Der nachfolgend abgedruckte Brief, der seinen Adressaten auch erreichte, soll zeigen, in welch verfälschender Weise heute mit Newton umgegangen wird. Der zugrunde liegende Text wird vollständig wiedergegeben und zugleich Satz für Satz kommentiert. Dabei komme ich nicht um die Feststellung herum, daß einzelne Sätze, nach den Regeln der Logik und nach der Quellenlage, "ein Abgrund von Verkehrtheit und Unterstellung (zu nennen) sind". Andere Sätze besagen schlicht Widersinniges, so wenn ein auf eine Bahn "gezwungener" Körper als "kräftefrei" bezeichnet wird. Wenn Begriffe zugleich auch ihr Gegenteil bedeuten sollen, hört jede vernünftige Diskussion auf und Ohnmacht des Geistes breitet sich aus. Da wundert es nicht, daß Definitionen und Aussagen, denen zuzustimmen ist, fast regelmäßig durch gegenteilige desavouiert werden, so als hätte der Verfasser zuerst oder hernach oder beidemale nicht verstanden, was er ausgesagt hat. So wird zuerst (richtig) gesagt, daß Raum und Zeit Ordnungsschema sind, dann werden ihnen jedoch "weitere Eigenschaften" zugesprochen, so daß sie zuletzt von real existierenden Dingen nicht mehr zu unterscheiden sind. Wenn ich den Titel trotzdem mit einem Fragezeichen versehe, dann weil ich denke, daß jeder sich die Frage selbst beantworten kann, ob hier ein Fall für den Verhaltenskodex vorliegt (der sicher nicht nur "für Mitglieder der DPG" gilt) oder ob es sich um entschuldbare Irrtümer handelt. Oder entschuldigt es den Autor des beanstandeten Aufsatzes, daß wir es mit einer weit verbreiteten, im Zeitgeist liegenden Interpretationspraxis zu tun haben, für die der Einzelne keine Verantwortung trägt, weshalb Dehnen in seiner Antwort sein Vorgehen als legitim verteidigen darf: "...als was Newton seine Grundprinzipien verstanden wissen wollte, das interessiert nur Wissenschaftshistoriker ..."? Wirklich? Aber wer über die "Die Newtonsche Physik" schreibt, den sollte es schon auch interessieren! Aber es geht hier nicht um eine persönliche, sondern um eine exemplarische Auseinandersetzung, so wie es mir ja nie um stets fehlbare Menschen, sondern immer nur um die sich stets getreue Sache geht, die uns was lehren kann. Der Brief ist zugleich eine Einführung in den leider viel zu wenig verstandenen rationalen, aber nicht rationalistischen Geist der Physik Newtons. Daß sich sein Empfänger von ihm (dem Geist, aber auch den Brief) wenig beeindruckt gezeigt hat, ist sein Problem. (Die Abkürzung S. bzw. s. steht im Folgenden für Satz, also S.5 = "Satz 5" und Abs.2 = Absatz 2.)
München, den 18. Mai 1998
Betreff: "Empirische Grundlagen und experimentelle Prüfung der Relativitätstheorie" von Heinz Dehnen in "Philosophie und Physik der Raum-Zeit", Hrg. Audretsch u. Mainzer, BI Wissenschaftsverlag
Sehr geehrter Herr Professor Dehnen,
ein Physiker aus Konstanz hat mir Ihren Aufsatz zum Studium empfohlen, damit ich mich mit der "heute gültigen Raum-Zeit-Theorie" besser bekannt mache. Obgleich ich bisher nur Pkt. 1, "Die Newtonsche Physik", gelesen habe, ergaben sich für mich schon zahlreiche Fragen und Anmerkungen, die Sie sicherlich beantworten können. Zuerst immer in kleinerer Schrift Ihr Text, wobei ich die Reihenfolge Ihrer Sätze beibehalte.
(Absatz 1)
(Satz 1)
Wir beginnen mit einem kurzen Überblick über den Aufbau der Newtonschen Physik, da die Relativitätstheorie sich aus dieser entwickelt hat und diese als Grenzfall enthält.
