Inhalt:
Leserbrief des Autors - das Thema wird eröffnet
Was noch zu bedenken ist, um ein vernünftiges Weltbild zu erreichen
Das Requiem für Determinismus und Kausalgesetz
Gegen das dualistische Denken und für Notwendigkeit und Zufall
Lob des Zufalls - neu
Kausalität als Vernunftprinzip
Hinweis auf Grenzen des Prinzips
Kurztext des Referats "Gibt es ein Kausalgesetz?"
Nachwort: "Moderne" Wissenschaft und "das alte Europa" - neu
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Auch wenn Sachen ihren Zustand nicht von sich aus haben, so ist es doch ihr Bestreben, ihren Zustand von sich aus zu erhalten, weshalb Erhaltungssätze nicht weiter ableitbar sind. Das Verharren im Zustand, für das die verharrende Sache selbst zugleich einzige Ursache ist, ist Voraussetzung von Physik als Wissenschaft: nur an einer von sich aus verharrenden Entität kann das Einwirken von Kräften erkenntlich werden. Wenn das Verharren ebenso wie das Nichtverharren Folge von Kräften wäre, dann ist Kraft, als die einen Zustand verändernde Größe, nicht definierbar.
Nur ein nicht weiter begründbares Verharren beim Fehlen von Ursachen läßt Physik als eine prognostische Wissenschaft zu. Wer Trägheit abzuleiten oder zu erklären versucht, hat die Voraussetzung von Prognose nicht begriffen. So ist auch die Isotropie der Lichtausbreitung von ihrer Quelle nicht erklärungsbedürftig sondern ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Erst das Fehlen von Isotropie würde eine Erklärung herausfordern. Tritt keine Anisotropie ein, wo sie erwartet wurde - dann war die Erwartung falsch (Michelsonexperiment). So einfach ist das! Falsche Erwartungen zu falsifizieren ist der Sinn von Wissenschaft. Doch fällt es wohl ungeheuer schwer, sich einen Irrtum einzugestehen. Viel lieber glaubt man, daß es an den Meßmittel liegen müsse, wenn eine falsche Erwartung sich nicht bestätigt hat, weshalb man die relativistische Umdeutung der Meßergebnisse so bereitwillig annimmt. Doch die Wissenschaft sollte der Wahrheit und nicht der Erwartung dienen. Heute haben wir in der Physik ein Redlichkeitsproblem, weshalb es soweit gekommen, daß Fakten sich vor Theorien verantworten müssen, gemäß Hegels Ausspruch: "um so schlimmer für die Tatsachen", wenn sie sich Theorien nicht fügen. Für das Verständnis der Dinge und den Fortgang der Wissenschaft ist eine solche Einstellung wirklich schlimm, wie ich hier immer wieder zu zeigen versuche, in der Hoffnung, das Gewissen der Physiker zu erreichen, wenn sie denn wirklich Wissen schaffen und nicht vernebeln wollen.
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Ein gängiges Denkschema über das Funktionieren der Natur ist: wie es die Menschen und die staatlichen Gesetze und Vorschriften gibt, denen sie zu folgen haben, ebenso gibt es die materiellen Dinge und die Naturgesetze, denen sie unterliegen. Diese Naturgesetze sieht man entweder als von Gott den Dingen auferlegt oder mit dem Urknall „entstanden“ an. Da gilt es schon als unkonventionell, wenn Nobelpreisträger Gerd Binnig die Gesetze sich mit dem expandierenden und abkühlenden Universum entwickeln sieht. Und wer ohne Gott auskommt und der Materie die Fähigkeit zur Selbstorganisation einräumt, hat möglicherweise trotzdem im Hinterkopf die Vorstellung, daß dies nach irgendwelchen Gesetzen geschieht und nicht einfach eine Folge der materiellen Struktur der Dinge ist. Meine These lautet: Naturgesetze sind Ausdruck des Soseins der Natur.
