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Vorbemerkung
Der Versuch, mir die Frage zu beantworten, von welchen Voraussetzungen es abhängt, wenn Menschen überzeugt sind, etwas oder gar die Welt "zu verstehen", war immer schon der Hintergrund meiner erkenntniskritischen Untersuchungen, also gewissermaßen ihr Ziel. Man könnte auch sagen: ich wollte wissen, von welchen Prämissen menschliche Urteile abhängen, welche Maßstäbe menschliches Denken implizit und explizit benutzt. Eine erste Deutung habe ich mit dem Aufsatz "Was uns veranlaßt, eine Aussage für 'wahr' zu halten" vorgelegt (Text II/4). Daneben bewegte mich von Anfang an die damit verbundene Frage, durch was die Rationalität von wissenschaftlichen Aussagen gesichert werden kann. Um mich hier in Fragen der wissenschaftlichen Methode und Geltung nicht zu wiederholen, verweise ich auf die Texte zur Wissenschaftstheorie in Teil I/A dieser Homepage.
Aber erst jetzt, nach zahlreichen Abhandlungen zur Physik und Kosmologie, zur Philosophie und Gehirnforschung, zur Biologie und Evolution, fühle ich mich in der Lage, ein zusammenhängendes Resultat vorlegen zu können. Der Zusammenhang wird dabei durch die nunmehr gefundene Definition des Lebens gegeben, die seine Strategie beschreibt. Ansonsten geht der Text inhaltlich nur wenig über die in den übrigen Beiträgen verstreuten Einsichten hinaus und macht sie daher nicht überflüssig. Wiederholungen wird es nur in Form von bekannten Beispielen, vor allem aus der Wissenschaft geben. Eine Zusammenstellung von Ergebnissen meiner Studien hatte ich bereits in dem Aufsatz "Die Subjektivität meistern", am Ende von Teil II, zu geben versucht, auf die ggf. zurückgegriffen werden könnte.
Als Erstes geht es um die Frage nach dem Charakter unseres Erkennens und Wissens und damit um deren Verhältnis zur Realität. Mit der Macht, die uns durch den sich ausweitenden wissenschaftlich-industriellen Komplex ständig zuwächst, wird das Verhältnis zur Realität uns immer mehr zur Schicksalsfrage.
Inhalt:
Motto, Vorbemerkung
1. Die biologische Grundannahme
2. Der Charakter des Lebens
3. Ein alternativer Ansatz: das prinzipielle Nichtwissen
4. Wissen als Mischung
5. Die Mittel der Aneignung des Fremden in der Kognition
5.1 Die antagonistischen Wertungen
5.2 Der Attributationsmechanismus
5.3 Das Erinnerungsvermögen
5.3.1 Der Bewegungseindruck
5.3.2 Das Zeiterkennen
5.4 Das Herstellen von Relation und eines Reichs des Möglichen
6. Sind Daten schon Informationen?
7. Stufen der Weisheit
8. Das Maß aller Dinge
9. Was ist Wahrheit? Was geschieht beim Denken?
10. Wie entsteht Verständnis?
11. Über das Selbst-Verständliche
Zum Thema Neurophilosophie
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Nach allem, was wir über das Leben und den kognitiven Apparat wissen, ist es vernünftig, ihn als einen integralen Teil des lebendigen Systems anzusehen. Das dürfte bei der Mehrheit der Naturwissenschaftler kaum strittig sein. Etlichen von ihnen wird es jedoch schwerfallen, mir zuzustimmen, wenn ich sage, daß der kognitive Apparat auch nach der Art und Weise des lebendigen Systems funktioniert, obwohl das die naheliegendste Annahme ist, die keiner weiteren Begründung bedarf. Wir hätten es daher mit einem durch Erfahrung gut abgesicherten Grund-Satz und seinem naheliegendsten Folgesatz zu tun:
Sofern es gelingt, bei Beachtung dieser beiden Axiome, die Weise des Verstehen konsistent verständlich zu machen, hätten wir es mit einer biologischen Erkenntnistheorie zu tun. Man könnte sie auch eine biologische Theorie des Verstehens nennen. Aber um Mißverständnisse erst gar nicht aufkommen zu lassen: sie ist keine Naturalisierung der Kognition, kein Biologismus, will sie doch gerade zeigen, welchen eigenen Bedingungen das Erkennen folgt, auch wenn es dabei nach der Weise des Lebendigen vorgeht, d. h. seine Strategie benutzt, weil ja der kognitive Apparat zum Leben gehört.
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2. Der Charakter des Lebens
Die genannten Grund-Sätze würden uns aber bei dem Versuch, das Verstehen des Lebendigen zu verstehen, allein noch nichts nützen, wenn wir nicht wissen, welches die grundlegende Weise des Lebendigen ist. Hier kann ich jedoch auf meinen vorhergehenden Text III/2 über die Genese des Lebens zurückgreifen und die m. E. allgemeingültigste Definition von Leben - welche die Strategie des Lebendigen beschreibt - als weiteres Axiom übernehmen:
Das Leben zeichnet sich also dadurch aus, daß es, ganz egozentrisch, das Fremde zum Eigenen machen kann. Das können wir tagtäglich physiologisch an uns selbst beobachten. Ganz gleich, was wir essen, so bleiben wir trotzdem immer Menschen, so wie der Löwe nicht zum Springbock wird, wenn er von solchen lebt. Nichts ist daher so falsch wie der Satz. "Der Mensch ist, was er ißt." Was nicht zum Erhalt und Aufbau des eigenen Lebens gebraucht wird, wird einfach ausgeschieden. Trotzdem ist weder der Stoffwechsel, noch die Zelle die charakteristischste Lebenserscheinung, sondern die Fähigkeit zur Replikation der eigenen Struktur, wie dies ja schon bei der Nahrungsverarbeitung und Wundheilung sich zeigt. Dies besagt ja auch das Autopoiese-Konzept der beiden chilenischen Biologen Maturana und Varela. Doch es beschreibt nur das Resultat des biologischen Vorgehens, nicht jedoch dessen Art und Weise, um die es mir hier geht.
Viren sind Zellparasiten ohne eigenen Stoffwechsel und vermehren und verbreiten sich in ihren Wirtszellen, d. h. sie nutzen den Stoffwechsel ihres Wirts und veranlassen ihn, seine Strukturen zu ihrer eigenen zu machen. Ebenso verhält es sich bei den Prionen, die einem fremden Eiweiß ihre Faltung aufdrängen. Dieses Prinzip der Anverwandlung des Fremden in das eigene gilt auf allen Ebenen der Lebenserscheinungen, gerade auch für das Lernen: auch jede Erziehung, jede Lehr- und Bekehrtätigkeit ist der Versuch, fremdes Verhalten und anderslautende Überzeugungen dem eigenen Verhalten bzw. der eigenen Überzeugung anzuverwandeln. Auch dieser Aufsatz hier ist natürlich ein solcher Versuch.
Wir verstehen also nicht so viel von der Natur, weil wir ein Teil von ihr sind, wie Biologen so schön einleuchtend sagen, sich darauf verlassen wollend, daß die Dinge schon so sein werden, wie sie sich uns zeigen. Aber auch ein Stein ist ein Teil der Natur. Trotzdem wird wahrscheinlich kein Epistemologe ihm ein reiches Naturverständnis bescheinigen wollen. Sondern wir verstehen soviel von der Natur (und anderen Dingen), weil wir soviel zu einem Teil von uns machen können, weshalb wir dann meinen, sie zu verstehen. Diese Fähigkeit der Anverwandlung des Fremden in das Eigene ist es, die Lebewesen von Steinen unterscheidet.
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4. Wissen als Mischung
Das Wissen ist kein Abbild der Welt und somit ihre Verdoppelung, die überhaupt nichts erklären würde, denn das Duplikat bliebe uns so fremd, wie das Original. Etwas erklären heißt ja, es dem eigenen Verständnis erschließen, d. h. eine Relation zwischen sich und dem Fremden herzustellen, um mit ihm zurechtzukommen.
Es gibt also das Eigene, das Fremde und die Mischung von beiden, als eine stabile Durchdringung, die eine neue, emergente Qualität ergibt, die weder rein subjektiv, noch rein objektiv ist. Ich vertrete also einen interpretativen Realismus mit annexionistischen Charakter. In ihm ist Wahrnehmen und Wissen keine schlichte Abbildung einer von uns unabhängigen Realität - eine bequeme Annahme, mit der sich viele Naturwissenschaftler noch immer zufrieden geben und die sie in die Irre führt, sobald sie zu theoretisieren beginnen. Wissen ist vielmehr ein Drittes, Mittleres, Welt an die eigenen Fähigkeiten und Interessen Vermittelndes, bestehend aus objektiven und subjektiven Elementen, die ein Bild der Welt ergeben, das geeignet ist, mit ihr mental und real umgehen zu können. Unser Weltbild muß nicht nur zur Welt "passen", wie der hypothetische Realismus der von Biologen entwickelten Evolutionären Erkenntnistheorie (EE) besagt, sondern es muß genauso zu den kognitiven Fähigkeiten des lebendigen Systems passen, wenn es wirklich eine brauchbare Relation zwischen beiden herstellen will, was eigentlich Biologen am wenigsten übersehen sollten. Die philosophische Skepsis opfernd, verlassen sich leider auch viel zu viele von ihnen darauf, daß die Evolution, wie ein allgütiger Gott, schon dafür gesorgt haben wird, daß die Dinge so sein werden, wie sie uns erscheinen, denn es kann ja nicht Gottes (oder der Evolution) Absicht sein, uns zu täuschen, wie Descartes scheinbar plausibel erläuterte.
