, sollen alle Schülerinnen und Schüler unserer Schule nach und nach eine Einführung erhalten. Auch die Referendare unseres Studienseminars können den Internetrechner für Ausbildungszwecke benutzen.

Parallel dazu wurde in Veranstaltungen des Hessischen Instituts für Lehrerfortbildung und der Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e. V. mehrmals regional und landesweit über das Projekt informiert.

Grundlage für die Fortbildung ist ein inzwischen 40-seitiges Papier "Lernen mit dem Internet, eine Aufgabe der Schulbibliothek", das alle relevante Materialien aus unserer Arbeit enthält. Da die Bibliotheksleiterin auch im Kulturmobil (Sba 2/95, S. 115ff) des hessischen Kultusministers mitarbeitet, einem Sattelschlepper für mobile Lehrerfortbildung zu kultureller Praxis und Schulbibliotheksthemen, kann auch darüber auf unser Fortbildungsangebot zugegriffen werden.

Da die Net@day-Initiative der EU (eine Kampagne zur ehrenamtlichen Förderung des Internet in Schulen) in die Herbstferien fiel, veranstalteten wir eine Woche früher einen FES-Online @day, auf dem wir über unsere Aktivitäten berichteten und u. a. Büchertische mit Kinder- und Jugendbüchern und Fachliteratur bereitstellten. Selbstverständlich ist die Bibliothek mit ihren lnternetaktivitäten am Tag der offenen Tür der Schule, bei Klassenführungen für Grundschulkinder u.a. beteiligt.

Mit dem "lnternetformular" beginnt für die Schüler die Fahrt auf der Datenautobahn. Darin wird die gesuchte Information genannt und dann der Fund eingetragen. Die selbständig suchenden Schülerinnen und Schüler geben ihren Schülerausweis ab. Auf dem Formular wird auch gefragt, ob vorher in Büchern gesucht wurde. Wir wollen einen "Medienmix", d. h. herausfinden, welches Medium was besonders gut leistet. Nachdem eine Karte von Frankreich und die Flagge von Norwegen im Internet gesucht wurden, kam dieser Satz hinein. In Reichweite der Rechner stehen nämlich Atlanten und Lexika. (Andererseits macht es uns nicht unglücklich, wenn ein Schüler angesichts uferloser

Internet-Treffermeldungen z. B. Shakespeare: 30.000 und der Notwendigkeit komplexerer Suchstrategien nach einem Buch fragt, in dem "das" kurz und richtig drinstünde.)

Über die Formulare erhalten wir Hinweise auf Fundstellen, die es verdienen, festgehalten zu werden

Auf eine "Acceptable Use Policy" (Benutzerordnung), die an amerikanischen Schulen ein große Rolle spielt, glauben wir verzichten zu können. Die Bibliothek ist übersichtlich, die Rechner stehen in der Nähe der Ausleihtheke, es gibt soziale Kontrolle durch die Mitschüler/innen. Es ist bekannt, daß es eine History-Datei gibt, die alle Anfragen aufzeichnet. Eine Benutzung in den Pausen ist (bisher) nicht möglich, nur im Rahmen von Unterricht, d. h. in Anwesenheit von Lehrern. Aus denselben Gründen haben wir auch Kinderschutzprogramme (z. B. Cyberpatrol) nicht installiert. Sie sind auch technisch-organisatorisch nicht unproblematisch.

Unsere Projektausstattung begann mit dem Rechner, den die Fa. Dell uns über den Verein "Schulen ans Netz" zur Verfügung stellte. Die Bibliothek hat inzwischen durch eine private Leihgabe und Sondermittel weitere Rechner erhalten. Dadurch wird es möglich sein, von vier Rechnern aus ins Internet zu gehen. Die Software (NT 4 u. a.) stellt uns die Fa. Microsoft zur Verfügung. Damit besteht die Möglichkeit, daß mehrere Einzelpersonen oder Gruppen einer Klasse gleichzeitig ins Netz können. Denn wenn man nahezu täglich ins Internet gehen kann, auch ganz spontan, führt das bei einem Einzelplatz schnell zu Engpässen. Eine Anbindung des Computerraums ist ebenfalls beabsichtigt.

Auch in Richtung Intranet gibt es Ansätze. Mit dem Programm Webwhacker werden Internetseiten auf der Festplatte gespeichert. Die Internet-Startseite erhält somit lokale und weltweite Adressen.

