Kausalität contra Determinismus

Das Grundproblem der Physiker und seine Auflösung


Inhalt:
Leserbrief des Autors - das Thema wird eröffnet
Was noch zu bedenken ist, um ein vernünftiges Weltbild zu erreichen
Das Requiem für Determinismus und Kausalgesetz
Gegen das dualistische Denken und für Notwendigkeit und Zufall
Lob des Zufalls - neu
Kausalität als Vernunftprinzip
Hinweis auf Grenzen des Prinzips
Kurztext des Referats "Gibt es ein Kausalgesetz?"
Nachwort: "Moderne" Wissenschaft und "das alte Europa" - neu


Leserbrief
in Heft 2/1995 von "Aufklärung und Kritik" zum Aufsatz von Hermann Kraus: "Determinismus, Wissen, Realität oder Indeterminismus, Glaube, Wunder?" (gekürzt, ergänzt)

Lieber Hermann,

auch ich beschäftige mich schon längere Zeit mit der Determinismusfrage und ich denke, daß ich jetzt zumindestens einen Einstieg in das Thema gefunden habe. Dein in jeder Beziehung interessanter Aufsatz ist für mich ein aktuelles Spiegelbild der Situation, in der die Deterministen durch die Quantenmechanik (QM) geraten sind und die sie noch immer am Rotieren hält. Doch die behaupteten Schwierigkeiten der QM mit der Kausalität sind für mich nur die Schwierigkeiten, die ein den Tatsachen unangepaßtes mechanistisches Determinismusverständnis mit ihnen hat (ganz abgesehen davon, daß die Unschärfe keine Eigenschaft der Quanten, sondern eine unseres Wissens über Quanten ist). Du trägst dem Rechnung, indem Du die Kausalität zu begründen versuchst, leider aber über die Begründung aus Erfahrung kaum hinaus kommst. Nicht wahr, der Determinismus und die Kausalität können sich ja nicht selber begründen, weil es sich sonst um willkürliche Setzungen handeln würde, die beide gerade nicht meinen. Jede determinierende Setzung muß einen sachlichen Grund in den Dingen der Welt selber haben. Dieser Grund darf dann aber eben kein fremddeterminierter sein. Diesen Grund müssen die Dinge akausal von sich aus haben, denn sonst würde - mangels eines Grundes oder einer Ursache - ein unendlicher Regreß entstehen, den man dann nur mit Hilfe einer außerweltlichen Ur-Sache zum Halten bringen könnte, welche die Menschen "Gott" nennen.

Das Thema der Kausalitätsbegründung wird mich weiterhin beschäftigen. Aber mir ist jetzt schon klar, daß ich Deine Alternativen in einer ganz anderen Zusammenstellung sehe. Erst wo die Fremdbestimmung durchbrochen und die Kausalität auf den Boden des Selbsterhalts von Zuständen gestellt ist, was sich in den von Dir sehr richtig bemühten Erhaltungsgesetzen - als nicht weiter ableitbare oberste Gesetze der Physik - wiederspiegelt, braucht man weder Wunder noch einen Gott, der der Natur die Gesetze auferlegt. Die Idee der Fremdbestimmung der Natur hat das absolutistische Herrschaftsmodell als Vorbild, bei dem alles von außen her machbar erscheint, weil es die Dinge ohne eigenes Bestreben sieht. Der von Dir beklagte Staatsterrorismus sozialistischer Prägung und sein Untergang waren genau die Folge dieses, auch die Eigenantriebe des Menschen leugnenden absolutistischen Modells, weshalb die Suche nach einem angemessenen Kausalitätsverständnis alles andere als ein akademisches Problem ist. Nachdem Du Heraklit zitiert hast, laß mich noch seinen Zeitgenossen Parmenides erwähnen, welcher in das Zentrum seiner Überlegungen die Einsicht gestellt hat: "Seiendes ist!" D. h. wir sollen die Existenz des Daseins ohne Wenn und Aber akzeptieren und nicht fruchtlose Versuche machen, es von irgendwem oder von irgendwoher abzuleiten, welches eben die Sucht doktrinärer Deterministen ist, die aber die unableitbare Existenz der Dinge nur ins Nebulöse verlagert. Wie Du siehst, behandeln wir ein Problem und seine Lösung, die beide nicht neu sind.
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Was noch zu bedenken ist, um ein vernünftiges Weltbild zu erreichen