Aber täuschen tun wir uns notwendig selbst! Und wir täuschen uns nochmals, wenn wir meinen, die Täuschung verdrängen zu können. Je mehr ich von der EE lese, umso mehr erscheint sie mir, bei allen Verdiensten, als der gigantische verzweifelte Versuch von Wissenschaftlern, durch scheinobjektive Aussagen den naiven Realismus rechtfertigen zu wollen, als ein naturnotwendiges Produkt, das dadurch seine Richtigkeit garantiert. Aber die ganze menschliche Geistesgeschichte, mit ihren immer wieder wechselnden, unzähligen und unvereinbaren Weltbildern, beweist eben, daß es kein naturnotwendig sich ergebendes Weltbild gibt. Natürlich ist nur, daß jede Generation glaubt, das "wahre" Weltbild zu haben, wobei dieses jedoch zugleich von Person zu Person verschieden ist, was auch damit zu tun hat, daß es aus immunologischen Gründen keine zwei genetisch gleichen und damit auch gleichbegabten Individuen gibt, wenn wir von eineiigen Zwillingen und Mehrlingen absehen. Daher können wir eigentlich nur sicher sein, daß Weltbilder zuersteinmal der Spiegel offensichtlich sehr unterschiedlicher mentaler Fähigkeiten, ihrer jeweiligen Reife und der aus dem sozialen Umfeld kommenden Beinflussungen sind, oder wie der das Dasein webende Geist in Goethes "Faust" zu dem darob zutiefst erschütterten Faust sagt: "Du gleichst dem Geist, den du begreifst, nicht mir!" Es ist völlig unerfindlich, was den Menschen dazu gebracht haben könnte, das Maß aller Dinge nicht an sich selber zu nehmen, wo es doch zugleich so einfach und vorteilhaft für ihn ist, will man nicht einen Allmächtigen bemühen, der Gaben gönnerhaft nach Belieben verteilt.
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Auch wenn unsere Objektivität mehr als zweifelhaft ist, halte ich es trotzdem für möglich, unser Erkennen und Wissen zu objektivieren, da uns ja die verfälschenden subjektiven Mittel nicht ganz unbekannt sind. So können wir als Subjekte die Subjektivität zwar nicht ablegen, aber wir können sie meistern (Text II/10), denn durch Selbstbeobachtung und durch die Gehirnforschung (Text II/6 und 7) können wir durchaus wissen, welches die Verstandesmittel sind, die wir ins Kalkül stellen müssen, sollen Aussagen das Prädikat "wissenschaftlich" verdienen. Hier werden, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, die wichtigsten kognitiven Mittel, die eben keine biologischen sind, zur Aneignung des Fremden zusammengestellt, wie sie sich in meinen bisherigen Untersuchungen zeigten. Sie mögen für den Leser auch Anregung sein, selbst nach solchen Wegen des Denkens Ausschau zu halten.
5.1 Die antagonistischen Wertungen
Ganz generell kann man sagen, daß sich alles Wahrnehmen und Denken auf antagonistischen Skalen bewegt, mit denen wir die Erscheinungen nach ihrem Eindruck bewerten. Ganz sicher hat das Sehen einst mit Hell-Dunkel-Unterscheidungen begonnen, bevor es, zur besseren Kontrastierung, die Umsetzung der Lichtreize in Farben erfand. Und dieses Schwarz-Weiß-Sehen als Mittel, die Phänomene zu bewerten, spielt auch im menschlichen Denken eine große Rolle. Die Fraglichkeit dieser Denkweise hat meines Wissens als erster Parmenides untersucht (Text II/5, Quellen dort). Durch den Mund der namenlosen Göttin läßt Parmenides sagen, wie es zu den "Meinungen der Sterblichen, denen keine wahre Verläßlichkeit innewohnt" kommt und wollte sie keineswegs verbreiten, wie sein Text auch gelesen wird: Meinungen entstehen, weil der Mensch antagonistische Unterscheidungen trifft, die nicht in der Sache selber liegen. Jeder kennt dieses in uns angelegte Wahrnehmen und Denken in Gegensätzen, dieses Schwarz-Weiß-Sehen, das uns zu einseitigen Urteilen verführt, die uns im Privaten wie im Politischen soviel zu schaffen machen und in deren Folge die Dinge nicht nur hell oder dunkel, heiß oder kalt, laut oder leise sondern Menschen und Mächte eben auch gut oder böse sind - ein Verständnis, dem also das rechte Maß fehlt. Am Finden des rechten, des angemessenen Maßes, das auch den Dingen Gerechtigkeit widerfahren läßt, war den Griechen besonders gelegen, weshalb Parmenides beanstandet: "Sie haben sich nämlich entschieden, zwei Formen zu benennen - von denen nur eine zu benennen (ihnen) nicht erlaubt ist: darin liegt ihr Fehler(!). Sie haben sie der Gestalt nach als Gegensätze geschieden und voneinander getrennte Merkmale festgelegt: für die eine der Flamme himmlisches Feuer, das milde und vernünftig ist, sehr leicht, mit sich selbst in jeder Hinsicht dasselbe, jedoch nicht dasselbe wie die andere (Gestalt) - andererseits (haben sie) auch diese, für sich, als Gegensatz (bestimmt): unwissende Nacht, eine dichte und schwere Gestalt." (Frag.8) D. h. am Ende ihrer antagonistischen Unterscheidungen sehen die Menschen die Welt, als wäre sie, wie Tag und Nacht, in zwei sich unversöhnlich gegenüberstehende, gleich souveräne Mächte geschieden, die nichts Gemeinsames haben. (Frag.9)
Aus der Überzeugung von der Einheit der Welt wird sich Parmenides darüber klar, daß wir selber es sind, die durch die Art des Wahrnehmens und Denkens die Spaltung in die Welt hineintragen, indem wir uns geistig auf den eingefahren antagonistischen "Bahnen von Tag und Nacht" bewegen. "Tag und Nacht" stehen hier für den Antagonismus. Doch ist die Dunkelheit nicht eigentlich nur der Grenzfall von Helligkeit und nicht ihr Gegensatz? Wie könnten wir, ohne die Erfahrung des Lichts, einen Begriff von Dunkelheit haben? Parmenides hat nicht versucht, die Welt durch die von ihm zitierten Gegensätze plausibel zu "erklären", wie immer wieder zu lesen ist, analog zu den "Erklärungen" der Naturphilosophen durch Elemente, bzw. "nach Art" eines Elements, oder Aggregatzustände, sondern er hat die Gegensätze durch Einsicht in die Struktur unseres Wahrnehmens und Denkens aufklären und zu Fall bringen wollen, um die Einheit und Ganzheit der Welt sichtbar zu machen, eines Sehens ihrer Einheit und Ganzheit, auf das wir heute mehr denn je angewiesen wären. Als erster Denker hat Parmenides zum Verständnis der Dinge nicht bei ihnen sondern beim Wahrnehmen und Denken selbst angesetzt und den Schein durchschaut, weshalb er sich sicher sein konnte: "Diese Weltordnung und ihre (antagonistische) Entfaltung künde ich dir in der Scheinhaftigkeit ihres Wesens, so daß keines Menschen Meinung dich je beirren wird."
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5.2 Der Attributationsmechanismus
In Ermangelung eines objektiven Wissens schließt der Mensch von sich auf andere, wobei er ihm vertraute eigene Eigenschaften und Motive nicht nur auf andere Lebewesen, sondern auch auf die Dinge projiziert. Hat er sich dadurch das Fremde in irgend einer Weise ähnlich gemacht, glaubt er dann, es zu verstehen. Aristoteles sagte dazu, daß Ähnliches durch Ähnliches erkannt würde. Freilich, ob die Dinge, die wir zu verstehen glauben, uns wirklich ähnlich sind, oder ob wir sie uns nur ähnlich gemacht haben, sagte er nicht, denn das bedarf einer fallweisen kritischen Untersuchung. Die Verähnlichung geschieht, als tierisches Erbe, ganz instinktiv und automatisch und ist u. a. die Quelle des Animismus. Dieser Attributationsmechanismus und damit Animismus ist selbst heute noch in Resten bei sich für "aufgeklärt" haltenden Menschen zu finden, so wenn sie sagen, daß auch unbelebte Dinge "ruhen" oder "sich bewegen", als wären es Kühe auf der Weide. Das kann bei theoretischen Physikern zu massiven Problemen führen, ist doch der natürliche unbelebte Körper über solche animalischen-animistischen Wertungen von Ruhe und Bewegung völlig erhaben und hat damit nicht die Eigenschaften, von denen die Forscher ausgehen. Ich komme darauf zurück. Wie ich zeigen konnte, ergeben sich die Probleme in der Kosmologie vor allem daraus, daß der Kosmologe, als ein Sterblicher, ganz selbstverständlich davon ausgeht, daß auch das Universum einen Anfang gehabt haben muß, weshalb es ihm nicht in den Sinn kommt, den sog. "Urknall" als das Durchgangsstadium einer Materie anzusehen, wodurch sich alle grundsätzlichen Probleme heutiger Kosmologie erledigen würden (Text I/C1 und C2).
