"Sehr geehrter Herr Hille,
in der Anlage gebe ich Ihnen die mir überlassene Dokumentation wieder zurück,
die ich mit Vergnügen gelesen habe.
In der Tat werden aus diesen Gedichten die unterschiedlichen Stile und Gesinnungen
(vor allem die durch Sprache vermittelten kollektiven Trends) des 20. Jahrhunderts deutlich.
Zu erkennen ist der expressionistische, der neusachliche Gestus,
aber auch der Blut- und Bodenton und der Zynismus der unmittelbaren Nachkriegsjahre.
Insofern ist dies wirklich ein Spiegel des Jahrhunderts ..."
(Prof. Dr. Wolfgang Frühwald, Germanist an der LMU München, in seinem Brief vom 4. Juni 1999.
Frühwald hat meiner Sammlung hier eine exemplarische Deutung gegeben, an die ich selbst gar nicht gedacht hatte.
Helmut Hille)
Die ältesten mir vorliegenden Gedichte der Familie datieren von 1901 und stammen aus der Feder meiner Urgroßmutter väterlicherseits, die mit 96 noch Klavier gespielt haben soll. Sie hieß Henriette Hulda Schneider, Jahrgg. 1836, und veröffentlichte ihre Verse unter dem Pseudonym H. Hanisch oder Frau H. Hanisch im "Goldberger Tagblatt". Goldberg ist eine Stadt in Schlesien im Vorland des Riesengebirges. Mit ihren gereimten Gefühlen, Gedanken und Rätseln begleitete die Heimatdichterin ihre Zeit. Die Gedichte sind von sehr unterschiedlicher Länge. Manchmal reichte eine Zeitungsseite nicht aus. Aus verständlichen Gründen werden hier jedoch nur kurze Texte wiedergegeben, gewissermaßen Kostproben, wobei in der Kürze m.E. sowieso die Würze liegt.
Ihr Enkel, mein Vater Georg Hille, Jahrgg. 1892, trug zwar auch gern Selbstgereimtes privat und öffentlich vor, ob es den Menschen gelegen kam oder nicht, aber es gibt keine Aufzeichnungen davon. Doch verfiel er in seinen zahlreichen auch ohne Reim schon recht poetischen Briefen manchmal fast ungewollt in Verse, so wenn er sich für unsere Post mit Brief vom 18.12.62 nicht ohne Humor wie folgt bedankte (wobei mit "Krügers" die Familie meiner Schwester Helga gemeint ist):
| "Helmuts Brief zu Mutters Geburtstag war ein Gedicht, Ein Mutterherz vergißt ihren Stammhalter nicht. Für Erikas Brief hat man bei Hilles-Krüger immer Gehör, Doch manchmal wünschen wir uns einen mehr." |
Von Arnold Hille, seinem Zwillingsbruder, meinem Onkel, gibt es eine Sammlung von 87 Gedichten, die seine Frau anläßlich seines 60. Geburtstags abschrieb und binden ließ, wodurch sie uns erhalten blieben. Der vom Onkel handschriftlich korrigierte Band bildet den Kern dieser Familien-Anthologie. Die Gedichte wurden zwischen 1918 und 1946 verfaßt, Schwerpunkt ist 1922. Neben viel beflügelndes heißes Liebesweh spiegeln sie die emotionale und geistige Auseinandersetzung mit dem Zusammenbruch zweier Reiche, der Not und dem Elend der Zeit, ihren Zukunftshoffnungen. Daneben auch immer wieder das Gedenken an die Mutter und die Mütter und an Mutter Erde in zu Herzen gehenden Versen.
Meine eigene poetische Begabung ist minimal. Sie kam zuletzt anläßlich meines Eintritts in den Vorruhestand zum Tragen, der mir dann mein Philosophiestudium ermöglichte. Für einen Beleg, daß das Erbe auch in mir schlummert, muß ich schon auf Jugendsünden zurückgreifen. Aber die eigenartige Stimmung, die zu der wiedergegebenen "Ode" führte, ist mir noch gut in Erinnerung. Seitdem habe ich viele Betrachtungen niedergeschrieben und dabei versucht, mir Klarheit über die Welt und unsere Stellung in ihr zu verschaffen. Meine Mutter war eine fleißige Briefeschreiberin, dabei ganz nüchtern im Denken. So liegt auch mütterlicherseits das Schreiben in der Familie. Dieser vererbten Neigung verdanke ich es wohl, daß meine Schwester mich aus der Ferne an ihrem und dem Leben ihrer zahlreichen Angehörigen teilnehmen läßt.