Welche Theorie welche als "Grenzfall" enthält, kann man sicher erst am Ende einer Untersuchung wissen. Wenn sich dann herausstellen würde, daß die Newtonsche Sicht immer noch weit mehr als 99% der praktizierten Fälle abdeckt und die Einsteinsche Sicht Fälle behandelt, die in der gewöhnlichen Erfahrung, auch der von Physikern, gar nicht vorkommen, dann könnte man zwar im formalen Sinne die Newtonsche Sicht als einen "Grenzfall" bezeichnen, doch in der Praxis wäre die Einsteinsche Sicht ein Grenzfall.
(S.2)
In der Newton'schen Physik, die über 200 Jahre unangefochten Bestand gehabt hat, begegnet uns zum erstenmal in der Geschichte ein auf mathematisch formulierten "Prinzipien", d.h. fundamentalen Naturgesetzen gegründetes Axiomengebäude.
Im 2. Satz setzen Sie "mathematisch formulierte 'Prinzipien'" durch den Ausdruck "d.h." mit "fundamentalen Naturgesetzen" gleich. Dieser Satz könnte daher auch gelesen werden, als ob Newton mit "fundamentalen Naturgesetzen" begonnen hätte. Abgesehen davon, das sich dies aus seiner "Philosophiae naturalis principia mathematica" nicht ergibt, würde dies ganz dem rationalen Geist der Newtonschen Naturphilosophie widersprechen, die eben keine in den Raum gestellte Offenbarung sein will, sondern die von einem Vernunftprinzip ausgeht, daß von jedermann, zu jeder Zeit, an jeden Ort und ohne jeden Aufwand überprüft werden kann, und das von Newton ferner in Mathematik umgesetzt wurde. Seine Axiome sind eine Anwendung des Kausalitätsprinzips auf das mechanische Verhalten der Materie, die gemäß dem Prinzip, "von sich aus, in ihrem Zustand verharrt" (Def. III), so daß die Änderung eines Zustands einer Kraft bedarf. Das Kausalitätsprinzip ist eine vernünftige Annahme, die wir aufgrund unserer Lebenserfahrung an unbelebte Dinge herantragen, ohne daß damit gleich besagt wird, daß es immer und überall gilt. Der Forscher muß einfach nur probieren, wie weit ihm ein Vernunftprinzip bei seiner Arbeit behilflich ist. Grenzen eines sich ansonsten bewährenden Prinzips widerlegen es ja nicht, sondern schränken nur seine Gültigkeit ein. Da aber, wenn das Kausalitätsprinzip in der Physik nicht einen weiten Erfahrungsbereich abdecken würde, Physik als prognostische Naturwissenschaft nicht möglich wäre, ist es vernünftig, seine allgemeine Gültigkeit vorauszusetzen. Daher mag es Ihnen vielleicht als ein Streit um Worte erscheinen, ob man "Naturgesetz" oder "Vernunftprinzip" sagt, doch ist für mich die Differenz fundamental, macht sie doch den Unterschied zwischen Offenbarung und rationaler Naturwissenschaft aus. In einer rationalen, d.h. auf rational einsichtige Prinzipien als Entscheidungskriterien beruhenden Wissenschaft wissen wir von Anfang an, warum wir etwas wissen (weil es dem als richtig vorausgesetzten Kriterium entspricht) und wie vernünftig es ist, während Offenbarungen nur geglaubt werden können. Eine nach Prinzipien urteilende Wissenschaft macht uns aber auch klar, daß wirkliches Wissen auf Vernunft gegründet ist und daß es sinnlos ist, nach einem Wissen jenseits der Vernunft zu fragen. Jenseits der Vernunft ist nur das weite Feld des Glaubens, von dem wir nie wissen können, ob etwas und ggf. was an ihm Wahres ist. Oder sehen Sie dies anders? Wenn eine Aussage noch so wahr wäre und wir haben kein Kriterium, Ihre Wahrheit zu beurteilen, dann kann auch sie nur geglaubt werden.
