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Bildung
für Alle bis 2015?
Die UNESCO
und der Aktionsplan von Dakar
ANDREAS BAADEN
Dass in
Entwicklungsländern der Anteil der Erwachsenen, die lesen und
schreiben können, zwischen 1970 und 1999 von 46 auf 75 Prozent
gestiegen ist, ist sicherlich ein beträchtlicher Erfolg - aber
noch immer sind weltweit fast 900 Millionen Menschen Analphabeten,
und mehr als 100 Millionen Kinder haben keine Chance zum Schulbesuch.
"Bildung für Alle" war als Ziel von der "World Conference on Education
for All" 1990 in Jomtien verkündet worden. Das Ziel wurde nicht
erreicht, die Nachfolgekonferenz, zehn Jahre später in Dakar,
musste es erneut proklamieren. Andreas Baaden schildert, welche
Anstrengungen die UNESCO, im Verbund mit anderen nationalen und
internationalen Organisationen, unternimmt, um mehr und bessere
Grundbildung in die Welt zu bringen, und um diese mit dem Ziel
der nachhaltigen Entwicklung zu verknüpfen.
Die Konferenz
von Jomtien: Ziel 2000
Die Forderung
"Bildung für Alle" stand im Mittelpunkt der Konferenz, die vom
5. bis 9. März 1990 in Jomtien (Thailand) stattfand. Verabschiedet
wurden die "World Declaration on Education for All" und
ein "Framework for Action". Wenige Monate zuvor hatte die
UNESCO bei ihrer 25. Generalkonferenz einen Aktionsplan beschlossen,
der "the eradication of illiteracy by the year 2000" vorsah;
dieser Plan wurde in Jomtien bekräftigt, und der neue "Rahmenplan"
schlug zur Erreichung des Ziels präzise Arbeitsphasen vor ("phasing
of implementation for the 1990s"). Bis zum Jahr 2000 sollte
es keine Analphabeten mehr geben.
Knapp zwei
Jahre später, im Dezember 1991, veranstaltete die UNESCO in Paris
das "International Consultative Forum on Education for All",
das zu dem Ergebnis kam, entscheidend für die Erreichung des Ziels
von Jomtien sei, dass jedes einzelne Land eine entsprechende Strategie
verfolge. "Whether we succeed depends largely on further large-scale
efforts by individual countries."
Die Konferenz
von Dakar: Ziel 2015
Am Ende der
Dekade hätte also das Ziel erreicht sein sollen: Keine Analphabeten
mehr. Auf dem "World Education Forum" (Jomtien
+ 10), veranstaltet von UNESCO zusammen mit UNDP, UNFPA, UNICEF
und Weltbank vom 26. bis 28. April 2000 in Dakar, wurde das Resümee
gezogen: Ziel nicht erreicht. Zwar hatte sich in den Entwicklungsländern
der Prozentsatz der Erwachsenen, die lesen und schreiben können,
von 46 Prozent 1970 auf 75 Prozent 1999 beträchtlich gesteigert,
war die Zahl der Kinder, die die Schule besuchen, zwischen 1990
und 1998 von 599 auf 681 Millionen gestiegen. Aber immer noch
sind weltweit 875 Millionen Erwachsene Analphabeten, und die Zahl
der Kinder, die keine Schule besuchen, beträgt 113 Millionen.
Zwei Drittel davon sind Mädchen und Frauen.
Die Gründe
für dieses Versagen der Weltgemeinschaft, Grundbildung und Alphabetisierung
in den Entwicklungsländern entscheidend voranzubringen, wurden
in Dakar deutlich: mangelnde Demokratisierung, schlechte Lehrerbildung,
unprofessionelle Bildungspolitik und Bildungsverwaltung, Benachteiligung
von Mädchen und Frauen, fehlende muttersprachliche Bildung, unzureichende
Beteiligung der Bevölkerung und irrelevante Lerninhalte. Auch
Verschuldungskrise und Korruption spielen dabei eine Rolle.
Angesichts
dieser ernüchternden Bilanz erneuerte das Dakar-Forum das Ziel
der Grundbildung für Alle, nun mit neuer Jahreszahl: Ein internationaler
Aktionsplan ("Dakar Framework for Action: Education for All
- Meeting our Collective Commitments"
http://www.unesco.org/education/efa)
verpflichtet die Regierungen, bis 2015 die Zahl der Analphabeten
weltweit zu halbieren. In allen Staaten sollen Kinder die Möglichkeit
erhalten, zur Schule zu gehen. Die Chancengleichheit von Frauen
und Mädchen in Grund- und weiterführender Bildung soll erreicht
werden.
