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Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 3, März 2003
     
 

"Dafür nehme ich meine schönsten Farben"

Das Projekt "Weltkulturerbe und Kunstpädagogik" der Universität Paderborn

JUTTA STRÖTER-BENDER

Ein Vormittag in einer 3. Klasse der Marienschule: Die Kunststudentin Brigitta Knoche von der Universität Paderborn leitet den Projektunterricht: "Ästhetische Zugänge zum Kreml". Thema des Unterrichtsprojektes ist "UNESCO-Welterbe in der Schule". - "Moskau, dort in der Nähe bin ich geboren", ruft ein Junge. In der Klasse sind mehrere Kinder, die aus Russland stammen. Begeistert schreiben sie einige russische Worte an die Tafel. Dann folgt die Anregung, eine Reise-Ikone auf einem Holzbrett zu gestalten. "Dafür nehme ich meine schönsten Farben", sagt ein Mädchen und weist auf das Gold seines Farbkastens.


                    Foto: Brigitta Knoche

Exkursion nach Essen: Mit dem Bus fährt eine 8. Klasse der Friedrich von Spee Gesamtschule zur Welterbestätte Zeche Zollverein. Die Klasse ist binational zusammengesetzt. Bei den ersten Vorbereitungen zur Exkursion waren Begriffe wie "Zeche" und "Ruhrgebiet" über der Hälfte der Schüler nicht bekannt. Kunststudenten der Universität Paderborn filmen und machen Interviews mit den Heranwachsenden: "Wie alt könnte die Zeche sein?" - Die Meinungen variieren in der Einschätzung von "Steinzeit" bis "10 Jahre". … "Was erwartest Du von dem Besuch in der Zeche?" Der Wunsch nach Spaß und Erleben in der Gruppe steht im Vordergrund. Die Vorstellungen sind vage.

Den Besuch der Zeche Zollverein beurteilen die Schüler bei der Rückreise vorwiegend positiv: "So etwas darf eigentlich nicht in Vergessenheit geraten", vor allem in Bezug auf die Vergegenwärtigung der mühevollen Arbeitsbedingungen früherer Generationen. Allerdings kritisieren die Heranwachsenden durchweg, dass die Führung vorwiegend aus verbaler Vermittlung bestand. Sie wünschen sich einen stärken sinnlichen Zugang zu den präsentierten Geräten und Materialien, durch haptische Erfahrungen der Arbeitswerkzeuge und Kohlestücke - Vorstellungen und Wünsche, die als Anregungen in zukünftige Unterrichtskonzeptionen für ästhetische Projekte zur Zeche Zollverein eingehen werden.

Die Zeche Zollverein - Arbeiten der Klasse 5b der Friedrich von Spee Gesamtschule Paderborn
Fotos: Ströter-Bender
  

Eine Lore in der Zeche Zollverein. Scherenschnitt


Die Zeche. Gemalt mit Kohlestiften und Erdfarben

Im Atelier des Kunstsilos der Universität: 45 Studierende diskutieren die Entwicklung von Museumskoffern zu Welterbestätten der UNESCO. In dem Seminar "Ästhetische Projekte zu traditionellen Weltkulturen" geht es um die Frage: Wie können Landschaftsräume und Denkmäler vergangener Kulturen materiell in einem Koffer "präsentiert" werden? Wie können diese Vorstellungen ästhetische Projekte anregen, beispielsweise im Kunstunterricht?

Carmen Junglas hat in ihren Koffer zu Höhlenmalerei im Tal der Vézère Farbpigmente, Zweige, Kohlereste, Ritzwerkzeuge und Steine zusammengestellt, um einen sinnlichen Umgang mit ähnlichen Materialien möglich zu machen, mit denen vor 17.000 Jahren Höhlenmalerei entstand.

Andere Studentinnen erarbeiten Museumskoffer zu Themen wie: "Der Schatzkoffer von Captain Cook", "Die Seidenstraße", "Die Kirchen von Lalibela in Äthiopien". Die Museumskoffer, die Kunstwerke und didaktische Medien zugleich sind, sollen in einer großen Ausstellung gezeigt werden.

