Kapitel 2: Reiseberichte oder Strukturanalysen?
          Die vergleichende Bibliothekswissenschaft in Deutschland.

In einigen Nebensätzen der Erinnerungen von Frau Seydelmann, Anhang 1 dieser Veröffentlichung, wird besonders deutlich, wie sehr sich das Umfeld des bibliothekarischen Berufes geändert hat, nicht nur in administrativer Hinsicht. Man muß sich in Erinnerung rufen, daß 1960 eine der größten öffentlichen Büchereien in Hamburg, die Bücherhalle Eppendorf, eine Thekenbücherei in einer Schule war, mit dem Nutzer auf der einen Seite und dem Bibliothekar auf der anderen, der an Hand eines großen Kartenapparates seine Leser beriet. Anschließend wurde das Buch aus dem Magazin geholt, eine Situation, die man heute noch in Öffentlichen Bibliotheken in Ländern Mittel- und Osteuropas antrifft, aber mit der Ausnahme, daß in den meisten Fällen in diesen Bibliotheken große Lesesäle zur Verfügung stehen. In der oben genannten Öffentlichen Bücherhalle gab es nur die Theke, einen alphabetischen Katalog und sogenannte Stoffkreislisten. Dieses war übrigens die Situation, die der Entwicklungsplan des Hamburger Senats (ein Siebenjahresplan der FDP, die damals mit dem Kultursenator Nevermann an der Spitze, den Grundstock für das System Hamburger Bücherhallen legte) mit dem Aufbau vieler Bibliotheken in nur wenigen Jahren änderte. Frau Seydelmann konnte bei Bau und Einrichtung dieser Bibliotheken viele und neue Erfahrungen sammeln.

 

Vergleichende Bibliothekswissenschaft fehlte in Deutschland

Die Aufbauarbeit dieser Jahre in vielen Städten und Gemeinden, in Universitäts- und Stadtbibliotheken geschah in vielen Fällen ohne Vergleiche und ohne die Kenntnis ausländischer Beispiele. Oft kam es den Betroffenen überhaupt nicht in den Sinn, Beispiele aus anderen Ländern bei der Planung mit einzubeziehen. Das lag gewiß nicht nur an den Schwierigkeiten und Kosten, die die Kenntnis internationaler Bibliotheksarbeit bereitet hätte. Dieses war nicht immer der Fall, so war z.B. die Gründung der Hamburger Bücherhallen durch die Patriotische Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts bis hin zur Einführung des büchereitechnischen Indikators von britischen Erfahrungen geprägt Ausländische Erfahrungen kamen in der Aufbauarbeit beim Öffentlichen Bibliothekswesen nur bedingt zum Tragen, als fast einziges und bekanntes Beispiel sei neben der Stadtbibliothek Wuppertal die Amerika Gedenkbibliothek in Berlin genannt. Im wissenschaftlichen Bibliothekswesen sei auf die Universitätsbibliothek Konstanz verwiesen, die nicht nur als eine der ersten akademischen Freihandbibliotheken erbaut wurde, sondern deren Konzept durch die "Schüler" von Joachim Stoltzenburg an einigen Bibliotheken weiter verwirklicht wurde. Er hatte seine Erfahrungen in den Vereinigten Staaten gesammelt. Es ist aber bezeichnend, daß die ersten Erfahrungen aus den USA, die deutsche Bibliothekare nach dem Krieg machen konnten, innerhalb eines Studien- und Besichtigungsprogrammes nur für männliche, deutsche Bibliothekare unter 40 Jahren angeboten wurden. So war es vorgeschrieben, es waren die Entscheidungsträger der damaligen Zeit. An diesem Programm hatte auch Horst Ernestus, Stadtbibliothek Wuppertal, zusammen mit dem früh verstorbenen Dr. Ulrich Birkholz, Stadtbüchereien Düsseldorf teilgenommen. Herr Dr. Birkholz schloß auf dieser Reise das erste Kooperationsabkommen zwischen zwei Bibliotheken aus Mittelstädten ab und zwar zwischen der Öffentlichen Bibliothek Offenbach/M und der Public Library Lima/Ohio. Horst Ernestus war Mitverfasser der ersten Monographie über das deutsche Bibliothekeswesen. Als Mitbegründer der Bibliothekarischen Auslandsstelle setzte er sich auch nach seiner Pensionierung für den Ausbau der deutsch-britischen Beziehungen ein.

