| |
Rückenwind
für die kulturelle Bildung
UNESCO-Weltkonferenz
fordert eine nachhaltige Berücksichtigung von Kunst und Kreativität
in Erziehung und Bildung
MAX FUCHS
|
Vier
Tage lang diskutierten vom 6. bis 9. März 2006 im Kulturzentrum
Belim am Rande von Lissabon circa 1000 Experten aus etwa
100 Mitgliedsländern der UNESCO Fragen der künstlerischen
und kulturellen Bildung. Dass das geschehen ist - denn die
Zahl der UNESCO-Weltkonferenzen ist unter dem Generaldirektor
Koïchiro Matsuura erheblich reduziert worden -, ist von
großer Bedeutung. Es belegt die hohe Relevanz, die man international
der Rolle von Kunst und Kultur in Bildungs- und Erziehungsprozessen
zubilligt. Diese Anerkennung kultureller Bildung wird noch
dadurch verstärkt, dass die Weltkonferenz keine einmalige
Veranstaltung war, sondern eingebettet ist in einen mehrjährigen
Prozess, der seit den späten 90er Jahren des letzten Jahrhunderts
deutlich an Fahrt gewonnen hat.
Neu
ist im Kontext der Vereinten Nationen die Thematisierung
von Bildung und Kultur nicht. Immerhin formulieren bereits
alle wichtigen Gründungsdokumente (Allgemeine Erklärung
der Menschenrechte, UN-Charta etc.) die hohe Relevanz von
Bildung und Erziehung und die Rolle der Kultur für ein menschenwürdiges
Leben. Aktuell sind die anspruchsvollen Ziele, die innerhalb
des Programms "Education for All" (EFA) formuliert werden,
bei dem es im Wesentlichen um die Vermittlung und Aneignung
der grundlegenden Kulturtechniken geht. Speziell mit Fragen
der Künste und der Kultur sowie der künstlerischen und kulturellen
Bildung befassten sich in den letzten Jahren zwei internationale
Konferenzen: Status of the Artist (Paris 1997) und Cultural
Policies for Development (Stockholm 1998). Die 30. Generalkonferenz
der UNESCO fasste 1999 den Beschluss zur Förderung von künstlerischer
Bildung und Kreativität in der Schule.
|
 |
 |
Ernst Wagner und Max Fuchs vor dem Kongresszentrum Belem,
Lissabon
Foto:
Joachim Reiss |
|
Die Weltkonferenz
in Lissabon war der Höhepunkt einer langfristigen Entwicklung.
Sie wurde möglich durch das besondere Interesse Portugals und
eine erhebliche finanzielle Unterstützung der Gulbenkian-Stiftung.
Vorangegangen waren UNESCO-Regionalkonferenzen in den UN-Regionen
Afrika, Asien/Pazifik, Europa/Nordamerika und Süd- und Mittelamerika,
in denen bereits substanzielle und gehaltvolle Positionspapiere
und Empfehlungen erarbeitet wurden. Man konnte also mit einiger
Sicherheit ankündigen, dass am Ende der Weltkonferenz eine Charta
und eine "Road Map" zur künstlerischen und kulturellen Bildung
vorliegen sollten.
Kunst und
Kultur im Bildungsprozess - einige große Herausforderungen
Die Verantwortliche
im UNESCO-Hauptquartier in Paris, Teresa Wagner, formulierte auf
der Basis dieser Regionalkonferenzen einige große Herausforderungen,
denen sich diese geplanten politischen Dokumente stellen mussten:
Mängel an Ressourcen und geschulten Lehrern, offene Methodenfragen
des Kunstunterrichts, die Rolle der Partnerschaften zwischen Schule
(vor allem der Sekundarstufe) und Kultureinrichtungen, fehlende
Fachlehrer in der Primarstufe.
Diese Problemvorgabe
zeigt bereits, dass es um Qualität, Evaluation und Lobbyarbeit
und darum geht, die international verbreitete Randlage künstlerischer
Schulfächer zu verändern. Die Problembenennung zeigt allerdings
auch, dass die Schule, also die formale Bildung, sehr stark im
Vordergrund der ursprünglichen Überlegungen der UNESCO stand und
man sich auf traditionelle Künste - Theater, Musik, Bildende Kunst
- konzentrieren wollte. Dagegen hat sich schon im Vorfeld erheblicher
Widerstand gezeigt. Man wollte alle Lernmöglichkeiten und Bildungsorte,
insbesondere die non-formale und informelle Bildung, und nicht
nur in dem stark europäisch orientierten Kunstkanon, berücksichtigt
sehen.
