Wenn man einmal erkannt hat, daß es sich bei dem Lehrgedicht des Parmenides (um 540-480 v.Chr.) um ein erkenntniskritisches Werk handelt, lernt man - mit dem Wachsen des eigenen Verständnisses, welche Wege das Denken geht - seinen Inhalt immer mehr in sich stimmig zu deuten. Die Deutung des Gedichts gelingt m.E. umso besser, je mehr man sich seiner erkenntniskritischen Radikalität anschließt. Die Einleitung des Gedichts, das Proömium, ist eine Umschreibung dessen, auf welchen Wegen Parmenides, seiner Überzeugung nach, zu seinen Erkenntnissen kam: Da waren "vielverständige Stuten", die ihn trugen, zugleich jedoch "den Wagen ziehend mit gewaltiger Kraft". Da gab es "Jungfrauen", die "den Weg wiesen" und "vom Haupt weg mit den Händen die Schleier stoßend" den "wissenden Mann" vor "das Tor der Bahnen von Tag und Nacht" führten, das ein "ätherisches", also ein geistiges war, hinter dem, wie er nach dem Öffnen sah, ein Abgrund gähnte. Das herausgehoben realistisch beschriebene Tor war der unerbittlichen Dike (der Göttin des Rechts) unterstellt, auf die die Jungfrauen in besänftigender und überzeugenden Weise einreden mußten. Daraufhin wurde dem Eleaten das Tor geöffnet und die "Heliadenmädchen" lenkten hindurch "Wagen und Stuten". Am Ende des Weges, "der weitab vom üblichen Pfad der Menschen liegt", wird der Dichter vertrauensvoll von einer namenlosen Göttin mit Handschlag begrüßt, die ihm sagte, was nicht bezweifelt werden kann, was von üblicher menschlicher Meinung gehalten werden muß und wie es um die Dinge der Welt bestellt ist.
Hier nun meine Erklärung der als "Himmelfahrt" angesehenen geistigen Reise zu den Quellen der Erkenntnis: Die kraftvollen "vielverständigen Stuten, die ihn trugen" sind die aus dem Unbewußten auftauchenden Intuitionen. Die Jungfrauen sind das geistige Vorwärtsstürmen des "wissenden Mannes" lenkende rechte Gedanken, die einen um Gerechtigkeit ringenden Denken entstammen, weshalb sie die Dike überzeugen konnten, ging es den Griechen doch um das Finden des rechten Maßes für alle Dinge. Ihre Entdeckung der Logik ist ein Aspekt, ihre auf das Typische zielende Kunst ein reiner Spiegel dieses Strebens. Der Wagen, den die Stuten zogen, war das seiner selbst bewußt gewordene Denkorgan, "das Haupt", dem dadurch der Schleier genommen wurde (es wußte nun, warum es so urteilte, wie es urteilte). Die "wirbelnden Räder", "zu beiden Seiten" des Wagens, waren die Ohrwirbel, die vernehmen. Was aber vernehmen sie: die Meinungen (doxa) der Sterblichen, die in Dissonanz zum rechten Bedenken stehen. Die namenlose Göttin war die eingeborene Autorität, die eifersüchtige Hüterin des Weltverständnisses (das sie aus der eigenen und in der Geschichte des Lebens gesammelten Erfahrung generiert). Sie verkörpert die größtmögliche Referenz, auf die wir rekurrieren können. Und sie ist es, die aus ihrem Verständnis die Erkenntnisse gebiert, die von den Stuten, den Intuitionen, in das Bewußtsein getragen werden, denn Erkenntnis ist das ins Bewußtsein gehobene Weltverständnis. Die Intuitionen werden sodann von den, den Geboten der Dike folgenden Jungfrauen auf rationale Weise kontrolliert und "gelenkt", d. h. bewertet und eingeordnet. "Die Bahnen von Tag und Nacht" schließlich, die Parmenides am ätherischen Tor verließ, waren die des antagonistischen Denkens, daß überall unüberbrückbare Gegensätze sieht, die aber nicht in den Dingen selber liegen, so wie Dunkelheit nicht der Gegensatz sondern nur der Grenzfall der Helligkeit ist. Der Abgrund, der sich beim Öffnen des Tores zeigte, war der zwischen der Wahrheit und den "Meinungen der Sterblichen, denen keine wahre Verläßlichkeit innewohnt". Man kann auch sagen: Er ist die Differenz zwischen Schein und Sein. Sein und Schein zu unterscheiden ist das Anliegen des Lehrgedichts, weshalb der Reclamtitel "Über das Sein" zu recht gewählt wurde. Letztlich umschreibt das Proömium des Gedichts ein gelungenes Zusammenspiel der bewußten und unbewußten kognitiven Kräfte, wie immer wir sie auch nennen, dessen geglücktes Ergebnis als "Wahrheit" empfunden wird: als ausgewogen und der zu beurteilenden Sache angemessen, wofür die Dike steht. Daher war Parmenides überzeugt sagen zu dürfen: "Diese (übliche) Weltordnung und ihre (antagonistische) Entfaltung künde ich dir in der Scheinhaftigkeit ihres Wesens, so daß keines Menschen Meinung dich je beirren wird." Ich denke, daß wir ihm auch darin folgen können. Für mich ist er der Philosoph und Wissenschaftler, der aus der Zukunft kommt, denn er hat Probleme angesprochen und Wege des Denkens aufgezeigt, die wir noch gar nicht bemerkt haben. Hans v. Steuben schreibt in seiner ausführlichen Untersuchung über Parmenides und seine Rezension: "Die meisten Studien (über Parmenides und sein Gedicht) sind denn auch offensichtlich von dem Bewußtsein getragen, daß Parmenides uns Probleme aufgegeben hat, die auch noch unsere Probleme sind." Einige dieser Probleme bewußt zu machen, ist das Anliegen meiner Arbeit.
