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Nachdenken
über "Verbotene Worte"
Die Phantastische
Bibliothek in Wetzlar nach dem VN-Jahr zum Dialog zwischen den
Kulturen
JUTTA
VAN HASSELT
Zu den
über 70 Projekten, die für das Internationale Jahr der Vereinten
Nationen 2001 "Dialog zwischen den Kulturen" als offizielle deutsche
Beiträge ausgewählt wurden, gehörte auch die Veranstaltungsreihe
"Die nEUen / Europäische Visionen - literarische und politische
Profile der Beitrittskandidaten zur Europäischen Union" von Oktober
2000 bis Mai 2002. Die Phantastische Bibliothek in Wetzlar hatte
die Reihe, die das Verständnis für den kulturellen Hintergrund
der künftigen EU-Partner aus Mittel-, Ost- und Südeuropa vertiefen
sollte, mit Partnern aus Politik und Wissenschaft organisiert.
Ergebnis ist nun das Folgeprojekt "Verbotene Worte". Partner aus
den "alten" und "neuen" EU-Staaten wollen in einer neuartigen
Lerngemeinschaft Einsichten über die Fallstricke sprachlicher
Begriffe gewinnen, die das gegenseitige Verständnis behindern.
Ein erster Workshop mit Vertretern interessierter Länder und Institutionen
fand am 1. März 2003 in Wetzlar statt.
Drei wichtige
Punkte hatten 40 deutsche Projektakteure in einem Koordinationstreffen
zur Umsetzung des VN-Jahrs zum "Dialog zwischen den Kulturen"
im November 2001 in der Evangelischen Akademie Iserlohn hervorgehoben:
die Überwindung des lediglich nationalen Bezugsrahmens in der
Kulturarbeit hin zu einem echten interkulturellen Ansatz, die
intensive Kommunikation der Projektakteure untereinander und nicht
zuletzt eine Initiativwirkung, die über das VN-Jahr 2001 hinaus
genutzt werden soll. Sie hatten damit über den unmittelbaren Anlass
hinaus wesentliche Kriterien deutscher Beteiligung an VN-Themenjahren
benannt. Die Skepsis, ob Gedenktage, Themenjahre und internationale
Dekaden im System der Vereinten Nationen wegen ihrer großen Anzahl
und zeitlichen Begrenztheit nicht eher Leerlauf erzeugen, ist
weit verbreitet. Gelingt es, den Schwung eines Impulsjahres aufrecht
zu erhalten? An einem Beispiel möchte ich dem nachgehen; vielleicht
ermutigt es andere, über die Weiterführung ihrer Initiativen zu
berichten und so den in Iserlohn geforderten Erfahrungsaustausch
der am VN-Jahr beteiligten Partner zu befördern.
Zu den zahlreichen
Projektakteuren des VN-Jahrs 2001 gehörte auch die Phantastische
Bibliothek im hessischen Wetzlar. Sie hatte gemeinsam mit der
Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, der Europa Union
Deutschland und der Stiftung für liberale Politik die Idee aufgegriffen,
den kulturellen Dialog mit Schriftstellern und Künstlern aus den
Ländern des künftig erweiterten Europas zu vertiefen. Der offizielle
EU-Fahrplan, so die Erkenntnis, kann zwar wichtige institutionelle,
politische und marktwirtschaftliche Kriterien für den Erweiterungsprozess
vorgeben. Bei den Menschen selbst ist das Bewusstsein, künftig
einer noch vielfältigeren Gemeinschaft anzugehören, jedoch noch
nicht weit entwickelt. Geschichte, Traditionen und Kulturen der
Staaten Mittel-, Ost- und Südeuropas sind in der Vorstellung vieler
noch ein ganzes Stück weit entfernt von der auf Brüssel zentrierten
Ursprungs- EU. Der Abbau der immer noch vorhandenen Vorurteile
kann nicht institutionell verordnet, sondern nur als Ergebnis
vieler persönlicher Begegnungen und Arbeitstreffen erreicht werden.
Wer
sind die Neuen in der EU?