Mein Sohn, Peter Hille, Jahrgg. 1966, schreibt allerdings nun überhaupt nichts Gereimtes, doch dafür malt er und schreibt gleich ganze Romane, die noch einen Verleger suchen. Eine Kurzfassung seines neuesten Werkes habe ich hier aufgenommen. Es zeigt viel Phantasie, wohl ein Erbe von meiner Frau bzw. deren Mutter. Bei ihm treffen die unterschiedlichen Begabung der Familien Hille und Oexl aufeinander.
Peters Onkel, Rudolf Oexl, der Bruder seiner Mutter, hat in seiner Jugend ebenfalls einige Gedichte verfaßt, doch seine Stärke ist eine bemerkenswerte Eloquenz. Er schreibt heute Reiseberichte. Siehe hierzu auch seine Websites "Tourismus in Kroatien"
Die Computer-Grafiken sind von Elfriede Regenermel, München, und wurden von ihr freundlicherweise zur Verfügung gestellt. Die Künstlerin ist mit uns weder verwandt noch verschwägert. Die volle Schönheit ihrer Bilder wird leider erst bei Originalgröße der Dateien erkenntlich.
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Man weiß es nicht Wie wird dies und jenes wohl enden? Frägt häufig im Leben man sich. Wird so oder so es sich wenden? Ja, man weiß es doch eben nicht . Oft stehen so prächtig die Saaten. Man hofft: Gute Ernte in Sicht! Doch ob sie nach Wunsch wird geraten? Man hofft es, doch weiß man es nicht . Unser Fritz, der Studiosus der Rechte, Wird gewiß einst "ein großes Licht": Ob der's zum Minister wohl brächte? Wohl möglich, doch weiß man es nicht . Das Automobil zu probieren Zum Chauffeur eine Dame spricht: "Wird das Ding etwas explodieren?" Kann schon sein, doch weiß man es nicht . Ich schrieb oft in Mußestunden, Für das "Stadtblatt" ein kleines Gedicht; Doch ob es Beifall gefunden? Ich hoff' es, doch weiß man es nicht . Goldberg, im August 1903 H. Hanisch |
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Nach Goldberg!
Zieht es nach mondelangen Weilen Frau H. Hanisch |
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Räthsel. O, welch ein undankbar' Geschlecht! Man macht es eben Keinem recht! Bald bin zu kurz ich, bald zu lang, Und Keinem mach' ich 'was zu Dank! Oft möchtest Du zurück mich kaufen, Doch muß ich stets nur vorwärts laufen. Ich halte weder Ruh noch Rast; D'rum nütze mich, wenn Du mich hast! Oft bring' ich Segen Dir und Glück, Doch niemals irgend 'was zurück! Ich bin ein flüchtig' Element, Das Alles, nur kein Bleiben, kennt. Im Schicksalsapparat sogar Ein Faktor unberechenbar! Ich heil' so manche Wunde Dir, Doch Undank ist der Lohn dafür. Die ganze Welt ist ungerecht, Denn immer klagt sie: "Ich sei schlecht". Wird durch die Rechnung Dir ein Strich, Gleich machst Du mich verantwortlich. Doch nehm ich jeden Tadel hin, Weil ich ja nur ein Bote bin. Denn immer hab' ich nur gebracht, Was Dir das Schicksal zugedacht. Frau H. Hanisch. |
(Noch ein Rätsel: Warum heißt es hier Rhätsel mit h? Auch vor 100 Jahren gab es eine Rechtschreibreform, die jedoch sinnvoll war. So hatte man auf das stumme h verzichtet. Wenn hier Räthsel geschrieben wurde, so kann das ein Hinweis auf eine Niederschrift noch vor der Jahrhundertwende sein. Nur bei Thron hatte man das stumme h beibehalten, weil Wilhelm Zwo nicht bereit war, sich auf einen Thron ohne h zu setzen.)
| Herbstgedicht
Die Luft wird rauh, des Waldes Sänger schweigen
Wo fröhlich sonst der Vögel Lieder schallen
Die kleinen Sänger, sie sind fortgeflogen
Noch regt der Landmann fleißig seine Hände
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Schon pflügt er emsig jetzt den Stoppel unter, Und macht das Land zu neuer Frucht bereit. Der letzte er zur Ruh', der erste wach und munter, So geht's vom Frühling bis zur Winterszeit.
