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Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 11, November 2002
     
 

Anthropologie - Alterität - transkulturelle Bildung

Statement des Fachausschusses Bildung und Erziehung der Deutschen UNESCO-Kommission

CHRISTOPH WULF

Als Vertreter des Fachausschusses Bildung und Erziehung der Deutschen UNESCO-Kommission hielt Prof. Dr. Christoph Wulf, Professor für Pädagogische Anthropologie an der Freien Universität Berlin, den folgenden Kurzvortrag. Bezugnehmend auf den Leitvortrag von Bundesministerin a.D. Sabine Leutheusser- Schnarrenberger griff er folgende drei Problem- und Fragekomplexe auf, um sie thesenartig zu vertiefen: Menschenrechte und anthropologische Wendung, der Andere und Fragen der Alterität, Bildung als inter- oder transkulturelle Bildung.

»Mit den Menschenrechten findet eine Wendung zum Menschen und damit zur Anthropologie statt. Mit dieser geht im Zeitalter der Aufklärung auch die Entwicklung der Pädagogik einher. Es entstehen die moderne Pädagogik und die Anthropologie mit dem Ziel der Vervollkommnung des Individuums und der Gattung Mensch.

 

Christoph Wulf auf der Hauptversammlung der DUK in Nürnberg

Foto: Ulrich Michalik

Menschenrechte - anthropologische Wendung

Kant unterscheidet zwischen einer physiologischen, sich auf die biologischen Voraussetzungen des Menschen beziehenden und einer pragmatischen Anthropologie. Letzterer obliegt das Feld menschlichen Handelns, menschlicher Freiheit.

Diesen Bereich nimmt heute die kulturwissenschaftliche Anthropologie ein, die auch für Erziehung und Bildung von zentraler Bedeutung ist. Kulturwissenschaftliche Anthropologie bildet sich in der Auseinandersetzung mit der in Deutschland entstandenen Philosophischen Anthropologie, der in Frankreich von den Historikern entwickelten École des Annales bzw. der Mentalitätsgeschichte und der vor allem in den angelsächsischen Ländern von Ethnologen entwickelten Kulturanthropologie. Diese so konstituierte Anthropologie steht heute im Mittelpunkt der Kulturwissenschaften. In methodischer Hinsicht spielen in ihr der diachrone und der synchrone Vergleich eine zentrale Rolle. Als kulturwissenschaftliche Fachrichtung ist Anthropologie heute mehr denn je transdisziplinär und transnational.

Als historisch-kulturwissenschaftliche Anthropologie steht sie im Spannungsfeld zwischen der Geschichte und den Humanwissenschaften. Aber sie erschöpft sich weder in einer Geschichte der Anthropologie als Disziplin noch im Beitrag der Geschichte als Disziplin zur Anthropologie. Sie versucht vielmehr, die Geschichtlichkeit und Kulturalität ihrer Perspektiven und Methoden und die Geschichtlichkeit und Kulturalität ihres Gegenstandes aufeinander zu beziehen. Eine solche Anthropologie ist weder auf bestimmte kulturelle Räume noch auf einzelne Epochen beschränkt. In der Reflexion ihrer Geschichtlichkeit und Kulturalität vermag sie sowohl den Eurozentrismus der Humanwissenschaften als auch das lediglich antiquarische Interesse an Geschichte hinter sich zu lassen und offenen Problemen der Gegenwart wie der Zukunft den Vorzug zu geben. Die Forschungen einer solchen Anthropologie bemühen sich darum, einen Beitrag zur Verbesserung eines weltweiten Dialogs der Kulturen zu leisten.

Der Andere - Alterität

Mit zunehmender Globalisierung und Europäisierung spielt der Andere und der angemessene Umgang mit ihm eine zentrale Rolle in Politik, Wirtschaft und Erziehung. Die in den europäischen Kulturen herausgebildeten Formen des Egozentrismus, Logozentrismus und Ethnozentrismus greifen als Strategien der Transformation des Anderen ineinander und verstärken sich wechselseitig. Ihr Ziel ist die Assimilation des Fremden ans Eigene und seine damit verbundene Beseitigung. Diese Prozesse zeigen sich in vielen Bereichen. Sie zerstören nicht nur die Vielfalt der Kulturen. Sie zerstören auch das Leben vieler Menschen in Gesellschaften, die starken Veränderungs- und Anpassungszwängen unterliegen. Dies ist besonders der Fall, wenn sich lokale oder regionale Kulturen auflösen, ohne dass an ihre Stelle andere kulturelle Werte treten, die den Menschen helfen, sich unter den veränderten Lebensbedingungen zurecht zu finden.

