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Online-Magazin der Deutschen UNESCO-Kommission
Ausgabe 3, März 2003
     
 

Götterfunken im Gedächtnis der Menschheit

Beethovens 9. Sinfonie ist Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO

EVA HUNDSNURSCHER

Kein zweites Werk der sinfonischen Literatur hat eine so breite Rezeptionsgeschichte entfaltet wie Ludwig van Beethovens Neunte Sinfonie. Ihre Wirkung reicht weit über den musikalischen Bereich hinaus. Das Autograph der Sinfonie ist im Juni 2001 in die Liste des Weltdokumentenerbes "Memory of the World" der UNESCO aufgenommen worden. Mit einem beeindruckenden Festakt feierte die Staatsbibliothek zu Berlin am 12. Januar 2003 die Urkundenübergabe.

Die Neunte Sinfonie, zwischen 1822 und 1824 entstanden, ist Höhepunkt des kompositorischen Schaffens Ludwig van Beethovens und hat die internationale Musikgeschichte nachhaltig beeinflusst. Das grandiose Chorfinale mit Schillers "An die Freude", in dem Beethoven zum ersten Mal in einer Sinfonie die menschliche Stimme einsetzt, ist zu einer zeitlosen grenzüberschreitenden Hymne geworden, zu einer Metapher für weltweite Verständigung durch große Kunstmusik.

 

Autograph der Neunten Sinfonie Beethovens

Foto © Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Das Autograph der Partitur der 9. Sinfonie liegt größtenteils in der Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz, teilweise im Beethoven-Haus in Bonn und in der Bibliothèque Nationale in Paris. Im Konzerthaus am Gendarmenmarkt in Berlin veranstaltete nun die Staatsbibliothek ein "Memory of the World"-Konzert: Die Philharmonie der Nationen - ein weltweiter Zusammenschluss junger Nachwuchskünstler - und der Kaunas State Choir mit den Solisten Cheryl Studer (Sopran), Anke Vondung (Mezzosopran), Christian Elsner (Tenor) und Michail Schelomianski (Bass) führten unter der Leitung von Justus Frantz die "Sinfonie Nr. 9, d-moll, op.125" vor 1.400 Gästen auf.

Nach dem Konzert überreichte Verena Metze-Mangold, Vizepräsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, die Urkunde an Graham Jefcoate, Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin. Gabriele von Halem, stellvertretende Leiterin der Bildungs- und Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, und Bundestagspräsident Wolfgang Thierse sprachen Grußworte. Anwesend war auch der Direktor des Beethoven-Hauses in Bonn, Andreas Eckhardt, dessen Teile des Autographen gleichzeitig mit denen der Staatsbibliothek zu Berlin in das Register aufgenommen worden waren. Im Rahmen des Festaktes wurde das kostbare, der Öffentlichkeit sonst nicht zugängliche Originaldokument ausgestellt.

Das Konzert und die Urkundenüberreichung fanden ein breites Presseecho im In- und Ausland. ARD, ZDF und n-tv berichteten an prominenter Stelle über das Konzert. 3sat zeichnete den gesamten Festakt auf.

 

"Memory of the World" - Konzert in Berlin

Foto © Staatsbibliothek zu Berlin - Preußischer Kulturbesitz

Nach Aufführung der Neunten Sinfonie fand eine Versteigerung eines Faksimiles der Sinfonie zu Gunsten der Staatsbibliothek statt. Der Erlös wird zur Restaurierung von Musikautographen genutzt. Die Firma Montblanc International, Gründungssponsor der Philharmonie der Nationen und mit zahlreichen Aktivitäten seit vielen Jahren der Förderung von Kunst und Kultur verpflichtet, hatte den von der Staatsbibliothek veranstalteten Festakt großzügig unterstützt.

Dokumentarisches Erbe als Spiegel kultureller Vielfalt

Das Memory of the World-Programm zum Erhalt des dokumentarischen Erbes der Menschheit wurde 1992 von der UNESCO ins Leben gerufen. Es verfolgt zwei Ziele: erstens den weltweiten Zugang zu kulturell bedeutsamen und historisch wichtigen Dokumenten und zweitens die Sicherung des dokumentarischen Erbes vor Gedächtnisverlust und Zerstörung. Entstehen soll ein "Weltregister des Memory of the World" in Gestalt eines universalen digitalen Netzwerkes mit ausgewählten herausragenden Dokumenten: wertvolle Buchbestände, Handschriften, Partituren, Unikate, Bild-, Ton- und Filmdokumente.