UN-Generalsekretär
Kofi Annan appellierte an die Regierungen, verbindliche nationale
Pläne zur Bildungsversorgung auszuarbeiten. Dies ist inzwischen
vielerorts geschehen: Bis Ende 2001 hatten 41 Länder nationale
Pläne aufgestellt, die mit EZ-Programmen und insbesondere mit
den Aktionsplänen zur Armutsbekämpfung abgestimmt und in enger
Kooperation mit zivilgesellschaftlichen Organisationen durchgeführt
werden sollen. Ohne finanzielle und technische Unterstützung werden
jedoch die meisten Entwicklungsländer ihre EFA-Pläne nicht realisieren
können, beklagt die UNESCO.
Im Oktober
2001 hielt die Weltorganisation in ihrem jährlichen "Monitoring
Report" zum Dakar-Plan fest: Bis 2015 werden jährlich 8 bis 15
Milliarden US-Dollar benötigt, um das Ziel zu erreichen. So immens
diese Summe auch erscheinen mag - im Vergleich mit den Rüstungsetats
einiger Länder sind es "Peanuts". Das Ziel ist also erreichbar.
Die UNESCO fordert die Geberländer auf, diejenigen Staaten, die
sich ernsthaft auf die Dakar-Ziele verpflichten, zu unterstützen.
Bis 2015 müssen
Schulmöglichkeiten für 156 Millionen Kinder geschaffen werden,
davon allein für 88 Millionen in Subsahara-Afrika, 40 Millionen
in Südasien und 23 Millionen in den arabischen Staaten. Eine immense
Anstrengung wird notwendig sein für die Region des südlichen Afrika,
das seine Einschulungsrate im Vergleich zum letzten Jahrzehnt
mehr als verdoppeln muss, will es das Ziel der Grundbildung für
Alle bis 2015 erreichen. Einige Länder wie Angola, die Zentralafrikanische
Republik, die Demokratische Republik Kongo, Lesotho, Liberia,
Niger und Somalia müssen ihre Einschulungsraten sogar verzehnfachen.
Positive Beispiele
sind Malawi, Mauretanien und Uganda, die sämtlich ihre Einschulungsraten
im vergangenen Jahrzehnt verdoppelt haben. In Bezug auf die angestrebte
Chancengleichheit von Frauen und Mädchen stellt der Bericht eine
leichte Verbesserung der Situation fest, mit Ausnahme der Region
Afrika südlich der Sahara und einiger südasiatischer Länder.
Der UNESCO-Bericht
merkt jedoch kritisch an, dass in vielen Ländern die Erhöhung
der Einschulungszahlen zu Lasten der Qualität der Bildungsangebote
geht. Des weiteren ist die Zahl der Kinder groß, die nach kurzer
Zeit ihre Schulausbildung abbrechen und nur geringe Lese- und
Schreibkenntnisse erwerben.
Um die Zahl
der erwachsenen Analphabeten bis 2015 zu halbieren, müssten jährlich
etwa 90 Millionen das Lesen und Schreiben erlernen. Auch hier
haben einige Länder große Rückstände: Ägypten und Indien, so der
Monitoring-Report, müssten ihre Erwachsenen-Alphabetisierungsrate
im Vergleich zu den 90er Jahren verdoppeln, Bangladesch und Pakistan
gar verdreifachen.
Die 2003 beginnende
"International Literacy Decade" der Vereinten Nationen
will die UNESCO gezielt nutzen, dem Dakar-Prozess weltweit eine
größere Dynamik zu verleihen, insbesondere auch durch eine verstärkte
Öffentlichkeitsarbeit.
Bildung
im Rio-Prozess
Im Vorfeld
der Konferenz von Johannesburg im September 2002 (World Summit
on Sustainable Development, WSSD) weist die UNESCO nun darauf
hin, dass auch die Erreichung der Ziele der vor zehn Jahren in
Rio beschlossenen Agenda 21 in entscheidendem Maße von Bildung
abhängt. Umweltbewusstsein, soziales Verantwortungsgefühl, Verständnis
für kulturelle Vielfalt - diese Eigenschaften des Menschen werden
vornehmlich durch die Erziehung in Familie, Schule und sozialem
Umfeld angelegt. Der Delors-Bericht (Lernfähigkeit - unser verborgener
Reichtum. UNESCO-Bericht zur Bildung für das 21. Jahrhundert.
Berlin 1997) von 1997 nannte für eine volle Entfaltung des Potenzials
des Menschen vier Dimensionen von Grundbildung:
- Lernen,
Wissen zu erwerben;
- Lernen,
zu handeln;
- Lernen,
mit anderen zu leben;
- Lernen
für das Leben.
Bildung und
Erziehung sind deshalb Schlüsselfaktoren für nachhaltige Entwicklung.
Die UNESCO
hat die Rolle des Task Managers für die Umsetzung des Kapitels
36 der Agenda 21 (Bildung und Ausbildung) übernommen. Bislang
ist jedoch die zentrale Rolle der Bildung für nachhaltige Entwicklung
(Education für Sustainable Development, ESD) im Rio-Prozess
nicht ausreichend wahrgenommen worden.
