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Anthropologie
- Alterität - transkulturelle Bildung
Statement
des Fachausschusses Bildung und Erziehung der Deutschen UNESCO-Kommission
CHRISTOPH
WULF
Als Vertreter
des Fachausschusses Bildung und Erziehung der Deutschen UNESCO-Kommission
hielt Prof. Dr. Christoph Wulf, Professor für Pädagogische Anthropologie
an der Freien Universität Berlin, den folgenden Kurzvortrag. Bezugnehmend
auf den Leitvortrag von Bundesministerin a.D. Sabine Leutheusser-
Schnarrenberger griff er folgende drei Problem- und Fragekomplexe
auf, um sie thesenartig zu vertiefen: Menschenrechte und anthropologische
Wendung, der Andere und Fragen der Alterität, Bildung als inter-
oder transkulturelle Bildung.
»Mit den Menschenrechten
findet eine Wendung zum Menschen und damit zur Anthropologie statt.
Mit dieser geht im Zeitalter der Aufklärung auch die Entwicklung
der Pädagogik einher. Es entstehen die moderne Pädagogik und die
Anthropologie mit dem Ziel der Vervollkommnung des Individuums
und der Gattung Mensch.
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Christoph
Wulf auf der Hauptversammlung der DUK in Nürnberg
Foto:
Ulrich Michalik
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Menschenrechte
- anthropologische Wendung
Kant unterscheidet
zwischen einer physiologischen, sich auf die biologischen Voraussetzungen
des Menschen beziehenden und einer pragmatischen Anthropologie.
Letzterer obliegt das Feld menschlichen Handelns, menschlicher
Freiheit.
Diesen Bereich
nimmt heute die kulturwissenschaftliche Anthropologie ein, die
auch für Erziehung und Bildung von zentraler Bedeutung ist. Kulturwissenschaftliche
Anthropologie bildet sich in der Auseinandersetzung mit der in
Deutschland entstandenen Philosophischen Anthropologie, der in
Frankreich von den Historikern entwickelten École des Annales
bzw. der Mentalitätsgeschichte und der vor allem in den angelsächsischen
Ländern von Ethnologen entwickelten Kulturanthropologie. Diese
so konstituierte Anthropologie steht heute im Mittelpunkt der
Kulturwissenschaften. In methodischer Hinsicht spielen in ihr
der diachrone und der synchrone Vergleich eine zentrale
Rolle. Als kulturwissenschaftliche Fachrichtung ist Anthropologie
heute mehr denn je transdisziplinär und transnational.
Als historisch-kulturwissenschaftliche
Anthropologie steht sie im Spannungsfeld zwischen der Geschichte
und den Humanwissenschaften. Aber sie erschöpft sich weder in
einer Geschichte der Anthropologie als Disziplin noch im Beitrag
der Geschichte als Disziplin zur Anthropologie. Sie versucht vielmehr,
die Geschichtlichkeit und Kulturalität ihrer Perspektiven und
Methoden und die Geschichtlichkeit und Kulturalität ihres Gegenstandes
aufeinander zu beziehen. Eine solche Anthropologie ist weder auf
bestimmte kulturelle Räume noch auf einzelne Epochen beschränkt.
In der Reflexion ihrer Geschichtlichkeit und Kulturalität vermag
sie sowohl den Eurozentrismus der Humanwissenschaften als auch
das lediglich antiquarische Interesse an Geschichte hinter sich
zu lassen und offenen Problemen der Gegenwart wie der Zukunft
den Vorzug zu geben. Die Forschungen einer solchen Anthropologie
bemühen sich darum, einen Beitrag zur Verbesserung eines weltweiten
Dialogs der Kulturen zu leisten.
Der
Andere - Alterität
Mit zunehmender
Globalisierung und Europäisierung spielt der Andere und der angemessene
Umgang mit ihm eine zentrale Rolle in Politik, Wirtschaft und
Erziehung. Die in den europäischen Kulturen herausgebildeten Formen
des Egozentrismus, Logozentrismus und Ethnozentrismus greifen
als Strategien der Transformation des Anderen ineinander
und verstärken sich wechselseitig. Ihr Ziel ist die Assimilation
des Fremden ans Eigene und seine damit verbundene Beseitigung.
