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unesco heute online
Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 3, März 2003
     
 

Globale Kulturpolitik der Nachhaltigkeit

OLAF SCHWENCKE

Wenn Begriffe Karriere machen, dann bedeutet das, dass Erkenntnisse der geistigen Eliten von Funktionseliten der Gesellschaft zu ihren eigenen gemacht werden. Für den Begriff Nachhaltigkeit trifft das zu. Er ist in aller Munde, am intensivsten seit dem Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg, was allerdings keinen Anlass zu voller Zufriedenheit bietet, auch wenn aus der Sicht der Deutschen UNESCO-Kommission der Begriff nachhaltige Entwicklung "substanzieller ausgefüllt worden (ist) durch drei übergreifende Ziele: Armutsbekämpfung, Änderung von Konsum- und Produktionsformen sowie Schutz und Management der natürlichen Ressourcen für wirtschaftliche und soziale Entwicklung." Dass in Johannesburg auch eine "stärkere Gewichtung von Bildung und Wissenschaft" stattfand, wie Traugott Schöfthaler in seinem Johannesburg-Bericht ( unesco heute online 9/2002) anmerkt, wird gern zur Kenntnis genommen. Doch vergeblich sucht man in den Beschlüssen selbst unter dem häufig benutzten Stichwort Vielfalt die Einbeziehung bzw. Beachtung der kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit. Wie so häufig schon entgeht den Akteuren deren Brisanz als wesentlicher Faktor von Zukunftsfähigkeit. Für das Nachdenken einer Weltgesellschaft, die in Frieden leben will, ist das ein Dilemma.

Bis Mitte der 90er Jahre vermittelten Entschließungen der UNESCO nicht den Eindruck, dass Nachhaltigkeit für globale Kulturpolitik substanzielle Bedeutung zukam. Erst 1998 lesen wir im Aktionsplan über Kulturpolitik und Entwicklung der zwischenstaatlichen Konferenz in Stockholm den Kernsatz: "Nachhaltige Entwicklung und kulturelle Entfaltung sind wechselseitig voneinander abhängig." Und weiter: "Eines der Hauptziele menschlicher Entwicklung ist die soziale und kulturelle Selbstentfaltung des Individuums. ... Kulturelle Kreativität ist die Quelle menschlichen Fortschritts, und kulturelle Vielfalt ist als naturgegebener Schatz der Menschheit eine substanzielle Voraussetzung jeder Entwicklung." Schließlich bekräftigt die Konferenz, dass Kulturpolitik einer der Hauptbestandteile einer in sich gewachsenen und nachhaltigen Entwicklungspolitik ist und im Sinne eines ganzheitlichen Vorgehens in enger Abstimmung mit anderen sozialen Feldern realisiert werden muss.

Damit hatte die UNESCO begonnen, die kulturelle und kulturpolitische Dimension in globales Nachhaltigkeitsdenken einzubeziehen. Ein hoffnungsvoller substanzieller Vorstoß, aus dem sich leider nicht einmal für Johannesburg langwirkende Folgen ergaben.

Mehr Klagen als Perspektiven registriert der Weltkulturbericht 2000: Kulturelle Vielfalt, Konflikt und Pluralismus, der sich mit Problemen der Globalisierung und der alten These auseinandersetzt, es handle sich bei Kultur eher um einen Prozess als um ein Produkt: "The speed of social and economic change often goes counter to the rhythm of culture ... (therefore) UNESCO has an urgent task in seeking ways of preserving the languages, customs, arts and crafts of the communities most vulnerable to sweeping change" (Vorwort des UNESCO-Generaldirektors Matsuura).

Das umfangreiche Buch führt zu dieser dringlichen Aufgabe vieles aus, doch von "sustainable culture development" ist nicht die Rede; Nachhaltigkeit kommt lediglich als "sustainable pluralism" vor.

Selbst die hinsichtlich der kulturellen Vielfalt aussagekräftige Pariser Allgemeine Erklärung (November 2001) leistet keine weiterführende Definition eines kulturell-ästhetischen Begriffs von Nachhaltigkeit. Eingangs wird gefordert, die "kulturelle Vielfalt" als "das gemeinsame Erbe der Menschheit ... zum Nutzen gegenwärtiger und künftiger Generationen zu erhalten und weiter zu entwickeln". Das Wort Nachhaltigkeit erscheint in diesem UNESCO-Kontext nicht, sondern erst am Schluss des Dokuments in einem Nebensatz. Dort wird erkannt, dass die Förderung der kulturellen Vielfalt "einen Schlüssel zu einer nachhaltigen menschlichen Entwicklung" darstellt.

Äußerst befremdlich ist, dass sich die UNESCO nicht mit einem substanziellen Dokument zu Kultureller Nachhaltigkeit an dem VN-Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg beteiligt hat. Ebenso wenig auch der Europarat, der sich in den 70er und frühen 80er Jahren intensiv mit dem Schutz der Umwelt und der Entwicklung sozialer und kultureller Strukturen zur Verbesserung der humanen Lebensverhältnisse politisch befasst hatte.