Auch wenn Sachen ihren Zustand nicht von sich aus haben, so ist es doch ihr Bestreben, ihren Zustand von sich aus zu erhalten, weshalb Erhaltungssätze nicht weiter ableitbar sind. Das Verharren im Zustand, für das die verharrende Sache selbst zugleich einzige Ursache ist, ist Voraussetzung von Physik als Wissenschaft: nur an einer von sich aus verharrenden Entität kann das Einwirken von Kräften erkenntlich werden. Wenn das Verharren ebenso wie das Nichtverharren Folge von Kräften wäre, dann ist Kraft, als die einen Zustand verändernde Größe, nicht definierbar.

Nur ein nicht weiter begründbares Verharren beim Fehlen von Ursachen läßt Physik als eine prognostische Wissenschaft zu. Wer Trägheit abzuleiten oder zu erklären versucht, hat die Voraussetzung von Prognose nicht begriffen. So ist auch die Isotropie der Lichtausbreitung von ihrer Quelle nicht erklärungsbedürftig sondern ohne Wenn und Aber zu akzeptieren. Erst das Fehlen von Isotropie würde eine Erklärung herausfordern. Tritt keine Anisotropie ein, wo sie erwartet wurde - dann war die Erwartung falsch (Michelsonexperiment). So einfach ist das! Falsche Erwartungen zu falsifizieren ist der Sinn von Wissenschaft. Doch fällt es wohl ungeheuer schwer, sich einen Irrtum einzugestehen. Viel lieber glaubt man, daß es an den Meßmittel liegen müsse, wenn eine falsche Erwartung sich nicht bestätigt hat, weshalb man die relativistische Umdeutung der Meßergebnisse so bereitwillig annimmt. Doch die Wissenschaft sollte der Wahrheit und nicht der Erwartung dienen. Heute haben wir in der Physik ein Redlichkeitsproblem, weshalb es soweit gekommen, daß Fakten sich vor Theorien verantworten müssen, gemäß Hegels Ausspruch: "um so schlimmer für die Tatsachen", wenn sie sich Theorien nicht fügen. Für das Verständnis der Dinge und den Fortgang der Wissenschaft ist eine solche Einstellung wirklich schlimm, wie ich hier immer wieder zu zeigen versuche, in der Hoffnung, das Gewissen der Physiker zu erreichen, wenn sie denn wirklich Wissen schaffen und nicht vernebeln wollen.

Das Requiem für Determinismus und Kausalgesetz

Die Auflösung
Die Determinierung einer Sache durch eine Fremdursache, die Fremdbestimmung, ergibt sich nur dadurch, daß die fremde Sache ebenfalls bestrebt ist, von sich aus - also akausal - ihren Zustand zu erhalten. Die angebliche Fremdbestimmung ist demnach nur die Auswirkung der Eigenbestimmung einer fremden Sache. Der deterministische Standpunkt ist also lediglich eine um die Begründung verkürzte Kausalbetrachtung. Mit ihr wird der akausale Grund aller Kausalität, ihre Letztbegründung, entweder schlicht übersehen oder aus eigennützigen oder ideologischen Gründen bewußt geleugnet.