Diese Prozesse zeigen sich in vielen Bereichen. Sie zerstören
nicht nur die Vielfalt der Kulturen. Sie zerstören auch das Leben
vieler Menschen in Gesellschaften, die starken Veränderungs- und
Anpassungszwängen unterliegen. Dies ist besonders der Fall, wenn
sich lokale oder regionale Kulturen auflösen, ohne dass an ihre
Stelle andere kulturelle Werte treten, die den Menschen helfen,
sich unter den veränderten Lebensbedingungen zurecht zu finden.
Wenn die Frage
nach dem Anderen die Frage nach dem Eigenen beinhaltet, und wenn
die Frage nach dem Eigenen die Frage nach dem Anderen beinhaltet,
dann sind Prozesse der Verständigung zwischen Fremdem und Eigenem
immer auch Prozesse der Selbstthematisierung und Selbstbildung.
Wenn sie gelingen, führen sie zur Einsicht in die Nicht-Verstehbarkeit
des Fremden und bewirken Selbstfremdheit. Angesichts der auf die
Entzauberung der Welt und das Verschwinden des Exotischen zielenden
gesellschaftlichen Entwicklung besteht die Gefahr, dass sich in
Zukunft die Menschen in der Welt nur noch selbst begegnen, und
es ihnen an einem Fremden fehlt, mit dem sie sich auseinandersetzen
und somit entwickeln können. Wenn der Verlust des Fremden eine
Gefährdung menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten bewirkt, dann
kommt seinem Schutz, das heißt der Entfremdung des Bekannten und
der Bewahrung der Selbstfremdheit Bedeutung zu. Bemühungen um
die Erhaltung des Fremden im menschlichen Inneren und in der Außenwelt
wären dann notwendige Gegenbewegungen gegen einen Differenzen
nivellierenden Globalismus.
Gegenüber
einer Dynamik zum Allgemeinen gilt es, das Andere des Allgemeinen,
das Besondere der verschiedenen Kulturen zu stärken. Kulturelle
Vielgestaltigkeit ist ein Merkmal der Welt, das erhalten zu werden
verdient. Anstatt Kultur als eine geistige und wertbezogene Einheit
zu begreifen, lässt sich Kultur besser als ein Konglomerat tiefer
Differenzen, als eine Pluralität von Zugehörigkeiten und Seinsweisen,
als tiefe Vielfalt begreifen. Ein solches Verständnis von
Kultur entsteht aus Erfahrungen mit der Dezentrierung der Welt
und der Fragmentarisierung der Kultur. Diese Einstellung trägt
dazu bei, weniger negative Empfindungen und Aggressionen gegenüber
dem Fremden zu entwickeln und sich gegenüber seiner Alterität
zu öffnen. In der Akzeptanz der Differenz liegt eine entscheidende
Voraussetzung für die Entstehung eines interkulturellen Bewusstseins.
Erst Kenntnis und Akzeptanz der Unterschiedlichkeit des Anderen
machen den Weg frei für Verständigung, Sympathie und Kooperation.
Die Komplexität
des Verhältnisses zwischen Ich und Anderem besteht darin, dass
das Ich und der Andere sich nicht als zwei von einander abgeschlossene
Entitäten gegenüber stehen, sondern dass der Andere in vielfältigen
Formen in die Genese des Ichs eingeht. Der Andere ist nicht nur
außerhalb, sondern auch innerhalb des Individuums. Der im Ich
internalisierte Andere erschwert den Umgang mit dem Anderen außen.
Aufgrund dieser Konstellation gibt es keinen festen Standpunkt
diesseits oder jenseits des Anderen. In vielen Ausprägungen des
Ichs ist der Andere immer schon enthalten. Wer der Andere ist,
und wie er gesehen wird, ist jedoch nicht nur abhängig vom Ich.
Genauso wichtig sind die Selbstdeutungen, die sich der Andere
gibt. Sie müssen nicht homogen sein, gehen aber in das Bild ein,
das sich das Ich vom Anderen macht.
Ein Bewusstsein
von der Nichtidentität des Individuums bildet eine wichtige Voraussetzung
für die Offenheit gegenüber dem Anderen. In der Auseinandersetzung
mit fremden Kulturen, mit dem Anderen in der eigenen Kultur und
dem Fremden in der eigenen Person soll die Fähigkeit entwickelt
werden, vom Fremden bzw. vom Anderen her wahrzunehmen und zu denken.