Den Attributationsmechanismus sehe ich auch bei Biologen wirksam, wenn sie die "Anpassung" als die Triebfeder der Evolution ansehen, ist doch die Anpassung die dem schlauen Beobachter eigene Strategie des Überlebens, weshalb sie ihm auch für die Evolution so plausibel erscheint (Text III/2). Doch der objektive Vorgang der Veränderung in der Evolution ist kein solcher der Anpassung mit dem Ergebnis der Passung, sondern einer der genetischen Verzweigung, was man im Zeitalter der Molekularbiologie doch wahrlich wissen könnte. Erst die Selektion der Phänotypen sorgt dafür, daß durch die Eliminierung des nicht Überlebensfähigen die Lebewesen dem intelligenten Beobachter im nachhinein als "angepaßt" erscheinen. Da es in der Evolution die "Passung" nur als Ergebnis, ja eigentlich nur als Wertung eines Beobachters gibt, jedoch kein Vorgang "Anpassung" existiert, kann mit ihm evolutionär auch nichts erklärt werden, weder physiologisch noch kognitiv, wie es die Protagonisten der EE versuchen.
Das ist weit mehr als ein Paradigmenwechsel! Ich sehe viele Evolutionsbiologen genauso als Gefangene ihres Vokabulars, wie ihre Kollegen von der Physik. Die Zuteilung vertrauter aber objektiv unzutreffender Attribute ist ein ererbter Automatismus, der ganz offensichtlich nur schwer zu durchschauen und zu korrigieren ist.
Im Zusammenhang mit dem Attributationsmechanismus muß auch noch die Analogie und die Metaphorik erwähnt werden, mit denen wir uns ebenfalls einen Sachverhalt in verfälschender Weise verständlich machen. Doch ist ihr Gebrauch in der Regel kein Automatismus, sondern eine bewußte Hilfe, die unsere Not belegt, objektiv zutreffende bzw. allgemeinverständliche Aussagen machen zu können. Die Gefahr ist, daß eine Analogie zu weit getrieben wird oder daß man überhaupt vergißt, daß es sich um eine Analogie handelt. Und wenn Forscher ihre Einsichten und Ideen dem Publikum in einleuchtenden Bildern "erklären", stehen diese Bilder immer in der Gefahr, für die Sache selbst gehalten zu werden. Der Versachlichung, d.h. der Annäherung an die Sache, wäre es in der Wissenschaft und bei ihrer Publizierung daher dienlicher, von Analogien und Bildern nur einen sparsamen Gebrauch zu machen und sich ihrer Stellvertreterfunktion bewußt zu bleiben. Und sicher gibt es auch zahlreiche Fälle, wo man einfach nur zu bequem war, nach sachlich zutreffenderen Begriffen und Vergleichen zu suchen.
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5.3 Das Erinnerungsvermögen
5.3.1 Der Bewegungseindruck
Durch das Erinnerungsvermögen kommen wichtige neue Eigenschaften in die Welt, die es Lebewesen gestatten, mit ihr erfolgreich zu interagieren, z. B. durch den von ihm erzeugten Bewegungseindruck. Erinnerung ermöglicht Vergleiche. Durch den Vergleich abfolgender Bilder ist es Lebewesen möglich, Veränderungstendenzen zu erkennen und dadurch Kommendes vorauszusehen und ggf. darauf zu reagieren. Veränderungen werden ihm durch den Bewegungseindruck signalisiert, ohne daß dadurch schon ausgesagt ist, daß eine objektive Veränderung oder Bewegung vorliegt, wie sie bei Lebewesen gegeben ist, die sich aus eigenem Antrieb und durch eigene Mittel und damit objektiv, nämlich von selbst bewegen, was in der Antike die Definition des Lebens war. Diesen inhaltsunabhängigen Mechanismus des Vergleichens haben sich die Erfinder des Kinos zunutze gemacht und durch Versuch und Irrtum herausgefunden, was technisch getan werden muß, um mit Standbildern einen Bewegungseindruck zu erzeugen. Wegen des unerwünschten Flimmerns kommt es dabei darauf an, daß der Bildwechsel, also die einzige objektive Art von Fortbewegung, die es in der ganzen Filmvorführung gibt, durch ihre Ausblendung gerade nicht wahrgenommen werden kann! Doch über 100 Jahre Kino und auch das nicht mehr ganz junge Fernsehen haben es nicht geschafft, auch nur ansatzweise ein allgemeines Bewußtsein dafür zu erzeugen, daß die Bewegungswahrnehmung im Kino und von unbelebten Dingen eine Illusion ist, die einzig im Kopf des Zuschauers existiert. Man meint immer noch, die Illusion des Kinos wären die gezeigten Liebes- und Heldengeschichten, so wenn der in Wahrheit homosexuelle Hauptdarsteller wiedereinmal, zum allgemeinen Entzücken, den hingerissenen Liebhaber eines künstlich erblondeten Mädchens mimt. Man hat ganz vergessen, daß schon Aristoteles über die Wahrnehmung von Bewegung und Größe feststellte: "Da ist nun am meisten die Wahrnehmung dem Irrtum ausgesetzt." Und daß von den Eleaten ("Parmenides und Melissos und ihre Anhänger") überliefert ist, daß sie lehrten, "daß sie [die Bewegung] nicht existiert", nämlich als eine objektive Eigenschaft eines Unbelebten, kommt diese doch nur dem Belebten zu.
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Auch das Zeiterkennen ist eine der Orientierung dienende Leistung des Erinnerungsvermögens. Pöppel hat klinisch untersucht, wie der Zeiteindruck entsteht (Text II/6), während die Dinge selbst immer nur in einem gegenwärtigen Nun sind (Text II/2, II/11 und II/12). Zeitphänomene gibt es nur in der zeitlichen Betrachtung eines Beobachters! Und sie setzen eben ein Gedächtnis voraus! Das hindert aber tapfere Physiker nicht, die Zeit außerhalb des Gedächtnisses zu suchen und sie messen zu wollen, indem sie Uhren stark veränderten Randbedingungen des Uhrengangs aussetzen, wodurch diese zwangsläufig von ihem normalen Gang abweichen. Doch die Zeit ist nur eine physikalische Größe, die - wie jede andere Größe auch - einschließlich ihrer Maßeinheiten definiert werden muß, will man einen Maßstab in die Hand bekommen, mit dem gemessen werden kann, z. B. die Dauer eines Vorgangs, welcher die Differenz zweier durch die Uhr gegebener Zeitpunkte ist. Daran ist überhaupt nichts Geheimnisvolles, was irgendeiner Erklärung bedarf. Nur theoretische Physiker glauben, aus gewaltsam zum Abweichen gebrachten Uhren weitreichende Schlüsse über die Struktur der Welt ziehen zu dürfen, wo sie tatsächlich nichteinmal den Antrieb einer Uhr und ihre Funktion als Zeitmaßgeber verstehen (Text I/B9). Diese blamable Fehleinschätzung des eigenen Tuns erinnert mich an einen Film über die Cäsaren, in dem Kaiser Caligula in seinem Palast in Rom eine Truhe mit am Strand von Ostia gesammelten Muscheln öffnet und dem irritierten Publikum triumphierend verkündet, er habe Poseidon besiegt. Ich jedenfalls möchte mir von niemand die Welt erklären lassen, der nichteinmal die Ursache eines Uhrengangs und den Zweck einer Uhr kennt, auch wenn ihn andere für ein "Genie" halten, weil sie es auch nicht besser verstehen.
Schon durch das Bedenken dieser einfachen Beispiele unserer, durch das Erinnerungsvermögen ermöglichten Verstehensweisen als eigene und neue Qualitäten, mit denen wir uns die Welt geistig aneignen, erledigen sich viele Probleme von selbst, welche nicht nur die Physiker seit Generationen umtreiben, ohne daß man sich irgendwelche "Lösungen" ausdenken muß. Auf dem Gebiet der Erkenntnis wollen Probleme nicht "gelöst" sondern aufgelöst werden, wodurch sie verschwinden. Denn sonst hat man das Problem, seine "Lösung" und deren Probleme - ein eigenartiger "Fortschritt" in der Wissenschaft, der sie aber am (Leer-)Laufen erhält. Denn sicher wird eines Tages irgendein Schlaumeier kommen, der auch dieses Problem noch "löst" - natürlich wieder unter Hinterlassung von neuen Fragen. Bernhard Irrgangs sehr informatives "Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie" (UTB 1765) belegt dies ganz explizit, wobei er aber am Ende seines Buches einen Weg aufzeigt, auf dem ich auch meine Überlegungen sehe, nämlich in der Verbindung von Wissenschaft und Philosophie. (s. unten) Erst wenn naturwissenschaftliche Kenntnisse auf ein abgeklärtes Verständnis treffen, kann daraus ein dem Forschungsgegenstand adäquates Ergebnis entstehen. Weder kann Wissen ohne Weisheit, noch Weisheit ohne Wissen gelingen. Ein naives Herangehen an Erkenntnisfragen, das die notwendig interpretierende Tätigkeit des Gehirns verkennt, ist von vornherein zum Scheitern verurteilt.