Ähnlich liegen die Gründe für den Glauben an ein Kausalgesetz. Dieses wäre wie ein hölzernes Eisen, denn entweder werden die Dinge von außen bestimmt, unterliegen also einem Gesetz, oder ihr Verhalten bestimmt sich aus ihrem akausalen Sosein, das erst bei Wechselwirkung zur Ursache wird. Ursächlich heißt also: der Sache selbst entspringend, weil sie sich von sich aus in ihrem Zustand erhalten will. Das machsche Prinzip sieht gleich ganz von immanenten Ursachen ab, wobei es sich einer massenlosen Masse bedient. Die Trägheit wäre nach ihm keine originäre Eigenschaft der jeweiligen Materie, sondern ihr nur von "fernen Massen" geliehen, die sie - weil selbst Materie - aber auch nicht haben dürfen. Aber niemand kann etwas geben, was er nicht hat. Materie verhielte sich also nur, als ob sie Materie wäre und Masse hätte, denn sie müßte ja ohne eine solche dastehen, um auf die Hilfe von außen angewiesen zu sein. In einer solchen Weltbetrachtung verkommt die Welt zum Theater, in dem alles nur Schein ist und die Physik wird zur Dichtung. Doch warum beläßt man nicht einfach die Phänomene bei und in den Dingen sondern sucht sie - ohne jeden sachlichen Anlaß - hinter und über ihnen? Oder anders gefragt: Warum treibt man Metaphysik statt Physik? Hier macht m.E. nur eine Antwort Sinn: Weil es gar nicht um Physik sondern um Glauben geht, hier der Glaube an eine transzendente Macht. Die "ferne Masse" wäre demnach nur ein physikalisches Synonym für einen Gott, der alles bewirkt. Also um die Existenz Gottes anhand seines Wirkens "zu beweisen" betreibt man Metaphysik - wie das immer schon war. Die Physik ist heute im säkularen Bereich in weiten Teilen das Rückzugsgebiet des totalitären Denkens, das zu rechtfertigen interessierten Kreisen jedes Mittel recht ist.

Nach der Ursache eines Geschehens zu fragen ist ein Forschungsgrundsatz, den die Vernunft uns aufgrund der Lebenserfahrung nahe legt. Weder unterstellt er, daß Ursachen etwas von den Sachen Getrenntes, also Übersinnliches sind, noch daß alles eine Ursache haben muß, weil dies ungeprüfte Tatsachenbehauptungen wären. Die These, daß alles eine fremde Ursache haben muß, impliziert zudem einen unendlichen Regreß, der dann auch nur wieder mit Gott durchbrochen werden könnte, um den es ja vielen in ihrem dualistischen Weltbild geht. Doch der wirkliche Wissenschaftler muß einfach sehen, wie weit ihm die Frage nach der den Sachen immanenten Ursachen bei der Aufklärung eines Sachverhalts behilflich ist. Und solange er sich bewußt bleibt, daß es sich bei ihr nur um einen pragmatischen, wenn auch durch Logik und Erfahrung nahegelegten Forschungsgrundsatz handelt, mit dem noch keine Behauptung verbunden ist, bleibt er auf der Spur der Vernunft und jener Wahrheit, die uns zu erkennen möglich ist.
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Gegen das dualistische Denken und für Notwendigkeit und Zufall

Ein gängiges Denkschema über das Funktionieren der Natur ist: wie es die Menschen und die staatlichen Gesetze und Vorschriften gibt, denen sie zu folgen haben, ebenso gibt es die materiellen Dinge und die Naturgesetze, denen sie unterliegen. Diese Naturgesetze sieht man entweder als von Gott den Dingen auferlegt oder mit dem Urknall „entstanden“ an. Da gilt es schon als unkonventionell, wenn Nobelpreisträger Gerd Binnig die Gesetze sich mit dem expandierenden und abkühlenden Universum entwickeln sieht. Und wer ohne Gott auskommt und der Materie die Fähigkeit zur Selbstorganisation einräumt, hat möglicherweise trotzdem im Hinterkopf die Vorstellung, daß dies nach irgendwelchen Gesetzen geschieht und nicht einfach eine Folge der materiellen Struktur der Dinge ist. Meine These lautet: Naturgesetze sind Ausdruck des Soseins der Natur.