Für die Umsetzung dieses Programms in Deutschland hat die Deutsche UNESCO-Kommission 1999 ein Nominierungskomitee berufen. Aufgabe dieses Gremiums ist die Erarbeitung, Prüfung und Bewertung deutscher Vorschläge für die Aufnahme in das Weltregister. Den Vorsitz hat Joachim-Felix Leonhard, Generalsekretär des Goethe-Institut Inter Nationes.

Deutsches Weltdokumentenerbe

Zur Zeit gibt es fünf deutsche Einträge im Register des Weltdokumentenerbes, aufgenommen 1999 und 2001. Bereits am 8. November 2001 fand die Urkundenüberreichung an die Friedrich-Wilhelm-Murnau Stiftung in Frankfurt statt, deren rekonstruierte, restaurierte und digitalisierte Fassung von Fritz Langs Stummfilm-Klassiker "Metropolis" zum Register gehört.

In Göttingen wurde am 1. Februar 2002 die Urkunde für die Göttinger Gutenberg Bibel überreicht, die in der Niedersächsischen Staats- und Universitätsbibliothek in Göttingen verwahrt wird, und am 24. September 2002 in Weimar die Urkunde für den Goethe-Nachlass an die Stiftung Weimarer Klassik.

Die Sammlung ältester Tondokumente traditioneller Musik von 1893-1952 auf Edison-Zylinder des Berliner Phonogramm-Archivs wurde bereits 1999 als einzigartiger Bestand historischer Tonaufnahmen und als erster deutscher Beitrag in das Weltregister der UNESCO aufgenommen.

Das Weltregister

Derzeit befinden sich 69 Dokumente auf der Liste, unter anderem die Dokumente des Wiener Kongresses, die Kolonialarchive Benins, Senegals und Tansanias, der Azteken-Codex in Mexiko, die Annalen der Choson-Dynastie in Korea und die Archive des Warschauer Ghettos.

Auf seiner letzten Sitzung vom 27. bis 29. Juni 2001 hat das International Advisory Committee (IAC) der UNESCO für das Memory of the World-Programm verschiedene Änderungen der Richtlinien beschlossen. So sollen von jetzt an nur noch zwei Anträge pro Biennium je Mitgliedstaat eingebracht werden. Die Selbstverpflichtung der Institutionen, den Erhalt des Dokuments zu sichern und es für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, wurde erneut betont.

Der Erfüllung dieser Anforderung hat sich auch die Staatsbibliothek zu Berlin verschrieben und stellte im Rahmen des Festaktes die digitalisierte Fassung des Finales der Neunten Sinfonie vor. Ziel ist es, die gesamte Sinfonie im Internet zugänglich zu machen. Die Internetadresse, unter der der bereits digitalisierte Teil eingesehen werden kann, lautet: http://beethoven.staatsbibliothek-berlin.de. Auch das Beethoven-Haus in Bonn arbeitet an einer Digitalisierung, deren Fortschritte unter http://www.beethoven-haus-bonn.de verfolgt werden können.

Für die nächste Sitzung des IAC 2003 reichte die Deutsche UNESCO-Kommission im Dezember 2002 einen neuen deutschen Antrag ein: die Reichenauer Handschriften. Nominiert wurde nicht ein Einzelstück, sondern eine Gruppe von Handschriften, die sich an verschiedenen Orten befinden. Nur einmal im Mittelalter hatte die höchste Schule der Buchmalkunst ihren Mittelpunkt in 'Deutschland'. Die Blütezeit der Buchmalerei im Kloster auf der Insel Reichenau im Bodensee war zwischen 970 und 1050. Aus dieser Zeit gibt es circa 30 Exemplare im Ausland und 22 in Deutschland, aus denen sieben Exemplare ausgewählt wurden, drei aus dem Besitz der bayerischen Staatsbibliothek, zwei aus Bamberg, weitere aus Aachen, Darmstadt und Trier. Der Antrag wurde von der bayerischen Staatsbibliothek erarbeitet. Sie übernimmt damit eine Koordinierungsrolle für die Nominierung. Das IAC wird auf seiner Sitzung vom 12. bis 14. Juni 2003 in Gdansk, Polen, über die neuen Anträge entscheiden.

EVA HUNDSNURSCHER ist Projektassistentin für Welterbe bei der Deutschen UNESCO-Kommission.
  

Beethovens 9. Sinfonie - Weltdokumentenerbe digitalisiert

Staatsbibliothek zu Berlin http://beethoven.staatsbibliothek-berlin.de

Beethoven-Haus, Bonn http://www.beethoven-haus-bonn.de

UNESCO http://www.unesco.org/webworld/mdm/2001/eng/germany/beethoven/intro.html


    
 

 

unesco heute online   Redaktion: Dieter Offenhäußer / Kurt Schlünkes
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