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5.4 Das Herstellen von Relationen und eines Reichs des Möglichen
Relationen sind Beziehungen, die ein Beobachter sieht. Relationen können formal, also nur für den Beobachter existierend sein, oder real, also auch in der Sache vorliegend. Eine reale Beziehung besteht z. B. zwischen zwei Körpern durch ihre Schwerkraft. Ebenso liegt eine Realbeziehung z. B. zwischen einer Lichtquelle und der von ihm ausgesandten Licht vor, d. h. man kann durch eine Untersuchung der Wellenlänge und des Lichtspektrums (Rotverschiebung, Doppler-Effekt) etwas über das Abstandsverhalten und den Zustand der Quelle zum Zeitpunkt der Emission erfahren, so wie man durch die Ablenkung eines Körpers von einer geraden Bahn etwas über die Masse des ablenkenden Körpers erfährt, wenn dessen Abstand bekannt ist. Doch die Feststellung einer Relation besagt eben noch nicht automatisch etwas darüber, ob eine Realbeziehung vorliegt. Die Klärung dieser Frage wird in der Regel sorgfältiger naturwissenschaftlicher Untersuchungen bedürfen.
Am häufigsten hat der Mensch mit Relationen zu tun, die er rein zu seinem eigenen Verständnis herstellt, so wenn er sagt, dieser Apfel ist größer als jener, oder der Bäcker A ist weiter weg als der Bäcker B, oder Franz läuft schneller als Fritz. Größer zu sein, weiter entfernt zu sein oder schneller zu sein, oder das Gegenteil, sind keine Eigenschaften, welche Dinge für sich selber haben, sondern die nur in den Augen (oder anderen Sinnesorganen) des Beobachters existieren (Text I/A4). Sie entstehen durch geistige Verknüpfungen. Durch Verknüpfung ordnen wir Wahrnehmungen uns Verständnis gebende Eigenschaften zu, die sie nicht für sich selber haben, z. B. die des Größerseins. So gibt es auch hier die Mischung aus objektiven und subjektiven Elementen, wodurch etwas Neues entsteht, mit denen wir uns die Dinge geistig und real verfügbar machen, also ein Herrschaftswissen gewinnen, das uns z. B. nach dem größeren Apfel greifen und, um Zeit zu sparen, zu dem näheren Bäcker gehen läßt. Und wenn wir dem Fritz den schnelleren Franz hinterherschicken, dann können wir ziemlich sicher sein, daß er ihn einholt. Die Interpretation von Wirklichkeit geschieht also nicht nur durch die Zuteilung einleuchtender, aber möglicherweise unzutreffender Eigenschaften, sondern auch durch ihre rationale Strukturierung, wodurch wir die Dinge geistig in den Griff bekommen.
Eine der einfachsten Relationen ist eine Distanz. Eine Distanz kann gemessen werden, ohne daß es eine Sache "Distanz" gibt. Für ihre Meßbarkeit genügt es, wenn ein Beobachter eine solche Distanz sieht. Sie ist ein Beispiel dafür, wie wenig man aus einer Meßbarkeit vorschnell auf die Realität des Gemessenen schließen kann. Jedes Messen ist das Herstellen einer Relation, nämlich die zwischen einem Maßstab, als dem bekannten Maß, und einer unbekannten Abmessung, wodurch uns diese als ein Vielfaches oder Bruch der definierten Maßeinheit bekannt wird (Texte I/A6 und A7). Messen ist eben etwas rein Geistiges und setzt den Begriff der benutzten Größe und einen als solchen definierten materiellen Maßstab voraus. Das ganze Meßwesen ist - als Ausdruck von Macht - eine Vereinbarung unter Menschen, um gemeinsam mit der Welt erfolgreich umgehen zu können. Aber aus den Erfolg von Handlungen kann nicht auf die Objektivität von Annahmen geschlossen werden, sondern nur auf die Zweckmäßigkeit des Vorgehens, um eine fremde Sache zu einer eigenen zu machen. Nicht ein Körper "besitzt" die Eigenschaft "Bewegung", "Geschwindigkeit" und "Richtung" sondern der Mensch besitzt intellektuell die Fähigkeit, durch Benutzung eines Bezugssystems, Länge und Dauer einer von ihm so hergestellten Ortsveränderung eines Körpers in Beziehung zu setzen und aus dem sich daraus ergebenden Wissen über seine Geschwindigkeit, unter Berücksichtigung der Bewegungsrichtung, Folgerungen zu ziehen, z. B. darüber, welche Energie er bei einer Begegnung mit einem anderen Körper (in Abhängigkeit von dessen Masse) entfaltet. Solange es nicht zu einer Begegnung kommt, gehört diese Energie zum Reich des Möglichen, das nur im Kopf des Beobachters existiert, während die Begegnung zum Reich des Wirklichen gehört, in dem sich, unabhängig von einem Beobachter, etwas ereignet. Nur Ereignisse sind wirklich.
Auch wenn wir die Erde im Geiste eine Bahn um die Sonne ziehen sehen, so ist es doch nicht möglich, anhand irdischen Lichts diese Bahn festzustellen, weil - in Ermangelung eines Lichtäthers - zwischen dem irdischen Licht und der Sonne keine Realbeziehung besteht, was den sog. "negativen" Ausgang der Michelsonexperimente direkt und vollständig verständlich macht. Jegliche weitere "Erklärung" wäre daher nicht nur überflüssig sondern auch zwangsläufig falsch. Licht verhält sich jeweils isotrop zu seiner eigenen Quelle und kümmert sich nicht um Relationen, die ein Beobachter herstellt, was für einen Wissenschaftler, den es um die Erforschung sachlicher Ursachen gehen soll, eigentlich ganz selbstverständlich und kein Problem sein sollte. Es ist auch viel gedankenleere Routine am Werk, wenn in der Forschung nicht sorgfältig zwischen Schein und Sein, hier zwischen Relationen und Realitäten, sowie zwischen dem Reich des Möglichen und dem des Wirklichen unterschieden wird. Daher habe ich in meinem ersten Vortrag vor der DPG, 1995 in Duisburg, vorgeschlagen, daß Wissenschaftler möglichst nur auf der Ebene der Realitäten und nicht auf der der Relationen urteilen sollten, was ich "das Realprinzip" nannte (Text I/A4). Freilich müssen viele diesen Unterschied ersteinmal begreifen lernen, ebenso wie den zwischen dem Reich des Möglichen und des Wirklichen. Die heutige naturwissenschaftliche Ausbildung ist wohl ganz ohne eine selbstkritische Komponente - dabei wäre gerade diese vonnöten, soll die Ojektivität der Studierenden gefördert werden.
Die Aufklärung der Beobachterrolle ist unumgänglich notwendig, wollen wir nicht nur Herr über die Dinge, sondern auch Herr im eigenen Hause werden und in der Wissenschaft zu objektiveren Aussagen kommen. Sonst laufen wir weiterhin blindlings den vom Gehirn erzeugten Illusionen hinterher. Mit solcher Selbstbesinnung beginnt das, was für mich zur Würde des Menschen gehört, während der blinde, aneignende Gebrauch von Fähigkeiten räuberischer Natur ist, die es, um unserer Würde und Zukunft willen, mehr und mehr zu bedenken gilt. In meiner Interpretation des Proömiums (der Einleitung) von Parmenides Gedicht habe ich diese Not-Wendigkeit wie folgt formuliert (Text II/5a):
Wie der Beutegreifer "Mensch" als Kind lernen muß, Mein und Dein zu unterscheiden, will er mit seinesgleichen in Frieden leben, so muß er als Erwachsener durch liebende Hinwendung an das Nicht-Ich lernen, Schein und Sein zu unterscheiden, um mit der Welt dieses Planeten Frieden schließen zu können. Denn der Schein ist dasjenige, mit dem er sich die Welt nach eigenen Erfordernissen geistig angeeignet hat und auf den hin er mit ihr selbstbezogen umgeht.
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Während es im Duden unter "Hollerithmaschine" noch heißt: "Lochkartenmaschine zum Speichern u. Sortieren von Daten" (Betonung vom Autor), spricht man in der glorreichen Zeit des World Wide Web heute nicht mehr von Daten, Datenverarbeitung und Datenaustausch sondern euphorisch nur noch von Informationen, Informationsverarbeitung und Informationsaustausch, getreu dem objektivistischen Paradigma, daß die Informationen das sind, was in der freien Natur fertig herumläuft und was wir nur noch (wahr-)zu nehmen brauchen. Das ist beileibe keine Ansicht unbedarfter Zeitgenossen, sondern fast schon Standard bei Wissenschaftlern - wenn wir von einigen noch selbstkritischen Vertretern der Quantenmechanik absehen, die immer weniger werden. Selbst Gehirnforscher glauben auf das objektivistische Paradigma nicht verzichten zu können, welche das Gehirn fast überflüssig macht, um ihre eigene Objektivität und damit auch die Fördermittel sicherzustellen (s. auch Text II/6). Sie sind damit Opfer ihres eigenen Objektivitätsanspruchs, indem sie ihre Subjektivität nicht aufgeklärt sondern nur so massiv verdrängt haben, daß in ihren Überlegungen das Subjekt gar nicht mehr vorkommt, was Popper von der "objektiven Erkenntnis" der Wissenschaft sich verbreiten ließ. In einem fehl gelenkten Eifer haben sie das Kind mit dem Bade ausgeschüttet, so daß ihnen scheint, daß es Subjektivität nur noch bei jenen gibt, die anderer Meinung sind als sie, wodurch eine Meinungsdiktatur in der Wissenschaft oder unter Berufung auf sie gerechtfertigt erscheint.