Auch wenn z.B. Horst Ernestus die in den USA gemachten Erfahrungen, gerade auf dem Gebiet des Marketing und der Bibliothekspolitik, bei der Gestaltung der Wuppertaler Stadtbibliothek anwandte und auch den Kontakt mit den Bibliothekaren aus Großbritannien pflegte, der Beginn eines "theoretischen Vergleiches" wurde von ihm nicht eingeleitet, wie aus seiner Zeit als Lehrbeauftragter an der Fachschule für Bibliothekare aus den 60er Jahren in Hamburg ersichtlich ist. Das heißt, daß ausländische Erfahrungen von den Betroffenen oder soll man sagen Privilegierten, zwar in den Berufsalltag eingebaut und dort auch in Deutschland wirksam wurden, theoretisch verarbeitet wurde die Betrachtung ausländischer Bibliothekssysteme nicht und fand auch keinen Eingang in die Lehre. Als noch Anfang der 60erJahre die Neuordnung der Ausbildung in Theorie und Praxis in Hamburg heftig diskutiert wurde und zwar sowohl von Vertretern der Lehre als auch der Praxis, wurde die Aufnahme ausländischer Erfahrungen und Bibliothekssysteme nicht einmal erwähnt, geschweige denn erwogen und das, obwohl die IFLA, der internationale Verband der Bibliotheksverbände schon seit 1927 bestand und auch zu dieser Zeit, nach den Wirren des Zweiten Weltkrieges wieder neubelebt wurde, um dann mit der Gründung von IFLA-Nationalkomitees in den verschiedenen Ländern Anfang der siebziger Jahre eine neue Blütezeit zu erleben. Auch die Bibliothekarische Auslandsstelle wurde 1963 gegründet und damit stand ein Gremium zur Verfügung, das nicht nur über Kontakte, sondern auch über Kenntnisse des ausländischen Bibliothekswesens verfügte. Ihr langjähriger Vorsitzender war Joachim Wieder, bekannter Autor und Direktor der TU-Bibliothek München, der als kundiger Bibliothekskenner für Frankreich galt.

 

Comparative Librarianship

Das Fach Comparative Librarianship wurde Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre ein fester Bestandteil des Curriculum an einigen US-amerikanischen und britischen Ausbildungsstätten. Seine theoretische Grundlegung erfuhr das Fach in erster Linie in Großbritannien. Der Vergleich (comparative studies) wurde zu dieser Zeit nicht nur in die Ausbildung der Bibliothekare einbezogen, sondern hielt bereits Anfang des 20. Jahrhunderts als strukturierendes Element auch Einzug in andere Fachgebiete, um dort den Weg zu einer zunehmend europäischen Sicht zu ebnen. Dieses neue Element - wenn man es so nennen darf - hatte es schwer, sich in Deutschland durchzusetzen. So sehr sich die deutschen Bibliothekare um die Aufnahme in die "international community" bemühten, wie ja die Gründung der Bibliothekarischen Auslandsstelle zeigt, so sehr stand ihnen die Last des Erbes, die Jahre des Krieges und der hermetischen Abgeschlossenheit während der NS-Zeit im Wege. Zur Zeit des Nationalsozialismus gab es noch kein Fernsehen, der Zugang zu den Informationen erfolgte über streng selektierte Printmedien oder das Radio. So waren Bibliothekare wirklich von vielen Informationen des Auslandes ausgeschlossen, sie wurden beispielsweise erst nach dem 2.Weltkrieg mit der US-amerikanischen Literatur, den großen realistischen Romanen und modernen literarischen Entwicklungen konfrontiert. Es mag daher aus heutiger Sicht ein wenig anachronistisch aussehen, wenn die Bibliothekare des Öffentlichen Bibliothekswesens in den 50er und 60erJahren eine sehr literarische Ausbildung erhielten. Moderne, ja experimentelle Literatur und die des Auslandes (außer nordischer Literatur) waren für die Bibliothekare dieser Zeit und auch für die Leser eine so neue Welt, daß die Konzentration auf die Kenntnis und Vermittlung dieser neuen Literatur zuerst alle Aufmerksamkeit fesselte. Hinzu kam, daß Öffentliches und Wissenschaftliches Bibliothekswesen streng getrennt waren, auch in der Ausbildung, was einer allgemeinen fachlichen Diskussion nicht zuträglich war. So nahm die Fachwelt erst spät ausländische Erfahrungen wahr und mußte sich erst langsam an die Einbeziehung vergleichender Strukturen in Ausbildung und Praxis gewöhnen. Dies beeinflußt noch heute die Entwicklung des Bibliothekswesens in Deutschland. Die nur sporadische Lektüre ausländischer Fachliteratur, die mangelnde Kenntnis ausländischer Fachdiskussionen sind ein Defizit in der fachlichen Diskussion, nicht nur in Deutschland, stellen sich aber in einem Land von der geopolitischen Lage Deutschlands als besonders gravierend dar. Das läßt sich auch gegenwärtig damit belegen, daß die größte Spezialbibliothek auf dem Gebiet des Bibliothekswesens, die Bibliothek des Deutschen Bibliotheksinstitutes, noch keine Nachfolgeeinrichtung gefunden hat und es droht deren Zerstörung. Das kann gravierende Folgen für die fachliche Aus- und Fortbildung haben, zu der heute die Kenntnis des internationalen Bibliothekswesens gehören müßte.