Langjährig
engagiert in der Vermittlung der Literaturen Mittel- und Osteuropas
lud die Phantastische Bibliothek in einer ersten Reihe von Oktober
2000 bis März 2001 Schriftsteller und Künstler aus Estland, Polen,
Slowenien, Tschechien, Ungarn und Zypern ein, Einblicke in ihre
Arbeit und in ihr Leben zu geben. Die öffentliche Resonanz war
so groß, dass sich eine zweite, erweiterte Runde von Oktober 2001
bis April 2002 anschloss. Nicht nur in Wetzlar, auch in anderen
hessischen Städten stellten sich Monat für Monat Autoren und Künstler
aus Bugarien, Lettland, Litauen, Malta und der Slowakei vor. Aus
ihrer ganz persönlichen Sicht, ohne den Anspruch, das jeweilige
Land in allen Facetten darzustellen, schilderten die Gäste die
politischen und kulturellen Veränderungen, lasen aus eigenen Texten
und stellten sich der Diskussion mit dem Publikum. Landeskundliche
Informationen und Ausstellungen zeitgenössischer Künstler machten
beide Reihen ebenso lebendig wie informativ. Viele neue Kontakte
wurden geknüpft, überraschende Einsichten in weniger vertraute
europäische Profile gewonnen. Der Phantastischen Bibliothek gelang
es aufgrund ihrer langjährigen Kontakte mit der Litauischen Nationalbibliothek,
in Anknüpfung an die Wetzlarer Veranstaltungsreihe die hierzulande
noch wenig bekannte Literatur aus Litauen auf der Frankfurter
Buchmesse 2002 zu präsentieren.
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Die
Phantastische Bibliothek Wetzlar
Auf
einer verkehrsumfluteten Insel mitten in der Stadt
Wetzlar sitzt auf einer Hauswand ein grüner Drachen,
der in ein Buch vertieft ist. Der Drachen ist das
weithin sichtbare Symbol der Phantastischen Bibliothek.
Sie wurde 1989 von dem Wetzlarer Science-Fiction-Autor
Thomas Le Blanc als erste Einrichtung dieser Art in
Deutschland gegründet und ist heute dem Magistrat
der Stadt Wetzlar angegliedert. Die Stiftung Phantastik
und ein Förderverein unterstützen die Bibliothek.
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Die
Phantastische Bibliothek verfügt über die weltweit größte
öffentlich zugängliche Sammlung phantastischer Literatur.
Der Bestand umfasst rund 118.000 Titel, nicht nur Bücher,
sondern auch Heftromane, Zeitschriften, Fachmagazine, wissenschaftliche
Schriftreihen und Sekundärliteratur. Die Bibliothek sammelt
alles, was den phantastischen Literaturgenres (Märchen,
Sagen/Mythen, phantastische Reise- und Abenteuerliteratur,
utopischer Roman, klassische Phantastik und Fantasy, Science
Fiction) im weitesten Sinne angehört. Die Präsenzbibliothek
kann von jedermann genutzt werden. Die Phantastische Bibliothek
kooperiert mit Schulen, Universitäten und Literaturgesellschaften.
Über die Sammlungstätigkeit hinaus ist sie eine für alle
offene kulturelle Anlaufstelle mit einem Zentrum für Literatur
und einer interkulturellen Begegnungsstätte mit bundesweiten
und internationalen Kontakten. Im Sinne der Literaturvermittlung
und Leseförderung veranstaltet sie Tagungen, Lesungen und
Vorträge. Die alljährlichen "Tage der Phantastik" (jeweils
1. Woche im September) werden mit der Verleihung des Phantastik-Preises
der Stadt Wetzlar verbunden. Seit Jahren pflegt die Bibliothek
in ihren Buchbeständen und Begegnungswochen insbesondere
die in Deutschland noch wenig bekannte Literatur Mittel-
und Osteuropas. Die kulturelle Verständigung innerhalb des
künftig erweiterten Europas soll über die aktive Beteiligung
am Internationalen Jahr der Vereinten Nationen 2001 zum
"Dialog zwischen den Kulturen" hinaus einen langfristigen
Bezugsrahmen für die Phantastische Bibliothek in Wetzlar
bilden.