Während "bereits umgangssprachlich Erkenntnis mit Worten wie Vermutung, Behauptung, Wissen und Wahrheit, aber auch mit Überzeugung, Meinen und Glauben in Verbindung gebracht wird" (Irrgang), soll es in der Wissenschaft angeblich nur noch wahres, unbezweifelbares Wissen geben können, an das wir uns, wie bei heiligen Büchern, unbesehen zu halten haben, wie man mir schon ernstlich weiß machen wollte, obgleich gerade die Geschichte der Wissenschaft die Kontextabhängigkeit von Wissen dokumentiert, die T. Kuhn die Paradigmen nannte. Wenn es aber mit der Wissensgewinnung und der Wahrheit von Wissen so einfach und eindeutig wäre, dann hätte es ja keine Geschichte vielfältigster menschlicher Geistesprodukte gegeben, beginnend mit dem Animismus und anderen, noch höchst lebendigem Aberglauben, wie die Weltentstehung aus dem Nichts, ja wahrscheinlich nichteinmal so etwas wie Gehirn und Geist, sind sie doch Ausdruck der Not des Lebendigen, objektiv etwas zu wissen und damit des Zwangs, aus dieser Situation des prinzipiellen Nichtwisssens für sich das Beste zu machen. Weil es offenbar auch den Kognitionswissenschaften nicht gelungen ist, ein öffentliches Bewußtsein dafür zu schaffen, daß Daten nicht schon Informationen sind, sondern materielle Strukturen, die einem Subjekt zur Informationen werden können, z. B. in einem Medium niedergelegte Zeichen, die als Sprache erkannt und ggf. auch verstanden werden, setzt die Öffentlichkeit einfach Daten mit Informationen gleich und läßt die Erkenntnis- und Wahrheitsfrage unter den Tisch fallen, was natürlich auf Dauer nicht gut gehen kann. So könnte gerade das angebliche Informationszeitalter Auftakt zu einer globalen Desininformation und Meinungsdiktatur werden, wenn sich nicht auch Kritiker im Internet tummeln würden. Doch wie lange noch wird man ihre ärgerlichen, weil von der offiziellen Lehre abweichenden "Inkorrektheiten" hinnehmen? Dabei ist nicht entscheidend, daß Kritiker unbedingt Recht haben, sondern es ist wichtig, daß wir gewillt sind, uns mit anderslautenden und letztlich auch mit den eigenen Überzeugung auseinanderzusetzen, wenn Gründe genannt werden.
Ich denke, den Unterschied von Daten, als materielle Strukturen, und Informationen, als deren vom Subjekt abhängige Interpretation, zu erkennen heißt: die Grundsituation begreifen, in der alles Erkennen steht und die nur durch Toleranz ausgehalten werden kann. Siehe hierzu auch den Gastkommentar von W. Dittrich "Das Natürliche des Nichtverstehens" (Text II/9).
Und auf welche Weise es zum Übergang von Daten zu Informationen kommt, d. h. wie aus materiellen Strukturen geistige Gehalte entstehen - das ist ebenso Gegenstand einer Erkenntnistheorie, wie z. B. der hier vorliegenden, wie einer Hirnforschung, die ohne Scheuklappen arbeitet. Im folgenden Abschnitt 7, den "Stufen der Weisheit", zeige ich an einem uns alle betreffenden Beispiel die einzelnen Schritte eines solchen Übergangs und ihr problematisches Ergebnis und wie am besten mit ihm umzugehen ist. (Manche sprechen statt von "Daten" lieber von "Signalen". Doch Signale sind immer schon vom Hirn bewertete Daten und nicht mehr die Sache selbst, wie die wertneutralen Farben von Ampeln an einer Kreuzung, weshalb für mich Signale schon zu den Bedeutungen gehören, die man einer Sache gibt.)
In der biologischen Erkenntnistheorie nach meinem Verständnis läßt sich generell sagen: wie der Körper sich lebensnotwendige Stoffe einverleibt, ebenso aneignend geht der kognitive Apparat mit Daten um, indem er ihnen - anhand seiner Erwartungen - plausible (oder im Fall der Ampel vorgeschriebene) Bedeutungen verleiht. Der Geist hat einen Hunger nach Bedeutungen, weshalb ihm alles zum Zeichen werden kann - nicht nur das, was für ihn als Zeichen gedacht ist, wie in der Kommunikation oder der Kunst, sondern schlechthin alles, was ihm auffällt. Katastrophen und Krankheiten, ungewöhnlichen Himmelserscheinungen, dem Stand der Gestirne, Vogelflug, schwarzen Gestalten wie Kaminkehrer und schwarzen Katzen, Zahlen und Zufällen kann er Sinn und Bedeutung beilegen, also Gehalte geben, welche die Dinge nicht für sich selber haben, von denen er aber lebt. Von dieser Grundperspektive her scheint es hoffnungslos, mit der Objektivität menschlicher Erkenntnis rechnen zu wollen, wenn es da nicht die Möglichkeit gäbe, mit Erfahrung und Vernunft regulierend eingreifen zu können.
Dazu ist es sicher hilfreich zu verstehen, was das Geistige ist: Das Geistige ist die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt. Die Formulierung findet sich in Text III/1a "Die Generierung des Geistigen", der von einfachen, unstrittigen Fakten ausgehend, versucht verständlich zu machen, wie sich menschlicher Geist unter den Bedingungen der Evolution entwickelt haben könnte. Nach der auf materielle Reproduktion zielenden Tätigkeit des lebendigen Organismus, ist das Geistige eine neue Systemqualität mit eigenen, in Nerven zirkulierenden Mitteln, von denen ich wichtige hier aufgezeigt habe. Auch wenn ich die gleiche aneignende Strategie auf beiden Ebenen des Operierens sehe, so würde ich es doch für falsch halten, funktional nicht zwischen organischem Leben und Kognition unterscheiden zu wollen und würde dies für einen Biologismus halten, dessen Gefahr ich nicht nur bei Maturana sondern bei allen Reduktionisten sehe, denen das Geistige "nichts weiter als" ist und die es deshalb verfehlen. Das Geistige hat eine ihm eigene Kompetenz, das seine Kriterien der Verständigkeit aus seiner eigenen, an der Effizienz ausgerichteten Natur heraus entwickelt hat, was es zu beachten gilt, wollen wir die Rolle des Beobachters verstehen.
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7. Stufen der Weisheit
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Ich würde ohne weiteres zugeben, daß sich das Gehirn seine Welt zweckmäßig konstruiert, wenn dem Begriff des Konstruierens nicht etwas Willkürliches anhaften würde. Diese Anrüchigkeit muß wohl aus dem Politisch-Sozialen kommen, in dem Menschen ständig manipuliert werden. Im Gegensatz dazu wird der technische Konstrukteur immer bemüht sein, die wirkenden Kräfte möglichst genau zu erfassen und so ökonomisch wie möglich, d.h. mit dem geringsten Aufwand, abzufangen, was ich aus eigener beruflicher Tätigkeit weiß. Sinngemäß geht das Gehirn vor, was gar nicht verwunderlich ist, beruht doch alles Konstruieren, auch das manipulierende, auf seiner Rationalität. Rationalität ist ein an der Ökonomie ausgerichtetes Werkzeug der Kognition, aber allein noch kein Garant von Richtigkeit, denn das Ergebnis rationaler Operationen hängt von den verwendeten Prämissen ab, weshalb es so wichtig ist, sich um diese zu kümmern. Zur Demonstration dessen, wie das Gehirn aus wenigen objektiven und vielen subjektiven Bauelementen einen eigenständigen, weit über jede bloße Repräsentation hinausgehenden Erfahrungskomplex konstruiert, der gerade deshalb ein adäquates Operieren im jeweiligen Umfeld erlaubt, nehme ich hier wieder mein gut abgeklärtes Lieblingsbeispiel, das man, angesichts der Verstocktheit von Physikern, gar nicht oft genug angehen kann, denn als ein rationaler Mensch denkt man: es kann ja wohl nicht sein, daß ausgerechnet Wissenschaftler gar keiner Logik zugänglich sein sollen. Man sollte jedenfalls die Hoffnung nicht aufgeben, auch wenn sie viel zu oft noch enttäuscht wird.
