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EFA
und PISA
Warum
Deutschland einen nationalen EFA-Plan braucht
ANDREAS
BAADEN / EVA-MARIA HARTMANN
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Beim Weltbildungsforum
der UNESCO 2000 in Dakar wurde das Ziel ins Auge gefasst, bis
2015 eine ausreichende und qualitativ gute Grundbildung für Alle
("Education for All" - EFA) zu erreichen. An die UNESCO-Mitgliedstaaten
ging der Appell, bei Bedarf nationale Aktionspläne zur Verbesserung
der Grundbildung aufzubauen. Ein solcher Plan fehlt aber bislang
in Deutschland. Ist EFA wirklich nur ein Thema für Entwicklungsländer?
Offenbar nein. PISA hat es an den Tag gebracht: Ein Viertel der
Schüler in Deutschland verlässt ohne ausreichende Grundbildung
die Schule, ohne Aussicht auf eine berufliche Zukunft.
Ziele des
EFA-Aktionsplans
Der auf dem
Weltbildungsforum der UNESCO verabschiedete internationale Aktionsplan
("Dakar Framework for Action: Education for All - Meeting our
Collective Commitments") verpflichtet die Regierungen, bis 2015
die folgenden Ziele zu erreichen:
- Ausweitung
und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung und Erziehung,
insbesondere für gefährdete und benachteiligte Kleinkinder.
- Einführung
der kostenfreien Grundschulpflicht bis 2015 und Sicherung von
Lernmöglichkeiten für Mädchen, für Kinder in gefährdeten Lebenslagen
und Angehörige ethnischer Minderheiten.
- Absicherung
der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch Zugang zu Lernangeboten
und Training von Basisqualifikationen ("life skills").
- Sicherung
eines angemessenen Grundbildungsniveaus bis 2015 für mindestens
440 Millionen, das heißt für etwa die Hälfte der erwachsenen
Analphabeten, sowie Verbesserung der Lern- und Fortbildungsangebote
für Erwachsene, mit dem Schwerpunkt bei Lernchancen für Frauen.
- Überwindung
der Bildungsverweigerung für Mädchen in Grund- und Sekundarstufe
bis 2005, Ausgleich der Geschlechterdisparitäten im Bildungswesen
bis 2015.
- Bekräftigung
von Qualität als Priorität bei allen Bildungsanstrengungen:
Nur relevante Lerninhalte und kulturell wirksame Lernmethoden
in der Grundbildung führen auch zu spürbaren und nachweisbaren
Lernergebnissen sowohl im Bereich der Basisqualifikationen als
auch im Lesen, Schreiben und Rechnen.
Um diese Ziele
zu erreichen, muss jedes Land Bildung als Kernaufgabe betrachten
und eine entsprechende Strategie verfolgen. UN-Generalsekretär
Kofi Annan appellierte deshalb in Dakar an die Regierungen, verbindliche
nationale Pläne zu einer ausreichenden Bildungsversorgung auszuarbeiten.
Bis Juli 2002 haben insgesamt 70 Länder nationale EFA-Programme
eingeführt, die die Erreichung der sechs Dakar-Ziele sicherstellen
sollen. Deutschland ist der Aufforderung des UN-Generaldirektors
bisher nicht gefolgt.
Worum geht
es im EFA-Prozess? Ziel der UNESCO ist es nicht allein, in den
Entwicklungsländern den Schulbesuch für alle Kinder zu ermöglichen.
EFA bedeutet, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine qualitativ
hochwertige Grundbildung zu eröffnen, als Ausgangsbasis für die
weitere Entwicklung - in Schule, Beruf und Gesellschaft. Hier
bestehen Defizite, auch in den Industriestaaten.
Der PISA-Schock
Schon lange
vor PISA war bekannt, dass das deutsche Bildungssystem krankt.
Die OECD-Studie "International Adult Literacy Survey" (1994 bis
1998) hat ergeben, dass in Deutschland 14,4 Prozent der Erwachsenen
über 15 Jahre (entsprechend 7,7 Millionen) lediglich das niedrigste
Niveau der Lesekompetenz erreichen (vgl. OECD 2000, S. 136). Nach
Aussage des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V. sind vier Millionen
Erwachsene in Deutschland funktionale Analphabeten, das heißt
sie verfügen nur über eine unzureichende Grundbildung. Diese Menschen
haben extreme Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags,
in sozialen Beziehungen, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz
und insbesondere mit den Herausforderungen des Informationszeitalters.