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Auch die Türkei
als politisch umstrittener Beitrittskandidat war ein Monatsschwerpunkt
in der Wetzlarer Reihe. Jenseits der politischen Beitrittsdebatte
wollten die Veranstalter das Land auf zwei Kontinenten als Schnittpunkt
zwischen Orient und Okzident bekannter machen. Hannelore Marzi,
Herausgeberin und Übersetzerin von Märchen aus den Kulturen Europas
und des Vorderen Orients und selbst ausdruckstarke Märchenerzählerin,
brachte den Reichtum türkischer Kultur, ihre Mythen und Märchen
nahe. Sie vertiefte diesen Einstieg später noch bei einem Lyrik-
und Märchenabend für den türkischen Dichter Nazim Hikmet im November
2002 in Wetzlar, bei dem die Phantastische Bibliothek ebenfalls
Mitveranstalter war. Aus Anlass seines 100. Geburtstags im Januar
2002 hatte die UNESCO einen weltweiten Gedenktag für den Erneuerer
der türkischen Lyrik ausgerufen, der als politischer Dichter in
seiner Heimat verfemt und inhaftiert worden war. Sein Werk gehört
heute zur Weltliteratur, in Deutschland ist er noch wenig bekannt.
Das
VN-Label als Ermutigung für ein Folgeprojekt
Die Phantastische
Bibliothek hat es als große Auszeichnung empfunden, mit ihrem
für eine kleine Institution groß angelegten Projekt ein Teil deutscher
VN-Beteiligung zu werden. Eine stärkere Einbindung in die deutsche
Zusammenarbeit mit der UNESCO ist ihr ein wesentliches Anliegen.
Das "VN-Label", so die Leiterin der Phantastischen Bibliothek,
Bettina Twrsnick, habe der Bibliothek, die für ihre Sonderveranstaltungen
auf Fremdmittel angewiesen ist, in staatlichen Institutionen und
bei vielen Ansprechpartnern "Türen geöffnet". So sollte es nicht
bei der Veranstaltungsreihe zum kulturellen Dialog mit den EU-Beitrittsländern
bleiben. Die
über das VN-Jahr hinausgehende Initiativwirkung zeichnet sich
alsbald ab.
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Der
Science-Fiction-Autor Thomas Le Blanc, Gründer der
Phantastischen Bibliothek Wetzlar, und die Bibliotheksleiterin
Bettina Twrsnick
Foto:
Ruth Viehmann
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Im Februar
2002 war die in Berlin lebende bulgarische Autorin Tsveta Sofronieva
Gast in Wetzlar. Sie gab Einblick in ihre Gedichte und Erzählungen,
die sich aus ihrer eigenen Biografie einer literarischen Wanderin
zwischen zwei europäischen Welten nährt. Ihre Anthologie "Kirschen
und Kanonen - Verbotene Worte" versammelt Beiträge europäischer
Autoren, die in subtilen, teils gebrochen-ironischen Gedichten
und Prosatexten zeigen, wie unterschiedlich historisch und kulturell
Begriffe besetzt sein können und mit welchen Tabus der jeweilige
Wortgebrauch belastet ist. Für Deutschland wären dies aus der
Erfahrung der bulgarischen Autorin beispielsweise: Heimat, Nation,
Volk. Ohne das Wissen um diese Wortbesonderheiten, so Sofronieva,
kann es keine wirkliche Verständigung geben. Sie ist überzeugt:
Die Annäherung, das "Schwimmen in neuen Sprachen" vermag über
Literatur zu gelingen. "Aber die interkulturelle und auch literarische
Kommunikation sogar innerhalb Europas ist durch ganz unterschiedliche
Erfahrungen oft sehr erschwert, was in den kulturhistorischen
Verboten und Belastungen der Sprache am deutlichsten wird." Bereits
in einer Veranstaltung des Goethe-Instituts Sofia im Herbst 2002
"Die Wörter: Kluft oder Brücke" war dieser Ansatz auf große Resonanz
gestoßen.
Nach der Wetzlarer
Veranstaltung entwickelte sie gemeinsam mit der Phantastischen
Bibliothek die Idee, den innereuropäischen Dialog zu den "verbotenen
Worten" weiter zu führen. Geplant ist eine fünfjährige Projektreihe.
