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"Dafür
nehme ich meine schönsten Farben"
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Das
Projekt "Weltkulturerbe und Kunstpädagogik" der Universität
Paderborn
JUTTA
STRÖTER-BENDER
Ein
Vormittag in einer 3. Klasse der Marienschule: Die Kunststudentin
Brigitta Knoche von der Universität Paderborn leitet den
Projektunterricht: "Ästhetische Zugänge zum Kreml". Thema
des Unterrichtsprojektes ist "UNESCO-Welterbe in der Schule".
- "Moskau,
dort in der Nähe bin ich geboren", ruft ein Junge. In der
Klasse sind mehrere Kinder, die aus Russland stammen. Begeistert
schreiben sie einige russische Worte an die Tafel. Dann
folgt die Anregung, eine Reise-Ikone auf einem Holzbrett
zu gestalten. "Dafür nehme ich meine schönsten Farben",
sagt ein Mädchen und weist auf das Gold seines Farbkastens.
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Foto:
Brigitta Knoche
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Exkursion
nach Essen: Mit dem Bus fährt eine 8. Klasse der Friedrich
von Spee Gesamtschule zur Welterbestätte Zeche Zollverein. Die
Klasse ist binational zusammengesetzt. Bei den ersten Vorbereitungen
zur Exkursion waren Begriffe wie "Zeche" und "Ruhrgebiet" über
der Hälfte der Schüler nicht bekannt. Kunststudenten der Universität
Paderborn filmen und machen Interviews mit den Heranwachsenden:
"Wie
alt könnte die Zeche sein?" - Die Meinungen variieren in der Einschätzung
von "Steinzeit" bis "10 Jahre". … "Was erwartest Du von dem Besuch
in der Zeche?" Der Wunsch nach Spaß und Erleben in der Gruppe
steht im Vordergrund. Die Vorstellungen sind vage.
Den Besuch
der Zeche Zollverein beurteilen die Schüler bei der Rückreise
vorwiegend positiv: "So etwas darf eigentlich nicht in Vergessenheit
geraten", vor allem in Bezug auf die Vergegenwärtigung der mühevollen
Arbeitsbedingungen früherer Generationen. Allerdings
kritisieren die Heranwachsenden durchweg, dass die Führung vorwiegend
aus verbaler Vermittlung bestand. Sie wünschen sich einen stärken
sinnlichen Zugang zu den präsentierten Geräten und Materialien,
durch haptische Erfahrungen der Arbeitswerkzeuge und Kohlestücke
- Vorstellungen und Wünsche, die als Anregungen in zukünftige
Unterrichtskonzeptionen für ästhetische Projekte zur Zeche Zollverein
eingehen werden.
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Die
Zeche Zollverein - Arbeiten der Klasse 5b der Friedrich
von Spee Gesamtschule Paderborn
Fotos:
Ströter-Bender
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Eine
Lore in der Zeche Zollverein. Scherenschnitt
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Die Zeche. Gemalt mit Kohlestiften und Erdfarben
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Im Atelier
des Kunstsilos der Universität: 45 Studierende diskutieren
die Entwicklung von Museumskoffern zu Welterbestätten der UNESCO.
In dem Seminar "Ästhetische Projekte zu traditionellen Weltkulturen"
geht es um die Frage: Wie können Landschaftsräume und Denkmäler
vergangener Kulturen materiell in einem Koffer "präsentiert" werden?
Wie können diese Vorstellungen ästhetische Projekte anregen, beispielsweise
im Kunstunterricht?
Carmen Junglas
hat in ihren Koffer zu Höhlenmalerei im Tal der Vézère Farbpigmente,
Zweige, Kohlereste, Ritzwerkzeuge und Steine zusammengestellt,
um einen sinnlichen Umgang mit ähnlichen Materialien möglich zu
machen, mit denen vor 17.000 Jahren Höhlenmalerei entstand.
Andere Studentinnen
erarbeiten Museumskoffer zu Themen wie: "Der Schatzkoffer von
Captain Cook", "Die Seidenstraße", "Die Kirchen von Lalibela
in Äthiopien". Die Museumskoffer, die Kunstwerke und didaktische
Medien zugleich sind, sollen in einer großen Ausstellung gezeigt
werden.