Museumskoffer für Welterbestätten

Wie kann eine Welterbestätte, die Kultur einer Region, Kindern und Jugendlichen in der Schule sinnlich und mit authentischen Materialien vermittelt werden? Meine Staatsexamensarbeit zum Thema "Deutsche Welterbestätten der UNESCO im Kunstunterricht" zeigt dies anhand der Stätten Aachener Dom und Wartburg. Ein bedeutendes Medium der Annäherung an Welterbestätten sind die "Museumskoffer". Zu beiden Orten wurden Koffer mit verschiedenen Objekten gepackt:

Im Koffer zur Wartburg sind es beispielsweise eine alte Ausgabe des Neuen Testaments, welches Martin Luther dort 1521/22 übersetzte, oder ein Heft mit Sagen, die sich auf der Wartburg zugetragen haben sollen. Die dort erzählten Sagen werden durch weitere Gegenstände veranschaulicht - das Rosenwunder der heiligen Elisabeth von Thüringen durch ein Kästchen mit getrockneten Rosenblüten oder die Gründungssage um Ludwig den Springer durch ein Glas Erde.


 Foto: Stefanie Heyer

Der Aachener Koffer enthält Seiten aus dem Evangeliar Ottos III und verschiedene Gläser mit Farbpigmenten und Gänsekiele, an Hand derer das Schrifttum des Mittelalters erläutert werden kann. Die Kinder können das Schreiben mit selbst angerührten Farben und Gänsefedern ausprobieren. Der im Koffer enthaltene Mörser aus Holz kann genutzt werden, um selbst gesammelte Erden oder Blüten zu Farbpigmenten zu verarbeiten. In einem Sagenheft zum Aachener Dom wird über dessen Bau berichtet, der angeblich vom Teufel finanziert wurde. Diese Legende wird durch einen Reliquienschrein, der den Daumen des Teufels enthält, im Koffer repräsentiert. Das Thema Reliquie nimmt Bezug auf die großen Textilen-Reliquien und den Karlsschrein, die Aachen im 12. Jahrhundert zu einem berühmten Wallfahrtsort machten.

Die Gegenstände der Museumskoffer sind besonders geeignet für eine erste Annäherung mit einem kulturellen Ort, weil sie mehr zeigen als ein Bild, weil man sie anfassen und ausprobieren kann.

Sandra Lippert, Mitarbeiterin im Projekt "UNESCO-Weltkulturerbe und Kunstunterricht" an der Universität Paderborn

Weltkulturerbe im Fach Kunst

Seminare wie diese sind Bestandteil des Forschungsprojektes "Weltkulturerbe der UNESCO und Kunstpädagogik", das im Fach Kunst an der Fakultät für Kulturwissenschaften durchgeführt wird und den Forschungspreis 2002 der Universität Paderborn gewann. Hier wird seit dem Sommersemester 2002 ein bisher bundesweit einmaliger Lehr- und Forschungsschwerpunkt aufgebaut, der direkte Verbindungen zur pädagogischen Praxis in Schulen und zu museumspädagogischen Zentren von Welterbestätten beinhaltet.

Das neue Lehrkonzept reagiert darauf, dass seit einigen Jahren Studienanfänger im Fach Kunst/Kunstpädagogik immer weniger Grundkenntnisse über Kunst, Kultur und Traditionen mitbringen. Ein explizites Bewusstsein über die Notwendigkeit des Bewahrens und Erhaltens des kulturellen Erbes ist selten vorhanden.

Für die Studierenden geht es bei dem UNESCO-Projekt nicht nur um eine wissensmäßige Erweiterung der eigenen kulturellen Kartographie (Stichwort: Kulturen der Welt, über den Tellerrand Europas blicken), sondern auch darum, authentische Räume kultureller Produktion zu entdecken und zum Objekt pädagogischer wie auch künstlerischer Praxis zu machen.

