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Globale
Kulturpolitik der Nachhaltigkeit
OLAF SCHWENCKE
Wenn
Begriffe Karriere machen, dann bedeutet das, dass Erkenntnisse
der geistigen Eliten von Funktionseliten der Gesellschaft zu ihren
eigenen gemacht werden. Für den Begriff Nachhaltigkeit trifft
das zu. Er ist in aller Munde, am intensivsten seit dem Weltgipfel
für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg, was allerdings
keinen Anlass zu voller Zufriedenheit bietet, auch wenn aus der
Sicht der Deutschen UNESCO-Kommission der Begriff nachhaltige
Entwicklung "substanzieller ausgefüllt worden (ist) durch drei
übergreifende Ziele: Armutsbekämpfung, Änderung von Konsum- und
Produktionsformen sowie Schutz und Management der natürlichen
Ressourcen für wirtschaftliche und soziale Entwicklung." Dass
in Johannesburg auch eine "stärkere Gewichtung von Bildung und
Wissenschaft" stattfand, wie Traugott Schöfthaler in seinem Johannesburg-Bericht
( unesco
heute online 9/2002)
anmerkt, wird gern zur Kenntnis genommen. Doch vergeblich sucht
man in den Beschlüssen selbst unter dem häufig benutzten Stichwort
Vielfalt die Einbeziehung bzw. Beachtung der kulturellen
Dimension der Nachhaltigkeit. Wie so häufig schon entgeht den
Akteuren deren Brisanz als wesentlicher Faktor von Zukunftsfähigkeit.
Für das Nachdenken einer Weltgesellschaft, die in Frieden leben
will, ist das ein Dilemma.
Bis Mitte
der 90er Jahre vermittelten Entschließungen der UNESCO nicht den
Eindruck, dass Nachhaltigkeit für globale Kulturpolitik substanzielle
Bedeutung zukam. Erst 1998 lesen wir im Aktionsplan über Kulturpolitik
und Entwicklung der zwischenstaatlichen Konferenz in Stockholm
den Kernsatz: "Nachhaltige Entwicklung und kulturelle Entfaltung
sind wechselseitig voneinander abhängig." Und weiter: "Eines der
Hauptziele menschlicher Entwicklung ist die soziale und kulturelle
Selbstentfaltung des Individuums. ... Kulturelle Kreativität ist
die Quelle menschlichen Fortschritts, und kulturelle Vielfalt
ist als naturgegebener Schatz der Menschheit eine substanzielle
Voraussetzung jeder Entwicklung." Schließlich bekräftigt die Konferenz,
dass Kulturpolitik einer der Hauptbestandteile einer in sich gewachsenen
und nachhaltigen Entwicklungspolitik ist und im Sinne eines ganzheitlichen
Vorgehens in enger Abstimmung mit anderen sozialen Feldern realisiert
werden muss.
Damit hatte
die UNESCO begonnen, die kulturelle und kulturpolitische Dimension
in globales Nachhaltigkeitsdenken einzubeziehen. Ein hoffnungsvoller
substanzieller Vorstoß, aus dem sich leider nicht einmal für Johannesburg
langwirkende Folgen ergaben.
Mehr Klagen
als Perspektiven registriert der Weltkulturbericht 2000: Kulturelle
Vielfalt, Konflikt und Pluralismus, der sich mit Problemen
der Globalisierung und der alten These auseinandersetzt, es handle
sich bei Kultur eher um einen Prozess als um ein Produkt:
"The speed of social and economic change often goes counter to
the rhythm of culture ... (therefore) UNESCO has an urgent task
in seeking ways of preserving the languages, customs, arts and
crafts of the communities most vulnerable to sweeping change"
(Vorwort des UNESCO-Generaldirektors Matsuura).
Das umfangreiche
Buch führt zu dieser dringlichen Aufgabe vieles aus, doch von
"sustainable culture development" ist nicht die Rede; Nachhaltigkeit
kommt lediglich als "sustainable pluralism" vor.
Selbst die
hinsichtlich der kulturellen Vielfalt aussagekräftige Pariser
Allgemeine Erklärung (November 2001) leistet keine weiterführende
Definition eines kulturell-ästhetischen Begriffs von Nachhaltigkeit.
Eingangs wird gefordert, die "kulturelle Vielfalt" als "das gemeinsame
Erbe der Menschheit ... zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger
Generationen zu erhalten und weiter zu entwickeln". Das Wort Nachhaltigkeit
erscheint in diesem UNESCO-Kontext nicht, sondern erst am Schluss
des Dokuments in einem Nebensatz. Dort wird erkannt, dass die
Förderung der kulturellen Vielfalt "einen Schlüssel zu einer nachhaltigen
menschlichen Entwicklung" darstellt.
Äußerst befremdlich
ist, dass sich die UNESCO nicht mit einem substanziellen Dokument
zu Kultureller Nachhaltigkeit an dem VN-Weltgipfel für nachhaltige
Entwicklung in Johannesburg beteiligt hat. Ebenso wenig auch
der Europarat, der sich in den 70er und frühen 80er Jahren intensiv
mit dem Schutz der Umwelt und der Entwicklung sozialer und kultureller
Strukturen zur Verbesserung der humanen Lebensverhältnisse politisch
befasst hatte.