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Museumskoffer
für Welterbestätten
Wie
kann eine Welterbestätte, die Kultur einer Region, Kindern
und Jugendlichen in der Schule sinnlich und mit authentischen
Materialien vermittelt werden? Meine
Staatsexamensarbeit zum Thema "Deutsche Welterbestätten
der UNESCO im Kunstunterricht" zeigt dies anhand der Stätten
Aachener Dom und Wartburg. Ein bedeutendes
Medium der Annäherung an Welterbestätten sind die "Museumskoffer".
Zu beiden Orten wurden Koffer mit verschiedenen Objekten
gepackt:
Im Koffer
zur Wartburg sind es beispielsweise eine alte Ausgabe des
Neuen Testaments, welches Martin Luther dort 1521/22 übersetzte,
oder ein Heft mit Sagen, die sich auf der Wartburg zugetragen
haben sollen. Die dort erzählten Sagen werden durch weitere
Gegenstände veranschaulicht - das Rosenwunder der heiligen
Elisabeth von Thüringen durch ein Kästchen mit getrockneten
Rosenblüten oder die Gründungssage um Ludwig den Springer
durch ein Glas Erde.

Foto:
Stefanie Heyer |
Der
Aachener Koffer enthält Seiten aus dem Evangeliar
Ottos III und verschiedene Gläser mit Farbpigmenten
und Gänsekiele, an Hand derer das Schrifttum des Mittelalters
erläutert werden kann. Die Kinder können das Schreiben
mit selbst angerührten Farben und Gänsefedern ausprobieren.
Der im Koffer enthaltene Mörser aus Holz kann genutzt
werden, um selbst gesammelte Erden oder Blüten zu
Farbpigmenten zu verarbeiten. In einem Sagenheft zum
Aachener Dom wird über dessen Bau berichtet, der angeblich
vom Teufel finanziert wurde. Diese Legende wird durch
einen Reliquienschrein, der den Daumen des Teufels
enthält, im Koffer repräsentiert. Das Thema Reliquie
nimmt Bezug auf die großen Textilen-Reliquien und
den Karlsschrein, die Aachen im 12. Jahrhundert zu
einem berühmten Wallfahrtsort machten.
Die
Gegenstände der Museumskoffer sind besonders geeignet
für eine erste Annäherung mit einem kulturellen Ort,
weil sie mehr zeigen als ein Bild, weil man sie anfassen
und ausprobieren kann.
Sandra
Lippert, Mitarbeiterin im Projekt "UNESCO-Weltkulturerbe
und Kunstunterricht" an der Universität Paderborn
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Weltkulturerbe
im Fach Kunst
Seminare wie
diese sind Bestandteil des Forschungsprojektes "Weltkulturerbe
der UNESCO und Kunstpädagogik", das im Fach Kunst an der Fakultät
für Kulturwissenschaften durchgeführt wird und den Forschungspreis
2002 der Universität Paderborn gewann. Hier wird seit dem Sommersemester
2002 ein bisher bundesweit einmaliger Lehr- und Forschungsschwerpunkt
aufgebaut, der direkte Verbindungen zur pädagogischen Praxis in
Schulen und zu museumspädagogischen Zentren von Welterbestätten
beinhaltet.
Das neue Lehrkonzept
reagiert darauf, dass seit einigen Jahren Studienanfänger im Fach
Kunst/Kunstpädagogik immer weniger Grundkenntnisse über Kunst,
Kultur und Traditionen mitbringen. Ein explizites Bewusstsein
über die Notwendigkeit des Bewahrens und Erhaltens des kulturellen
Erbes ist selten vorhanden.
Für die Studierenden
geht es bei dem UNESCO-Projekt nicht nur um eine wissensmäßige
Erweiterung der eigenen kulturellen Kartographie (Stichwort: Kulturen
der Welt, über den Tellerrand Europas blicken), sondern auch darum,
authentische Räume kultureller Produktion zu entdecken und zum
Objekt pädagogischer wie auch künstlerischer Praxis zu machen.