Durch diesen Perspektivenwechsel gilt es, die Reduktion des Fremden
auf das Eigene zu vermeiden. Versucht werden soll, das Eigene
zu suspendieren, und es vom Anderen her zu sehen und zu erfahren.
Ziel ist die Entwicklung heterologischen Denkens. In seinem
Mittelpunkt steht das Verhältnis von Vertrautem und Fremdem, von
Wissen und Nichtwissen, von Gewissheit und Ungewissheit. Infolge
von Enttraditionalisierung und Individualisierung, Differenzierung
und Globalisierung sind viele Selbstverständlichkeiten des alltäglichen
Lebens fragwürdig geworden und erfordern individuelle Reflexion
und Entscheidung.
Für die Offenheit
gegenüber dem Anderen, den Angehörigen fremder Kulturen gibt es
jedoch auch Grenzen. Sie werden durch das Diskriminierungsverbot
der Menschenrechte geschaffen, die nach Auffassung vieler
die normativen Grundlagen der Weltgemeinschaft bilden bzw. bilden
sollten, auf die sich alle Menschen und gesellschaftlichen Gruppen
berufen können. Inwieweit diese Auffassung allgemein akzeptiert
werden kann, oder inwieweit hier Modifikationen erforderlich sind,
ist nach wie vor ein kontroverses Thema.
Bildung
als interkulturelle oder transkulturelle Bildung
Mit der Globalisierung
von Kultur und der Zunahme kultureller Mischungen wird es immer
schwerer, zwischen Eigenem und Fremdem zu unterscheiden.
Dies liegt daran, dass die meisten Menschen an mehreren Kulturen
Anteil haben, durch die sie in jeweils einmaliger Weise geprägt
werden. Diese Situation ist unter anderem eine Folge der Dynamisierung
gesellschaftlicher Entwicklungen, der wachsenden Mobilität und
der Entkoppelung von nationaler und kultureller Identität. In
diesen Prozessen kommt es darauf an, das Fremde in der eigenen
und das Eigene in der fremden Kultur wahrzunehmen, und aus dieser
Wahrnehmung eine kritische Perspektive auf die eigene und die
fremde Kultur zu entwickeln. Diese Sichtweise ermöglicht es, Anschlüsse
und Übergänge zwischen verschiedenen Kulturen herzustellen. Ein
auf sozialer Homogenisierung, ethnischer Fundierung und interkultureller
Abgrenzung beruhendes Konzept von Kultur reicht nicht aus,
die Prozesse kultureller Assimilation angemessen zu begreifen.
Stattdessen muss man eine zunehmende Vernetzung der Kulturen
konstatieren. Diese Prozesse führen zu Hybridbildungen,
deren Ursprünge sich häufig kaum noch bestimmen lassen.
Mehr als je
zuvor ist Erziehung heute eine inter- bzw. transkulturelle
Aufgabe. Die Entwicklung zur Weltgemeinschaft bedarf einer
inter- bzw. transkulturellen Bildung der nachwachsenden Generation.
Erfolgt diese nicht, ist es kaum möglich, bei Berücksichtigung
des Eigen- und Selbstbestimmungsrechts der Angehörigen der verschiedenen
Kulturen zusammen zu leben. Bislang sind die meisten Bildungssysteme
stark national ausgerichtet. Wenig berücksichtigen sie andere
Kulturen; wenn sie dies tun, so geschieht dies noch immer vor
allem aus der Perspektive der nationalen mit dem jeweiligen Staat
verbundenen Kulturen. Erst allmählich gewinnen neue, über den
jeweiligen Nationalstaat hinausgehende Gesichtspunkte und Loyalitäten
an Bedeutung.«
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Literatur
- Christoph
Wulf (Hg.): Vom Menschen. Handbuch Historischer Anthropologie.
Weinheim/Basel: Beltz, 1997.
- Christoph
Wulf: Anthropologie der Erziehung. Weinheim /Basel: Beltz,
2001.
- Christoph
Wulf/Dietmar Kamper (Hg.): Logik und Leidenschaft. Erträge
Historischer Anthropologie. Berlin: Reimer, 2002.
- Christoph
Wulf/Christine Merkel (Hg.): Globalisierung als Herausforderung
der Erziehung. Theorien, Grundlagen, Fallstudien. Münster/New
York/München/Berlin: Waxmann, 2002.
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