In Hinblick
auf die Schulsituation konnten die Ergebnisse eines internationalen
Forschungsprojektes (Ann Bamford: The WOW-Factor - Global Research
Compendium on the Impact of the Arts in Education. Münster: Waxmann
2006) ein wenig beruhigen, denn immerhin hat das Forschungsteam
Künste in fast allen Lehrplänen weltweit entdeckt. Aber auch diese
Studie musste erhebliche Defizite feststellen, insbesondere in
Hinblick auf Differenzen zwischen Lippenbekenntnissen und Realitäten.
Was hat die
Konferenz zu all diesen Aspekten an Erkenntnissen gebracht? Zum
einen gab es die üblichen, aber auch notwendigen Bekenntnisse
wichtiger politischer Akteure, vom scheidenden portugiesischen
Präsidenten bis zu den vielen Verantwortlichen in den nationalen
Schul- und Kulturministerien, die in den unterschiedlichen Diskussionsrunden,
Panels und Workshops auftraten. Davon gab es eine Menge, die aufgrund
der Größe der Konferenz meist parallel tagten: Plenarsitzungen
mit bis zu 1000 Zuhörern, Panels, Workshopsessions bis hin zu
Praxisdemonstrationen mit fünf bis zehn Teilnehmern.
Es gab politisch
verwertbare, oft allerdings auch arg plakative Begründungen für
Kunst und Kultur in Bildungsprozessen, und es wurde in guter Absicht
gelegentlich ein wenig über das Ziel hinaus geschossen, wenn die
Künste - durchaus vertraut aus deutschen Debatten - quasi als
Allheilmittel gegen alle Übel der Welt (Gewalt, Krieg, Armut,
Unterversorgung, Krankheit, Aids etc.) vorgestellt wurden. Allerdings
gab es auch viele überzeugende Demonstrationen dafür, dass Kunst
und Kultur nicht erst dann anfangen dürfen, wenn alle Bedürfnisse
befriedigt sind. Vielmehr konnte gezeigt werden - gerade an Projekten
aus Problemgebieten -, dass und wie Künste Menschen zur Tat ermutigen,
ihnen Sinn geben, also "empowerment" produzieren. Mit einem gewissen
Neid konnte man sogar als Teilnehmer aus einem reichen Land feststellen,
dass gerade in ärmeren Ländern trotz ihrer Finanznot eben nicht
an Kulturprogrammen für Kinder und Jugendliche gespart wird. Fast
war es so, dass das Finanzargument eher aus reichen Ländern kam.
Es gab - ebenfalls
schon fast obligatorisch - den Neurowissenschaftler, der aus der
Sicht seines Fachgebietes die Relevanz von Kunst bestätigte. Diesen
Part übernahm der renommierte portugiesische Forscher Antonio
Damasio ("Descartes' Irrtum"). Er zeigte, wie verheerend die (Descartes'sche)
Trennung in Geist und Körper, in Kognition und Emotion ist. Beide
Prozesse laufen nämlich höchst unterschiedlich ab - etwa mit sehr
verschiedenem Tempo. Die Rolle der Emotionalität besteht gerade
in der moralischen Bewertung kognitiver Ergebnisse. Künste, und
dies ist ein klassischer Ansatz, wirken genau in diesem Bereich.
Vernachlässigt man sie, so erhält man bestenfalls "erfinderische
Zwerge" (Brecht), die ohne moralische Skrupel auch technisch hoch
entwickelte Massenvernichtungsmittel entwickeln und auch einsetzen.
Als Argumentation ist dieser Gedanke gut zu gebrauchen. Allerdings
ist an die Aussagen des deutschen PISA-Forschers Jürgen Baumert
zu erinnern, der darauf beharrte, dass der Primat des Kognitiven
in der Schule auch bei künstlerischen Fächern Gültigkeit behalte.