Wenn die Frage nach dem Anderen die Frage nach dem Eigenen beinhaltet, und wenn die Frage nach dem Eigenen die Frage nach dem Anderen beinhaltet, dann sind Prozesse der Verständigung zwischen Fremdem und Eigenem immer auch Prozesse der Selbstthematisierung und Selbstbildung. Wenn sie gelingen, führen sie zur Einsicht in die Nicht-Verstehbarkeit des Fremden und bewirken Selbstfremdheit. Angesichts der auf die Entzauberung der Welt und das Verschwinden des Exotischen zielenden gesellschaftlichen Entwicklung besteht die Gefahr, dass sich in Zukunft die Menschen in der Welt nur noch selbst begegnen, und es ihnen an einem Fremden fehlt, mit dem sie sich auseinandersetzen und somit entwickeln können. Wenn der Verlust des Fremden eine Gefährdung menschlicher Entwicklungsmöglichkeiten bewirkt, dann kommt seinem Schutz, das heißt der Entfremdung des Bekannten und der Bewahrung der Selbstfremdheit Bedeutung zu. Bemühungen um die Erhaltung des Fremden im menschlichen Inneren und in der Außenwelt wären dann notwendige Gegenbewegungen gegen einen Differenzen nivellierenden Globalismus.

Gegenüber einer Dynamik zum Allgemeinen gilt es, das Andere des Allgemeinen, das Besondere der verschiedenen Kulturen zu stärken. Kulturelle Vielgestaltigkeit ist ein Merkmal der Welt, das erhalten zu werden verdient. Anstatt Kultur als eine geistige und wertbezogene Einheit zu begreifen, lässt sich Kultur besser als ein Konglomerat tiefer Differenzen, als eine Pluralität von Zugehörigkeiten und Seinsweisen, als tiefe Vielfalt begreifen. Ein solches Verständnis von Kultur entsteht aus Erfahrungen mit der Dezentrierung der Welt und der Fragmentarisierung der Kultur. Diese Einstellung trägt dazu bei, weniger negative Empfindungen und Aggressionen gegenüber dem Fremden zu entwickeln und sich gegenüber seiner Alterität zu öffnen. In der Akzeptanz der Differenz liegt eine entscheidende Voraussetzung für die Entstehung eines interkulturellen Bewusstseins. Erst Kenntnis und Akzeptanz der Unterschiedlichkeit des Anderen machen den Weg frei für Verständigung, Sympathie und Kooperation.

Die Komplexität des Verhältnisses zwischen Ich und Anderem besteht darin, dass das Ich und der Andere sich nicht als zwei von einander abgeschlossene Entitäten gegenüber stehen, sondern dass der Andere in vielfältigen Formen in die Genese des Ichs eingeht. Der Andere ist nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb des Individuums. Der im Ich internalisierte Andere erschwert den Umgang mit dem Anderen außen. Aufgrund dieser Konstellation gibt es keinen festen Standpunkt diesseits oder jenseits des Anderen. In vielen Ausprägungen des Ichs ist der Andere immer schon enthalten. Wer der Andere ist, und wie er gesehen wird, ist jedoch nicht nur abhängig vom Ich. Genauso wichtig sind die Selbstdeutungen, die sich der Andere gibt. Sie müssen nicht homogen sein, gehen aber in das Bild ein, das sich das Ich vom Anderen macht.