Das Wort "comparative" oder "vergleichend" ist irreführend, wenn man an den Anfang dieser Disziplin denkt. Ein Vergleich setzt die Kenntnis von zwei oder mehreren Systemen voraus, das war anfänglich oft nicht gegeben, obwohl man davon ausgehen muß, daß die Beschreibung eines Systems immer auf der Grundlage eines Vergleiches, also aus der Kenntnis des eigenen Systems geschieht. Dieses läßt sich nicht nur im Bibliothekswesen beobachten, sondern ebenfalls bei anderen Fächern. Die ersten Untersuchungen außereuropäischer Musik, innerhalb der Vergleichenden Musikwissenschaft, geschahen sehr oft aus einer europäischen Tradition heraus und führten des öfteren zu Fehlinterpretationen. Dieses geschah natürlich auch bei der Betrachtung verschiedener Bibliothekssysteme durch Ausländer. Aber auch das Gegenteil ist der Fall. Das Buch des Norwegers Wilhelm Munthe über das amerikanische Bibliothekswesen ist eines der besten Analysen über den Beruf und seine Wirkung zu dieser Zeit (1939). Dies wurde noch Anfang der 60er Jahre einhellig von den amerikanischen Berufsvertretern anerkannt. Seine Wirkung läßt sich vergleichen mit der Wirkung des Buches von Madame de Staël über Deutschland, das zwar den Franzosen ein stark idealisiertes Bild Deutschlands vermittelte, aber auch eine ganze Generation deutscher "Idealisten" beeinflußte. In diesem Zusammenhang wäre auch der Bericht eines chinesischen Bibliothekars zu nennen, der eine Volontärzeit an der damaligen Staatsbibliothek in Berlin erlebte und schon 1920 den Beginn eines Austauschprogramms einleiten wollte. Aber solche Publikationen sind selten. Es ging bei der neuen Fachrichtung der "comparative librarianship" zuerst um die Vermittlung ausländischer Bibliothekssysteme und dazu gehörte zuerst die Beschreibung ausländischer Bibliotheken, Institutionen und Systeme.

Die theoretische Begründung des Faches - wie auch die Namensgebung - geschah durch britische Bibliothekare. Hier entstanden auch die ersten Studien über ausländische Bibliothekssysteme und die ersten Programme zur praktischen Umsetzung des gewonnenen Wissens in Lehre und Praxis. Diese ersten Studien und die Beschäftigung mit ausländischen Bibliothekssystemen bezogen sich nicht auf Europa, sondern in erster Linie auf die Länder, mit denen Großbritannien nach der Kolonialzeit im Rahmen des Dominions freundschaftliche Beziehungen pflegte. Zum einen spielten die Bibliotheken des British Council eine große Rolle beim Aufbau dieser Beziehungen, d.h. fachliche Ausbildung und die Informationsvermittlung als Aufgabe dieser Bibliotheken wurde in diese Länder transportiert, da die Bibliotheken des British Council von vornherein sogenannte "Liaison-Aufgaben" (wir würden das heute wohl Kontaktpflege nennen) wahrnahmen. Die Bibliotheken hatten auch die Aufgabe, an der Entwicklung von Medienkompetenz dieser Länder mitzuwirken, die als Demokratisierung verstanden wurde. Über den British Council setzte Großbritannien Bibliothekare in diesen Ländern als Berater und Gutachter ein; sie waren bei der Einrichtung der Ausbildungslehrgänge tätig und berieten die einheimischen Bibliotheken, in erster Linie die des British Council im jeweiligen Lande bei ihrer Arbeit und ihrer Pflege von Kontakten. Diese Arbeit betraf in erster Linie die ehemaligen Kolonien: Indien, die Länder Afrikas, aber auch Indonesien und Ende der 80er Jahre mehr und mehr auch Bibliotheken in Lateinamerika.