In Seminaren und ästhetischen Projekten entwickeln die Studierenden Konzepte und didaktische Strategien, wie ihr zukünftiger Kunstunterricht die wichtigen Impulse des UNESCO-Welterbeprogramms aufnehmen kann. Die Unterrichtsmodelle berücksichtigen vor allem binationale Klassen, unterschiedliche Herkunftstraditionen und Weltbilder und Möglichkeiten der Integration. Die Unterrichtsmaterialien mit ästhetischen Zugängen zum Weltkulturerbe der UNESCO für den Primar- und Sekundarstufenbereich sollen demnächst in zwei großen Bänden vorgestellt werden.

Nachhaltiges Erleben

Die Studentin Jessica Nitsche schreibt in einer Seminararbeit über die Welterbestätte Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht: "Die Arbeit der UNESCO stellt für mich einen Versuch dar, ein kulturelles Gedächtnis zu schaffen, das heißt dafür zu sorgen, dass bestimmte Kulturen und deren Lebensformen nicht in Vergessenheit geraten. ... Ich empfinde eine derartige Ausweitung und Öffnung des Kunstunterrichts als sehr anregend, weil das Problem der Beliebigkeit - das sich ja im Kunstunterricht immer wieder stellt - durch eine solche Thematik ausgeglichen werden kann. ... Ein wichtiger Aspekt ist für mich, dass die Auseinandersetzung mit Kulturerbestätten in aller Welt in gewissem Sinne der Flüchtigkeit der medialen Welt entgegenwirkt. Denn bei den Kulturerbestätten handelt es sich zumeist um Stätten, die man bereisen kann, berühren kann usw. Zum Teil sind sie so alt, dass sie für den Betrachter schon aus sich heraus so etwas wie die Ewigkeit symbolisieren. Diese Art der Dauerhaftigkeit ist etwas, was die Erlebniswelt von Schülerinnen heute in keiner Weise prägt."

Erweiterung von Sehweisen

Weniger mit Blick auf Deutschland als auf geografisch ferner liegende Welterbestätten entwickelt die Universität Paderborn kunstpädagogische Zugänge und Projektformen, die auch die dominierende touristische Foto-Ästhetik (Welterbestätte vor blauem Himmel) überwindet. Mit diesen bunten Bildwelten verbunden sind jene immer noch vorkommenden exotischen Klischees, Bilder und Vorstellungen, die aus Reisebeschreibungen der Kolonialzeit stammen könnten.

So führt beispielsweise folgender Text in dem Band "Schätze der Menschheit - Kulturdenkmäler und Naturparadiese unter dem Schutz der UNESCO" (1998) in die Bedeutung der Altstadt von Fes (Marokko) ein: "Unermüdlich hämmern die Metallschmiede auf dem Seffarine-Platz kupferne Schüsseln, Kannen und Tabletts ... Wenn sich der Besucher der Altstadt von Fes, vorbei an schwerbeladenen Lasteseln, noch weiter in die Dunkelheit der engen, gewundenen Gassen vorwagt, verirrt er sich entweder völlig im Labyrinth der ‚Medina' oder stößt, Allahs gütige Hilfe vorausgesetzt, auf den Souk Attarine, den Markt der Gewürzhändler, wo ihm die viel gerühmten Wohlgerüche in die Nase steigen." (S.10)

Texte wie diese, verbunden mit entsprechenden Hochglanzabbildungen der Monumente unter strahlend blauem Himmel, eignen sich kaum für den Schulunterricht. Sie verstellen eher den Blick auf das Weltkulturerbe durch die Sprache eines Tourismusunternehmens und durch entsprechende Klischees. Die Konstruktionen "des Anderen" , des "Fernen" und "Fremden", die immer noch rassistische Komponenten enthalten können und gerade in Sprache und ästhetischer Bildinszenierung eine subtile Langlebigkeit entfalten, haben in zukünftigen Unterrichtsmodellen keinen Raum. Es geht daher für die Studierenden auch um das "Sprechen" über andere Kulturen, um die Wahrnehmung, Formulierung und Darstellung vielschichtiger Perspektiven. Kulturelle Kompetenz in Bezug auf globales Lernen ist ein bedeutendes Kriterium zukünftiger professioneller Praxis.

