Grundlage einer Theorie des Messens
Vorschlag zur Begründung des Größenbegriffs (zur geplanten DIN 1313)
Ziel einer Theorie des Messens ist es, ein sicheres Aneignen und Reproduzieren der Abmessungen von Merkmalen zu ermöglichen. Hierzu soll aufgezeigt werden, unter welchen unaufhebbaren Bedingungen - den gegebenen kognitiven Voraussetzungen - zuverlässige und wissenschaftlich relevante Meßaussagen möglich sind. Letztlich soll damit auch der nicht weiter hinnehmbare Zustand beendet werden, daß wir messende Wissenschaften haben und uns auf sie berufen, ohne daß überall ausreichend Klarheit darüber besteht, auf was Meßaussagen beruhen und was mit ihnen besagt wird. Es ist an der Zeit, die rationale Grundlage der Metrologie und damit der messenden Wissenschaften darzulegen, damit Wissenschaftler sich bei ihren Urteilen nicht mehr auf intuitive Prinzipien, ihnen einleuchtende Tatsachen oder Autoritäten verlassen und berufen müssen. Nur bei einer rationalen Theorie weiß man immer, warum man etwas weiß und wie vernünftig das Wissen ist.
1 Die nicht aufhebbare kognitive Ausgangslage
Erläuterung:
So setzt der Begriff der Wärme ein Wärmeempfinden voraus, so wie der Begriff der Zeitlichkeit auf der Fähigkeit des Erinnerns beruht. Die Dauer ist dann eine Größe, die wir bei einer zeitlichen Betrachtung der Dinge erkennen. Wärme und Dauer sind von uns gesehene Aspekte der Dinge, unter die wir mit ihnen umgehen. Aus den Aspekten kann jedoch nicht geschlossen werden, daß sie außerhalb der menschlichen Betrachtung in dieser Form als Sache existieren, was aber für den Umgang mit ihnen und somit für eine Theorie des Messens unerheblich ist. So sagen wir heute, daß die Wärme ein Aspekt der Bewegung von Molekülen eines Körpers oder Systems (z. B: eines Gases) ist, ohne daß der Begriff der Wärme, als ein Merkmal, und ihr Maß, die Temperatur, dadurch sinnlos wird. Auch die Größe "Masse" ist keine Sache sondern der Aspekt einer solchen, nämlich das Maß ihres mechanischen Widerstands bei Wechselwirkungen. Die Größe "Geschwindigkeit" dagegen hängt real von der gewählten Meßstrecke und damit vom Messenden ab, nämlich von seiner Wahl der Strecke, die deshalb immer genannt werden muß, soll die Aussage Sinn machen, d. h. ein geistig nachvollziehbares Wissen vermitteln.
3 Die Methode
Erläuterung:
Ein Grundmuster des Erkennens ist das Vergleichen. Messen ist das Vergleichen von Quantitäten. Beim multiplikativen Vergleich wird eine unbekannte Abmessung mit dem bekannten, dem gesetzten Maß - der Maßeinheit - mittels Hilfsmittel (Maßstäbe) verglichen. Dadurch wird das unbekannte Maß als ein Vielfaches bzw. Bruch der bekannten Maßeinheit bekannt. Das so ermittelte Maß ist die Maßzahl. Zum Begriff des Messens gehören also zwei kognitiv verschiedenwertige Maße - ein unbekanntes und ein bekanntes - und der Akt ihres Vergleichs durch einen Messenden. Das Ergebnis ist ein Wissen. Dies gilt auch für relative
Vergleiche, z. B. bei der Härte, bei der das jeweils härtere Material als direkter Maßstab genommen wird.