Die dualistische Welterklärung nach dem Schema menschlicher Herrschaft ist nur schwer abzulegen, weil der Mensch - in Ermangelung eines objektiven Wissens - immer von sich auf andere schließt, also vom Bekannten auf das Unbekannte. Und indem er das Unbekannte sich dadurch anverwandelt, glaubt er dann, es zu verstehen. Daher ist der Gedanke wenig populär, weil beunruhigend, daß das Wechselspiel der materiellen Dinge durch ihre eigene Natur bestimmt wird, also ursächlich ist - denn man denkt bei solcher Ungebändigtheit doch instinktiv: wo käme wir da hin, wenn jeder macht, nach was ihm gerade zumute ist. Dabei gibt uns die an der Erfahrung unzähliger Generationen abgeschliffene Sprache mit dem Begriff der „Ursache“ und des „Ursächlichen“, schon einen hervorragenden Hinweis darauf, wie es sich wirklich verhält: Die Ursache ist das, was in der Wechselwirkung aus den Sachen selber kommt. Das Geschehen ist daher geprägt von Notwendigkeit und Zufall: notwendig verhalten sich die Dinge gemäß ihrer eigenen Struktur. Doch welche Dinge unter welchen Umständen zusammentreffen und was sich daraus ergibt, ist - infolge fehlender Lenkung - zufällig. "Zufällig" heißt "ungeplant", nicht mehr und nicht weniger! Und diesen Gedanken der Zufälligkeit eines Geschehens und die Tatsache der nicht restlosen Aufklärbarkeit von ungestörten Anfangszuständen im Quantenbereich und die daraus sich ergebende Unschärfe der Prognose können deterministische Denker nicht ertragen, die deshalb einer ewigen vorausbestimmten (göttlichen) Ordnung bzw. sogar dem permanenten Einwirken Gottes mit Hilfe der Raumzeit und versteckter Parameter den Vorzug geben, auch wenn sie nicht unserer Lebenserfahrung entspricht. Ein Gemeinwesen, das sich fatalistisch dem Gang der Dinge hingibt, beraubt sich der Fähigkeit, seine Zukunft in vernünftiger, d.h. der Situation angemessener Weise selbst zu gestalten, weshalb der Kampf gegen die Prediger des Determinismus uns alle angeht.

Lob des Zufalls
Den Zufall zu leugnen halte ich für eine der größten Sünden wider die göttlichen Ordnung, um in der religiösen Terminologie zu bleiben. Ohne den Zufall wäre es wahrscheinlich nichteinmal zur Entstehung des Lebens gekommen, geschweige zu seiner Weiterentwicklung, wobei die Tendenz sich zu verbinden, in der Materie angelegt ist. Immer musste etwas Zufälliges geschehen, um die vorhandene Ordnung zu stören. So ist der Zufall das eigentlich schöpferische Element der Evolution. Hunderte von Millionen Jahren dauerte die genetischen Gefangenschaft des nur immer wieder sich selbst durch Zellteilung reproduzierenden Einzellers bis es zur geschlechtlichen Vermehrung von Arten kam, ohne dass die Einzeller deshalb aufgehört hätten zu existieren. Es war eben nur eine neue Linie der Evolution entstanden, die den Zufall durch Erfindung eines Genpools instrumentalisiert hatte. Nun konnten sich Gene ungeplant mischen, nicht nur durch die Wahl des Partners, sondern schon in der Meiose, der Reifungsteilung, durch die bereits im Zellkern des einzelnen Individuiums die elterlichen Gene immer wieder neu zusammengestellt werden. Und letztlich ist durch Zufall aus mehreren frühen Hominidenarten, die über lange Zeiträume unverändert und zum Teil nebeneinander existierten, eine übrig geblieben, die durch einen glücklichen Umstand ihre geistigen Fähigkeiten entwickelte und die diese nur weiter entwickeln kann, wenn sie ganz undoktrinär offen bleibt für alles, was da auch "zufällig" auf sie noch zukommen kann. Darum ist der Kampf gegen die Feinde der offenen Gesellschaft, die alles durch transzendente Gesetze auf ewig festgelegt sehen, so überlebenswichtig. Näheres zur Generierung von Geist und Leben habe ich in Text 1a bzw. 2 in Abteilung III "Die Hervorbringung des Menschlichen. Texte zur Biologie und Evolution", biologie.html ausgeführt.
Heilbronn, den 16.Febr.03
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Kausalität als Vernunftprinzip
Die Klärung der Kausalitätsfrage hat sich bei mir über 4 Jahre hingezogen, wie meine Ausführungen belegen. Für mich stellt sie sich deshalb als das schwierigste Problem dar, das ich jemals angegegangen habe. Heute halte ich die Kausalität für ein Vernunftkriterium, das uns die Lebenserfahrung nahelegt, und das wir, wie jedes andere Kriterium auch, an die Welt herantragen und einfach sehen müssen, wie weit es uns beim Verständnis eines Geschehens hilft. - Eine intensive Auseinandersetzung mit dem Kausalitätsargument relativistischer Physiker findet sich in Text I/C4
über den Tunneleffekt.
München, den 28.Febr.1999