Newton besondere Leistung war, daß er eine dem Kausalitätsprinzip entsprechende Mathematik entwickelte, die es ermöglichte, mit mechanischen Fakten in quantitativ angemessener Weise umzugehen. D.h. seiner Mechanik liegen zwar vernünftige Annahmen, aber eigentlich keine Sachbehauptungen zugrunde (weshalb sie auch durch solche nicht widerlegt werden kann), denn über den Ort und den Sitz der Kräfte wollte er keine Überlegungen mehr anstellen, sondern Sachaussagen ergeben sich erst aus den bei der Anwendung seiner Axiome und seiner Mathematik gewonnenen Daten. Nun wird schon klar, warum die Newtonsche Physik "200 Jahre unangefochten Bestand gehabt hat" und warum sie in der Praxis auch weiterhin unentbehrlich ist, auch wenn ihr bei "Grenzfällen", wenn es denn solche gibt, vielleicht andere Prinzipien oder Axiome zur Seite gestellt werden müssen. Oder sehen Sie die Axiome 1 bis 3 der Newtonschen Originalfassung durch irgendetwas widerlegt?
(S.3)
Dabei werden für die geometrische Struktur des 3-dimensionalen Raumes euklidische Verhältnisse angenommen entsprechend der damals vorliegenden Erfahrung.
(S.4)
Andere geometrische Strukturen waren zur Zeit Newtons auch mathematisch nicht bekannt und es bestand auch nicht das Bedürfnis hiernach, zumal die Axiome der euklidischen Geometrie selbst noch für Kant schon aus "reiner Anschauung" hervorzugehen schienen.
Die euklidische Geometrie ist ebenfalls keine Sachbehauptung über real existierende Dinge, sondern sie stellt lediglich systematisch geordnete geometrische Erkenntnismuster zur Verfügung, die wir an die Dinge herantragen und mit denen wir ebenfalls zusehen müssen, wie weit sie uns behilflich sind. So gesehen orientieren wir uns nicht in einem 3-dimensionalen Raum sondern mit einem solchen, indem unser kognitiver Apparat das Chaos der Wahrnehmungen automatisch nach den 3 Ordnungen des Neben-, Über- und Hintereinander zerlegt. Unser Gedächtnis gibt uns dann noch die Zeit als die Ordnung des Nacheinanders dazu, was Leibniz schon sehr ähnlich sah und was auch Einstein in "Grundzüge der Relativitätstheorie" zuerst aufgriff, bevor er dann, ohne jede weitere Begründung, von einer "objektiven Zeit" zu sprechen begann. Warum tat er dies?
(S.5)
Der nach Newton - wieder im Einklang mit der damaligen Erfahrung - völlig gleichmäßig ablaufenden Zeit kommt die Bedeutung eines Parameters zu, der die Abfolge der räumlichen Anordnung der physikalischen Ereignisse stetig durchnumeriert.
Die Zeit läuft weder gleichmäßig, noch ungleichmäßig ab, weil sie gar nicht abläuft (nur Uhren tun dies mehr oder weniger konstant und nur auf sie bezieht sich unsere Erfahrung). Die Zeit ist eine physikalische Größe und als solche ein stets gleichbleibender Maßstab zur Bestimmung der Dauer von Zuständen oder Ereignissen (Definitionen, Scholium, Pkt. I.). Jede messende Wissenschaft ist darauf angewiesen, daß die von ihr benutzen Größen in bekannten Grenzen unveränderlich, also "absolut" sind. Eine Uhr ist nur das Hilfsmittel, das uns zuvor definierte Zeitmaße mehr oder weniger genau wiedergibt. Die zu messende Dauer ist die Differenz zweier (durch Uhren gegebener) Zeitpunkte, so wie die Länge die Differenz zweier (durch Längenmaßstäbe gegebener) Raumpunkte ist. Maße der Dauer werden uns dabei hintereinander, Maße der Länge nebeneinander gegeben. Das ist das einzige, was sich m.E sowohl vernünftigerweise, als auch der Erfahrung nach, über das Verhältnis von Zeit und Raum sagen läßt und diese Differenz ist unaufhebbar.
(Abs.2)
Diese durch die Erfahrung nahegelegte Konzeption eines absolut gegebenen euklidischen Raumes und absoluten, vollkommen gleichmäßig ablaufenden Zeit liegt als Ordnungschema ("spatium est ordo coexistendi" nach Leibniz) nicht nur der Newtonschen Physik, sondern auch ihrer analytischen Ausgestaltung, der Hamilton-Jacobi-schen Mechanik, sowie deren quantisierter Form, der Schrödinger-Heisenbergschen Wellen- oder Quantenmechanik zugrunde.