4 Umsetzung und Bedeutung der Theorie
Erläuterung:
Ohne im Prinzip gleichbleibende und überall gültige Maßstäbe kann es kein brauchbares quantitatives Wissen geben. Erst sie und ein gleichbleibendes Bezugssystem ermöglichen sinnvolle, d.h. nachvollziehbare Meßaussagen. Auch jede Feststellung, ob eine Sache/ein System "ruht" oder "bewegt" ist, ist eine Messung, wobei es sich hier aber um eine am Lebendigen geübte Sehgewohnheit des Beobachters handelt. Doch in Ermangelung eines objektiven, d.h. in der Sache selbst liegenden Unterscheidungsmerkmals beider Zustände sind unbelebte Dinge über die Eigenschaften "ruhend" und "bewegt" völlig erhaben. Daher kann es auch keine ernst zu nehmende Mechanik "bewegter Systeme" geben. Newtons klassische Mechanik hat sich dagegen nur mit der Veränderung der Bewegungsgröße (der Beschleunigung) befasst, die Folge einer objektiv einwirkenden Kraft ist. Daher wird sie immer unverzichtbar sein.
Anmerkung
Die einzige Instanz oberhalb der Vernunft sind dem Menschen unbewußte Erwartungen und ungeprüfte Vor-Urteile, die ihn am richtigen Gebrauch seines Verstandes hindern. Sie sind bewußt zu machen, damit die Vernunft zu ihrem Recht kommt. Wenn aber die Grundlage der Grundlagen aller messenden Wissenschaften - die Theorie des Messens - schon nicht auf rationalen Prinzipien gegründet würde, sondern z. B. auf Intuitionen, welche Kompetenz könnte sie dann den messenden Wissenschaften vermitteln? Diese werden in der Praxis durch Versuch und Irrtum sicher zu brauchbaren Ergebnissen kommen, doch den Wissenschaftlern wird es möglicherweise an der nötigen Klarheit fehlen, a) was Maßeinheit, was Hilfsmittel und was Gegenstand ihres messenden Tuns ist, b) was beim Messen kognitiv passiert und c) was das ist, was sie da messen, z.B. welchen Realitätsstatus es hat. Beispiele fehlender Klarheit sind die verbreiteten Überzeugungen von der Meßbarkeit der Zeit und daß Zeit und Masse Sachen wären. Aber beide sind physikalische Größen, die wir aufgrund unserer Erkenntnisfähigkeit an die Dinge herantragen, um von uns gesehene Aspekte von ihnen zu erfassen: Die Zeit ist metrologisch ein Maß der Dauer (Newton) und die Masse das Maß eines mechanischen Widerstands. Und ihre jeweilige Einheit muß man - wie jede Maßeinheit - zuerst durch Definition bestimmen, will man etwas in die Hände bekommen, mit dem man messen kann. Immer haben wir es nur mit physikalischen Größen zu tun und nicht mit Sachen. So ist letztlich jede Wahrnehmung ein Messen, auch wenn nicht jede quantifizierbar ist. Messen anhand eines materiellen Hilfsmittels (dem Maßstab) ist die Objektivierung einer Wahrnehmung, deren Genauigkeit durch die Zuverlässigkeit des Hilfsmittels und die Sorgfalt des Messenden bedingt ist. Und grundsätzlich gilt:
Ich denke, hiergegen kann es keine Einwände geben, auch kein Wenn und Aber, ohne die Grundlage der ganzen Meßkunde in Frage zu stellen.