Die dualistische Welterklärung nach dem Schema menschlicher Herrschaft ist nur schwer abzulegen, weil der Mensch - in Ermangelung eines objektiven Wissens - immer von sich auf andere schließt, also vom Bekannten auf das Unbekannte. Und indem er das Unbekannte sich dadurch anverwandelt, glaubt er dann, es zu verstehen. Daher ist der Gedanke wenig populär, weil beunruhigend, daß das Wechselspiel der materiellen Dinge durch ihre eigene Natur bestimmt wird, also ursächlich ist - denn man denkt bei solcher Ungebändigtheit doch instinktiv: wo käme wir da hin, wenn jeder macht, nach was ihm gerade zumute ist. Dabei gibt uns die an der Erfahrung unzähliger Generationen abgeschliffene Sprache mit dem Begriff der „Ursache“ und des „Ursächlichen“, schon einen hervorragenden Hinweis darauf, wie es sich wirklich verhält: Die Ursache ist das, was in der Wechselwirkung aus den Sachen selber kommt. Das Geschehen ist daher geprägt von Notwendigkeit und Zufall: notwendig verhalten sich die Dinge gemäß ihrer eigenen Struktur. Doch welche Dinge unter welchen Umständen zusammentreffen und was sich daraus ergibt, ist - infolge fehlender Lenkung - zufällig. "Zufällig" heißt "ungeplant", nicht mehr und nicht weniger! Und diesen Gedanken der Zufälligkeit eines Geschehens und die Tatsache der nicht restlosen Aufklärbarkeit von ungestörten Anfangszuständen im Quantenbereich und die daraus sich ergebende Unschärfe der Prognose können deterministische Denker nicht ertragen, die deshalb einer ewigen vorausbestimmten (göttlichen) Ordnung bzw. sogar dem permanenten Einwirken Gottes mit Hilfe der Raumzeit und versteckter Parameter den Vorzug geben, auch wenn sie nicht unserer Lebenserfahrung entspricht. Ein Gemeinwesen, das sich fatalistisch dem Gang der Dinge hingibt, beraubt sich der Fähigkeit, seine Zukunft in vernünftiger, d.h. der Situation angemessener Weise selbst zu gestalten, weshalb der Kampf gegen die Prediger des Determinismus uns alle angeht.
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Kausalität als Vernunftprinzip
Die Klärung der Kausalitätsfrage hat sich bei mir über 4 Jahre hingezogen, wie meine Ausführungen belegen. Für mich stellt sie sich deshalb als das schwierigste Problem dar, das ich jemals angegegangen habe. Heute halte ich die Kausalität für ein Vernunftkriterium, das uns die Lebenserfahrung nahelegt, und das wir, wie jedes andere Kriterium auch, an die Welt herantragen und einfach sehen müssen, wie weit es uns beim Verständnis eines Geschehens hilft. - Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kausalitätsargument relativistischer Physiker findet sich in Text I/C4 über den Tunneleffekt.
München, den 28.Febr.1999
Die Beschäftigung mit dem Kausalitätsproblem geht weiter
Das Kausalitätsprinzip im strengen Sinne findet dort seine Grenze, wo durch die Integration qualitativ unterschiedlicher Komponenten in einem schöpferischen Akt neue Ebenen der Wirklichkeit entstehen, z.B. mit dem Phänomen Leben. Lebewesen wiederum bedienen sich der Signale/Informationen ihres Gemüts bzw. des Geistes, die eine weitere eigene Wirklichkeit mit eigenen Regeln bilden. Diese neuen Ebenen sind so wirklich wie die materielle Ebene. Das für solches Auftauchen neuer Phäno-Ebenen verantwortliche, "Mischung" genannte immanent schöpferische Prinzip habe ich u.a. in meiner Parmenides-Rezension (Text II/5) erläutert. In der englischen Metaphysik wird ein solches "Auftauchen" von etwas vorher nicht Vorhandenen "Emergenz" genannt. Auf meiner seit Anfang 2002 im Netz stehenden neuen Philosophie-Site ZEIT UND SEIN habe ich mich mit ihr auseinander gesetzt. Ich prüfe dort die Argumente des dogmatischen Reduktionismus, wie ich mich hier mit dem doktrinären Determinismus auseinandersetze, stets in dem Bestreben, den Blick auf alle Wirklichkeiten offen zu halten bzw. ihn zu öffnen. Dieser offene Blick gehört für mich zu den Tugenden eines mündigen Bürgers, um den es mir geht.
Heilbronn, den 27.Jan./25.Sept.2002
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