Die UNESCO
hat deshalb am 25. März 2002 anlässlich des 3. Treffens des WSSD-Vorbereitungskomitees
in New York den Entwurf eines Positionspapiers "Enhancing Global
Sustainability" vorgelegt, das in die Diskussionen des Weltgipfels
einbezogen werden soll. Darin werden die sechs Ziele des Aktionsplans
"Grundbildung für Alle" in den Mittelpunkt gestellt, auf die sich
die internationale Gemeinschaft beim Weltbildungsforum in Dakar
2000 verbindlich festgelegt hat. Diese Zielvorgaben müssen die
Grundlage auch der ESD-Strategie sein (s. Kasten).
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Ziele
des Aktionsplans "Grundbildung für Alle"
-
Ausweitung und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung
und Erziehung, insbesondere für gefährdete und benachteiligte
Kleinkinder.
-
Einführung der kostenfreien Grundschulpflicht bis 2015
und Sicherung von Lernmöglichkeiten für Mädchen, für Kinder
in gefährdeten Lebenslagen und Angehörige ethnischer Minderheiten.
-
Absicherung der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch
Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen
("life skills").
-
Sicherung eines angemessenen Grundbildungsniveaus bis
2015 für mindestens 440 Millionen, das heißt für etwa
die Hälfte der erwachsenen Analphabeten, sowie Verbesserung
der Lern- und Fortbildungsangebote für Erwachsene, mit
dem Schwerpunkt bei Lernchancen für Frauen.
-
Überwindung der Bildungsverweigerung für Mädchen in Grund-
und Sekundarstufe bis 2005, Ausgleich der Geschlechterdisparitäten
im Bildungswesen insgesamt bis 2015.
-
Bekräftigung von Qualität als Priorität bei allen Bildungsanstrengungen:
Nur relevante Lerninhalte und kulturell wirksame Lernmethoden
in der Grundbildung führen auch zu spürbaren und nachweisbaren
Lernergebnissen sowohl im Bereich der Basisqualifikationen
als auch im Lesen, Schreiben und Rechnen.
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Die Dakar-Ziele
wurden mittlerweile mehrfach bekräftigt, so durch Beschluss von
147 Regierungschefs beim UN-Millenniumgipfel und - anlässlich
des zweiten Jahrestages der Dakar-Erklärung - am 26. April 2002
in einer gemeinsamen Erklärung von UNESCO, UNDP, UNFPA, UNICEF
und Weltbank: "Closing the Gaps to Achieve Education for All".
Die UNESCO
fordert eine Neue Allianz zwischen Regierungen, internationalen
Organisationen, Nichtregierungsorganisationen, Bildungsfachleuten
und dem Privatsektor, die die Zielvorgaben des Kapitels 36 der
Agenda 21 entschiedener als bisher verfolgen soll. Um die Finanzierung
sicherzustellen, schlägt die UNESCO die Einrichtung eines internationalen
Fonds für Projekte zur Bildung für nachhaltige Entwicklung vor,
die auf kommunaler und regionaler Ebene angesiedelt sein müssen.
Ziel ist die grundlegende Neuorientierung der formalen Bildung
auf die nachhaltige Entwicklung. Dabei sind die weltweit 60 Millionen
Lehrer von besonderer Bedeutung: Sie sollen durch eine Reform
der Lehrerbildung zu Schlüsselfiguren des Wandels werden.
Der Austausch
zwischen Akteuren vor Ort kann dem ESD-Prozess zusätzliche Impulse
verleihen. Zur Vernetzung von lokalen Initiativen regt die UNESCO
die Errichtung einer Datenbank und Kommunikationsplattform an,
zu der die Bevölkerung direkten Zugang erhält. Schwerpunkt sind
Staaten mit besonders hoher Bevölkerungsdichte.
Von großer
Bedeutung für eine weltweite nachhaltige Entwicklung ist auch
die Sicherung lokaler Wissenssysteme und der kulturellen Vielfalt.
Kulturelle Verarmung bedeutet zugleich auch ökonomische Chancenlosigkeit.
Die Globalisierung bedroht die kulturelle Vielfalt und führt zum
Verlust überlieferten Wissens, das in Entwicklungsländern von
hoher Bedeutung für nachhaltige Wirtschaftsweisen ist. Die UNESCO
hat deshalb im Oktober 2001 die "Allgemeine Erklärung zur kulturellen
Vielfalt" (
http://www.unesco.de/pdf/deklaration_kulturelle_vielfalt.pdf)
verabschiedet. Sie fordert, diese Erklärung als grundlegendes
Dokument zur nachhaltigen Entwicklung einzuführen und damit die
Kultur als vollwertigen Faktor für Entwicklung zu akzeptieren.
ANDREAS
BAADEN ist Bildungsreferent der Deutschen UNESCO-Kommission. Der
Artikel ist erstmals erschienen in: E+Z - Entwicklung und Zusammenarbeit,
Nr. 8/9, August/September 2002, S. 246-248 (siehe die
Online-Ausgabe
E+Z 8-9/2002).
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