Weniger die Kunstpraxis, sondern vielmehr ein analytischer Zugang
zu den Künsten sei Aufgabe der Schulfächer. Will man also Damasios
Plädoyer für die Künste seriös nutzen, dann kommt es entschieden
darauf an, nicht bloß dass die Künste im Lehrplan auftauchen,
sondern wie dies geschieht.
Methodenfragen
Methodenfragen
und die Frage der Befähigung des Lehrpersonals sind von entscheidender
Bedeutung. Daher war es gut, dass die Tagung formell mit den Weltorganisationen
der künstlerischen Lehrer (im Bereich Musik, Bildende Kunst und
Darstellendes Spiel - ISME, InSEA und IDEA) kooperierte. Diese
Weltorganisationen haben sich zu einer "Global Alliance" zusammenschlossen.
Sie haben eine Zusammenarbeit vereinbart und wollen weitere künstlerische
Bereiche aufnehmen. Dieser Allianz-Gedanke ist so gut, dass man
neben der "Global Alliance" auch lokale, regionale und nationale
Allianzen gründen sollte. Bekanntlich ist auch in Deutschland
eine Kooperation der Lehrerverbände mit den künstlerischen Fächern
bislang nicht immer konfliktfrei verlaufen. Allerdings blieb vor
diesem Hintergrund vielen Konferenzteilnehmern völlig unverständlich,
wieso der während der Tagung vorgelegte Entwurf einer Road Map
behauptete, die Qualität der schulischen künstlerischen Bildung
könnte sich ausschließlich durch eine Zusammenarbeit der Schüler
mit Künstlern (und nicht mit Kunstlehrern) ergeben. An dieser
Stelle fiel der Empfehlungstext weit unter den Diskussionstand
in den Arbeitsgruppen zurück, in denen eine Fülle guter Kooperations-
und Qualifikationsmodelle vorgestellt wurde, bei denen Künstler
auch in schulischen Kontexten Künstler bleiben konnten und in
eine produktive (ergänzende) Arbeitsbeziehung mit den Kunstlehrern
eintraten, die allerdings für das "Basisgeschäft" in der Verantwortung
bleiben müssen.
Genau dies
ist in Deutschland ein entscheidendes Problem für die entstehende
Ganztagsschule: sinnvolle und tragfähige Kooperationsformen zu
entwickeln.
Für die politischen
Zwecke der Überzeugung, aber auch aufgrund eines erheblichen Forschungsbedarfs
mit dem Ziel einer Qualitätsverbesserung in der kulturellen Bildung
spielten Forschungsprojekte vor allem in Hinblick auf Evaluation
und individuelle Bewertung ("Assessment") eine große Rolle. Es
gibt erheblich mehr an internationaler Forschung zu diesen Fragen,
als man im nationalen Bereich zur Kenntnis zu nehmen scheint.
Die Forderung nach einer Art Clearing-Stelle bei der UNESCO ist
höchst sinnvoll. "Forschung" heißt allerdings im internationalen
Kontext wesentlich: empirisch-quantitative Forschung. Die große
Dominanz dieser Forschungsausrichtung während der Konferenz hatte
auch damit zu tun, dass es eine nicht zu rechtfertigende angelsächsische
Ausrichtung sowohl bei der Vorstellung von Projekten als auch
bei den anderen Beiträgen gab. Es hat eigentlich keiner verstanden,
wieso auf der Landkarte der Weltkonferenz Asien, Afrika, der Rest
von Europa oder Südamerika (Ausnahme: Brasilien) kaum oder gar
nicht verzeichnet waren. Viele Workshops verliefen fast vollständig
mit Native Speakers (aus Großbritannien, Kanada, USA oder Australien),
was zu erheblichen Irritationen und dann auch zu einem sich allmählich
verstärkenden Protest geführt hat. Trotzdem: Gute Forschungsprojekte
waren anwesend, was insbesondere angesichts einer OECD-Präsentation
auffiel.
Ein Vertreter
der Bildungsabteilung der OECD setzte sich mit der Frage auseinander,
was man im Kontext von PISA zur kulturellen Bildung sagen könnte.