Es war verständlich, daß sich diese Experten nicht nur über das Land äußerten, das sie kennenlernten, denn damals waren solche Reisen noch selten und Berichte über Indien oder Kenia konnten noch auf neugierige Leser hoffen, sondern sie versuchten auch, die Bibliotheken oder die bibliothekarische Situation vor Ort zu beschreiben, die zu bessern, sie angetreten waren, und der Fachöffentlichkeit die Situation vor Ort begreiflich und zugänglich zu machen. Diese Eindrücke, im besten Falle Analysen, wurden in der Zeitschrift des Bibliotheksverbandes Library Association, veröffentlicht, eine Tradition, die sich bis heute gehalten hat. Neben der Library Association Record veröffentlichte Focus laufend Berichte über ausländische Bibliotheken und Bibliothekssysteme, wobei die Berichte sehr oft persönlich gehalten waren und den Standpunkt des Verfassers deutlich machten, insofern erfüllten sie generell den Anspruch der "comparative librarianship". Im Laufe der Zeit haben auch die Zeitschriften anderer Länder zunehmend "Reise- und Erfahrungsberichte" veröffentlicht, die mehr einer persönlichen Berichterstattung zuzurechnen sind, und oft den vergleichenden Moment vermissen; so z.B. Buch und Bibliothek in Reutlingen. Der Bibliotheksdienst, der sich in erster Linie als ein Nachrichtenblatt für das deutsche Bibliothekswesen verstand, hat erst spät in den 80er Jahren mit ausländischer Berichterstattung begonnen. Es erschienen jetzt auch Zeitschriften, die sich in erster Linie dem internationalen Bibliothekswesen widmeten, so Library Review, deren ausführliche und häufige Berichte über das aufstrebende nigerianische Bibliothekswesen in den 70er Jahren man heute nur noch mit großer Trauer lesen kann oder auch die Anfang der 90 Jahre herausgegebene Zeitschrift Third World Libraries, die sich auf die Bibliotheken Lateinamerikas konzentrierte, um dann 1997 zu einem internationalen Organ zu werden, "World Libraries".

Erster Herausgeber dieser Publikation war William Jackson, dessen Publikation: Library and Information Science in France a 1983 overview ein wunderbares Beispiel dafür ist, wie die Betrachtungsweise des Beschreibenden den eigenen Standpunkt widerspiegelt und von daher jener vom Fach geforderte Vergleich realisiert wird. William Jackson war ein hervorragender Vertreter des Faches in den USA. Er verband Sprachkenntnisse (Spanisch, Französisch) mit dem Willen, Erfahrungen und Kenntnisse an den einheimischen Lehrbetrieb weiterzugeben. Er unterhielt ein weites Netzwerk zu Bibliotheken und Bibliothekaren, zu denen auch die Bibliothekarische Auslandsstelle in Berlin zählte, der er zu den ersten und lang andauernden Kontakte zu lateinamerikanischen Bibliothekaren und Bibliotheken verhalf. Wegen mangelnder Ressourcen konnten diese Kontakte nicht hinreichend genutzt und ausgebaut werden. Man war sich in Berlin dieses Versäumnisses bewußt, da es nur zweimal ein fest umrissenes Programm mit den Bibliothekaren aus Lateinamerika gab. Diese Situation unterschied sich von der in Afrika, in der die Deutsche Stiftung für Entwicklung regelmäßig Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen durchführte und diese auch veröffentlichte.

Die Publikation über Bibliotheks- und Informationswissenschaft in Frankreich von William Jackson unterscheidet sich nicht grundlegend von der Publikation von Elisabeth Simon über Frankreich, beide beschreiben die Nationalbibliothek, die Wissenschaftlichen und Öffentlichen Bibliotheken. Beide setzen sich mit den Strukturen des französischen Bibliothekswesens von einem grundsätzlich anderen Standpunkt auseinander. Während Elisabeth Simon versuchte, die Stellung der Bibliotheken in der Verwaltung zu analysieren und von daher Maßnahmen der "policy" zu bewerten, setzte sich William Jackson mit der Frage auseinander, welches Modell des Bibliothekswesens (das französische oder angelsächsische) Entwicklungsländer adoptieren sollten. Die ausgezeichnete Publikation von Wolfgang Hillen und Annemarie Nilges: Das Bibliothekswesen Frankreichs 1992, ist mehr deskriptiv als analysierend, was notwendig ist, damit das ausländische Bibliothekswesen in Deutschland bekannt wird. Für die Entwicklung der vergleichenden Bibliothekswissenschaft und für eine konkrete internationale Zusammenarbeit sind aber die Analysen, das Verständnis für die "policy" der Bibliothekspolitik, notwendig, damit es bei der Zusammenarbeit nicht zu grundlegenden Mißverständnissen kommt. Diese ersten Ansätze einer Analyse der Bibliotheksstruktur in der Veröffentlichung von Elisabeth Simon wurden aber nur durch die Zusammenarbeit mit den Kollegen, in dem vorliegendem Falle mit Frankreich möglich.