In Seminaren
und ästhetischen Projekten entwickeln die Studierenden Konzepte
und didaktische Strategien, wie ihr zukünftiger Kunstunterricht
die wichtigen Impulse des UNESCO-Welterbeprogramms aufnehmen kann.
Die Unterrichtsmodelle berücksichtigen vor allem binationale Klassen,
unterschiedliche Herkunftstraditionen und Weltbilder und Möglichkeiten
der Integration. Die Unterrichtsmaterialien mit ästhetischen Zugängen
zum Weltkulturerbe der UNESCO für den Primar- und Sekundarstufenbereich
sollen demnächst in zwei großen Bänden vorgestellt werden.
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Nachhaltiges
Erleben
Die
Studentin Jessica Nitsche schreibt in einer Seminararbeit
über die Welterbestätte Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht:
"Die
Arbeit der UNESCO stellt für mich einen Versuch dar, ein
kulturelles Gedächtnis zu schaffen, das heißt dafür zu sorgen,
dass bestimmte Kulturen und deren Lebensformen nicht in
Vergessenheit geraten. ... Ich empfinde eine derartige Ausweitung
und Öffnung des Kunstunterrichts als sehr anregend, weil
das Problem der Beliebigkeit - das sich ja im Kunstunterricht
immer wieder stellt - durch eine solche Thematik ausgeglichen
werden kann. ... Ein wichtiger Aspekt ist für mich, dass
die Auseinandersetzung mit Kulturerbestätten in aller Welt
in gewissem Sinne der Flüchtigkeit der medialen Welt entgegenwirkt.
Denn bei den Kulturerbestätten handelt es sich zumeist um
Stätten, die man bereisen kann, berühren kann usw. Zum Teil
sind sie so alt, dass sie für den Betrachter schon aus sich
heraus so etwas wie die Ewigkeit symbolisieren. Diese Art
der Dauerhaftigkeit ist etwas, was die Erlebniswelt von
Schülerinnen heute in keiner Weise prägt."
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Erweiterung
von Sehweisen
Weniger mit
Blick auf Deutschland als auf geografisch ferner liegende Welterbestätten
entwickelt die Universität Paderborn kunstpädagogische Zugänge
und Projektformen, die auch die dominierende touristische Foto-Ästhetik
(Welterbestätte vor blauem Himmel) überwindet. Mit diesen bunten
Bildwelten verbunden sind jene immer noch vorkommenden exotischen
Klischees, Bilder und Vorstellungen, die aus Reisebeschreibungen
der Kolonialzeit stammen könnten.
So führt beispielsweise
folgender Text in dem Band "Schätze der Menschheit - Kulturdenkmäler
und Naturparadiese unter dem Schutz der UNESCO" (1998) in die
Bedeutung der Altstadt von Fes (Marokko) ein: "Unermüdlich
hämmern die Metallschmiede auf dem Seffarine-Platz kupferne Schüsseln,
Kannen und Tabletts ... Wenn sich der Besucher der Altstadt von
Fes, vorbei an schwerbeladenen Lasteseln, noch weiter in die Dunkelheit
der engen, gewundenen Gassen vorwagt, verirrt er sich entweder
völlig im Labyrinth der ‚Medina' oder stößt, Allahs gütige Hilfe
vorausgesetzt, auf den Souk Attarine, den Markt der Gewürzhändler,
wo ihm die viel gerühmten Wohlgerüche in die Nase steigen."
(S.10)
Texte wie
diese, verbunden mit entsprechenden Hochglanzabbildungen der Monumente
unter strahlend blauem Himmel, eignen sich kaum für den Schulunterricht.
Sie verstellen eher den Blick auf das Weltkulturerbe durch die
Sprache eines Tourismusunternehmens und durch entsprechende Klischees.
Die Konstruktionen "des Anderen" , des "Fernen" und "Fremden",
die immer noch rassistische Komponenten enthalten können und gerade
in Sprache und ästhetischer Bildinszenierung eine subtile Langlebigkeit
entfalten, haben in zukünftigen Unterrichtsmodellen keinen Raum.