Aufgrund der vorausgegangenen Überlegungen wird eine Nachdichtung der Einleitung im Klartext versucht. Vorlage waren drei z. T. recht unterschiedliche Übersetzungen (s. Quellenangabe). Mit Hilfe des Sinnzusammenhangs und des sparsamsten Ausdrucks versuchte ich dem Original so nah wie möglich zu kommen. Erst hierbei sah ich die große Stringenz des Proömiums, wodurch mir mein Versuch als ausreichend legitimiert erscheint, auch wenn ich kein Alt- noch ein sonstiger Philologe bin. Eine Parallele hierzu ist Carl Dallagos "Versuch einer Wiedergabe des TAOTEKING des LAOTSE" (Verlag Lambert Schneider/Heidelberg, Neudruck der 3. Auflage 1953), aus drei ihm vorliegenden Übersetzungen. Diese überzeugt mich auch mehr als die von Sinologen, da ich, wie Carl Dallago, "der Ansicht bin, daß der Sprache dem Rein-Menschlichen wie dem Rein-Geistigen gegenüber erst sekundäre Bedeutung zukommt - insoferne die Sprache im Rein-Menschlichen wie im Rein-Geistigen nur Zeichen oder Behelf, niemals Erfüllung sein kann, und es immer Ohren erfordert, die hören, und Herzen, die aufnehmen können ..." Auch Parmenides Lehrgedicht darf man nicht zuerst als ein philologisches Problem ansehen, sondern als ein genuin philosophisches. Es geht in ihm um zwei recht unterschiedliche Wege des Denkens, mit der Realität umzugehen. Maturana würde sagen: es handelt sich um den Unterschied zwischen der Realität ohne Gänsefüßchen und der Realität mit Gänsefüßchen. Ich sage klar heraus: es geht um die Differenz zwischen Sein und Schein, für die der Beobachter die Ursache ist.
Wie der Beutegreifer "Mensch" als Kind lernen muß, Mein und Dein zu unterscheiden, will er mit seinesgleichen in Frieden leben, so muß er als Erwachsener durch liebende Hinwendung an das Nicht-Ich lernen, Schein und Sein zu unterscheiden, um mit der Welt dieses Planeten Frieden schließen zu können. Denn der Schein ist dasjenige, mit dem er sich die Welt nach eigenen Erfordernissen geistig angeeignet hat und auf den hin er mit ihr selbstbezogen umgeht.
Der Schein, auf den hin er mit seinem Forschungsgegenstand umgeht, nennt der Naturwissenschaftler "Modell", das sein Verständnis einer Sache spiegelt und auf das hin er seine Überlegungen anstellt. Parmenides nannte Modelle "doxa". Und Wilhelm von Ockham beschrieb den Gegenstand der Forschung noch weit vor aller modernen Wissenschaft so1:
"Die Interpretation: Zum Verständnis des Gesagten muß man wissen, daß jedes Wissen sich auf einen Satz oder auf Sätze bezieht. Und so wie Sätze durch das Wissen gewußt werden, ebenso gehören die Satzteile, aus denen Sätzen zusammen gesetzt sind, zum Bereich des Wissens (und nicht zum Bereich der Natur: s. die Quantenmechanik).