Zum Auftakt fand am 1. März 2003 in Wetzlar in Zusammenarbeit
mit der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung ein Workshop
mit etwa 25 Vertretern interessierter Länder und Institutionen
statt, die bereit sind, aktiv Projekte zu gestalten oder als Multiplikator
für diese zu werben. Die Universitäten Bratislava, Prag, Paris
und Leipzig, der Klett-Cotta Verlag in Stuttgart, der Hessische
Rundfunk, das Herder-Institut in Marburg und der Literatursalon
Berlin waren vertreten.
In der Diskussion
über die Projektziele und die mögliche Ausgestaltung wurde deutlich:
Es geht in erster Linie darum, eine sprachlich-kulturelle Analyse
von beispielhaften Begriffen zu leisten, die das Verstehen behindern.
Dabei soll es weder um die unlösbare Aufgabe einer vollständigen
"Tabu-Worte-Liste" noch um die Formulierung eines erweiterten
europäischen Werte-Kanons gehen. Unterschiedliche Interpretationen
können und sollen vielmehr stehen bleiben. Jedes beteiligte Land
soll seinen Beitrag als "Projektmodul" eigenständig organisieren
und finanzieren. Die bei der Veranstaltung vertretene Europaabteilung
der Hessischen Staatskanzlei wies darauf hin, dass die Europäische
Union auf Antrag Fördermittel für Projekte zum Thema Osterweiterung
zur Verfügung stellt, und bot Beratung zum Antragsverfahren an.
Zudem sind alle potenziellen Projektpartner eingeladen, die schon
bestehende unabhängige Internet-Plattform für interdisziplinäre
Forschung im Bereich Mittel- und Osteuropa "Kakanien revisited"
( www.kakanien.ac.at)
zu nutzen und einschlägige Texte und Veranstaltungshinweise zum
Thema "Verbotene Worte" dort kostenlos zu veröffentlichen.
Alle Projektmodule
sollten möglichst interdisziplinär angelegt sein und können von
universitären Ringvorlesungen, über kontinuierliche Zeitschriftenveröffentlichungen,
Rundfunksendungen, mehrsprachige Verlagsprojekte, Ausbildungs-Workshops
für Historiker, Journalisten und Übersetzer, bis hin zu Autorenlesungen
und Fachtagungen reichen. Das neu gegründete Netzwerk Europäische
Kommunikation der Vereinigung "European Journalists" in Frankfurt
will ein mehrsprachiges Journalistenportal zum Austausch und zur
praktischen Zusammenarbeit von Journalisten in Europa schaffen.
Die Integration der neuen Beitrittsländer gehört naturgemäß dazu.
Das neu geschaffene Dach bietet gute Chancen für eine übergreifende
Vernetzung schon bestehender Medienaktivitäten, die sich in das
Projekt "Verbotene Worte" einfügen.
Das bereits
konkret geplante literarische Projekt-Modul der Phantastischen
Bibliothek Wetzlar soll im Laufe des Jahres 2003 in der inhaltlichen
Konzeption von Tzveta Sofronieva anlaufen. Monatlich sollen dialogische
Lesungen mit Autoren aus je zwei Ländern West- und Osteuropas
stattfinden, die von einem hessischen Politiker moderiert werden.
Die Konzeption ist zur Übernahme durch andere Partnerinstitutionen
offen.
Bei der UNESCO
steht der Dialog zwischen den Kulturen auch weiterhin ganz oben
auf der Agenda. Die Deutsche UNESCO-Kommission hat bei ihrer 62.
Hauptversammlung im November 2002 den Wert interregionaler und
internationaler "Lerngemeinschaften" unterstrichen, in denen das
voneinander und miteinander Lernen im Vordergrund steht. Das Wetzlarer
Folgeprojekt zum VN-Jahr könnte ein Beispiel dafür sein.
JUTTA VAN
HASSELT ist freiberufliche Autorin und Übersetzerin. Sie hat im
Auftrag der Deutschen UNESCO-Kommission an dem Workshop "Verbotene
Worte" der Phantastischen Bibliothek am 1. März 2003 in Wetzlar
teilgenommen.
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Weitere
Informationen (Tagungsprotokoll/Thesenpapier) bei:
Bettina Twrsnick (Bibliotheksleiterin), Phantastische Bibliothek
Wetzlar, Friedrich-Ebert-Platz 3, 35578 Wetzlar.
Telefon: 06441/99793, Fax: 06441/99794, E-Mail: phbiblwz@wetzlar.de
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