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Zukunft
braucht Erinnerung
UNESCO-Urkunde
für Beethovens Neunte Sinfonie
VERENA METZE-MANGOLD
Die Original-Handschrift
der Neunten Sinfonie Ludwig van Beethovens wurde von der UNESCO
im Juni 2001 in das Register des Weltdokumentenerbes "Memory of
the World" aufgenommen. Am 12. Januar 2003 fand im Konzerthaus
am Gendarmenmarkt in Berlin die feierliche Übergabe der UNESCO-Urkunde
statt. Anlässlich des Festaktes hielt die Vizepräsidentin der
Deutschen UNESCO-Kommission Dr. Verena Metze-Mangold die folgende
Rede.
»"Memory
of the World - Das Gedächtnis der Welt" heißt das Programm, mit
dem sich die UNESCO 1992 im Zeitalter digitaler Information und
Kommunikation - neben dem erfolgreichen Programm des Weltkultur-
und Naturerbes, das bereits 30 Jahre besteht - ausdrücklich dem
Weltdokumentenerbe zugewandt hat, das in Archiven, Bibliotheken,
Gedenkstätten und Museen überliefert ist.
Sie hat sich
nicht nur der Sicherung herausragender Werke der Kulturgeschichte
mit Hilfe neuer Techniken verschrieben, sondern auch dem Gedanken
des globalen Zugangs, des "access", durch neue Techniken.
Die herausragenden
kulturellen Zeugnisse sind geistiges Eigentum aller Menschen und
gehören nicht allein den Völkern und Staaten, auf deren Boden
sie entstanden sind oder sich befinden. Sie erhalten mit diesem
Programm deshalb konsequenterweise einen Platz im virtuellen öffentlichen
Raum unserer Welt, der "Public Domain" des Internet.
Je einzigartiger
das kulturelle Objekt, um so universeller seine Gültigkeit - ein
Ansatz, der kulturelle Vielfalt mit Universalität verbindet. Es
ist ein Programm auch medial ganz unterschiedlicher Formen: Komposition
steht neben Handschrift und neben Stummfilm wie "Metropolis".
Zugleich ist
es ein Programm der internationalen Kommunikation über die regional
außerordentlich unterschiedlichen Kulturen: Die Schlussakte des
Wiener Kongresses, die Archive des Warschauer Ghettos oder der
Azteken-Kodex aus Mexiko gehören zum Weltregister. Es ist ein
Programm zum Verständnis der Kultur der anderen und damit der
Reflexion auf das eigene Verständnis.
Das immer
eiligere Überschreiben von historischen Kontexten führt zu Vergessen.
Diese Einsicht gewinnt in der aktuellen Globalisierung eine eigene
Brisanz. Zukunft braucht Erinnerung, braucht das Wissen, auf wie
vielen Schultern heutige Generationen getragen werden.
Gedächtnisorte
sind Phänomene, materiell oder nicht, aus denen menschlicher Wille
Symbole einer Gemeinschaft gemacht hat. Pierre Nora, der französische
Philosoph, ist mit seinem Begriff "Les Lieux de Mémoire", die
Orte der Erinnerung, berühmt geworden. Aber Nora hat vor einer
Überbetonung von Gruppenerinnerung gewarnt. Das Lebensgefühl einer
beschleunigten Geschichte bedinge, dass wir die vergangene Welt
nicht mehr bewohnen, sondern sie erinnernd konstruieren. Gegen
die Geschichte, die erst in den Händen der Mächtigen und dann
der professionellen Historiker lag, habe sich das Erinnern als
subversiver, identitätsstiftender Vergangenheitsbezug der Unterdrückten
gestellt. Doch ein Übermaß an Gruppenerinnerung führe letztlich
zum Egoismus kleinerer Kollektive. Dem Recht auf eigene Erinnerung
will Nora die Pflicht zur Geschichte, zur universellen Geschichte
beigesellt wissen. Das genau tut das UNESCO-Programm "Memory of
the World".
Wie stark
diese Idee bereits im allgemeinen Bewusstsein verankert ist, zeigte
die weltweite Reaktion auf die politisch motivierte Zerstörung
der Buddha-Statuen von Bamyian. Auch Menschen, die noch nie von
diesen Statuen gehört hatten, haben sich mit dieser Kulturleistung
identifiziert und ihren Verlust mit Empörung verfolgt. Die Idee
des gemeinsamen Menschheitserbes ist zu einem Grundmotiv unserer
Vorstellungswelt geworden.