Universalia: Die Sätze aber, welche durch die Naturwissenschaft gewußt werden (also nicht durch Anschauung in direkter Erfahrung), sind nicht aus sinnlichen Dingen oder Substanzen zusammengesetzt, sondern aus Intentionen oder Begriffen der Seele, welchen solchen Dingen gemeinsam sind. Und daher handelt, im eigentlichen Sinne, die Naturwissenschaft weder von vergänglichen und werdenden Dingen noch von natürlichen Substanzen, noch von beweglichen Dingen, denn solche Dinge sind in keinem durch die Naturwissenschaft gewußten Satz Subjekt oder Prädikat. Im eigentlichen Sinne handelt die Naturwissenschaft von den solchen Dingen gemeinsamen Intentionen der Seele, die in vielen Sätzen eben für diese Dinge stehen, z.B. Lebewesen ist die Gattung des Menschen und (der) Tiere."
Solche Aussagen gehören zur immerwährenden Philosophie, in der das Geistige, nach meiner Definition die nach innen genommene Auseinandersetzung mit der Welt (s. Text II/7), zum Bewußtsein seiner eigenständigen Natur kommt und aufhört, sich von mythischen Mächten oder von Objekten der Außenwelt beherrscht zu sehen. Auch die Gegenstände der Naturwissenschaft sind als "Intensionen der Seele" rein geistiger Art und gehen den Namen voraus. Wer verinnerlicht hat, daß wir mental immer nur mit der Bedeutung von Namen umgehen, - das verstand Ockham unter Nominalismus (W. Vossenkuhl) -, der wird Ockhams Gedanken, die Verse des Parmenides, ebenso wie die des Laotse, als zu jener immerwährenden Philosophie zugehörig verstehen, die wegen ihrer zeitlosen Gültigkeit immer dann einleuchten wird, wenn das Geistige seine ihm eigene Natur und Kompetenz erkennt. Sein Modell des Seienden ist eben nicht das Seiende, wie es für sich selber ist, das immer nur als ein Einzelnes auftritt, sondern gibt bestenfalls Aspekte von Seiendem wieder (sofern das Seiende diese objektiv hergibt), die wir aber trotzdem immer selbst an die Dinge herantragen. So ist die Frage nach dem Seienden alles andere als eine akademische Frage sondern sie hat entscheidend zu tun mit den Fragen, was es heißt "Mensch" zu sein und wie wir mit dem Seienden umgehen müssen, um die Zukunft des Menschengeschlechts zu sichern. Ich denke, wir nehmen entweder unsere Verantwortung für unser Denken und Tun wahr oder wir werden am unkontrollierten Egoismus scheitern.
1Wilhelm von Ockham: Prolog zum Physikkommentar, dt. v. Ruedie Imbach in: W.v.O: Texte zur Theorie der Erkenntnis und der Wissenschaft, lt./dt. hg., übers. u. komm. v. R. Imbach, Stuttgart, Reclam, 1984, 205f. Fundstelle: Eckhard Keßler, Einführung in die Philosophie der Renaissance, Skript der Fachschaftsinitiative Philosophie der Universität München, Dez. 96. Klammerausdrücke vom Autor
Parmenides, Über das Sein, Reclam Bd. 7739, Übersetzung und Gliederung von Jaap Mansfeld, herausgegeben und kommentiert von Hans von Steuben, Reclam Stuttgart 1985
Kurt Riezler, Parmenides, durchgesehen von H.G. Gadamer in: Quellen der Philosophie, hrg. von Rudolph Berlinger, Vittorio Klostermann Frankfurt/M 1970
Carl-Friedrich Geyer, Die Vorsokratiker zur Einführung, Junius Verlag Hamburg 1995
Allen Übersetzungen liegt das Fragment 28 B der Sammlung vorsokratischer Texte von H. Diels und W. Kranz zugrunde.
Parmenides in Klartext
von Helmut Hille
I. Das rechte Bedenken
[1] Soweit mein Sinn begehrte, trugen mich die Intuitionen.1 Nachdem Themis und Dike mich auf dem kundereichen Weg gebracht hatten, der da allein überallhin führt den [nun um den Weg] wissenden Mann, eilte ich auf ihm dahin; auf ihm bewegten mich die vieles deutenden Intuitionen und das rechte Bedenken2 wies mir den Weg.
[6] Den Schein verlassend, vom Haupte zurückgeschlagen die Schleier3, lenkte es zum Lichte die Fahrt, doch das Bewußtsein, bedrängt von dem, was es vernahm4, knirschte schrill.5
[11] Da steht das lichte Tor am Pfade von Tag und Nacht.6, ein Türsturz umschließt es und eine steinerne Schwelle7 - große Flügeltüren füllen es. Die unerbittliche Dike8 verwahrt den vergeltenden Schlüssel.
