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Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 10, Oktober 2002
     
 

EFA und PISA

Warum Deutschland einen nationalen EFA-Plan braucht

ANDREAS BAADEN / EVA-MARIA HARTMANN

Beim Weltbildungsforum der UNESCO 2000 in Dakar wurde das Ziel ins Auge gefasst, bis 2015 eine ausreichende und qualitativ gute Grundbildung für Alle ("Education for All" - EFA) zu erreichen. An die UNESCO-Mitgliedstaaten ging der Appell, bei Bedarf nationale Aktionspläne zur Verbesserung der Grundbildung aufzubauen. Ein solcher Plan fehlt aber bislang in Deutschland. Ist EFA wirklich nur ein Thema für Entwicklungsländer? Offenbar nein. PISA hat es an den Tag gebracht: Ein Viertel der Schüler in Deutschland verlässt ohne ausreichende Grundbildung die Schule, ohne Aussicht auf eine berufliche Zukunft.

Ziele des EFA-Aktionsplans

Der auf dem Weltbildungsforum der UNESCO verabschiedete internationale Aktionsplan ("Dakar Framework for Action: Education for All - Meeting our Collective Commitments") verpflichtet die Regierungen, bis 2015 die folgenden Ziele zu erreichen:

  1. Ausweitung und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung und Erziehung, insbesondere für gefährdete und benachteiligte Kleinkinder.
  2. Einführung der kostenfreien Grundschulpflicht bis 2015 und Sicherung von Lernmöglichkeiten für Mädchen, für Kinder in gefährdeten Lebenslagen und Angehörige ethnischer Minderheiten.
  3. Absicherung der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen ("life skills").
  4. Sicherung eines angemessenen Grundbildungsniveaus bis 2015 für mindestens 440 Millionen, das heißt für etwa die Hälfte der erwachsenen Analphabeten, sowie Verbesserung der Lern- und Fortbildungsangebote für Erwachsene, mit dem Schwerpunkt bei Lernchancen für Frauen.
  5. Überwindung der Bildungsverweigerung für Mädchen in Grund- und Sekundarstufe bis 2005, Ausgleich der Geschlechterdisparitäten im Bildungswesen bis 2015.
  6. Bekräftigung von Qualität als Priorität bei allen Bildungsanstrengungen: Nur relevante Lerninhalte und kulturell wirksame Lernmethoden in der Grundbildung führen auch zu spürbaren und nachweisbaren Lernergebnissen sowohl im Bereich der Basisqualifikationen als auch im Lesen, Schreiben und Rechnen.

Um diese Ziele zu erreichen, muss jedes Land Bildung als Kernaufgabe betrachten und eine entsprechende Strategie verfolgen. UN-Generalsekretär Kofi Annan appellierte deshalb in Dakar an die Regierungen, verbindliche nationale Pläne zu einer ausreichenden Bildungsversorgung auszuarbeiten. Bis Juli 2002 haben insgesamt 70 Länder nationale EFA-Programme eingeführt, die die Erreichung der sechs Dakar-Ziele sicherstellen sollen. Deutschland ist der Aufforderung des UN-Generaldirektors bisher nicht gefolgt.

Worum geht es im EFA-Prozess? Ziel der UNESCO ist es nicht allein, in den Entwicklungsländern den Schulbesuch für alle Kinder zu ermöglichen. EFA bedeutet, Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen eine qualitativ hochwertige Grundbildung zu eröffnen, als Ausgangsbasis für die weitere Entwicklung - in Schule, Beruf und Gesellschaft. Hier bestehen Defizite, auch in den Industriestaaten.

Der PISA-Schock

Schon lange vor PISA war bekannt, dass das deutsche Bildungssystem krankt. Die OECD-Studie "International Adult Literacy Survey" (1994 bis 1998) hat ergeben, dass in Deutschland 14,4 Prozent der Erwachsenen über 15 Jahre (entsprechend 7,7 Millionen) lediglich das niedrigste Niveau der Lesekompetenz erreichen (vgl. OECD 2000, S. 136). Nach Aussage des Bundesverbandes Alphabetisierung e.V. sind vier Millionen Erwachsene in Deutschland funktionale Analphabeten, das heißt sie verfügen nur über eine unzureichende Grundbildung. Diese Menschen haben extreme Schwierigkeiten bei der Bewältigung des Alltags, in sozialen Beziehungen, bei der Suche nach einem Arbeitsplatz und insbesondere mit den Herausforderungen des Informationszeitalters.