Es geht daher für die Studierenden auch um das "Sprechen" über
andere Kulturen, um die Wahrnehmung, Formulierung und Darstellung
vielschichtiger Perspektiven. Kulturelle Kompetenz in Bezug auf
globales Lernen ist ein bedeutendes Kriterium zukünftiger professioneller
Praxis.
Kulturvermittlung
"ohne Hierarchien"
Durch den
UNESCO-Gedanken, der den Welterbestätten zugrundeliegt, werden
ästhetische Positionen zahlreicher Kulturen "ohne Hierarchien"
vorgestellt. Hier entstehen Ansätze zur Bildung einer gemeinsamen
regionalen, nationalen und europäischen Identität - trotz der
Anerkennung kultureller Differenzen, was gerade in Schulklassen
und Bildungseinrichtungen mit Kindern unterschiedlichster nationaler
und kultureller Herkunft immer wichtiger wird. Der Vordenker des
Globalen Lernens, der Frankfurter Pädagoge Ernest Jouhy (gest.
1986) betonte immer wieder, dass die Grundlage eines global orientierten
Denkens die Ausbildung einer eigenen kulturellen Identität zur
Grundlage haben sollte.
Kooperationen
Schon in der
Anlaufphase des Projektes wurden Kooperationen aufgebaut. Regionaler
Kooperationspartner ist die Zeche Zollverein in Essen. Zum Konzept
gehört auch die Entwicklung neuer Unterrichtsmaterialien zur Vor-
und Nachbereitung von schulischen Exkursionen zur Zeche. Die Materialien
bieten vielfältige traditionelle wie neue ästhetische Zugänge;
wichtig sind dabei in kunstpädagogischer Perspektive die Vermittlung
von Ästhetik und Zechenarchitektur, von Materialerfahrungen und
Inhalten wie zum Beispiel der Geschichte der Bergwerksarbeiter
und ihrer Lebensumstände.
Die Ergebnisse
werden publiziert und interessierten Schulen in Nordrhein-Westfalen
zur Verfügung gestellt. Mit den Unterrichtsmaterialien soll der
regionale Bezug einzelner Schulen zur Zeche Zollverein als Monument
der Industriekultur intensiviert werden. Ab dem kommenden Sommersemester
können Studierende des Faches Kunst kulturpädagogische Praktika
an der Zeche Zollverein durchführen. Der Student Lars Zumbansen
entwickelt das Konzept eines pädagogisch orientierten Computerspiels
für die Zeche Zollverein.
Auch mit dem
Museumszentrum der Welterbestätte Kloster Lorsch wurde eine enge
Zusammenarbeit etabliert. Sein museumspädagogisches Programm hat
Modellcharakter. Die Zusammenarbeit steht auch unter dem Leitmotiv
der alten historischen Verbindungen aus der Karolingerzeit zwischen
der Kaiserpfalz in Paderborn und dem Kloster Lorsch. Der Direktor
des Museumszentrums Hermann Schefers und die Leiterin der Museumspädagogik
Claudia Götz führen im Sommersemester 2003 an der Universität
Paderborn ein Seminar zum Thema "Ästhetische Strategien in der
Museumspädagogik" durch.
Mit der Friedrich
von Spee-Gesamtschule in Paderborn besteht eine Zusammenarbeit
bei der Entwicklung interdisziplinärer Unterrichtskonzepte für
das UNESCO-Projekt. Diese Zusammenarbeit soll im kommenden Jahr
mit der ungarischen Partnerschule Böszörményern in Debrecen und
der UNESCO-Naturerbestätte Hortobágy National Park eine Intensivierung
erfahren.
PROF. DR.
JUTTA STRÖTER-BENDER unterrichtet Kunst und ihre Didaktik (Malerei)
an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn.
Ihre Forschungsschwerpunkte sind das UNESCO-Weltkulturerbe, Kunst
und globales Lernen, Ästhetik und Mythologie in der Medienkultur.
Sie leitet das Forschungsprojekt "Weltkulturerbe der UNESCO und
Kunstpädagogik", das den Forschungspreis 2002 der Universität
Paderborn gewann.
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