[15] Ihr schmeichelte das rechte Bedenken, so wurde sie überzeugt. Nachdem die Denkbarriere gefallen, sprang auf das Tor und öffnete breit den ansonsten verschlossene Abgrund (zwischen Schein und Sein), die erzbeschienten Pfosten drehten sich in ihren Pfannen, und das rechte Bedenken lenkte gerade hindurch Intuition und Bewußtsein.9
[22] Und die Göttin10 empfing mich, ergriff voll Huld meine Rechte11 und nahm das Wort und sprach: "Sei, Jüngling, mir gegrüßt! Göttlichen Lenkern gesellt, mit den Intuitionen die Dich trugen, meinem Haus nahend. Kein geringes Geschick, sondern Themis und Dike sandten Dich, diesen Weg zu gehen, der da außerhalb ist der von Menschen betretenen Pfade. So sollst Du denn alles erfahren: der wohlgerundeten Wahrheit nie erzitterndes Herz und das Scheinwesen menschlicher Setzung, die da ohne Verlaß ist und ohne Wahrheit. Aber dennoch sollst Du auch das erfahren, wie das nur nach dem Anschein Gesetzte geltend wird und solche Geltung alles mit ihrem Scheinwesen hat durchdringen müssen."12
1das in Schüben bewußt werdende implizite Weltverständnis, das dadurch bedacht werden kann.
2ein dem Gegenstand gerecht werdendes Denken nach anerkannten Prinzipien/Prämissen.
3die Schleier: das Nichtwissen um die Prämissen von Urteilen, wodurch der Urteilende ihnen ausgeliefert ist und von Meinungen (doxa) beherrscht wird
4im Original: "von zwei wirbelnden Kreisen beflügelt": Die auf der Achse des Hauptes sitzenden "wirbelnden Kreise" sind die Ohrwirbel, die für das Vernehmen (der Meinungen) stehen.
5Verwirrung, Ratlosigkeit - Krise!
5Der übliche Weg des Denkens in antagonistischen Gegensätzen, wie Tag und Nacht, die nicht
in den Sachen selber liegen. Zum Beispiel ist die Dunkelheit nur der Grenzfall der Helligkeit. Ohne das Erlebnis "Tag" gäbe es keinen Begriff von der "Nacht".
7Die herausgehoben realistische Beschreibung des Tores steht m.E. für die Realität der Transzendens und die Transzendenz der Realität, die dem antagonistischen Denken, dem sich die Wirklichkeit in seinen selbstbezogenen widerstreitenden Setzungen erschöpft, verschlossen ist.
8Der Schlüssel der Dike - das rechte Maß in allem Denken und Tun - ist auch der Schlüssel
des Lehrgedichts, denn er steht für gerechtes Urteilen schlechthin: Angemessenheit der verwendeten Kategorien und Maß, genommen am gesamten Wissen, wie es ein guter Richter tut. So steht die Dike für eine auf Sachverstand und Wissen gründende, abwägende Vernunft, der das Symbol der Waage zugeteilt ist. Während das den Schein hervorbringende antagonistische Denken mit der Welt selbstbezogen umgeht, versucht das rechte Bedenken, durch selbstlose Hinwendung an das Gegenüber, sich dessen Sosein zu nähern.
9beschreibt ein geglücktes Zusammenspiel aller kognitiven Kräfte, der bewußten und
unbewußten, wie immer wir sie auch nennen.
10die Göttin ist namenlos, denn alle Namen sind schon menschliche Setzungen.
11Die körperliche Berührung verbürgt die Wahrheit, denn der Tastsinn ist der Sinn der Wahrheit, weil er keines vermittelnden und damit möglicherweise verfälschenden Mediums bedarf. Man kann Sagen: Parmenides war mit dem namenlosen Seienden in direkten Kontakt gekommen. Die so erfahrene Wahrheit - die nach Auffassung der Griechen nur den Göttern zukommt - bedarf daher einer göttlichen Verkündigung, und zwar in poetischer Form, denn die Poesie ist die Sprache der Götter.
12Die doxa sind unser geistiges Modell der Wirklichkeit, auf das hin wir mit ihr denkend und handelnd umgehen, aber eben nicht die Wirklichkeit selbst, die uns nur in Singularitäten begegnet. Nur über Einzelnes kann es wahre Aussagen geben (W.v.Ockham). Weltbilder und Theorien dagegen, als der Spiegel unseres Denkens, nicht des Seienden, können daher weder wahr noch unwahr sein, sondern sie
sind für die Daseinsbewältigung entweder brauchbar, teilweise brauchbar, unbrauchbar, schädlich oder fatal - in jedem Fall aber doxa.
Die Einleitung konfrontiert uns mit der Entstehung und dem Schlüssel des Lehrgedichts und mit dem daraus abgeleiteten Anspruch auf die rationale Wahrheit der Verkündigung, zu deren Nachvollzug wir aufgefordert sind.
© HILLE 1997
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