Angesichts des Fehlens einschlägiger Daten nahm man als Indikator
für kulturelle Bildung den Besitz von Kunstwerken, den man dann
mit den Ergebnissen etwa in Mathematik korrelierte. Das Ergebnis
war positiv für letztere. Allerdings unterstützte dieses eigenartige
Forschungsvorgehen nachhaltig den auch in der deutschen Delegation
vertretenen Wunsch nach einem "Kultur-PISA", vorausgesetzt allerdings,
dass man sich sehr gründlich mit der Frage der für dieses Feld
angemessenen Methode befasst.
Angesichts
der oft beschworenen Zukunftsherausforderungen war die Rolle der
Medien interessant. Der ARD-Vorsitzende und NDR-Intendant Jobst
Plog stellte ARTE als eine (durchaus nicht einfache) Form vor,
wie sich das öffentliche Rundfunksystem für Kultur und Bildung
engagieren kann. Aus der deutschen Delegation gab es zwei KUBIM-Projekte
(Marc Fritzsche und Daniela Reimann), die sich in einem Workshop
und einer ausführlichen Praxisdemonstration sehr gut präsentierten.
Interessant ist, dass mit diesen zwei deutschen Akteuren fast
50 Prozent der gesamten Thematisierung speziell der Neuen Medien
beschrieben sind, kurz: Digitale Medien waren hoffnungslos unterbelichtet,
was angesichts der ständig präsenten Warnung vor der globalisierten
Medienwelt mehr als überraschend war. Insgesamt waren die Beiträge
zu der Konferenz aus Deutschland vorzeigbar: vier Präsentationen,
drei Workshop-Moderationen, zwei Mitdiskutanten in einem Panel,
ein Beitrag im Großen Saal und die Erarbeitung einer schriftlichen
Stellungnahme zum Entwurf der Road Map.
Präsentiert
und ausgesprochen gut aufgenommen wurden - als strukturelle Konzeptvorschläge
- der Kompetenznachweis Kultur der Bundesvereinigung Kulturelle
Jugendbildung und die Konzeption kulturelle Bildung des Deutschen
Kulturrates.
Was war
das Resultat und welche Folgen könnte die Konferenz haben?
Eine Road
Map ist nicht verabschiedet worden. Zu zahlreich und grundsätzlich
waren die Veränderungs- und Ergänzungswünsche am vorgelegten Entwurf.
Aus deutscher Sicht waren es unter anderem die Vernachlässigung
der non-formalen Bildung, die unverständliche Abwertung der künstlerischen
Lehrer, das problematische Verständnis von "Kunst". All dies soll
in den nächsten Entwurf, der in einigen Monaten vorgelegt werden
soll, eingearbeitet werden. Anstatt einer festgezurrten Road Map
gibt es also einen Prozess einer fortlaufenden Präzisierung des
jeweils vorhandenen Papiers. Dies ist gut so, zumal das "Mandat"
der Konferenz in Hinblick auf einen formellen Beschluss eher problematisch
war. Für die politische und pädagogische Praxis genügt der jetzt
vorgesehene Status des Papiers allemal.
Der Prozess
geht auch insofern weiter, als eine neue Weltkonferenz allseits
gewünscht wird und aus Korea bereits ein Angebot zur Durchführung
in drei, vier Jahren vorliegt.
Für Deutschland
bietet es sich an, auf nationaler Ebene die Impulse aus Lissabon
aufzunehmen, zu analysieren und weiterzuentwickeln. Dazu gehören
gute, bislang hierzulande nicht erprobte Praxisprojekte, die Kenntnisnahme
der internationalen Forschung und die Erörterung der Frage eines
Kultur-PISA.
Die Weltkonferenz
war - trotz der beschriebenen Mängel - ein großer Erfolg. Eine
Weltgemeinschaft kulturelle Bildung hat sich formell konstituiert,
gemeinsame Interessen, Probleme und Aufgaben wurden definiert,
Kontakte wurden geknüpft. Man hat auch für die deutsche Debatte
einen qualifizierten Referenzrahmen gefunden, der die Bewertung
der eigenen Ansätze erleichtert.
PROF. DR.
MAX FUCHS ist Direktor der Akademie Remscheid, Vorsitzender der
Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung, des Deutschen Kulturrates
und des Instituts für Bildung und Kultur. Er ist Mitglied der
Deutschen UNESCO-Kommission und ihres Kulturausschusses.
|
|