Dieser kurze Abriß der Problematik am Beispiel des Bibliothekswesens in Frankreich zeigt die Schwierigkeit der "comparative librarianship". Neben der Vermittlung von Kenntnissen über die jeweiligen Bibliothekssysteme steht die Forderung nach einer Analyse und nach der Bibliothekspolitik des jeweiligen Landes im Mittelpunkt. Nur auf dieser Basis wird sich eine fruchtbringende internationale Zusammenarbeit - auch in Europa - realisieren lassen. Sie erfordert von den Bibliothekaren Neugier und Wille zum "Verständnis". Kongresse und Seminare, bei denen jeder internationale Vertreter sein System und seine Erfahrungen möglichst positiv darstellt, sind oft wenig hilfreich, sie können sogar im schlimmsten Falle einen gegenteiligen Effekt auslösen und engen Perspektiven Vorschub leisten.

Beide Fallbeispiele, die Entwicklung der "comparative librarianship" in Großbritannien auf der einen Seite und die Aktivitäten von William Jackson zeigen einen internationalen Impetus. Während die internationalen Aktivitäten der Bibliothekare in Großbritannien stark vom kolonialen Erbe bestimmt waren, konzentrieren sich die Bibliothekare der Vereinigten Staaten auf Lateinamerika, wo sie nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg in einigen Ländern des lateinamerikanischen Kontinents die Bibliothekssysteme aufbauten, bis zur Einrichtung von Universitäten und entsprechenden Lehrgängen. Wie sehr diese neuen Kenntnisse und Sichtweise auch praktisch verankert werden sollten, zeigte das internationale Bemühen um Austausch, Praktika und internationale Begegnungen, von MEILLEUR, dem ersten offiziellen Austauschprogramm, das noch in seiner Programmatik das Bibliothekswesen der einzelnen beteiligten Länder kurz vorstellen mußte, bis zu dem Programm des Internationalen Round Table der American Library Association in "Going International" und den verschiedensten Versuchen an den Lehranstalten. Die zunehmende Bedeutung des Bibliothekars und damit das Bemühen nicht nur der aktiven Teilnahme an der Internationalität des Berufsstandes zeigen die verschiedenen Veröffentlichungen der letzten 20 Jahre. Nicht nur werden Betrachtungen des Bibliothekswesens anderer Länder publiziert, sondern auch weitere Darstellungen des Bibliothekswesens im eigenen Lande. Durch die internationalen Kontakte wird die Sichtweise verschärft und die Analysefähigkeit der Bibliothekare geschult. Diese neuen Kenntnisse können zu einer Verbesserung des Bibliothekswesens führen. Die Entwicklung, daß immer mehr Publikationen erscheinen, läßt sich nicht nur in den USA sondern auch in Japan und besonders in Ländern Mittel- und Osteuropas beobachten. Dieses wird nicht nur von dem Willen getragen, den Studenten eine Entwicklungsgeschichte des eigenen Bibliothekswesens in die Hand zu geben, sondern auch, um im internationalen und europäischen Kontext wahrgenommen zu werden. Damit ähnelt die Motivation dieser Aktivitäten denen, die zur Gründung der Bibliothekarischen Auslandsstelle geführt haben. Der Wille, durch Darstellung seines eigenen Bibliothekswesens sichtbar zu werden, hat ja auch handfeste Gründe im europäischen Kontext. Je notwendiger es wird, in Projekten mit europäischen Partnern zu kooperieren, je mehr werden internationale Erfahrungen, Kenntnisse und Kontakte zu einem entscheidenen Kapital im Berufsalltag.