Kulturvermittlung "ohne Hierarchien"

Durch den UNESCO-Gedanken, der den Welterbestätten zugrundeliegt, werden ästhetische Positionen zahlreicher Kulturen "ohne Hierarchien" vorgestellt. Hier entstehen Ansätze zur Bildung einer gemeinsamen regionalen, nationalen und europäischen Identität - trotz der Anerkennung kultureller Differenzen, was gerade in Schulklassen und Bildungseinrichtungen mit Kindern unterschiedlichster nationaler und kultureller Herkunft immer wichtiger wird. Der Vordenker des Globalen Lernens, der Frankfurter Pädagoge Ernest Jouhy (gest. 1986) betonte immer wieder, dass die Grundlage eines global orientierten Denkens die Ausbildung einer eigenen kulturellen Identität zur Grundlage haben sollte.

Kooperationen

Schon in der Anlaufphase des Projektes wurden Kooperationen aufgebaut. Regionaler Kooperationspartner ist die Zeche Zollverein in Essen. Zum Konzept gehört auch die Entwicklung neuer Unterrichtsmaterialien zur Vor- und Nachbereitung von schulischen Exkursionen zur Zeche. Die Materialien bieten vielfältige traditionelle wie neue ästhetische Zugänge; wichtig sind dabei in kunstpädagogischer Perspektive die Vermittlung von Ästhetik und Zechenarchitektur, von Materialerfahrungen und Inhalten wie zum Beispiel der Geschichte der Bergwerksarbeiter und ihrer Lebensumstände.

Die Ergebnisse werden publiziert und interessierten Schulen in Nordrhein-Westfalen zur Verfügung gestellt. Mit den Unterrichtsmaterialien soll der regionale Bezug einzelner Schulen zur Zeche Zollverein als Monument der Industriekultur intensiviert werden. Ab dem kommenden Sommersemester können Studierende des Faches Kunst kulturpädagogische Praktika an der Zeche Zollverein durchführen. Der Student Lars Zumbansen entwickelt das Konzept eines pädagogisch orientierten Computerspiels für die Zeche Zollverein.

Auch mit dem Museumszentrum der Welterbestätte Kloster Lorsch wurde eine enge Zusammenarbeit etabliert. Sein museumspädagogisches Programm hat Modellcharakter. Die Zusammenarbeit steht auch unter dem Leitmotiv der alten historischen Verbindungen aus der Karolingerzeit zwischen der Kaiserpfalz in Paderborn und dem Kloster Lorsch. Der Direktor des Museumszentrums Hermann Schefers und die Leiterin der Museumspädagogik Claudia Götz führen im Sommersemester 2003 an der Universität Paderborn ein Seminar zum Thema "Ästhetische Strategien in der Museumspädagogik" durch.

Mit der Friedrich von Spee-Gesamtschule in Paderborn besteht eine Zusammenarbeit bei der Entwicklung interdisziplinärer Unterrichtskonzepte für das UNESCO-Projekt. Diese Zusammenarbeit soll im kommenden Jahr mit der ungarischen Partnerschule Böszörményern in Debrecen und der UNESCO-Naturerbestätte Hortobágy National Park eine Intensivierung erfahren.

PROF. DR. JUTTA STRÖTER-BENDER unterrichtet Kunst und ihre Didaktik (Malerei) an der Fakultät für Kulturwissenschaften der Universität Paderborn. Ihre Forschungsschwerpunkte sind das UNESCO-Weltkulturerbe, Kunst und globales Lernen, Ästhetik und Mythologie in der Medienkultur. Sie leitet das Forschungsprojekt "Weltkulturerbe der UNESCO und Kunstpädagogik", das den Forschungspreis 2002 der Universität Paderborn gewann.
   
 

 

 

unesco heute online   Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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