Ein Bewusstsein von der Nichtidentität des Individuums bildet eine wichtige Voraussetzung für die Offenheit gegenüber dem Anderen. In der Auseinandersetzung mit fremden Kulturen, mit dem Anderen in der eigenen Kultur und dem Fremden in der eigenen Person soll die Fähigkeit entwickelt werden, vom Fremden bzw. vom Anderen her wahrzunehmen und zu denken. Durch diesen Perspektivenwechsel gilt es, die Reduktion des Fremden auf das Eigene zu vermeiden. Versucht werden soll, das Eigene zu suspendieren, und es vom Anderen her zu sehen und zu erfahren. Ziel ist die Entwicklung heterologischen Denkens. In seinem Mittelpunkt steht das Verhältnis von Vertrautem und Fremdem, von Wissen und Nichtwissen, von Gewissheit und Ungewissheit. Infolge von Enttraditionalisierung und Individualisierung, Differenzierung und Globalisierung sind viele Selbstverständlichkeiten des alltäglichen Lebens fragwürdig geworden und erfordern individuelle Reflexion und Entscheidung.

Für die Offenheit gegenüber dem Anderen, den Angehörigen fremder Kulturen gibt es jedoch auch Grenzen. Sie werden durch das Diskriminierungsverbot der Menschenrechte geschaffen, die nach Auffassung vieler die normativen Grundlagen der Weltgemeinschaft bilden bzw. bilden sollten, auf die sich alle Menschen und gesellschaftlichen Gruppen berufen können. Inwieweit diese Auffassung allgemein akzeptiert werden kann, oder inwieweit hier Modifikationen erforderlich sind, ist nach wie vor ein kontroverses Thema.

Bildung als interkulturelle oder transkulturelle Bildung

Mit der Globalisierung von Kultur und der Zunahme kultureller Mischungen wird es immer schwerer, zwischen Eigenem und Fremdem zu unterscheiden. Dies liegt daran, dass die meisten Menschen an mehreren Kulturen Anteil haben, durch die sie in jeweils einmaliger Weise geprägt werden. Diese Situation ist unter anderem eine Folge der Dynamisierung gesellschaftlicher Entwicklungen, der wachsenden Mobilität und der Entkoppelung von nationaler und kultureller Identität. In diesen Prozessen kommt es darauf an, das Fremde in der eigenen und das Eigene in der fremden Kultur wahrzunehmen, und aus dieser Wahrnehmung eine kritische Perspektive auf die eigene und die fremde Kultur zu entwickeln. Diese Sichtweise ermöglicht es, Anschlüsse und Übergänge zwischen verschiedenen Kulturen herzustellen. Ein auf sozialer Homogenisierung, ethnischer Fundierung und interkultureller Abgrenzung beruhendes Konzept von Kultur reicht nicht aus, die Prozesse kultureller Assimilation angemessen zu begreifen. Stattdessen muss man eine zunehmende Vernetzung der Kulturen konstatieren. Diese Prozesse führen zu Hybridbildungen, deren Ursprünge sich häufig kaum noch bestimmen lassen.

Mehr als je zuvor ist Erziehung heute eine inter- bzw. transkulturelle Aufgabe. Die Entwicklung zur Weltgemeinschaft bedarf einer inter- bzw. transkulturellen Bildung der nachwachsenden Generation. Erfolgt diese nicht, ist es kaum möglich, bei Berücksichtigung des Eigen- und Selbstbestimmungsrechts der Angehörigen der verschiedenen Kulturen zusammen zu leben. Bislang sind die meisten Bildungssysteme stark national ausgerichtet. Wenig berücksichtigen sie andere Kulturen; wenn sie dies tun, so geschieht dies noch immer vor allem aus der Perspektive der nationalen mit dem jeweiligen Staat verbundenen Kulturen. Erst allmählich gewinnen neue, über den jeweiligen Nationalstaat hinausgehende Gesichtspunkte und Loyalitäten an Bedeutung.«

Literatur

  • Christoph Wulf (Hg.): Vom Menschen. Handbuch Historischer Anthropologie. Weinheim/Basel: Beltz, 1997.
  • Christoph Wulf: Anthropologie der Erziehung. Weinheim /Basel: Beltz, 2001.
  • Christoph Wulf/Dietmar Kamper (Hg.): Logik und Leidenschaft. Erträge Historischer Anthropologie. Berlin: Reimer, 2002.
  • Christoph Wulf/Christine Merkel (Hg.): Globalisierung als Herausforderung der Erziehung. Theorien, Grundlagen, Fallstudien. Münster/New York/München/Berlin: Waxmann, 2002.

 

 

 

unesco heute online   Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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