© HILLE 1997-2002
Erläuterung zu Pkt. 4 März 2002; Nachtrag "Das Maß aller Dinge" Herbst 1998
Technisches Messen ist eine durch Hilfsmittel erreichte Objektivierung und ggf. Erweiterung der Wahrnehmung. Was wahrgenommen/bemerkt wird, sind Merkmale, die wir an die Welt herantragen, z. B. eine Distanz. Eine Distanz kann gemessen werden, ohne daß es eine Sache Distanz gibt. Die Welt wird uns zum Träger vertrauter Merkmale. Unser Wahrnehmen und Messen ist ein Spiegel unseres Erkenntnisvermögens. Wofür wir kein kognitives Vermögen besitzen, kann nicht wahrgenommen werden und existiert daher für uns nicht. Von hier aus können wir die Warnung des Protagoras (480 - 410) vor dem Irrglauben einer natürlichen Objektivität verstehen, die er in seinem berühmten "Homomensura"-Satz wie folgt ausdrückte: "Der Mensch ist (sich) das Maß aller Dinge, der seienden, daß sie sind, (was sie für ihn sind*), der nichtseienden, daß sie (für ihn) nicht sind." (Klammerausdrücke vom Autor.) Das heißt: nicht die Dinge hängen vom Menschen ab, wie Protagoras Satz manchmal gedeutet wird, sondern nur: ihre Wahrnehmung und Bewertung kann nicht ohne den Wahrnehmenden verstanden werden. Nur wer sich seines Eigenanteils an seiner Wahrnehmung bewußt ist, nimmt im eigentlichen Sinne "wahr" und hält nicht seine begrenzte und egozentrische Sicht für die Welt selbst. Was die Welt hinter den von uns gesehenen Merkmalen ist, können wir nicht wissen. Wissen können wir nur, wie die Welt uns messenderweise erscheint. So ist Messen unser Grundverhältnis zur Welt, das nicht sorgfältig genug bedacht werden kann. Und ermessenderweise, auf unsere Bedürfnisse hin, gehen wir mit ihr um. Dieses Ermessen ist in der Regel ein Erwägen: Nicht nur Ziele und Meinungen werden erwägt. Auch die Erwägung der notwendigen Kraft mit der vorhandenen bildet auf der Ebene der Empfindungen die Grundlage unserer Handlungen und Entschlüsse. Das heißt: Das kognitives System ist unsere Waage der Welt, die uns sagt, wie wir mit unserer Mitwelt im auskömmlichen Gleichgewicht bleiben: Und nur darauf, kommt es dem lebendigen System an - muß es ihm ankommen, will es in der Welt bestehen.
* z. B. warm oder kalt, Feind oder Beute usw.
Aus "Das Maß aller Dinge" zitierte in seiner Abschiedsrede im Kieler Schloß am 23.2.2001 der Direktor des IPTS* Dr. Hans Dohm:
"Meine sehr geehrten Damen und Herren, wer mich kennt, hat miterlebt, wie ich aus den Lehren der Antike viel Kraft und Anleitung für meine Arbeit gezogen habe. So möchte ich auch heute einen griechischen Philosophen heranziehen. Es ist Protagoras, der im 5. Jahrhundert vor Christus in Athen lebte. Er hat vor der Annahme gewarnt, es bestehe eine naturgegebene, tatsächliche Objektivität, und er hat diese Warnung in einem berühmten Satz ausgedrückt, der mit seiner lateinischen Bezeichnung als „Homomensura-Satz“ in die Tradition eingegangen ist. Er lautet auf Griechisch: „Anthropos metron hapanton“, auf Deutsch: „Der Mensch ist das Maß aller Dinge“, und Protagoras fügt hinzu: „... der seienden (Dinge), dass sie sind, der nicht seienden (Dinge), dass sie nicht sind“. Der Münchener Philosoph Helmut Hille interpretiert diese Aussage, indem er sagt, die Wahrnehmung und Bewertung der Dinge könne nicht ohne den Wahrnehmenden selbst, d. h. den Menschen, verstanden werden. Nur wer sich seines eigenen Anteils an seiner Wahrnehmung und Bewertung bewusst sei, nehme im eigentlichen Sinne „wahr“ und halte nicht seine begrenzte und notwendigerweise egozentrische Sicht für die Welt selbst. „Wir können“, so sagt Hille, wir müssen, so sage ich, „uns darüber klar werden, dass unser Wahrnehmen von den Merkmalen abhängt, die wir an die Dinge herantragen“. Darum steht uns also für das, was wir als richtig oder falsch ansehen, nach Protagoras kein objektiver Maßstab zur Verfügung, wohl aber, meine Damen und Herren, unsere abendländische Wertetradition."
* IPTS = Landesinstitut Schleswig-Holstein für Praxis und Theorie der Schule
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