Die Beschäftigung mit dem Kausalitätsproblem geht weiter
Das Kausalitätsprinzip im strengen Sinne findet dort seine Grenze, wo durch die Integration qualitativ unterschiedlicher Komponenten in einem schöpferischen Akt neue Ebenen der Wirklichkeit entstehen, z.B. mit dem Phänomen Leben. Lebewesen wiederum bedienen sich der Signale/Informationen ihres Gemüts bzw. des Geistes, die eine weitere eigene Wirklichkeit mit eigenen Regeln bilden. Diese neuen Ebenen sind so wirklich wie die materielle Ebene. Das für solches Auftauchen neuer Phäno-Ebenen verantwortliche,
"Mischung" genannte immanent schöpferische Prinzip habe ich u.a. in meiner Parmenides-Rezension (Text II/5) erläutert. In der englischen Metaphysik wird ein solches "Auftauchen" von etwas vorher nicht Vorhandenen "Emergenz" genannt. Auf meiner seit Anfang 2002 im Netz stehenden neuen Philosophie-Site ZEIT UND SEIN habe ich mich mit ihr auseinander gesetzt. Ich prüfe dort die Argumente des dogmatischen Reduktionismus, wie ich mich hier mit dem doktrinären Determinismus auseinandersetze, stets in dem Bestreben, den Blick auf alle Wirklichkeiten offen zu halten bzw. ihn zu öffnen. Dieser offene Blick gehört für mich zu den Tugenden eines mündigen Bürgers, um den es mir geht.
Heilbronn, den 27.Jan./25.Sept.2002

© HILLE 1995-2003


Gibt es ein Kausalgesetz?
Referat auf der Jahrestagung der DPG März 1998, Uni Regensburg, FV MP gemeinsam mit GR, hier: der Herbst 97 eingereichte Kurztext, den ich Ende 2002 auf dem Server der Uni Ulm wiedergefunden habe.