Spätestens nach dem schlechten Abschneiden in Mathematik und Naturwissenschaften in der TIMS-Studie (Third International Mathematics and Science Study, 1997) ist die selbstgefällige Einschätzung, Deutschland sei eine wegweisende Bildungsnation, in Frage gestellt. Jedoch hat wohl kaum jemand damit gerechnet, dass sich Deutschland in der PISA-Studie, eingereiht in die Gruppe der Übergangsstaaten, auf einem unterdurchschnittlichen 21. Platz finden würde.

PISA - Schieflage auch im deutschen Bildungssystem

Foto: UNESCO

Insgesamt erreichen bei der Lesefähigkeit fast 10 Prozent der 15-Jährigen nicht die Kompetenzstufe I (zu den Kompetenzstufen siehe Kasten). 53 Prozent von ihnen haben einen Migrationshintergrund, zwei Drittel sind Jungen. Im OECD-Durchschnitt sind es nur 6 Prozent. Höhere Anteile finden sich nur in Brasilien, Mexiko, Lettland und Luxemburg. Weitere 12,7 Prozent der in der deutschen Studie erfassten Jugendlichen erreichen lediglich die Kompetenzstufe I.

Damit gehören nach Einschätzung der PISA-Autoren fast ein Viertel der 15-Jährigen in Deutschland zu einer Risikogruppe, was berufliche Perspektiven angeht. Bei diesen Jugendlichen besteht die Gefahr, dass sie zu funktionalen Analphabeten werden.

Im Bereich der Kompetenzstufe V sind die deutschen Ergebnisse (9 Prozent) mit denen der anderen OECD-Staaten (9,5 Prozent) zu vergleichen. Insgesamt streuen die Leistungen zwischen den Leistungsstärksten und Leistungsschwächsten so stark wie in keinem anderen der untersuchten Länder.

Die PISA-Studie

Das Ziel:

Den OECD-Mitgliedstaaten sollen vergleichende Daten über die Ressourcenausstattung, individuelle Nutzung sowie Funktions- und Leistungsfähigkeit ihrer Bildungssysteme zur Verfügung gestellt werden.

Der Teilnehmerkreis:

PISA 2000 international:

  • 32 Staaten, davon 28 Mitgliedstaaten der OECD
  • getestet wurden 15-jährige Schülerinnen und Schüler unabhängig von Schulart und Klassenstufe
  • weltweit 180.000 Schüler/innen, davon in Deutschland circa 5.000 an 219 Schulen

PISA E, deutsche Ergänzungsstudie mit

  • 48.000 Schüler/innen an 1.460 Schulen, das sind
  • 33.809 15-Jährige und 33.766 Schüler/innen aus 9. Klassen (überlappende Stichproben) ohne Sonderschulen für Lern- und geistig Behinderte
  • es wurden auch Aufgaben und Fragestellungen einbezogen, die den Bedingungen in Deutschland stärker entsprechen

Die Testarchitektur:

  • PISA erfasst Lesekompetenz sowie die Kompetenz in Mathematik- und Naturwissenschaften
  • 3 Testzyklen mit unterschiedlicher Schwerpunktsetzung (2000 Lesen, 2003 Mathematik, 2006 Naturwissenschaften) jeweils international und national

Die Kompetenzstufen:

  • I (Elementarstufe): explizit angegebene Informationen lokalisieren, den Hauptgedanken in einem Text über ein vertrautes Thema erkennen, einfache Verbindungen zwischen Informationen aus dem Text und Alltagswissen herstellen (Wer nur Stufe I oder darunter erreicht, gehört - was berufliche Perspektiven angeht - zu einer Risikogruppe)
  • V (Expertenstufe): verschiedene, tief eingebettete Informationen lokalisieren und organisieren, auch wenn Inhalt und Form des Textes unvertraut sind, textbezogen interpretieren können, reflektieren und bewerten können.

Ungleiche Chancen

Zusammengefasst deckt PISA auf, dass Deutschland gemeinsam mit den USA die höchste soziale Selektivitätsrate hat und insbesondere Jugendliche mit Migrationshintergrund in hohem Maße ausgrenzt. Gute schulische Leistungen korrelieren stark mit positiven sozioökonomischen, familiären und (fördernden) kulturellen Hintergrundmerkmalen.