Aber können
Sie sich vorstellen was es heißt, eine Auswahl für ein solches
universelles Programm in einem Staat, erst recht einem föderalen
Staat wie Deutschland zu treffen? Bäte man alle, die gefragt werden
wollten und eigentlich auch sollten - leicht wäre die Beethovenhalle
gefüllt, und eine Entscheidung käme vermutlich nie zustande.
Die 1998 begonnene
Arbeit des Deutschen Nominierungskomitees für das UNESCO-Programm
"Memory of the World" unter Vorsitz von Prof. Dr. Joachim-Felix
Leonhard hat Früchte getragen. Ihm und allen, die diesem Programm
ihren Sachverstand und ihr Engagement zur Verfügung stellen, sei
an dieser Stelle herzlich gedankt.
In seinem
kompositorischen Konzept verfolgte Beethoven insbesondere gegen
Ende seiner Schaffenszeit das Ziel, über Töne und Klang Gefühle
auszudrücken. Sie dienten ihm, dem seit 1819 von völliger Taubheit
gezeichneten Mann, als Sprache. Beethoven schafft mit seiner Musik
nicht eine künstliche Welt, sondern richtet sich mit ihr an die
wirkliche Welt, um sie zum Positiven zu verändern. Die Menschen
haben diese Sprache verstanden.
Die Aufnahme
in das UNESCO-Register verpflichtet die Institutionen, für die
Erhaltung ihres dokumentarischen Erbes zu sorgen und den weltweiten
Zugang mit Hilfe modernster Technologien zu ermöglichen. Die Staatsbibliothek
zu Berlin hat hierfür Sorge getragen und wurde dabei von einem
vorbildlichen Kultursponsoring unterstützt. Die Deutsche UNESCO-Kommission
dankt dafür. Es ist ein Beitrag zum Verständnis der menschlichen
Sehnsucht nach Frieden.
"Truely, we
are nearing the edge of the abyss. Yet, even in the darkest of
hours, there is hope." - "Wahrhaftig, wir nähern uns dem Rand
des Abgrunds. Doch selbst in den dunkelsten aller Stunden gibt
es Hoffnung", sagte der Generalsekretär der Vereinten Nationen
Kofi Annan in einem Rückblick auf das Jahr 2002. Er spricht die
Rat- und Mutlosigkeit an, die einen beschleichen kann angesichts
der neuen Doktrin des Präventivkriegs einer US-Regierung, deren
früherer Präsident Jimmy Carter bei der Verleihung des Friedensnobelpreises
an ihn kürzlich sagte, die Vorstellung, ein Krieg könne einen
anderen verhindern, sei falsch.
"Alle Menschen
werden Brüder", schrieb Schiller in seiner "Ode an die Freude"
für die Loge in Dresden, Beethoven hat das vertont. Dieser idealisierte
Leitgedanke steht synonym für die Sehnsucht der Menschheit nach
einer versöhnten Welt. Lange hat Beethoven gezweifelt, ob er mit
der - musikgeschichtlich erstmaligen - Einbeziehung des gesungenen
Wortes die richtige Lösung für das Finale gefunden hätte. Als
die Zweifel endlich überwunden waren, hat er nach einer Lösung
gesucht, den Einsatz der Singstimmen überzeugend zu motivieren.
Er schrieb:
"Lasst uns das Lied des unsterblichen Schillers singen" - und
verwarf diese Fassung sofort wieder: "Nicht diese Töne, fröhlichere!",
schrieb er. Ja, und diese Fassung ähnelt schon sehr dem schließlichen
Wortlaut: "Oh Freunde, nicht diese Töne! Sondern lasst uns angenehmere
anstimmen, und freudenvollere".
Wir folgen
der Aufforderung Beethovens: Die Staatsbibliothek zu Berlin -
Preußischer Kulturbesitz und das UNESCO-Programm "Memory of the
World" stellen den letzten Satz der Original-Handschrift dieses
Meisterwerks - und, wer weiß, eines Tages vielleicht auch verschiedene
Aufführungen dieser Hymne vieler Nationen - in die öffentliche
Sphäre der Welt, in das Internet.«
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