Im 2. Absatz erkennen Sie Raum und Zeit "als Ordnungsschema" an, so daß wir über diesen Punkt keine Differenz zu haben scheinen. Aber der euklidische Raum und die Zeit sind uns nicht "absolut gegeben" sondern (in der Evolution der Lebewesen entwickelte) bewährte und nützliche Erkenntnismuster, um uns in dieser Welt zu orientieren zu können, die in Technik und Wissenschaft dazu "absolut" gelten müssen, soll der Vorgang des technischen Messens Sinn machen. Physikalische Größen und ihre Einheiten sind keine Frage der Wahrheit sondern der Gültigkeit, denn sie müssen vereinbart werden. Mehr können wir über sie ehrlicherweise nicht sagen und mehr zu sagen ist ehrlicherweise auch nicht nötig. Nur die Objektivisten wollen immer beweisen, daß die Scheidung zwischen Beobachter und Beobachtetes wegen unserer (von Gott gegebenen?) Objektivität überflüssig ist. Hier liegt möglicherweise bei Ihnen, Einstein und Kollegen das Problem. Vielleicht sehen Sie diesen Punkt aber heute schon anders.
(Abs.3)
(S.1)
Gegenstand jeder Mechanik ist die Beschreibung der Bewegung, d. h. die Bestimmung der Lagekoordinaten materieller Körper in Abhängigkeit von der Zeit unter dem Einfluß von Kräften.
kein Kommentar
Nachtrag. Es ist ein grundlegender Fehler zu übersehen, dass auch ein kräftefreier Körper seine Lagekoordinaten ändern kann und es in der Himmelsmechanik stets auch tut, allein dadurch, dass er einfach in seinem Zustand verharrt. Es ist diese Einsicht, die es erst ermöglicht, das Einwirken von Kräften und damit diese selbst zu erkennen, nämlich durch Vergleich mit dem Zustand, den ein Körper von sich aus hätte. So ist z.B. nach Newton aus dem Umlauf der Planeten um die Sonne, zwingend auf das Vorhandensein eines sie von der geraden Bahn ablenkenden Schwerkraftfeldes der Sonne zu schließen, mit dessen Hilfe er das Verhalten der Planeten nicht nur beschreiben, sondern auch erklären und berechnen konnte, wodurch das heliozentrische Weltsystems des Kopernikus seine glänzend Rechtfertigung erfuhr. Newton ging es also nicht um die Beschreibung von "Bewegungen" (Kinematik), sondern um die Erkenntnis der wirkenden Kräfte (Dynamik), worin er sich von Einstein grundlegend unterscheidet, der unter Machs unguten Einfluß kausale Aussagen vermeiden wollte und dadurch hinter Newton und Kopernikus zurückfiel. So sachlicher Entscheidungskriterien beraubt wäre lt. Max Born ("Die Relativitätstheorie Einsteins", Springer 1969) "die Rückkehr zu des PTOLEMÄUS Standpunkt der 'ruhenden Erde' ins Belieben gestellt", also zum geozentrische Weltsystem mit der Erde als Mittelpunkt. Man kann das Rad des Wissens aber auch noch weiter zurückdrehen, denn wenn Einstein, auf einem Lichtstrahl reitend, wie er es sich einst vorgestellt hatte, an der Erde vorbeifliegt, hätte sie nach der SRT in der Flugrichtung den Durchmesser Null, weshalb es wiederum "ins Belieben gestellt" sein müsste, der Erde als eine Scheibe anzusehen. Und bei doppelter Lichtgeschwindigkeit wäre sie dann eine Hohlkugel, wie andere pseudomoderne Denker es propagieren (und bei noch mehr Power das Innnere einer Zigarre usw. usf.). So kann man jedes beliebige Weltbild entwerfen, wenn man parallel dazu Transformationmsgleichungen entwickelt, deren Funktion - die rechnerische Eliminierung des Denkfehlers - gar nicht verstanden wird. Und wenn man dann die Naivität oder Chuzpe hat, die scheinbare oder tatsächliche Bestätigung solcher Daten als "Beweis" der Richtigkeit seiner "kühnen Idee" (Popper) auszugeben, dann kann man sich des Jubels der Irrtumswilligen sicher sein, die sich von ungereimten Ideen magisch angezogen fühlen. Da bleibt dann nur noch zu fragen, woher Raum und Zeit denn wenigstens "wissen", was ihre "wahre" Geschwindigkeit ist, an der sie sich ausrichten können, wenn sie nicht selbst das Maßgebende sind?