Leider ist das Schreiben von Netzseiten noch nicht so einfach wie Textverarbeitung. HTML ist immer noch sehr unhandlich. Die Konvertierung von Dokumenten in WWW-Seiten ist immer noch (Schüler-) Experten vorbehalten, so daß eine lokale Bibliothek eigener Materialien, die mit einem Internet-Browser gelesen werden könnte, noch relativ aufwendig ist. Technische Aspekte drohen inhaltliche Aspekte zu überlagern. Mit einem Wort: die Referate werden nicht besser, bloß weil sie in HTML geschrieben sind.

Ich sehe vor allem die technische und zeitliche Dimension dieser Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Unnötig zu sagen, daß die mit diesem Projekt befaßte Bibliotheksleiterin und ich keine Anrechnungsstunde erhalten und die Installation des Netzwerks und die allgemeine technische Unterstützung durch den Ehemann der Kollegin und dessen Arbeitskollegen geschieht.

Bei einer dauerhaften lnternetnutzung in Schulen, wie sie von vielen prominenten Rednern gefordert wird, ist zu bedenken, wer die folgenden Aufgaben wahrnehmen soll:

Der Schulträger erhielt zwar von uns einen Vorschlag für eine schulbibliothekarische Arbeitsstelle in der Kreisbücherei, die die Mediennutzung in den Schulen inhaltlich und technisch unterstützt, ähnlich wie in Dänemark oder in einigen US-Counties, aber das bleibt wohl unerfüllbar. Es wäre sicher effizienter. Statt dessen wird die Kreisbücherei demnächst geschlossen.

Abschließend noch eine Bemerkung zu den Kosten: Das Telefonbudget von 1.700,-- DM schmolz für folgende Ausgaben dahin: Ca. 400,-- DM für den ISDN-Anschluss, ca. 500,-- DM für die Grundgebühr eines Jahres. Die laufenden Gebühren betrugen etwa 60-80 DM monatlich, d.h. für jeweils 12-16 Stunden Betrieb. So lange es dauerhaft keine verbilligten Zugänge gibt, hat lnternet in Schulen keine Zukunft.

Beispiele für Internet-Aktivitäten in der Schulbibliothek

Da unser Projekt eine alltägliche, jederzeitige und allen zugängliche Nutzung vorsieht, haben wir nicht mit einem Kurs oder einer AG ein einmaliges Projekt durchgeführt. Auch das Schreiben einer Homepage haben wir nicht vorrangig verfolgt.

Recherche im Unterricht

AIDS, Dinosaurier, Recycling, Fußball, Marokko, Umweltschutz, Paris, Greenpeace, Steuern, deutsche Autoren, amerikanische Jugendbuchautoren (sehr oft), Aufgaben der UNESCO, BSE, Verlage, Bestellung von Informationsmaterialien bei Institutionen u.a.

Electronic-Mail-Austausch: Interne Aktivitäten Teilnahme an / Abonnements von

Vernetzung von Schulbibliotheken

Inzwischen sind zwei weitere hessische Schulbibliotheken dank SAN am Netz. Die Ziele des

2. Projektschwerpunkts könnten also wieder aufgenommen werden. Allerdings läuft nun unsere Förderung in den nächsten Monaten aus. Und über eine Verlängerung ist zum Zeitpunkt dieses Berichts nicht entschieden.

Durch private Mittel war immerhin die Landesarbeitsgemeinschaft Schulbibliotheken in Hessen e. V. in der Lage auf ihrer Homepage ansatzweise zu verdeutlichen, welchen Nutzen ein Schulbibliotheksserver für die in ihren Schulen oft isoliert arbeitenden Bibliothekslehrkräfte haben könnte (http://ourworld.compuserve.com/homepages/GSchlamp). Inzwischen gibt es auch den Hessischen Informationsdienst für Schulbibliotheken (HIDS) auf dem Landesbildungsserver Hessen.)

(Die Originalfassung dieses Textes steht im Internet. Aus diesem Text sind auch Hyperlinks möglich, die hier nicht abgedruckt sind. Wer also das lnternetformular oder die Startseite sehen will, muß diese Adresse wählen: http://www.shuttle.de/mtk/fritz/san_text.htm

Die LAG ist im Internet zu erreichen über: http://ourworld.compuserve.com/homepages/GSchlamp/

Der Hessische Informationsdienst für Schulbibliotheken (HIDS) hat die Adresse: http://www.bildung.hessen.de/service/sbi/index.htm)

(Günter Schlamp, Vors. der LAG Schulbibliotheken in Hessen e. V., Wilheim-Busch-Str. 11, D-65760 Eschborn, Tel./Fax: 0 61 96 - 4 67 90, E-Mail: Gschlamp@compuserve.com )


Stand: 11.03.98
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