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Culture
Counts - Was denn sonst?!
AGNES CHARLOTTE
FREY
Kultur
ist ein "Global Player", sie bestimmt unser (Zusammen)leben maßgeblich.
Höchste Zeit also, Kultur(en) zu zählen. Nur wie? Kultur in Zahlen
und Erzählungen für ein breites Publikum greifbar zu machen, dieser
Aufgabe verschreibt sich das Projekt "Culture Counts". Am 6. und
7. Juli 2006 lud die Deutsche UNESCO-Kommission als Kooperationspartner
nach Bonn zu einem ersten Workshop ein.
Seit der Verabschiedung
des "Übereinkommens zum Schutz und zur Förderung kultureller Ausdrucksformen"
steht kulturelle Vielfalt ganz oben auf der Agenda der UNESCO.
Während die Ratifizierung und Umsetzung der Konvention im Kulturprogramm
der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) und in der Zivilgesellschaft
heiß diskutiert werden, stellen sich die Initiatoren von Culture
Counts, Michael Gleich und Peter Felixberger, der Frage: Was ist
eigentlich kulturelle Vielfalt? Wie in den zwei Vorläuferprojekten
Life Counts und Peace Counts sollen quantitative und qualitative
Daten in Reportagen und Ausstellungen ein breites Publikum zum
Staunen bringen. Denn Culture Counts will Neugier und Lust auf
den interkulturellen Dialog wecken - jenseits von pessimistischen
"Culture-Clash"-Szenarien.
Der Culture-Counts-Workshop
der DUK brachte die Initiatoren und Fachleute aus diversen Kulturbereichen
an einen Tisch, um das Konzept aus verschiedenen Perspektiven
zu beleuchten und um Netzwerke aufzubauen als Brücken zwischen
Wissenschafts- und Populärkultur. Verschiedenste Aufgaben müssen
passend besetzt werden: Welches Statistikinstitut zählt, wie viele
Sprachen jährlich aussterben und wie viele neu entstehen? Welcher
Ethnologe oder Mediziner kann kulturspezifische Krankheiten und
Heilmethoden aufzählen und beschreiben? Wer kommt für eine Finanzierung
des Culture Counts Cubes in Frage, der auf der EXPO 2010 in Shanghai
kulturelle Vielfalt erlebbar machen soll?
Wenn eins
und eins drei gibt
"Wussten Sie,
dass in Australien der häufigste Nachname nicht mehr 'Smith' ist,
sondern 'Chan'?" Details dieser Art, die uns stutzen lassen und
gleichzeitig auf große Themen wie Migration und Vielfalt deuten,
wollen Gleich und Felixberger zusammentragen.
Der Reiz des
Projekts, so waren sich die Wissenschaftler und Kulturexperten
des Workshops einig, liege darin, die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen
auszuhebeln. Hier liegt die große Chance: Neues sichtbar machen
durch Aufzeigen ungeahnter Zusammenhänge, wie es die Kulturwissenschaften
vielleicht nicht gewagt oder nicht gedacht hätten, den Regeln
ihrer Zunft verpflichtet und abgeschottet in ihren jeweiligen
Elfenbeintürmen. Mutig in Verbindung bringen, was auf den ersten
Blick nicht unbedingt zusammen gehört: So könnte aus eins und
eins drei werden.
Ungewöhnlicher
Ansatz, unübliche Übung
Um dem Brainstorming
aus den verschiedensten Richtungen Input zu geben, empfing die
Kulturreferentin der DUK, Christine Merkel Vertreter aus den unterschiedlichen
Kulturbereichen in der Colmantstraße: Danielle Cliche vom Europäischen
Institut für vergleichende Kulturforschung (ERICarts) in Bonn
wie auch Andreas Wiesand, Leiter des Zentrums für Kulturforschung
(ZfKf), waren als Spezialisten der kulturpolitischen Empirie zu
Gast. Bernd Fesel brachte seine Expertise als Kulturveranstalter
und als politischer Berater (Büro für Kulturwirtschaft, Düsseldorf)
ein. Arian Hassani reiste aus Paris an, wo sie im UNESCO-Hauptquartier
für die globale Allianz für kulturelle Vielfalt und das "Creative
Cities Network" arbeitet. Und Mitbegründer des (Sub-)kulturvereins
der Freunde Berlins Franz Weizsäcker brachte sein Wissen aus Informatik
und Entwicklungshilfe mit.
Culture
Counts - so what?
Kultur ist
eine hochkomplexe Angelegenheit, der man sich auf unterschiedliche
Art und Weise nähern kann. Das war nur eine Erkenntnis des Workshops.
Eine ganz wichtige Frage brannte vor allem Arian Hassani auf dem
Herzen. Kulturelle Vielfalt ist wichtig und spannend - keine Frage.
Aber welche Handlungskonsequenz ziehen wir daraus? Michael Gleich
griff auf die Erfahrungen seines Peace Counts-Projekts zurück
und erläuterte seine Zielsetzung, den positiven Dialog zwischen
den Kulturen zu fördern. Culture Counts will erstmal Augen öffnen
für das Ausmaß von Kulturvielfalt. Darüber hinaus will man aber
auch weitere Initiativen und Veranstaltungen anstoßen, die das
Projekt wachsen lassen. Der Culture Counts Cube (CCC), ein geplanter
Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai, wird thematisch, inhaltlich
und szenografisch über die Jahre hinweg entstehen und vom Kontakt
mit unterschiedlichen Menschen und Kulturen, die inder Zwischenzeit
das Projekt formen, inspiriert werden.
Im August
2006 haben Forscher damit begonnen, Datenmaterial für die "Große
Kulturzählung" zusammen zu tragen. Reporterteams werden auf Reisen
geschickt, um weltweit Beispiele dafür zu dokumentieren, wie aus
der Begegnung unterschiedlicher Kulturen das ganz Neue entsteht.
Man wird sich auf das konzentrieren, was Aufmerksamkeit weckt:
Gegensätze, überraschende Gegenüberstellungen, Persönlichkeiten
und unerwartete Details, die durch Medien wie Radio, Buch und
Internet einem breiten Publikum nahe gebracht werden, auf dass
es staune und eine Ahnung von den Potenzialen der kulturellen
Vielfalt dieses Planeten bekomme.
Mit allerlei
Anregungen, Namen und Ideen im Gepäck haben Michael Gleich und
Peter Felixberger, die das Projekt von London bzw. München aus
koordinieren, die DUK verlassen. Die operative DUK wird das Projekt
weiter begleiten. Eine Schirmherrschaft der UNESCO in Paris ist
angestrebt und zu einem Zeitpunkt beantragt, zu dem die ersten
Medien und Ergebnisse von Culture Counts bereits öffentlich sind.
AGNES CHARLOTTE
FREY ist Studentin der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft
in Köln. Sie absolvierte von Juni bis August 2006 ein Praktikum
in der Deutschen UNESCO-Kommission.
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