( S.2)
Hier wird behauptet, daß Raum und Zeit nicht bloß Ordnungschema seien. Es beginnt m.E. das, was ich gerade als "Objektivismus" bezeichnet habe: mentale Muster werden zu realen Dingen erklärt, womit ein kritischer Denker natürlich nicht einverstanden sein kann. Dem unkritischen Vorgehen liegt m.E. eine unreflektierte erkenntnistheoretische Abbildtheorie zugrunde, welche mentale Muster für irgendwie in unser Gehirn hineindiffundierte Abbilder realer Gegenstände hält, wohl weil man das Gehirn für ein passives Organ hält, wobei man es weit unterschätzt.
(S.3)
Hier wird ganz richtig gesehen, daß die Newtonsche Physik auf Axiomen beruht und nicht auf "fundamentalen Naturgesetzen" gründet. (Ein Axiom halte ich für die Anwendung eines allgemeinen Prinzips auf einen speziellen Bereich.) Schon vor Galilei hat Descartes das von sich aus (D.: "so viel an ihm liegt") erfolgende Verharren eines Körpers, auf den keine Kraft einwirkt, das "Erste Naturgesetz" genannt. Wahrscheinlich hatte aber auch er Vorläufer für seine Sicht. Galilei dagegen hing noch der Aristotelischen Vorstellung von der Kreisbahn als einer natürlichen Bewegung an, so daß ich nicht sehe, was Newtons 1. Axiom mit Galilei zu tun hat, der m.E. überall völlig überflüssigerweise von Ihnen ins Spiel gebracht wird, wohl um N. (Newton) etwas unterstellen zu können, was er so nicht gesagt hat. Zu den Axiomen oder Bewegungsgesetzen bei N. liegt mir vom Felix Meiner Verlag die Übersetzung von Ed Dellian (Philosophische Bibliothek Band 394) vor. Ferner bin ich im Besitz einer neueren Übersetzung des MPI für Wissenschaftsgeschichte Berlin. Der Sinn von "Gesetz I" ist m.E. u.a. der, daß kräftefreie Körper für sich in ihrem Zustand "verharren", während sie dem ein Bezugssystem benutzenden Beobachter in einem Zustand der Ruhe oder der gleichförmig-geradlinigen Bewegung erscheinen. Wenn "verharren" und "bewegen" den gleichen Realitätsstatus hätten, wäre N.s 1. Axiom in sich widersprüchlich, denn ein Körper kann nicht zugleich "verharren" und "sich bewegen". Doch für sich verharrt er; dem Beobachter dagegen erscheint er ruhend oder bewegt. Hier hat Newton
N. war eben das, was man heute einen "Aufklärer" nennt. So gesehen, wäre jede Leugnung oder Verwischung der Beobachterrolle antiaufklärerisch. Sehen Sie dies anders?
(S.4)
Die beiden Sätze sind korrekt. Interessant an N.s Formulierung des Reaktionsprinzips ist, daß er zuerst zwischen Einwirkung und Rückwirkung unterscheidet und damit der Sehgewohnheit des "naiven Beobachters" folgt (Erläuterung in Def. III), dann jedoch richtigerweise von der Einwirkung zweier Körper aufeinander spricht und in Def. III darüberhinaus sagt, daß zwischen Kraft und Trägheit objektiv nicht unterschieden werden kann. Das Prinzip actio = reactio besagt und begründet nicht nur eine quantitative sondern auch eine qualitative Gleichsetzung!
(Abs.4)
Hier geht sofort schon die Uminterpretierung N.s los. Daß "der absolute Raum ein mächtiges physikalisches 'Agens' darstellt, indem er jeden kräftefreien Körper auf eine Galileische Trägheitsbahn zwingt", findet sich nirgends bei N., schon weil der Satz ein Widerspruch in sich selber ist! "Gesetz I" ist die Def. der Kräftefreiheit! wie von Ihnen selbst ganz richtig in Satz 3 von Absatz 3 und in Absatz 5, Satz 2 gesagt wird. (Wer die Relativitätstheorie interpretiert kommt wohl nicht darum herum, immer wieder Gegensätzliches zu behaupten.) Ein Körper wäre jedoch keineswegs kräftefrei, wenn er von irgendwas auf eine Bahn "gezwungen" wird! Wer Widersprüchliches akzeptiert, ist Beliebigem ausgeliefert, was schon Aristoteles sinngemäß sagte.