Wie wir von Newton wissen, verharrt jeder unbelebte Körper, wenn keine Kraft auf ihn einwirkt, von sich aus in dem Zustand, in dem er sich gerade befindet. Das ist sein objektiver Status, d. h. der Zustand, den er für sich selber hat. Tritt jetzt ein Beobachter auf, dann setzt er diesen Körper ganz automatisch in Relation zu einem von ihm als solchen angesehenen Fixpunkt, wodurch er ihm, relativ zu diesem Fixpunkt, "ruhend" oder "bewegt" und im Besitz einer Geschwindigkeit erscheint, wobei mit der "Ruhe" die Geschwindigkeit Null gemeint ist. Der naive Beobachter, der seine Wahrnehmung für objektiv hält, wird nun vielleicht versuchen, die Bewegung und ihre Geschwindigkeit am Körper selbst zu messen, z. B. für den Erdkörper durch ein Michelsonexperiment, da er ja die Bewegung für eine objektive Eigenschaft des als "bewegt" angesehenen Körpers hält. Aber was der Mensch auch unternimmt: das Ergebnis wird zwangsläufig immer "negativ" sein, weil der Bewegung - im Gegensatz zur Beschleunigung und Drehung - einfach der Status des Realen fehlt, weshalb sie sich nicht erweisen kann.
Dem kritischen Beobachter dagegen, d. h. einer, der seinen Eigenanteil an seiner Wahrnehmung kennt, ist natürlich klar, daß eine Geschwindigkeit nur relativ zu einer Sache bestimmt werden kann, relativ zu welcher ein Bewegungseindruck entsteht. Das ist die wahre Relativität der Bewegung! Und jeder denkende Mensch mit auch nur einen Funken Weisheit, d. h. jeder, dem seine eigene Rolle beim Zustandekommen des Bewegungseindrucks bewußt ist, versteht den Sachverhalt unmittelbar. Mit der falschen Relativität (nämlich mit der angeblichen Bewegungsabhängigkeit der Meßmittel, die Schuld daran wäre, daß sich die Bewegung nicht erweist), müssen sich alle jene behelfen, die sich - aus welchen Gründen auch immer, vor allem aber wohl, um nicht die Verantwortung für ihr Denken und Tun übernehmen zu müssen - entschieden weigern zu erkennen und zu akzeptieren, daß der Mensch nicht nur Zuschauer, sondern auch immer Mitspieler auf der Bühne des Lebens ist, wie es Niels Bohr so treffend formulierte, und damit für diese Rolle auch die Verantwortung trägt - zumindestens für ihre Aufklärung. Denn die Erkenntnis und Aufklärung dieser Mitspielerrolle ist der Schlüssel zu jedem echten, von Paradigmen unabhängigen und fundierten Fortschritt in der Wissenschaft. Ihn zu besitzen bringt mehr als alles Theoretisieren, wie das einwandfreie Funktionieren von klassischer und Quantenmechanik beweist, die eben keine Theorien sind, die fragliche, vom Zeitgeist abhängige "Erklärungen" liefern, sondern zeitlose Anweisungen sind, wie unter der gegebenen Erkenntnissituation mit Fakten so umzugehen ist, daß deren Objektivität sichergestellt bleibt. Welche Strategien physikalische Lehren benutzen, um zu brauchbaren Ergebnissen zu kommen, habe ich in Text I/A5 näher ausgeführt.
Der Beobachter muß aber nicht nur eine räumliche Relation herstellen, um etwas von der Bewegung einer Sache und ihrer Geschwindigkeit zu wissen, wozu ihm nicht zuletzt sein Stereosehen und -hören verhilft, sondern er muß darüberhinaus auch über ein zeitliches Empfinden verfügen. Dieses wird ihm durch sein vergleichendes Gedächtnis ermöglicht. Nur durch den Abgleich abfolgender Sinneseindrücke kann ein Eindruck von Bewegung und Tempo entstehen, wobei in der Regel mehrere Bilder einer Beziehung in einem gleitenden gegenwärtigen Eindruck zusammengefaßt sind und die "Bewegung" so unmittelbar "gesehen" wird (Zeichner geben diesen Eindruck ganz richtig durch mehrere von ihr abgesetzte rückwärtige Konturen einer Figur wieder, wobei der Abstand der Konturen das Tempo darstellen soll). Es ist demnach so: aufgrund seiner verschiedenen Fähigkeiten macht das Gehirn aus den eintreffenden Daten das Bild eines sich in Raum und Zeit "bewegenden" Objekts. Die zur Rettung der Objektivität des Gehirns gedachte Annahme, daß Raum und Zeit Abbilder objektiver Strukturen sind, die zusammen mit dem Urknall entstanden wären (wie praktisch und vorsorglich! - nur von wem?), ist Spekulation und Metaphysik, weil außerhalb der Erfahrung gelegen. Korrekterweise können wir einzig nur feststellen, daß es diese strukturerzeugenden Fähigkeiten des Gehirns gibt und daß sie nützlich sind. Wir orientieren uns daher nicht in Zeit und Raum, sondern mit den Dimensionen von Zeit und Raum, aufgrund unserer Fähigkeiten, in einer alle Denkbarkeit übersteigenden Realität. Der Versuch der Zurückführung mentaler Strukturen auf reale Strukturen der Außenwelt ist ganz typisch, gehört er doch zur Taktik des Lebendigen, das Eigene auf das Fremde (hier die Transzendenz) zu projizieren. Für mich ist sie eine ebenso unzulässige wie überflüssige Verdinglichung mentaler Muster. Diese Taktik, die sich nach außen hin bescheiden gibt, in Wahrheit aber die Welt für sich vereinnahmt, ist es, die es zu verstehen und zu bedenken gilt! Hierbei ist aber nicht mehr mit nur einem Funken Weisheit, wie beim Bewegungseindruck, getan. Da muß einem schon ein Licht aufgegangen sein.
Die vergleichenden kognitiven Strukturen des Beobachters vermitteln ihm also den Eindruck, daß ein in Wahrheit verharrender Körper mit einem bestimmten Tempo in einer bestimmten Richtung unterwegs ist, was dem Beobachter mit der Alarmmeldung "er (der Körper) bewegt sich!" bewußt gemacht wird, wobei es sich um eine am Animalischen eingeübte Sehweise handelt. So ist sein Erleben zwar subjektiv aber keineswegs willkürlich sondern zweckmäßig, nämlich auf seine Verständigkeit als Überlebensmaschine abgestimmt, was ihr ein adäquates Operieren im jeweiligen Umfeld erlaubt. Vor diesem durchaus rationalen Hintergrund können wir mit einer verbesserten Verständigkeit verstehen, weshalb der naive Beobachter Stein und Bein schwört, daß der eigentlich nur in seinem Zustand verharrende unbelebte Körper sich wie ein Tier "bewegt" - und das trotz fehlender Bewegungsorgane! Und der fehlende Energieverbrauch eines angeblich sich "bewegenden" Körpers ist zugleich der physikalische Beweis, dass es sich hierbei um kein objektives Phänomen handeln kann, soll der Energieerhaltungssatz weiterhin gelten! Dem kritischen Observanten ist klar, daß er es ist, der dem Objekt seiner Begierde, in Ermangelung eines objektiven Wissens, diese Eigenschaften nur verliehen hat, um mit ihm mental und real in eingeübter Manier, wie mit seinesgleichen umgehen zu können.
Wirklich weise geworden, kann er die wie von selbst sich einstellenden Interpretationen wie ein HB-Männchen in Ruhe genießen und nutzen, sieht er doch auch, daß objektiv zu urteilen, gar nicht so schwer ist. Denn was soll ihn hindern - wenn es um das Verständnis des Vorgangs geht -, die Änderung einer von ihm gesehenen Relation "die Änderung einer von mir gesehenen Relation" zu nennen und sich klarzumachen, daß die nur in seinem Kopf existierende "Bewegung" außerstande ist, objektiv etwas zu bewirken. Und warum soll er nicht in der Lage sein, mit der Verbreitung freier Behauptungen aufzuhören, die er nicht beweisen kann und die sowieso logisch mehr unwahrscheinlich als wahrscheinlich sind, wie die, daß die kognitiven Strukturen, hier Zeit und Raum und ihre Dimensionen, "nur" Abbilder objektiver Strukturen sind, irgendwie im Laufe der Evolution in das Gehirn hineindiffundiert, und nicht neue, durch es selbst hervorgebrachte Qualitäten. Ich sehe die Dimensionalität als ein Verständnismuster von Beziehungen (Ordnungen) in die wir die Dinge setzen. Dabei wird die durch das Gedächtnis ermöglichte Beziehung des Nacheinanders, die Zeit, wegen der mit ihr verbundenen Dynamik von den statischen und damit vital weniger wichtigen Ordnungen des Neben-, Hinter- und Übereinanders unterschieden. Dagegen halte ich das abwertende "nur" und das "nichts weiter/anderes als" ist typisch für ein reduktionistisches Denken. Doch indem unterschiedliche Qualitäten sich innig miteinander verbinden, entsteht eben in ihrer Wirkung zumindestens nach außen hin etwas Neues - sei es im Kern des Atoms, sei es in chemischen Verbindungen, sei es in der Kognition -
Eine reduktionistische Wissenschaft mag dann zwar das Atom spalten und damit die Zukunft des Planeten zur Disposition stellen können, aber das für uns so wichtige menschliche Selbtverständnis und noch manch anderes Verständnis bleibt sie uns schuldig.