So ist die Chance eines Jugendlichen aus einer Akademikerfamilie, ein Gymnasium statt eine Realschule zu besuchen, mehr als vier Mal so hoch wie die eines Jugendlichen aus einem Facharbeiterhaushalt. Jugendliche aus Zuwandererfamilien (beide Eltern im Ausland geboren) besuchen nur zu 15 Prozent das Gymnasium, dagegen knapp 50 Prozent die Hauptschule.

Die Kunstfigur der 60er Jahre des 20. Jahrhunderts für Bildungsbenachteiligung, das katholische Arbeitermädchen vom Land, hat sich zum türkischen oder russlanddeutschen Migrantenjungen aus einem sozialen Brennpunkt gewandelt.

Problemzonen des deutschen Bildungswesens

Die PISA-Studie weist auf gravierende Mängel des deutschen Bildungssystems hin. Auf der Suche nach Lösungswegen für die konstatierten Defizite der schulischen Leistungen deutscher Jugendlicher mag ein Blick auf andere Bildungssysteme helfen. Mögliche Bewertungsindikatoren für einen internationalen Vergleich können die Bildungsbeteiligung im Vorschulalter, die Schulstruktur, die Abschlussquoten in der Sekundarstufe II und die Bildungsausgaben sein.

Dabei ergibt sich folgendes Bild:

In Deutschland besuchen 53 Prozent der 3-Jährigen und 78 Prozent der 4-Jährigen den Kindergarten. Mehr als 10 Prozent der Schulanfänger waren in keiner vorschulischen Einrichtung. Im europäischen Vergleich liegt damit Deutschland in allen Altersgruppen in der unteren Hälfte.

Keines der in PISA untersuchten Länder neben Österreich und zwei Kantonen der Schweiz verteilt die Kinder bereits nach der vierten Klasse auf unterschiedliche Schularten. Nur in Deutschland dominiert die Halbtagsschule. In Italien und Portugal gibt es Halbtags- und Ganztagsangebote nebeneinander.

Etwa ein Drittel der Schulabgänger verlässt die Schule mit einer Hochschulzugangsberechtigung. Damit belegt Deutschland unter 25 Ländern den viertletzten Platz. Dahinter kommen nur noch Mexiko, die Schweiz und die Türkei. Deutschland gibt 4,35 Prozent des Bruttoinlandproduktes für Bildung aus. Damit liegt es an 22. Stelle. Nur zwei EU-Länder, Griechenland und Irland, geben weniger aus. Im OECD-Durchschnitt sind es 5 Prozent. Zum Vergleich: Finnland 5,8 Prozent, Schweden 6,6 Prozent, Norwegen und Dänemark 6,8 Prozent. Im Primar- und Sekundarstufen-I-Bereich liegt Deutschland in der unteren Hälfte, wogegen in die Sekundarstufe II mehr als das Doppelte investiert wird.

Wie viel Bildung für alle?

Andreas Schleicher, Koordinator der PISA-Studie bei der OECD, weist auf die deutsche Misere hin: Der Kindergarten bereitet nur ungenügend auf die Schule vor. Die Grundschulen können angesichts leerer Kassen ihren Auftrag nicht wahrnehmen. Die Selektion der Schüler erfolgt viel zu früh. Zu viele Schüler bleiben sitzen. Die Schulen werden durch bürokratische Vorschriften gegängelt und sind zu wenig eigenständig. Soziale Benachteiligungen werden nicht aufgefangen, sondern durch die starke Selektion sogar noch verstärkt.

Die Kultusministerkonferenz (KMK) folgt dieser Interpretation in wesentlichen Punkten. Unmittelbar nach der Veröffentlichung der PISA-Studie verabschiedete sie einen Maßnahmenkatalog mit sieben zentralen Handlungsfeldern (KMK-Pressemitteilung vom 6. Dezember 2001):

  1. Verbesserung der Sprachkompetenz bereits im vorschulischen Bereich;
  2. bessere Verzahnung von vorschulischem Bereich und Grundschule, frühzeitigere Einschulung;
  3. Verbesserung der Grundschulbildung;
  4. Förderung bildungsbenachteiligter Kinder, insbesondere mit Migrationshintergrund;
  5. Weiterentwicklung und Sicherung der Qualität von Schule und Unterricht, verbindliche Standards, ergebnisorientierte Evaluation;
  6. Verbesserung der Professionalität der Lehrtätigkeit, diagnostische, methodische Kompetenz;
  7. schulische und außerschulische Ganztagsangebote.
       