Spätestens
nach dem schlechten Abschneiden in Mathematik und Naturwissenschaften
in der TIMS-Studie (Third International Mathematics and Science
Study, 1997) ist die selbstgefällige Einschätzung, Deutschland
sei eine wegweisende Bildungsnation, in Frage gestellt. Jedoch
hat wohl kaum jemand damit gerechnet, dass sich Deutschland in
der PISA-Studie, eingereiht in die Gruppe der Übergangsstaaten,
auf einem unterdurchschnittlichen 21. Platz finden würde.
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PISA
- Schieflage auch im deutschen Bildungssystem
Foto:
UNESCO
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Insgesamt
erreichen bei der Lesefähigkeit fast 10 Prozent der 15-Jährigen
nicht die Kompetenzstufe I (zu den Kompetenzstufen siehe Kasten).
53 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, zwei Drittel
sind Jungen. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 6 Prozent. Höhere
Anteile finden sich nur in Brasilien, Mexiko, Lettland und Luxemburg.
Weitere 12,7 Prozent der in der deutschen Studie erfassten Jugendlichen
erreichen lediglich die Kompetenzstufe I.
Damit gehören
nach Einschätzung der PISA-Autoren fast ein Viertel der 15-Jährigen
in Deutschland zu einer Risikogruppe, was berufliche Perspektiven
angeht. Bei diesen Jugendlichen besteht die Gefahr, dass sie zu
funktionalen Analphabeten werden.
Im Bereich
der Kompetenzstufe V sind die deutschen Ergebnisse (9 Prozent)
mit denen der anderen OECD-Staaten (9,5 Prozent) zu vergleichen.
Insgesamt streuen die Leistungen zwischen den Leistungsstärksten
und Leistungsschwächsten so stark wie in keinem anderen der untersuchten
Länder.
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Die
PISA-Studie
Das
Ziel:
Den
OECD-Mitgliedstaaten sollen vergleichende Daten über die
Ressourcenausstattung, individuelle Nutzung sowie Funktions-
und Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme zur Verfügung
gestellt werden.
Der
Teilnehmerkreis:
PISA
2000 international:
-
32 Staaten, davon 28 Mitgliedstaaten der OECD
-
getestet wurden 15-jährige Schülerinnen und Schüler unabhängig
von Schulart und Klassenstufe
-
weltweit 180.000 Schüler/innen, davon in Deutschland circa
5.000 an 219 Schulen
PISA
E, deutsche Ergänzungsstudie mit
-
48.000 Schüler/innen an 1.460 Schulen, das sind
-
33.809 15-Jährige und 33.766 Schüler/innen aus 9. Klassen
(überlappende Stichproben) ohne Sonderschulen für Lern-
und geistig Behinderte
-
es wurden auch Aufgaben und Fragestellungen einbezogen,
die den Bedingungen in Deutschland stärker entsprechen
Die
Testarchitektur:
-
PISA erfasst Lesekompetenz sowie die Kompetenz in Mathematik-
und Naturwissenschaften
-
3 Testzyklen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung
(2000 Lesen, 2003 Mathematik, 2006 Naturwissenschaften)
jeweils international und national
Die
Kompetenzstufen:
-
I (Elementarstufe): explizit angegebene Informationen
lokalisieren, den Hauptgedanken in einem Text über ein
vertrautes Thema erkennen, einfache Verbindungen zwischen
Informationen aus dem Text und Alltagswissen herstellen
(Wer nur Stufe I oder darunter erreicht, gehört - was
berufliche Perspektiven angeht - zu einer Risikogruppe)
- V
(Expertenstufe): verschiedene, tief eingebettete Informationen
lokalisieren und organisieren, auch wenn Inhalt und Form
des Textes unvertraut sind, textbezogen interpretieren
können, reflektieren und bewerten können.
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Ungleiche
Chancen
Zusammengefasst
deckt PISA auf, dass Deutschland gemeinsam mit den USA die höchste
soziale Selektivitätsrate hat und insbesondere Jugendliche mit
Migrationshintergrund in hohem Maße ausgrenzt. Gute schulische
Leistungen korrelieren stark mit positiven sozioökonomischen,
familiären und (fördernden) kulturellen Hintergrundmerkmalen.