Infolge des auf Autorität gegründeten politischen und theologischen Erbes aus vergangenen Jahrtausenden verstehen Naturwissenschaftler die sog. Naturgesetze mehr oder weniger unbewußt als die Wiedergabe eines den Dingen auferlegten Verhaltens. Beim Determinismus machen sie zumeist keine klare Unterscheidung zwischen Fremdbestimmtheit und Eigenbestimmtheit. Religiöse Denker, wie z.B. C. F. v. Weizsäcker, sprechen sogar explizit von einem Kausalgesetz, womit sie m.E. aber etwas in sich Widersprüchliches behaupten, denn entweder folgen die Dinge ihrer eigenen Natur oder einer fremden, sie verfremdenden. Im ersten Fall wäre ihr Verhalten ur-sächlich, d.h. aus der Sache komend, und wir könnten etwas über die Natur der Sache erfahren. Im zweiten Fall würden die Sachen auferlegten Gesetzen folgen und wir könnten evtl. etwas über Intentionen des Gesetzgebers in Erfahrung bringen, wie dies Einstein wollte (der meinte, wenn er Gottes Gedanken kennen würde, wäre der "Rest" - die Physik - "einfach"). Ich denke jedoch, Naturwissenschaft zu betreiben heißt, etwas über die Natur erfahren zu wollen. Daher wäre, bis zum Beweis des Gegenteils, davon ausgehen, daß sich unbelebte Dinge kausal, d.h. ursächlich verhalten, wollen wir nicht von Anfang an uns der Spekulation hingeben.

Nachwort
"Moderne" Wissenschaft und "das alte Europa"