Und was er seiner Scholle abgerungen Im Herbst 1903 H. Hanisch |
| Dein Name
Dein Name ist ein Wappenschild
Dein Name ist dein Spiegelbild
Dein Name ist ein Dokument
Und wenn dich keiner hier mehr kennt
26.7.37 Arnold Hille |
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Mutterhände
Zerquälte müde Hände ruhen aus:
Ein Leuchten fließt in
Stillgewordne Räume
Und tausendfach
Lebendig wird das Haus
Aus dieser Fülle
Herber Mutterträume.
Mai 1936 Arnold Hille
| aus Graue Tage Arno Holz zum 65. Geburtstag
Durchweinte Nächte haben ausgehöhlt .....
Zerbrich den Wahn, daß tief im Menschenherzen .....
Ich lege meine Stirn an Eisen 16.10.22 Arnold Hille |
Erinnerung
Meinen Arm um deinen Nacken gelegt
Aus dem Parkteich stiegen bunte Träume
Du schmiegtest dich so eng an mich.
Nun ist auch dieser Tag vorbei.
29.9.22 Arnold Hille
Wanderten wir durch den Park,
Durch den stillen Park.
Unsere Seelen, unsere Herzen waren erregt,
Unsere Sehnsucht heiß und stark.
In unsere liebestrunkene Herzen,
Unsere überquellenden Herzen.
Aus dem Mark der jungen Bäume
Quollen Sehnsüchte - Frühlingsschmerzen.
Ich fühlte quellenden Frühlingsmund,
Sehnsuchtbeflügelten Frühlingsmund.
Und küßte, küßte, küßte dich
Und meine arme Seele wund.
Du aber bist mir sehnsuchtsnah,
So nah, so sehnsuchtsnah.
Gefangen bin ich und nicht frei -
Und lieb dich ja, und lieb dich ja.
ODE AN DEN SPÄTSOMMER
Spätsommertage,
voll stiller reifer Kraft,
mit eurer Milde
gebt ihr mir der Zeiten schönsten Glanz;
der Seele habt Erfüllung ihr gebracht,
der bunten Welt den bunten Erntekranz.
Spätsommertage,
ihr habt gereift,
was Zeiten vorher sich gedacht;
die Frucht
am Baum und auf dem Feld
und dich und mich
habt ihr mit euren Kräften reif gemacht.
Spätsommertage,
ihr seid das Ziel,
ihr seid der Grund,
warum der Same einst begann,
daß er,
der Jahr für Jahr von neuem wächst,
in eurem Frieden sich vollenden kann.
Nun ist geworden,
was sonst verhüllt
und werdend geht durch alle Zeit - - -
nun ist mein Herz erfüllt, -
durch die Vollendung,
in der für einen Augenblick
sichtbar die Ewigkeit.
Spätsommertage
ich trage still
was ihr mir still gebracht,
mit dieser Ode eurer Schönheit ich gedenke, -
und da ihr geht,
mit wehmutsvollen Gang:
Habt Dank!
für all' die kostbaren Geschenke!
1.10.1951
Helmut Hille
(Spätsommer und Herbst wirken mit ihrer Melancholie poetisch offensichtlich besonders anregend.)
Ermutigung
Nicht verzagen!
Alles wagen!
Kraftvertrauen
Schaffen, bauen,
Überwinden
Und erfinden.
Geist und Tat
Was scheidet euch?
Aufwärts streben,
Bestes geben,
Fester fassen,
Zweifel lassen!
Gebt die Hände,
Wie am Anfang
So am Ende
Steh' der Mensch!
Magdeburg 1949 oder 1950 H. Hille
(früher Aufruf zum ‚Aufbau Ost')
Die Geschichte der Isabella daSilva
oder
Der zerbrochene Spiegel
von Peter Hille
Kurzfassung:
Das Buch erzählt die Lebensgeschichte der Isabella daSilva von ihrem sechzehnten Lebensjahr an bis zu ihrem Tod. Isabella wächst im Spanien der Renaissance (um 1600) in einer kleinen Provinzstadt (Cacéres) heran. Sie ist mit ihrem Äußeren sehr unzufrieden und beneidet ihre jüngere Schwester um deren Aussehen und Unbeschwertheit. Als sie von einer geheimen Quelle erfährt, welche Wünsche erfüllt, begeht sie an ihrer Schwester einen Diebstahl, um nur ja den Ort der Wunderquelle zu erfahren.Sie findet sie tatsächlich und auch ihr sehnlichster Wunsch nach Schönheit scheint sich zu erfüllen.