Wir werden hier nicht detailliert auf die Verankerungen der "comparative librarianship" in die Bibliothekslandschaft eingehen, da wir dann nur auf ausländische Einrichtungen zurückgreifen können. Es wurde im Laufe der Jahre von uns beobachtet, daß ausgerechnet Lehrinstitute, die am Rande unserer geographischen Wahrnehmungen liegen, auf diesem Gebiet sehr aktiv waren. Auf diese Weise wurde das College of Librarianship, Aberyswyth nicht nur in Großbritannien sehr bekannt. Seine alljährlich stattfindenden Summerschools z.B. begründeten den internationalen Ruf dieses Colleges, mit dem die Bibliothekarische Auslandsstelle viele Jahre eng kooperiert hat und zwar bei der Organisation der Praktika von Studenten, die für ihren "joint degree" Deutsch lernten. Ein "joint degree" wurde vom College of Librarianship verliehen, wenn zwei Studiengänge erfolgreich abgeschlossen wurden, z.B. Master of Librarianship oder auch Diplome mit dem Studienabschluß in einer Fremdsprache. Ähnliche Ansätze lassen sich heute an der Universität von Cluj (Rumänien) beobachten. Die Bibliothekarische Auslandsstelle führte in Wales ihr erstes deutsch-britische Seminar (1982) durch. Die personelle Ausstattung des Colleges war sehr gut, Liaison Officers (Beauftragte für nationale und internationale Kontakte) arbeiteten für Verbindungen nationaler und internationaler Institutionen und organisierten Veranstaltungen, außerdem gab es einen hauptamtlichen Übersetzer. Das College gab Focus heraus und war verantwortlich für das Austauschbüro Libex. Die starken Etatkürzungen haben dem College, das jetzt zur Universität gehört, zugesetzt, so daß heute sowohl die Universität von Strathclyde (Schottland), aber besonders Loughborough die internationale führende Rolle an den Lehrinstituten in Großbritannien übernommen haben. Eine Universität ähnlichen internationalen Zuschnitts mit einer Bibliothek, die alle internationale Einrichtungen integriert hat, befindet sich in Famagusta (Nordzypern). Die Universität bildet besonders viele Studenten aus China, Kasachstan und anderen Ländern Asiens aus, die Universitätssprache ist Englisch. Die Einrichtung einer bibliothekarischen Lehranstalt ist geplant, es ist anzunehmen, daß die Dozenten in erster Linie aus den Vereinigten Staaten Amerikas kommen werden.

Wir haben die Betrachtung der "comparative librarianship" an den Anfang unserer Darstellung gestellt, weil wir glauben, daß ohne diese Wissensbasis, die internationale Zusammenarbeit zum Scheitern verurteilt ist. Internationale Erfahrungen lassen sich nicht übertragen, darauf haben wir im Rahmen der Arbeit der Bibliothekarischen Auslandsstelle wiederholt hingewiesen. Kenntnisse ausländischer Systeme und Auslandserfahrungen sind Werkzeuge, um die Analysefähigkeit zu schärfen und Entwicklungen besser zu antizipieren. Nur als solche sind sie wertvoll - man darf nie vergessen, daß Analysen und seien sie noch so objektiv, nie den nationalen bzw. regionalen Standpunkt des Verfassers verleugnen können. Schon der Begriff "Öffentliche Bibliothek" bedeutet für einen Berliner etwas - man möchte fast sagen grundlegend Anderes als für einen Einwohner von Birmingham, Bordeaux oder sogar Köln. Wie notwendig solche Kenntnisse gerade nach 1989 gewesen wären, zeigen die vielfachen Aktivitäten und Beratungen westlicher Bibliothekare in den Ländern Mittel- und Osteuropas. So sollte z.B. der völlig falsch verstandene Ansatz von "privater Finanzierung" von Bibliotheken in Prag in einem Vortrag ausgeräumt werden, der nachwies, daß auch in Deutschland Bibliotheken Gelder einer "zentralen Einrichtung" z.B. der Deutschen Forschungsgemeinschaft erhielten. Dies war notwendig, um in dieser Zeit der Wirren Schaden von den Bibliotheken der Akademie der Wissenschaften in Prag abzuwenden. Wie schwierig die Diskussion und die Vermittlungen ausländischer Erfahrungen in den Ländern Mittel- und Osteuropas waren und mit welcher Bandbreite von Mißverständnissen zu rechnen war, zeigten die Sur-Place-Seminare, die die Bibliothekarische Auslandsstelle zehn Jahre lang in verschiedenen Ländern durchgeführt hat. Sie sollen aber unter dem Kapitel Seminare vorgestellt werden. Diese Seminare konnten das erste Mal von der Bibliothekarischen Auslandsstelle außerhalb Deutschlands organisiert werden, also "vor Ort".


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