Deutsche UNESCO-Kommission
Homepage der Deutschen UNESCO-Kommission Startseite unesco heute online Inhaltsverzeichnis Archiv unesco heute online Suchfunktion
         
unesco heute online
Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 9-10, September/Oktober 2006
     
 

Culture Counts - Was denn sonst?!

AGNES CHARLOTTE FREY

Kultur ist ein "Global Player", sie bestimmt unser (Zusammen)leben maßgeblich. Höchste Zeit also, Kultur(en) zu zählen. Nur wie? Kultur in Zahlen und Erzählungen für ein breites Publikum greifbar zu machen, dieser Aufgabe verschreibt sich das Projekt "Culture Counts". Am 6. und 7. Juli 2006 lud die Deutsche UNESCO-Kommission als Kooperationspartner nach Bonn zu einem ersten Workshop ein.

Seit der Verabschiedung des "Übereinkommens zum Schutz und zur Förderung kultureller Ausdrucksformen" steht kulturelle Vielfalt ganz oben auf der Agenda der UNESCO. Während die Ratifizierung und Umsetzung der Konvention im Kulturprogramm der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) und in der Zivilgesellschaft heiß diskutiert werden, stellen sich die Initiatoren von Culture Counts, Michael Gleich und Peter Felixberger, der Frage: Was ist eigentlich kulturelle Vielfalt? Wie in den zwei Vorläuferprojekten Life Counts und Peace Counts sollen quantitative und qualitative Daten in Reportagen und Ausstellungen ein breites Publikum zum Staunen bringen. Denn Culture Counts will Neugier und Lust auf den interkulturellen Dialog wecken - jenseits von pessimistischen "Culture-Clash"-Szenarien.

Der Culture-Counts-Workshop der DUK brachte die Initiatoren und Fachleute aus diversen Kulturbereichen an einen Tisch, um das Konzept aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten und um Netzwerke aufzubauen als Brücken zwischen Wissenschafts- und Populärkultur. Verschiedenste Aufgaben müssen passend besetzt werden: Welches Statistikinstitut zählt, wie viele Sprachen jährlich aussterben und wie viele neu entstehen? Welcher Ethnologe oder Mediziner kann kulturspezifische Krankheiten und Heilmethoden aufzählen und beschreiben? Wer kommt für eine Finanzierung des Culture Counts Cubes in Frage, der auf der EXPO 2010 in Shanghai kulturelle Vielfalt erlebbar machen soll?

Wenn eins und eins drei gibt

"Wussten Sie, dass in Australien der häufigste Nachname nicht mehr 'Smith' ist, sondern 'Chan'?" Details dieser Art, die uns stutzen lassen und gleichzeitig auf große Themen wie Migration und Vielfalt deuten, wollen Gleich und Felixberger zusammentragen.

Der Reiz des Projekts, so waren sich die Wissenschaftler und Kulturexperten des Workshops einig, liege darin, die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen auszuhebeln. Hier liegt die große Chance: Neues sichtbar machen durch Aufzeigen ungeahnter Zusammenhänge, wie es die Kulturwissenschaften vielleicht nicht gewagt oder nicht gedacht hätten, den Regeln ihrer Zunft verpflichtet und abgeschottet in ihren jeweiligen Elfenbeintürmen. Mutig in Verbindung bringen, was auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen gehört: So könnte aus eins und eins drei werden.

Ungewöhnlicher Ansatz, unübliche Übung

Um dem Brainstorming aus den verschiedensten Richtungen Input zu geben, empfing die Kulturreferentin der DUK, Christine Merkel Vertreter aus den unterschiedlichen Kulturbereichen in der Colmantstraße: Danielle Cliche vom Europäischen Institut für vergleichende Kulturforschung (ERICarts) in Bonn wie auch Andreas Wiesand, Leiter des Zentrums für Kulturforschung (ZfKf), waren als Spezialisten der kulturpolitischen Empirie zu Gast. Bernd Fesel brachte seine Expertise als Kulturveranstalter und als politischer Berater (Büro für Kulturwirtschaft, Düsseldorf) ein. Arian Hassani reiste aus Paris an, wo sie im UNESCO-Hauptquartier für die globale Allianz für kulturelle Vielfalt und das "Creative Cities Network" arbeitet. Und Mitbegründer des (Sub-)kulturvereins der Freunde Berlins Franz Weizsäcker brachte sein Wissen aus Informatik und Entwicklungshilfe mit.

Culture Counts - so what?

Kultur ist eine hochkomplexe Angelegenheit, der man sich auf unterschiedliche Art und Weise nähern kann. Das war nur eine Erkenntnis des Workshops. Eine ganz wichtige Frage brannte vor allem Arian Hassani auf dem Herzen. Kulturelle Vielfalt ist wichtig und spannend - keine Frage. Aber welche Handlungskonsequenz ziehen wir daraus? Michael Gleich griff auf die Erfahrungen seines Peace Counts-Projekts zurück und erläuterte seine Zielsetzung, den positiven Dialog zwischen den Kulturen zu fördern. Culture Counts will erstmal Augen öffnen für das Ausmaß von Kulturvielfalt. Darüber hinaus will man aber auch weitere Initiativen und Veranstaltungen anstoßen, die das Projekt wachsen lassen. Der Culture Counts Cube (CCC), ein geplanter Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai, wird thematisch, inhaltlich und szenografisch über die Jahre hinweg entstehen und vom Kontakt mit unterschiedlichen Menschen und Kulturen, die inder Zwischenzeit das Projekt formen, inspiriert werden.

Im August 2006 haben Forscher damit begonnen, Datenmaterial für die "Große Kulturzählung" zusammen zu tragen. Reporterteams werden auf Reisen geschickt, um weltweit Beispiele dafür zu dokumentieren, wie aus der Begegnung unterschiedlicher Kulturen das ganz Neue entsteht. Man wird sich auf das konzentrieren, was Aufmerksamkeit weckt: Gegensätze, überraschende Gegenüberstellungen, Persönlichkeiten und unerwartete Details, die durch Medien wie Radio, Buch und Internet einem breiten Publikum nahe gebracht werden, auf dass es staune und eine Ahnung von den Potenzialen der kulturellen Vielfalt dieses Planeten bekomme.

Mit allerlei Anregungen, Namen und Ideen im Gepäck haben Michael Gleich und Peter Felixberger, die das Projekt von London bzw. München aus koordinieren, die DUK verlassen. Die operative DUK wird das Projekt weiter begleiten. Eine Schirmherrschaft der UNESCO in Paris ist angestrebt und zu einem Zeitpunkt beantragt, zu dem die ersten Medien und Ergebnisse von Culture Counts bereits öffentlich sind.

AGNES CHARLOTTE FREY ist Studentin der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft in Köln. Sie absolvierte von Juni bis August 2006 ein Praktikum in der Deutschen UNESCO-Kommission.

 

 

 

unesco heute online   Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
Deutsche UNESCO-Kommission e.V., Colmantstraße 15, D-53115 Bonn
Telefon 0228 / 60497-0, -11  Fax 0228 / 6049730   www.unesco-heute.de
 
 
  zum Textanfang