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Während Platon mit seinem Höhlengleichnis plausibel machen wollte, daß wir nur die Schatten der wahren Ereignisse sehen - und die Ideen sollten das "wirklich Wahre" sein -, sehen wir tatsächlich, vor lauter "Ideen", die von den Sinnen registrierten Fakten nicht mehr, z. B. das bloße Verharren eines Körpers in seinem Zustand. In Ermangelung eines objektiven Wissens werden durch unsere kognitiven Strukturen und eingeübten Sehweisen Sinneseindrücke automatisch solange mit vertrauten Eigenschaften, Relationen und Bedeutungen aufgeladen, bis wir glauben, sie zu verstehen. Wenn Einstein feststellt: "The most unintelligible thing about the world is that it is intelligible", dann wundert er sich zu unrecht über die Verständlichkeit der Welt, sieht doch gerade jeder die Welt so, wie sie sich ihm aufgrund seiner Verständigkeit ergibt. Deshalb war ja Einstein die sich nicht erweisende aber vorausgesetzte Objektivität der Bewegung solange ein Problem, bis er die Idee hatte, sich den Nichterweis mit Eigenheiten der Meßmittel "zu erklären" - worauf die Welt ihm wieder klar und verständlich war. Das ist ein klassisches Beispiel dafür, wie der Mensch sich "seine" Welt an seinen geistigen Horizont anpaßt. |
Ein Freund will in seiner monistischen 1:1-Weltsicht allen immer klar machen, daß Sehnerv-Erregung und Seh-Empfindung ein und dasselbe wären - für mich ein Guckkastenmodell des Sehens. Doch wir haben nicht Sehempfindungen sondern Helligkeitsempfindungen und das, was wir sehen, ist die auf unsere Biographie gestützte plausible Interpretation der Lichtreize durch das Gehirn - die größtmögliche Referenz, die jeder hat. Wem als blind Geborener eines Tages das Augenlicht geschenkt wird, hat dann zwar Helligkeitsempfindungen, doch das Sehen, als ein bewußter Vorgang, nämlich die Zuordnung von Bewußtseinsinhalten zu Lichtreizen, muß er erst lernen - wenn er es denn schafft, wenn nicht die während der Kindheit dafür offenen Nervenbahnen infolge Nichtgebrauchs eliminiert wurden. Wer allerdings das Ergebnis der Zuordnung, das Bild einer Sache, für ihr Abbild hält, obwohl er es ja unterhintergehbar immer nur mit diesem Bild zu tun hat, übersieht, daß es Bilder nur für Beobachter gibt, so daß es sinnlos ist, von real existierenden Bildern oder Urbildern zu sprechen. Erkennen ist ein Tun, wie Maturana sagt, also ein aktiver Vorgang inneren, geistigen Handelns. Weil diese Aktivitäten des kognitiven Apparates nicht von selbst in das Bewußtsein treten, sondern nur ihr Resultate, müssen wir uns um ihre Bewußtmachung bemühen, soweit dies möglich ist, wollen wir wirklich etwas verstehen und nicht nur die Clowns unserer Ideen sein. (Wie man sich bei seinem Hirn Respekt verschafft, so daß es mit dem Ich kooperiert, kann in Text II/7, "Das Gehirn und sein Ich", nachgelesen werden.)
Alle diese bunten Interpretationen verdanken wir der aus der Not des Nichtwissens geborenen "Weisheit" der Evolution, die Wesen hervorbrachte, die Sinneseindrücke haben und sie für sich nützlich deuten können. Wir sollten ihr endlich eine ebenbürtige menschliche Weisheit zur Seite stellen, um uns ihr gewachsen zu zeigen. Und alle Weisheit beginnt mit der Erkenntnis des eigenen prinzipiellen Nichtwissens. Erst nach dieser Grundernüchterung, fängt man an zu verstehen ...
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In einer Auseinandersetzung mit Aussagen von Mitgliedern des DIN-Ausschusses für Einheiten und Formelgrößen hatte ich den obigen Sachverhalt wie folgt zusammengefaßt und als Anhang zu den "Grundlagen einer Theorie des Messens" (Text I/A7) veröffentlicht, wobei der Text auf die "Merkmale" abstellt, die den Metrologen Gegenstand des messenden Tuns sind:
Technisches Messen ist eine durch Hilfsmittel erreichte Objektivierung und ggf. Erweiterung der Wahrnehmung. Was wahrgenommen/bemerkt wird, sind Merkmale, die wir an die Welt herantragen, z. B. eine Distanz. Die Welt wird uns zum Träger vertrauter Merkmale. Unser Wahrnehmen und Messen ist ein Spiegel unseres Erkenntnisvermögens. Wofür wir kein kognitives Vermögen besitzen, kann nicht wahrgenommen werden und existiert daher für uns nicht. Von hier aus können wir die Warnung des Protagoras (480 - 410) vor dem Irrglauben einer natürlichen Objektivität verstehen, die er in seinem berühmten "Homo-Mensura-Satz" wie folgt ausdrückte: "Der Mensch ist (sich) das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, (was sie für ihn sind - z. B. warm oder kalt, Feind oder Beute usw.), der nichtseienden, daß sie (für ihn) nicht sind." (Klammerausdrücke vom Autor.) Das heißt: nicht die Dinge hängen vom Menschen ab, wie Protagoras Satz manchmal gedeutet wird, sondern nur: ihre Wahrnehmung und Bewertung kann nicht ohne den Wahrnehmenden verstanden werden. Nur wer sich seines Eigenanteils an seiner Wahrnehmung bewußt ist, nimmt im eigentlichen Sinne "wahr" und hält nicht seine begrenzte und egozentrische Sicht für die Welt selbst. Was die Welt hinter den von uns gesehenen Merkmalen ist, können wir a priori nicht wissen. Wissen können wir nur, wie die Welt uns messenderweise erscheint. So ist Messen unser Grundverhältnis zur Welt, das nicht sorgfältig genug bedacht werden kann. Und ermessenderweise, auf unsere Bedürfnisse hin, gehen wir mit ihr um. Dieses Ermessen ist in der Regel ein Erwägen: Nicht nur Ziele und Meinungen werden erwägt. Auch die Erwägung der notwendigen Kraft mit der vorhandenen bildet auf der Ebene der Empfindungen die Grundlage unserer Handlungen und Entschlüsse. Das heißt: Das kognitives System ist unsere Waage der Welt (Text III/7), die uns sagt, wie wir mit unserer Mitwelt im auskömmlichen Gleichgewicht bleiben: Und nur darauf, kommt es dem lebendigen System an - muß es ihm ankommen, will es in der Welt bestehen. Und bekanntlich ist die Einsicht in die Notwendigkeit die höchste Form der Gewißheit einer Aussage.
Weil es da auch ums Messen geht, bietet sich diese Stelle an, etwas über meine logische Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit zu sagen, auch wenn dieser Unterschied nicht im mentalen Bereich sondern bereits in der Sache liegt: die Wirklichkeit einer realen Sache ist ihre Auswirkung auf andere reale Sachen, d. h., nur Wirkungen können überhaupt erfahren und gewußt, weil gemessen werden, jedoch nicht, was die reale Sache außerhalb von (Wechsel-)Wirkungen für sich selber ist. So können wir Materie quantitativ u. a. anhand ihres mechanischen Widerstands, also ihrer Trägheit bestimmen. Doch es wäre ein Fehlschluß, die zur quantitativen Bestimmung benutzte physikalische Größe "Masse", die zugleich das zu untersuchende Merkmal ist, mit der Materie gleichzusetzen, denn "Masse" ist nur ein Maß und ein Merkmal von Materie und nicht schon die Materie selbst. Dies ist keineswegs eine Spitzfindigkeit und ohne Bedeutung. Da die Schwere eines Körpers ebenfalls anhand der Größe "Masse" bestimmt wird, gibt es metrologisch keinen Unterschied zwischen träger und schwerer Masse, denn Masse ist Masse, was die Rede von der Identität beider Eigenschaften zur Folge hat, die eben nur auf das oberflächliche Merkmal "Masse" abstellt. Aber hinsichtlich des Merkmalträgers "Materie", und somit der Ursache nach, ist der Unterschied zwischen beiden ebenso fundamental wie leicht überprüfbar: Die Trägheit hat eine Materie von sich aus und sie ist gleichbleibend; ihre Schwere jedoch wird ihr im Feld einer anderen Materie verliehen und sie hängt von deren Entfernung und Masse ab. Wer solche Differenzierungen für überflüssig hält, sollte, bitteschön, nicht Wissenschaftler werden wollen, fehlt es ihm doch schon am Willen, logisch zwischen einer vom Menschen gesetzten Größe und der zu untersuchenden Sache zu unterscheiden, so daß er wohl kaum je wird Sachaufklärung leisten können, beruht doch alles Wissen auf Unterscheidungen, die ein Beobachter trifft. Die Überzeugung, die "beobachterunabhängige Realität" könne Gegenstand des Physikers sein, ist also schon vor dem sachlichen Hintergrund falsch, da immer nur die Wirkungen/Reaktionen des Realen erfahrbar sind. Und diese Wirkungen/Reaktionen hängen natürlich von den Wirkungspartnern und den Umständen ab, weshalb es nicht verwunderlich zu sein braucht, daß Licht sich in einem Fall als Welle, im anderen Fall als Korpuskel zeigt. Aus diesem fast banalen Beispiel eine Philosophie machen zu wollen oder dagegen zu argumentieren, wäre völlig unangemessen.