Nachtrag. Die Deutung des absoluten Raumes als "ein mächtiges physikalisches Agens", der "jeden kräftefreien Körper auf eine Galileische Trägheitsbahn zwingt" ist Ausfluß der deterministischen Grundüberzeugung, dass alles Geschehen eine Folge von Fremdeinwirkung sein muss und letztlich auf dem Wirken Gottes als dem obersten Bewirker beruht. Einsteins verehrter Gewährsmann Spinoza (Ethik 1.Teil, 26. Lehrsatz): "Ein Ding, das etwas zu wirken bestimmt ist, ist notwendig von Gott dazu bestimmt worden; und ein Ding, das von Gott nicht bestimmt worden, kann sich nicht selbst zum Wirken bestimmen." Ganz im Gegensatz dazu hatten Newton und Descartes die Überzeugung, dass jede Sache von sich aus (Descartes "soviel an ihr liegt") in ihrem Zustand verharrt, was Descartes "das Erste Naturgesetz" nannte. Dieses Beharren aus sich selbst ist es nämlich, was man einzig positiv feststellen kann. Das ist Physik! Jede Erklärung des Beharrens durch einen herbeiphilosophierten Bewirker ist Metaphysik. Die "Probleme" die Einstein und seine Anhänger mit der Newtonschen Physik haben sind immer nur die Probleme die Deterministen mit der Kausalität haben, aber keine Probleme, welche die Newtonsche Physik selber hat. Und die Dinge der Welt bedürfen auch keiner einheitlichen "Erklärung", und sei sie noch so "einfach", wie Einstein sich rühmte, sondern eines möglichst vorurteilsfreien und vertieften Verständnisses, an dem es hier fehlt.
(S.2)
Dieser Satz kann nun wieder als eine richtige Wiedergabe der Auffassung N.s verstanden werden, wenn zur Verdeutlichung - statt "sogenannter Trägheitskräfte" - es besser "innere Kräfte" oder schlicht "Trägheitskräfte" heißen würde. Also besser: "Abweichungen von dieser Trägheitsbahn, z.B. durch äußere Kräfte, rufen sofort innere Kräfte (die Trägheitskräfte) auf den Plan, die gemäß dem dritten Newtonschen Prinzip mit den äußeren Kräften in Gleichgewicht stehen." Von "äußeren Kräften" zu sprechen macht nur Sinn, wenn sie mit inneren Kräften verglichen werden sollen. Aber natürlich ist die Unterscheidung der Kräfte nach "inneren" und "äußeren" auch nur eine Frage der Sehgewohnheit und kein Merkmal, das den Kräften selber zukommt. Einerseits argumentieren Sie mit N., andererseits unterstellen Sie ihm Widersinniges. Finden Sie dies richtig?
(S.3)
Um Trägheitskräfte zu erfahren, bedarf es - im Gegensatz zu einer bloßen Bewegung - keines äußeren Bezugssystems, da sie real sind, was wir eben "beim raschen Durchfahren einer Kurve" an uns selbst bemerken. Kräfte treten nur bei einer Wechselwirkung auf, bedürfen also einer Gegenkraft (3. Axiom), aber nicht eines hinzugenommenen Bezugssystems z. B. in Form eines absoluten Raumes, um erfahren zu werden. N. wünschte sich nur zur Beschreibung von Bahnen einen "absoluten Raum".
(S.4)
Diese beiden kurzen Sätze behaupten in einem Atemzug ebenso Falsches wie Widersprüchliches - einerseits soll der absolute Raum N.s der "Ursprung" der Kräfte sein, andererseits hätte N. es versäumt zu sagen "Worin diese Trägheitskräfte letztlich ihre 'Ursache' haben,..." was er aber durchaus gesagt hat, nämlich in der Materie selbst: "Die der Materie eingepflanzte Kraft ist die Fähigkeit Widerstand zu leisten, durch die jeder Körper von sich aus in seinem Zustand ... verharrt." (Def. III nach Dellian) Diese Definition kann unmöglich mißverstanden werden! Die Sätze 4 und 5 sind in meinen Augen ein Abgrund von Verkehrtheit und Unterstellung, mit denen man sich N. als einen Popanz aufbaut, der zur Rechtfertigung des eigenen Vorgehens dienen soll. Die DPG hat im März 1998 in Regensburg einen "Verhaltenskodex" verabschiedet, indem es u.a. heißt (Pkt.3): "Eigene und fremde Vorarbeiten müssen korrekt zitiert sein." Sind Sie überzeugt, dieser Verpflichtung hier und an anderer Stelle nachgekommen zu sein?