Der Determinist, immanente Ursachen nicht akzeptierend, ist einer, der das Bewirkende krampfhaft "hinter" den Erscheinungen sucht, weil sie sich ja nicht selbst bestimmen dürfen, und bei genügend Phantasie auch findet. Einstein: "Phantasie ist wichtiger als Wissen." Wo Newton noch rein kausal, also allein durch das freie Spiel der Kräfte Phänomene verständlich machen konnte, benötigt der Determinist heute als Bewirker ferne Massen, ein ehernes Tempolimit, eine veränderliche Masse, biegbare Räume, dehnbare Zeiten, versteckte Parameter, Weltlinien u.ä. so wie man früher Natur-Ereignisse scheinbar ebenfalls ganz plausibel in Abhängigkeit von unsichtbaren Göttern, Geistern, Zauberern, Zwergen u.ä. Phantasiegeschöpfe sah, die es ja ebensowenig gibt. Um die behauptete Fremdbestimmung plausibel zu machen, ist es notwendig, die Existenz dieser Fremdbestimmer plausibel zu machen!!! Die anhaltende teure Suche nach den Existenzbeweisen dieser aus dem Hut gezauberten Geschöpfe Einsteins heißt dann "moderne Wissenschaft". "Modern" an ihr ist, dass man nicht nur hinter Newtons Dynamik zurückgefallen ist, sondern auch hinter Kants Lehre von Raum und Zeit als a priori gegebene Anschauungsformen. Und schließlich wird noch durch die falsch verstandene Relativität der Bewegung "... die Rückkehr zu des PTOLEMÄUS Standpunkt der 'ruhenden Erde' ins Belieben gestellt" (Born, Die Relativitätstheorie Einsteins) - weiter zurück kann man im Wissen kaum fallen (außer man glaubt noch, die Erde sei eine Scheibe), hatte Einstein doch ein nach rückwärts gewandtes mythisches Anliegen. Schon Leibniz hatte Newton und seiner Physik der Freiheit "Gottlosigkeit" vorgeworfen - was stimmt, denn sie kommt ja ohne externe Ursachen und auferlegte Gesetze aus - und versucht, ihn mit diesem hochnotpeinlichen Argument beim englischen Thronfolger (über dessen Gattin, einer hannoveranischen Prinzessin) anzuschwärzen, ist doch der englische König das Oberhaupt der anglikanischen Kirche. Aus dem selben Grund versuchte Einstein dann Newtons Physik "zu relativieren" und verstand seine Theorie als den "Abglanz Gottes". Als dann die Quantenphysik zur Quantenmechanik wurde, gab es für ihn dasselbe Problem: auch in ihr vermisste er Gottes steuernde Hände und er inszenierte die Suche nach den "versteckten Parametern" (das sogenannte "EPR-Problem"), die weder der Sache selbst, noch dem Zufall freien Raum lassen sollen. Zudem erfand er unzählige weitere Scheinprobleme, mit denen er Niels Bohr jahrelang traktierte, vor allem mit dem Glaubensbekenntnis, dass alles von Gott kommt und der nicht würfelt (warum er nicht würfelt, sagte er allerdings nicht). Man muss dies einmal ganz nüchtern sehen und sich fragen: Sind wir hier in einer Sonntags- oder Koranschule? Kann diese radikale Abwendung vom aufklärerischen freiheitlichen Gedankengut auch die eigene Überzeugung sein? Ist dies nicht auch zugleich ein massiver Angriff auf die Idee der Selbstbestimmung und der Selbstverantwortung des Menschen? Hat dies im Grunde überhaupt noch mit Wissenschaft zu tun? Ist es nicht eher ein fundamentaler Angriff auf die Wissenschaftlichkeit der Physik, die hier für religiöse Überzeugungen missbraucht wird, auch wenn ihre Betreiber vielleicht sich nicht bewusst um Einsteins Motive kümmern, aber ihre Richtigkeit doch zu beweisen versuchen, um wiederum selbst keine Verantwortung für eigene Ideen übernehmen zu müssen? Ist das heute noch hinnehmbar? Aber warum haben die Lehrstühle der Physik nicht schon längst selbst solche Fragen gestellt? Freilich, wenn der Lehrstuhlinhaber an Gott und seine "Kausalgesetze" glaubt, ist dies nicht zu erwarten, wobei ich nichts gegen den Gottesglauben des Lehrstuhlinhabers habe - das ist seine Privatsache. Aber das sollte sie auch bleiben, denn wir alle dürfen als Staatsbürger und Steuerzahler in einem demokratischen und pluralistischen Staat verlangen, dass Wissenschaft im öffentlichen Raum mit öffentlichen Geldern auch offen für alle alternativen Ansätze nach besten Wissen und Gewissen betrieben und gelehrt wird. Wo jedoch private Überzeugungen im Spiele sind, bleibt die Offenheit und mit ihr die Redlichkeit und die wissenschaftliche Wahrheit unweigerlich auf der Strecke. Und wo einzelne, schon fast "todesmutig" zu nennende Forscher (Zeilinger/ verschränkte Quanten, Nimtz/ Vielfach-Lichtgeschwindigkeit beim Tunneln - inzwischen unter massiven Druck umgefallen) sich trotzdem nicht beirren lassen oder ließen, treffen sie auf eine geschlossene Front der Abwehr ihrer Kollegen, so dass letztlich das amerikanische Militär, dem Theorien egal sind, sich solcher Forschungen annimmt und die wahren Ergebnisse der Öffentlichkeit vorenthält. Während die USA, gemäß dem Motto "Wissen ist Macht", ihre wissenschaftliche und technologische Vormachtstellung mehr und mehr ausbauen, wühlt das "alte Europa" weiterhin in seinem geistigen Sumpf, seine selbstverordnete Ohnmacht und Ignoranz mit viel Geld pflegend, das dann natürlich für eine wirklich moderne, undoktrinäre und weltoffene Wissenschaft fehlt. Während im alten Europa im Grunde (wenn auch oft nicht bewusst) immer noch versucht wird mit Einstein zu zeigen, wie Gott die Welt regiert, demonstrieren die USA längst wer die Welt regiert (oder doch regieren möchte). Konsequenterweise hat die NASA* jetzt ein Milliarden schweres 25-jähriges Forschungsprogramm aufgelegt, das "Beyond Einstein" (Jenseits Einstein, oder auch: Über Einstein hinaus ) heisst. Aber hier, im zu Recht von Rumsfeld so genannten "alten Europa", will man geistig verkrustet von der Zukunft noch immer nichts wissen.
*s. http://universe.gsfc.nasa.gov

Aber jetzt endlich doch noch geklärt (im geistigen Niveau der Debatte):
Warum würfelt Gott nicht? Hat er keine Würfel?
Nein, er hat keine Hand frei, muss er doch die Welt lenken.

Nachwort vom Februar 2003
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