Nur wenn die Bedingungen unserer Erfahrung gewissenhaft ins Kalkül gestellt werden, besteht Hoffnung, sich der Realität zu nähern, zumindestens mit den sich aus ihren Reaktionen ergebenden Fakten so umgehen zu können, daß ihre Objektivität gewahrt bleibt, wie dies in der klassischen Mechanik der Fall ist. Die Lösung des Objektivitätsproblems ist der Knackpunkt jeder Wissenschaft. Schon wer nicht berücksichtigt, daß die Geschwindigkeit eine subjektive, nämlich von der Wahl des Bezugssystems abhängige Größe ist - weshalb sie ja Newton mittels der Differentialrechnung zum Verschwinden bringt, um mit der vom Beobachter und seinem Bezugssystem unabhängigen Änderung der Geschwindigkeit arbeiten zu können -, ist wissenschaftlich zum Scheitern verurteilt. Um das erkennen zu können, bedarf es keiner weit ausholenden Theorie, sondern nur der genauen Beachtung des Vorgehens eines Beobachters, die zeigt, daß die beobachterneutrale Beobachtung eine Illusion ist. Trotzdem ist es nicht erforderlich, die zielführende Idee einer beobachterunabhängigen Realität aufzugeben, ist es doch gerade sie, die uns nach der Rolle des Beobachters fragen läßt.
Eine wissenschaftliche Ausbildung allein ist noch kein Garant für Objektivität. Sie ist es nur in den Fällen, wo eine objektivierende Methode, wie die der klassischen Mechanik, getreulich angewendet wird, die auch in den Händen jener ein brauchbares Instrument abgibt, welche die von Newton bewältigte Problematik überhaupt nicht bemerken, geschweige verstehen. Besser wäre es aber, die objektivierende Leistung Newtons zu erkennen (und nicht sie zu verleugnen, wie das heute aus Unwissendheit so beliebt ist), um selbst einmal eine solche Leistung vollbringen und damit die Wissenschaft in echter Weise befördern zu können. Und nicht nur mit dem Anschein der Beförderung zu glänzen.
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Unabhängig von aller Relativität menschlicher Wahrheit, denke ich, gerade auch in der vorliegenden Arbeit hinreichend aufgezeigt zu haben, wie wir im Leben und in der Wissenschaft Aussagen - durch ins Kalkülstellen der subjektiven Elemente - objektivieren können. Das ist ja überhaupt der Sinn einer Erkenntnistheorie, weshalb wir uns nicht ernsthaft genug um sie bemühen können: uns unser Verstehen verständlich zu machen, um auf diese Weise Wege des Denkens zu finden, auf denen wir zu objektiveren Aussagen und zu einem adäquateren Verhältnis zur Wirklichkeit kommen. Indem wir das Menschen Mögliche anstreben, können wir gerade das erreichen, was wir im Streben nach dem Absoluten immer verfehlen: ein abgesichertes Wissen. Erst durch die Erkenntnis der Beobachterrolle und ihre Berücksichtigung und durch Verwendung wohldefinierter Begriffe und sorgfältigst abgeklärter Prinzipien als Urteilskriterien kann jenes höchste objektive Wissen entstehen, zu dem wir als Vernunftwesen fähig sind. Zu einem solchen würden für mich Aussagen gehören die uns nachvollziehbar sagen, welche Eigenschaften eine Sache für sich selber hat. |
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"Daher plädiere ich dafür, die transzendentalphilosophische Fragestellung (lt. Glossar Irrgang: "Argumente, die zugleich die Bedingungen ihrer eigenen Möglichkeit ausweisen ...") bei der Formulierung eines interdisziplinären Forschungsprogramms Erkenntnistheorie zu berücksichtigen und unter dieser Perspektive die Arbeit der Explikation von Erkenntnistheorie und Ethik erneut anzugehen. ...
Die nächste und entscheidende Frage einer Evolutionären Erkenntnistheorie lautet dann: Evolviert das Wissen wie die natürliche Evolution? ... Nimmt man aber nicht mehr eo ipso den Kritischen Rationalismus als Modell für Theorien und für die Wissensevolution, dann ist es auch nicht mehr selbstverständlich, daß beide nach denselben Gesetzen evolvieren. Zwar spielen in der Evolution des Wissens zufälliger Erkenntnisfortschritt und Ausmerzung des Irrtums, auch Versuch und Irrtum eine bedeutende Rolle, aber auch Methodenreflexion, Analyse, Deduktion und Induktion als planmäßig vollzogene Heuristik. Letztere aber findet sich so wohl nicht in der Natur.
... Evolutionäre Erkenntnistheorie muß daher für das 21. Jahrhundert im Sinne eines Forschungsprogrammes formuliert werden, welches die Ergebnisse der Neurowissenschaften und der Cognitive Science mit einbezieht, ohne zu weitgehenden, insbesondere kausalen Reduktionismen zu verfallen oder sich im Aufzeigen von funktionalen Äquivalenten zu erschöpfen.
... Eine wichtige Funktion bei der Analyse der funktionalen Spezifikation des Gehirns nehmen die Untersuchungen zum Leistungspotential der beiden Gehirnhälften ein. So gewinnen wir gewisse Einsichten über die kognitive Organisation des Gehirns. ...
Oeser und Seitelberger2) plädieren für eine Neuroepistemologie, die wegen der prinzipiellen Unvollständigkeit aller naturwissenschaftlich-biologischen Hirnforschung erforderlich sei und den subjektiven wie objektiven Zugang zum Bewußtseinsproblem umfassen müsse. ... Die Fragen, die aus der Neurobiologie kommen und von ihr prinzipiell nicht beantwortet werden können, wie die nach dem Bewußtsein, dem Ich, den Erkenntnisleistungen, dem Wissen usw. bedürften der philosophischen Reflexion und machten eine Form von Neurophilosophie erforderlich, in welche die Ergebnisse der philosophischen Erkenntnistheorie genauso eingehen müßten wie die von Psychologie, Neurowissenschaften, Cognitive Science oder wie die der Evolutionären Erkenntnistheorie oder des Radikalen Konstruktivismus.
... Evolutionäre Erkenntnistheorie ist eine stammesgeschichtliche Erweiterung der leistungsanalytischen Erkenntnisforschung, nicht aber eine grundsätzlich neue Position der Erkenntnistheorie. Dies liegt an der Methode, an den Grenzen einer bloß erklärenden oder beschreibenden Funktionsanalyse. ...
Wichtig für die Verhaltenssteuerung ist die Emotionalität. ... Die Intentionalität sei im bewußten, menschlichen, zielgerichteten Handeln in ungeheuerer Weise verdichtet, und selbst Erkenntnis ist Ergebnis einer Handlung, in der ich mich zielgerichtet eines Gegenstandes bemächtige. ...
Ein vollständiger Entwurf einer Neurophilosophie konnte mit diesen Aussagen nicht geleistet werden. ... Evolutionäre Erkenntnistheorie und Evolutionäre Ethik haben ihren Beitrag zu einer interdisziplinär orientierten Kognitionsforschung und Erkenntnistheorie geleistet, sie müssen sich nun für neue Entwicklungen öffnen." (Ende des Buches)
1) B. Irrgang, 1993: Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie. München, Basel: E. Reinhardt, UTB 1765
2) E. Oeser und F. Seitelberger, 1988: Gehirn, Bewußtsein und Erkenntnis. Darmstadt. Fundstelle 1)
Anmerkungen
Den Ausführungen der Autoren Irrgang, Oeser und Seitelberger zur Neurophilosophie kann ich mich voll anschließen. Doch denke ich auch, daß vieles, was bei ihnen Programm ist, von mir im Kern inzwischen ausgeführt wurde, versuchte ich doch von Anfang an Philosophie und Gehirnforschung miteinander zu verbinden, wie der Untertitel der II. Abteilung meiner Homepage ausweist.
Erste ausführliche Ergebnisse meiner neurophilosophischen Überlegungen erschienen in der Halbjahreszeitschrift "Aufklärung und Kritik" in Heft 1/1995* Was uns veranlaßt, eine Aussage für 'wahr' zu halten (Text II/4) und in Heft 2/1996 Das Gehirn und sein Ich. Eine notwendige Klärung (Text II/7). Aber auch weitere dort und in dieser Homepage veröffentlichte Aufsätze, z.B. über die Generierung des Geistigen (Text III/1a), gehören zur Neurophilosophie. Mein Ziel war immer schon der hier nun seit März 1999 vorliegende Text über das Verstehen des Verstehens, mit Nachtrag von Kapitel 11 vom Januar 2001. Bezüglich einer neuen umfassenden Ethik verweise ich auf die seit August 2000 im Netz stehende Zusammenstellung früherer Ausführungen zu den Grundlagen einer holistischen Ethik (Text III/9).
*siehe auch die Liste der "Veröffentlichungen und Referate des Autors", Menue: Allgemeines/Veröffentlichungen; direkt: "arbeiten.html"
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