    (Ausgeklammert wurden Fragen der Schulstruktur und der Bildungsfinanzierung.)

Ab 2003 will die Kultusministerkonferenz jährlich einen "nationalen Bericht über den Stand der Bildung in Deutschland" erstellen.

Es kommt nun darauf an, die vorgesehenen Maßnahmen zu realisieren. Deshalb braucht auch Deutschland ein nationales EFA-Aktionsprogramm, das sich auf die Problemsektoren der Bildungswesens konzentriert. Dazu gehören die Schulstruktur, Vorschulbildung, der Grundschulbereich und die Hauptschulen. Die PISA-Studie, insbesondere die deutsche Ergänzungsstudie liefert dafür sehr differenziertes Datenmaterial.

Darüber hinaus zeigt das Problem des funktionalen Analphabetismus, dass Deutschland auch seine Bemühungen in der Erwachsenenbildung verstärken muss, um jenen Menschen eine qualitative Grundbildung zu ermöglichen, die mit unzureichenden Kenntnissen die Schule verlassen haben. Ohne die Lösung dieses Problems ist auch der Abbau der Arbeitslosigkeit schwer vorstellbar.

Insgesamt betreffen vier der sechs im EFA-Aktionsprogramm der UNESCO formulierten Ziele direkt oder indirekt auch Deutschland:

EFA-Ziel Deutsche Situation
Ausweitung und Verbesserung der frühkindlichen Betreuung und Erziehung, insbesondere für gefährdete und benachteiligte Kleinkinder   Keine geregelte Vorschulbildung, nachteilig besonders für Kinder aus sozialen Problemlagen und mit Migrationshintergrund
Absicherung der Lernbedürfnisse von Jugendlichen durch Zugang zu Lernangeboten und Training von Basisqualifikationen   Ungleiche Chancen: soziale Ausgrenzung und Leistungsselektion anstatt Förderung und Integration sozial schwacher Kinder
Signifikanter Abbau des Analphabetismus und Verbesserung der Lern- und Fortbildungsangebote für Erwachsene   4 bis 7 Millionen Erwachsene in Deutschland sind "funktionale" Analphabeten und haben kaum Chancen, den Anforderungen der Informationsgesellschaft und des Arbeitsmarktes gerecht zu werden
Verbesserung der Bildungsqualität und angepasste, relevante Lerninhalte   veraltetes Lehrmaterial und veraltete Lehrmethoden, mangelnde Lehrerbildung, schlechte Ausstattung und zu geringe Eigenständigkeit der Schulen, zu starre Lehrpläne

Deutschland kann sich angesichts der PISA-Ergebnisse nicht länger darauf zurückziehen, EFA sei eine Angelegenheit der Entwicklungsländer und allenfalls der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Ein deutsches EFA-Aktionsprogramm sollte als gemeinsame Aufgabe der Länder, des Bundes und von Einrichtungen mit bildungspolitischem Auftrag gesehen werden.

ANDREAS BAADEN ist Bildungsreferent der Deutschen UNESCO-Kommission.
EVA-MARIA HARTMANN ist Bundeskoordinatorin der UNESCO-Projektschulen.
  

Literatur

  • Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000, Basiskompetenzen von Schülerinnen und Schülern im internationalen Vergleich, Leske & Budrich: Opladen 2001
  • Deutsches PISA-Konsortium (Hrsg.), PISA 2000 - Die Länder der Bundesrepublik Deutschland im Vergleich, Leske & Budrich: Opladen 2002
  • Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (Hrsg.), PISA, und was in Deutschland anders ist, Ergebnisse - Analysen -Konsequenzen, Frankfurt/Main 2002
  • OECD (Hrsg.), Literacy in the Information Age: Final Report of the International Adult Literacy Survey, OECD 2000
  • Lernen zum Erfolg - Was sich an Schulen und Universitäten ändern muss ("Spiegel"-special Nr. 3/2002 über das deutsche Bildungssystem)

EFA-Programm der UNESCO: www.unesco.org/education/efa/

 

 

 

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