Nachhaltige Entwicklung unter Absehung von Kultur zu denken, hieße sie als wichtigstes Humankapital ignorieren. Es bedarf eines komplexen gesellschaftlichen Gesamtkonzepts, in das kulturelle und soziale Belange gleichgewichtig mit Ökonomie und Ökologie integriert sind. Kann man sich eine humane Zukunft einer zivilen Weltgesellschaft überhaupt ohne Vernetzung von Wirtschaft, Umwelt, Technik, Sozialem und Kultur vorstellen, wenn der Mensch im Zentrum des Zukunftsdenkens stehen soll? Für das Menschsein ist Kunst von essenzieller Bedeutung. "Die Kunst ist für unsere Zukunft so notwendig wie das Atmen", hatte der Futurologe Robert Jungk in seinem Beitrag für die Plädoyers für eine Neue Kulturpolitik schon 1974 gefordert.

Seit sich der erweiterte Kulturbegriff in Theorie wie Praxis durchgesetzt hat und nicht mehr wie zu Beginn des politischen Neuanfangs nach 1945 die Erhaltung des gemeinsamen kulturellen Erbes im Zentrum steht, gewinnt die kulturelle Dimension als Nachhaltigkeitsfaktor erhöhte Bedeutung: "Kultur in ihrem weitesten Sinne ist als die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte (zu verstehen) ... und schließt ... Lebensformen, die Grundrechte der Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen (ein)", hieß es in der grundlegenden Erklärung der Weltkonferenz über Kulturpolitik der UNESCO 1982 in Mexiko-City. Die "Kultur ist die Hauptaufgabe des Entwicklungsprozesses" und heute für den Modernisierungs- und Demokratisierungsprozess unabdingbar. So ist für die Zukunftsperspektive einer immer enger verflochtenen Welt und für die Entwicklung interkultureller Kompetenz zur Führung des Dialogs der Kulturen die "Stärkung der kulturell-ästhetischen Dimension nachhaltiger Entwicklung" (Tutzinger Manifest, 2001) eine notwendige Voraussetzung.

Nachhaltigkeit muss zum Schlüsselbegriff einer Kulturpolitik werden, die sich als Gesellschaftspolitik begreift, denn für "die Bewältigung der Zukunftsaufgaben spielen kulturpolitische Strategien eine entscheidende Rolle". Mit diesem Satz steht die Abschlusserklärung von Arc et Senans von 1972, die vom Straßburger Europarat initiiert war, am Beginn einer neuen, einer an den gesellschaftlichen Bedürfnissen und individuellen Interessen orientierten Kulturpolitik.

So wuchs das Anliegen von "sustainable development" in der europäischen Kulturpolitik allmählich zur Leitbildfunktion, bevor es begrifflich in der Agenda 21 seine (umweltpolitische) Premiere hatte: "Sich selbst überlassen erschöpft industrielles Wachstum die natürlichen Reserven der Erde und wendet sich schließlich gegen den Menschen"!

Die Notwendigkeit, kulturpolitische Perspektive zu setzen und damit eine zentrale Voraussetzung für die zukunftsverträgliche Sicherung der Lebensgrundlagen zu schaffen, formulierten die Verfasser der Erklärung von Arc et Senans wie folgt: "Es muss das Recht des Menschen wieder anerkannt werden, sein Leben eigenständig als sinnvolles zu bestimmen und in Gemeinschaft mit anderen entsprechend zu gestalten!" ... "Aufgabe der Kulturarbeit", so heißt es weiter, "ist es daher, alternative gesellschaftliche Entwicklungsrichtungen vorstellbar zu machen und in jedem Individuum den Sinn für das Mögliche zu wecken, das heißt, es zu befähigen, Krisen nicht auszuweichen ... Kulturarbeit (muss) jeden Einzelnen wie die Gesellschaft in die Lage versetzen (mit der Krisensituation) fertig zu werden." Gefordert wird darin, ohne allerdings den Terminus schon zu benutzen, "nachhaltige" Politik, die nach der Intention des Dokuments vor allem durch Kulturpolitik zu leisten sei - und diese komme "ohne ethische Begründung" nicht aus.

Handlungsrelevant für die europäische Politik wurden derartige Überlegungen sehr viel später; wohl erst heute, da ein modernes Fortschrittsmodell, das ökonomische, soziale, ökologische und kulturelle Ziele umfasst, in der Europäischen Union unter der Prämisse Kulturverträglichkeit Wirklichkeit werden soll. Eine wirkungsvolle Verzahnung dieser Ziele in der Politik der EU ist aber noch nicht gelungen. Um es ihren politischen Akteuren vorzustellen, könnte die internationale UNESCO mit globalem Anspruch zur kulturellen Dimension der Nachhaltigkeit die Richtung weisen.

PROF. DR. OLAF SCHWENCKE ist Präsident der Deutschen Vereinigung der Europäischen Kulturstiftung (ECF) für kulturelle Zusammenarbeit in Europa und Professor für Politikwissenschaft am Otto-Suhr-Institut der Freien Universität Berlin.
 

 

 

unesco heute online   Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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