Nachhaltige
Entwicklung unter Absehung von Kultur zu denken, hieße sie als
wichtigstes Humankapital ignorieren. Es bedarf eines komplexen
gesellschaftlichen Gesamtkonzepts, in das kulturelle und soziale
Belange gleichgewichtig mit Ökonomie und Ökologie integriert sind.
Kann man sich eine humane Zukunft einer zivilen Weltgesellschaft
überhaupt ohne Vernetzung von Wirtschaft, Umwelt, Technik, Sozialem
und Kultur vorstellen, wenn der Mensch im Zentrum des Zukunftsdenkens
stehen soll? Für das Menschsein ist Kunst von essenzieller Bedeutung.
"Die Kunst ist für unsere Zukunft so notwendig wie das Atmen",
hatte der Futurologe Robert Jungk in seinem Beitrag für die Plädoyers
für eine Neue Kulturpolitik schon 1974 gefordert.
Seit sich
der erweiterte Kulturbegriff in Theorie wie Praxis durchgesetzt
hat und nicht mehr wie zu Beginn des politischen Neuanfangs nach
1945 die Erhaltung des gemeinsamen kulturellen Erbes im Zentrum
steht, gewinnt die kulturelle Dimension als Nachhaltigkeitsfaktor
erhöhte Bedeutung: "Kultur in ihrem weitesten Sinne ist als die
Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen
und emotionalen Aspekte (zu verstehen) ... und schließt ... Lebensformen,
die Grundrechte der Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen
(ein)", hieß es in der grundlegenden Erklärung der Weltkonferenz
über Kulturpolitik der UNESCO 1982 in Mexiko-City. Die "Kultur
ist die Hauptaufgabe des Entwicklungsprozesses" und heute für
den Modernisierungs- und Demokratisierungsprozess unabdingbar.
So ist für die Zukunftsperspektive einer immer enger verflochtenen
Welt und für die Entwicklung interkultureller Kompetenz zur Führung
des Dialogs der Kulturen die "Stärkung der kulturell-ästhetischen
Dimension nachhaltiger Entwicklung" (Tutzinger Manifest, 2001)
eine notwendige Voraussetzung.
Nachhaltigkeit
muss zum Schlüsselbegriff einer Kulturpolitik werden, die sich
als Gesellschaftspolitik begreift, denn für "die Bewältigung der
Zukunftsaufgaben spielen kulturpolitische Strategien eine entscheidende
Rolle". Mit diesem Satz steht die Abschlusserklärung von Arc
et Senans von 1972, die vom Straßburger Europarat initiiert
war, am Beginn einer neuen, einer an den gesellschaftlichen Bedürfnissen
und individuellen Interessen orientierten Kulturpolitik.
So wuchs das
Anliegen von "sustainable development" in der europäischen Kulturpolitik
allmählich zur Leitbildfunktion, bevor es begrifflich in der Agenda
21 seine (umweltpolitische) Premiere hatte: "Sich selbst überlassen
erschöpft industrielles Wachstum die natürlichen Reserven der
Erde und wendet sich schließlich gegen den Menschen"!
Die Notwendigkeit,
kulturpolitische Perspektive zu setzen und damit eine zentrale
Voraussetzung für die zukunftsverträgliche Sicherung der Lebensgrundlagen
zu schaffen, formulierten die Verfasser der Erklärung von Arc
et Senans wie folgt: "Es muss das Recht des Menschen wieder anerkannt
werden, sein Leben eigenständig als sinnvolles zu bestimmen und
in Gemeinschaft mit anderen entsprechend zu gestalten!" ... "Aufgabe
der Kulturarbeit", so heißt es weiter, "ist es daher, alternative
gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen vorstellbar zu machen
und in jedem Individuum den Sinn für das Mögliche zu wecken, das
heißt, es zu befähigen, Krisen nicht auszuweichen ... Kulturarbeit
(muss) jeden Einzelnen wie die Gesellschaft in die Lage versetzen
(mit der Krisensituation) fertig zu werden." Gefordert wird darin,
ohne allerdings den Terminus schon zu benutzen, "nachhaltige"
Politik, die nach der Intention des Dokuments vor allem durch
Kulturpolitik zu leisten sei - und diese komme "ohne ethische
Begründung" nicht aus.
Handlungsrelevant
für die europäische Politik wurden derartige Überlegungen sehr
viel später; wohl erst heute, da ein modernes Fortschrittsmodell,
das ökonomische, soziale, ökologische und kulturelle Ziele umfasst,
in der Europäischen Union unter der Prämisse Kulturverträglichkeit
Wirklichkeit werden soll. Eine wirkungsvolle Verzahnung dieser
Ziele in der Politik der EU ist aber noch nicht gelungen. Um es
ihren politischen Akteuren vorzustellen, könnte die internationale
UNESCO mit globalem Anspruch zur kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit
die Richtung weisen.
PROF.
DR. OLAF SCHWENCKE ist Präsident der Deutschen Vereinigung der
Europäischen Kulturstiftung (ECF) für kulturelle Zusammenarbeit
in Europa und Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut
der Freien Universität Berlin.
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