So ist die
Chance eines Jugendlichen aus einer Akademikerfamilie, ein Gymnasium
statt eine Realschule zu besuchen, mehr als vier Mal so hoch wie
die eines Jugendlichen aus einem Facharbeiterhaushalt. Jugendliche
aus Zuwandererfamilien (beide Eltern im Ausland geboren) besuchen
nur zu 15 Prozent das Gymnasium, dagegen knapp 50 Prozent die
Hauptschule.
Die Kunstfigur
der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts für Bildungsbenachteiligung,
das katholische Arbeitermädchen vom Land, hat sich zum türkischen
oder russlanddeutschen Migrantenjungen aus einem sozialen Brennpunkt
gewandelt.
Problemzonen
des deutschen Bildungswesens
Die PISA-Studie
weist auf gravierende Mängel des deutschen Bildungssystems hin.
Auf der Suche nach Lösungswegen für die konstatierten Defizite
der schulischen Leistungen deutscher Jugendlicher mag ein Blick
auf andere Bildungssysteme helfen. Mögliche Bewertungsindikatoren
für einen internationalen Vergleich können die Bildungsbeteiligung
im Vorschulalter, die Schulstruktur, die Abschlussquoten in der
Sekundarstufe II und die Bildungsausgaben sein.
Dabei ergibt
sich folgendes Bild:
In Deutschland
besuchen 53 Prozent der 3-Jährigen und 78 Prozent der 4-Jährigen
den Kindergarten. Mehr als 10 Prozent der Schulanfänger waren
in keiner vorschulischen Einrichtung. Im europäischen Vergleich
liegt damit Deutschland in allen Altersgruppen in der unteren
Hälfte.
Keines der
in PISA untersuchten Länder neben Österreich und zwei Kantonen
der Schweiz verteilt die Kinder bereits nach der vierten Klasse
auf unterschiedliche Schularten. Nur in Deutschland dominiert
die Halbtagsschule. In Italien und Portugal gibt es Halbtags-
und Ganztagsangebote nebeneinander.
Etwa ein Drittel
der Schulabgänger verlässt die Schule mit einer Hochschulzugangsberechtigung.
Damit belegt Deutschland unter 25 Ländern den viertletzten Platz.
Dahinter kommen nur noch Mexiko, die Schweiz und die Türkei. Deutschland
gibt 4,35 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Bildung aus. Damit
liegt es an 22. Stelle. Nur zwei EU-Länder, Griechenland und Irland,
geben weniger aus. Im OECD-Durchschnitt sind es 5 Prozent. Zum
Vergleich: Finnland 5,8 Prozent, Schweden 6,6 Prozent, Norwegen
und Dänemark 6,8 Prozent. Im Primar- und Sekundarstufen-I-Bereich
liegt Deutschland in der unteren Hälfte, wogegen in die Sekundarstufe
II mehr als das Doppelte investiert wird.
Wie viel
Bildung für alle?
Andreas Schleicher,
Koordinator der PISA-Studie bei der OECD, weist auf die deutsche
Misere hin: Der Kindergarten bereitet nur ungenügend auf die Schule
vor. Die Grundschulen können angesichts leerer Kassen ihren Auftrag
nicht wahrnehmen. Die Selektion der Schüler erfolgt viel zu früh.
Zu viele Schüler bleiben sitzen. Die Schulen werden durch bürokratische
Vorschriften gegängelt und sind zu wenig eigenständig. Soziale
Benachteiligungen werden nicht aufgefangen, sondern durch die
starke Selektion sogar noch verstärkt.
Die Kultusministerkonferenz
(KMK) folgt dieser Interpretation in wesentlichen Punkten. Unmittelbar
nach der Veröffentlichung der PISA-Studie verabschiedete sie einen
Maßnahmenkatalog mit sieben zentralen Handlungsfeldern (KMK-Pressemitteilung
vom 6. Dezember 2001):
- Verbesserung
der Sprachkompetenz bereits im vorschulischen Bereich;
- bessere
Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule, frühzeitigere
Einschulung;
- Verbesserung
der Grundschulbildung;
- Förderung
bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere mit Migrationshintergrund;
- Weiterentwicklung
und Sicherung der Qualität von Schule und Unterricht, verbindliche
Standards, ergebnisorientierte Evaluation;
- Verbesserung
der Professionalität der Lehrtätigkeit, diagnostische, methodische
Kompetenz;
- schulische
und außerschulische Ganztagsangebote.