Doch der Preis dafür ist sehr hoch: Isabella verliert ihr Spiegelbild!
Als wunderschöne junge Frau heiratet sie den Mann ihrer Träume, doch die Ehe wird nicht glücklich, da ihre Schönheit sie unnahbar werden läßt und sie sich nach einem Leben am Königshof sehnt. Ihr Mann schwängert ihre Schwester und beide verlassen heimlich die Stadt. Dies scheint die Gelegenheit für Isabella, um nach Madrid zu 'fliehen' und dort Glück und ein glanzvolles Leben zu finden.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten gelingt es ihr tatsächlich durch eine List eine Anstellung als Musiklehrerin am Königshof zu erhalten. Ihr Aussehen erregt dort aber nicht nur die Aufmerksamkeit des Königs, sondern auch viel Neid und Mißgunst. Sie gerät in eine Intrige der eifersüchtigen Königin und muß sich schließlich vor der Inquisition wegen Hexerei verantworten. Der Großinquisitor Don Jaime 'überführt' sie nicht zuletzt aufgrund ihres fehlenden Spiegelbildes und letztendlich wird sie einem 'Gottesurteil' unterworfen und nur durch die Hilfe einflußreicher Freunde und einer Finte vor dem Tod bewahrt.
Isabella wird in ein Kloster verbracht und findet dort erst neue Lebensfreude, als sie die armen Kinder der nahegelegenen Stadt in Lautenspiel und Poesie unterrichten darf. Nach einigen Jahren unternimmt sie einen riskanten Ausflug, um ihre Schwester wiederzufinden. Letztendlich schreckt sie jedoch vor dem Treffen zurück und kehrt wieder ins Kloster heim.
Dort hat sie bereits seit einiger Zeit ein Verhältnis mit dem Ordensgeistlichen Pablo Almirez, welcher einer Gruppe revolutionärer Geistlicher und Landadeliger angehört und davon träumt die herrschende Ungerechtigkeit und die Inquisition zu bekämpfen. Als eine Seuche, das 'Gelbe Fieber', ausbricht scheint das Reich aus den Fugen zu geraten und er und seine Freunde brechen zu revolutionären Kämpfen und Aufständen auf. Pablo wird jedoch bald festgenommen und hingerichtet.
Isabella verläßt daraufhin endgültig das Kloster und schließt sich den Aufständischen als deren Galionsfigur an. Nach einem Jahr ist sie jedoch von der 'Erneuerung', welche die Revolutionäre versprechen, so enttäuscht, daß sie aus dem Zeltlager des 'Zuges der Gerechten' flieht, bevor dieser ihre Heimatstadt Cacéres erreicht. Sie macht sich erneut zur Wunderquelle auf, um sich von dem Fluch ihrer Schönheit zu befreien. Sie wird tatsächlich erlöst, stirbt jedoch daraufhin am gelben Fieber, welches sie schon lange im Leib trägt. Als 'unbekannte Tote' wird sie letztendlich in ihrer Heimatstadt beigesetzt und die Revolution bricht ohne ihre Galionsfigur zusammen.
| TARENT (in Kriegsgefangenschaft 1945)
Seh ich die Lichter dort im Hafen
find ich keine Ruh im Schlafen
Leise rauschen Meereswogen -
und vom weiten Himmelsbogen
Grüße eilen in die Ferne
ach, wie möchte ich selbst so gerne
|
Mondnacht
Hell aus dem tiefblauen Himmelszelt
strahlet der Mond auf die schlafende Welt.
Gott AMOR nimmt lächelnd Köcher und Pfeile -
zur Erde trägt ihn der Nachtwind in Eile.
Wellen der Liebe ziehen dahin -
sanft umschmeichelnd der Erdmenschen Sinn.
Herzen, die nie zueinander gefunden
schlagen im Takt in den herrlichen Stunden.
Losgelöst von des Alltags Sorgen
schwebt du entgegen dem neuen Morgen.
Auf Traumflügeln eilst Du in kosmische Ferne -
umstrahlt vom Glanzlicht unzähliger Sterne.
Zur Erde blickst Du im Fluge zurück -
an Deiner Seite fliegt lachend das Glück.
Es geht gen Morgen - am Himmel wird Licht -
die traute Hülle der Nacht zerbricht -
doch mit in des neuen Tages Erleben,
nimmst du, was die Nacht Dir gegeben.
Rudolf Oexl