(Ausgeklammert wurden Fragen der Schulstruktur und der Bildungsfinanzierung.)
Ab 2003 will
die Kultusministerkonferenz jährlich einen "nationalen Bericht
über den Stand der Bildung in Deutschland" erstellen.
Es kommt nun
darauf an, die vorgesehenen Maßnahmen zu realisieren. Deshalb
braucht auch Deutschland ein nationales EFA-Aktionsprogramm, das
sich auf die Problemsektoren der Bildungswesens konzentriert.
Dazu gehören die Schulstruktur, Vorschulbildung, der Grundschulbereich
und die Hauptschulen. Die PISA-Studie, insbesondere die deutsche
Ergänzungsstudie liefert dafür sehr differenziertes Datenmaterial.
Darüber hinaus
zeigt das Problem des funktionalen Analphabetismus, dass Deutschland
auch seine Bemühungen in der Erwachsenenbildung verstärken muss,
um jenen Menschen eine qualitative Grundbildung zu ermöglichen,
die mit unzureichenden Kenntnissen die Schule verlassen haben.
Ohne die Lösung dieses Problems ist auch der Abbau der Arbeitslosigkeit
schwer vorstellbar.
Insgesamt
betreffen vier der sechs im EFA-Aktionsprogramm der UNESCO formulierten
Ziele direkt oder indirekt auch Deutschland:
| EFA-Ziel |
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Deutsche
Situation |
| Ausweitung
und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung und Erziehung,
insbesondere für gefährdete und benachteiligte Kleinkinder |
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Keine
geregelte Vorschulbildung, nachteilig besonders für Kinder
aus sozialen Problemlagen und mit Migrationshintergrund |
| Absicherung
der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch Zugang zu Lernangeboten
und Training von Basisqualifikationen |
|
Ungleiche
Chancen: soziale Ausgrenzung und Leistungsselektion anstatt
Förderung und Integration sozial schwacher Kinder |
| Signifikanter
Abbau des Analphabetismus und Verbesserung der Lern- und Fortbildungsangebote
für Erwachsene |
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4
bis 7 Millionen Erwachsene in Deutschland sind "funktionale"
Analphabeten und haben kaum Chancen, den Anforderungen der
Informationsgesellschaft und des Arbeitsmarktes gerecht zu
werden |
| Verbesserung
der Bildungsqualität und angepasste, relevante Lerninhalte |
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veraltetes
Lehrmaterial und veraltete Lehrmethoden, mangelnde Lehrerbildung,
schlechte Ausstattung und zu geringe Eigenständigkeit der
Schulen, zu starre Lehrpläne |
Deutschland
kann sich angesichts der PISA-Ergebnisse nicht länger darauf zurückziehen,
EFA sei eine Angelegenheit der Entwicklungsländer und allenfalls
der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Ein deutsches EFA-Aktionsprogramm
sollte als gemeinsame Aufgabe der Länder, des Bundes und von Einrichtungen
mit bildungspolitischem Auftrag gesehen werden.
ANDREAS
BAADEN ist Bildungsreferent der Deutschen UNESCO-Kommission.
EVA-MARIA HARTMANN ist Bundeskoordinatorin der UNESCO-Projektschulen.
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Literatur
- Deutsches
PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000, Basiskompetenzen von
Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich,
Leske & Budrich: Opladen 2001
- Deutsches
PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000 - Die Länder der Bundesrepublik
Deutschland im Vergleich, Leske & Budrich: Opladen 2002
- Gewerkschaft
Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.), PISA, und was in Deutschland
anders ist, Ergebnisse - Analysen -Konsequenzen, Frankfurt/Main
2002
- OECD
(Hrsg.), Literacy in the Information Age: Final Report
of the International Adult Literacy Survey, OECD 2000
- Lernen
zum Erfolg - Was sich an Schulen und Universitäten ändern
muss ("Spiegel"-special Nr. 3/2002 über das deutsche Bildungssystem)
EFA-Programm
der UNESCO:
www.unesco.org/education/efa/
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