Nachtrag. Warum Relativisten in einem Atemzug Newton einerseits eine falsche "Erklärung" der Trägheitskräfte unterstellen, ihm andererseits zugleich das Fehlen einer solchen vorwerfen können, ohne zu rot zu werden, kann nur verstehen, wer ihre Dialektik kennt: alles was nicht im Sinne Einsteins "erklärt" ist, ist für sie einfach "unerklärt" - basta! Und wo immer sie eine "Erklärung" einfordern, ist dies die Forderung, einen Sachverhalt im Sinne Einsteins "zu erklären". Sonst bleibt die Sache für sie einfach "unerklärt", gleich, was ein anderer jemals gesagt hat. Eine "weit vollkommeneren Theorie von Raum und Zeit" (Abs.6, S.2) wäre dann eine solche, wo alles im Sinne Einsteins "erklärt" ist. Aber Raum und Zeit bedürfen überhaupt keiner Theorie und "Erklärung", sondern "nur" eines wirklichen Verständnisses, zu dem Kant schon eine wichtige Vorarbeit geleistet hat. Man darf sich also durch ihre Behauptung der fehlenden Erklärung einer Sache nicht bluffen lassen, da mit ihr nur das eigene Vorgehen gerechtfertigt werden soll.
(S.6)
Abgesehen davon, daß der gerügte "schwerwiegende erkenntnistheoretische Mangel" überhaupt nicht vorliegt, wird in einer unzulässigen Gleichmacherei Geschwindigkeit und Beschleunigung in einen Topf geworfen, worauf man dann gar nichts mehr versteht. Doch Geschwindigkeit ist eine beobachterabhängige Größe, weil sie nur in seinem Bezugssystem existiert, Beschleunigung dagegen ist eine reale Größe, die keines Beobachters bedarf, weil sie sich - von ihm völlig unabhängig - ereignet. Zu studieren sollte eigentlich heißen, den Geist so zu schärfen, so daß er Gleiches als Gleiches und Ungleiches als Ungleiches erkennt. Gleichmacherei des Ungleichen, wie sie hier (in Fortsetzung der Einsteinschen Praxis) in einer Art Gedanken-Unschärferelation praktiziert wird, erzeugt nur Ohnmacht des Geistes. Halten Sie dies für erstrebenswert, abgesehen davon, daß der Wissenschaftler immer korrekt, am besten wörtlich und sonst sinngemäß richtig zitieren sollte?
(S.7)
Das "machsche Prinzip" kam Einsteins deterministischen Vorurteil, daß alle Ereignisse in der Welt einer äußeren Ursache bedürfen (unter der er Gott verstand), sehr entgegen. Die angeblich selbst unträgen "fernen Fixsternmassen" können natürlich auch keine Trägheit erbringen, denn niemand kann etwas geben, was er nicht hat. Nur ein Wunder wirkender Gott könnte so etwas und Betrüger reden so, als könnten sie es. Für uns Irdische ergibt Null zu Null addiert immer wieder nur Null, selbst wenn es unendlich viele Nullen wären. Aber wer Widersprüchliches akzeptiert, akzeptiert auch alles andere, wenn es nur in sein Konzept paßt.
*)Bekanntlich läßt sich die Rotation der Erde einmal kinematisch durch die scheinbare Rotationsbewegung des gesamten Himmelsgewölbes (Fixsternkompaß) und zum anderen dynamisch durch die Präzessionsbewegung des Foucaultschen Pendels (Trägheitskompaß) nachweisen. Beide Wege führen erfahrungsgemäß auf die gleiche Winkelgeschwindigkeit der Erdrotation. Die Newtonsche Mechanik gibt hierfür keine Erklärung! Eine derartige Koinzidenz dürfte aber kaum Zufall sein und sollte daher im Rahmen einer vollkommeneren Theorie begründet werden.
Die unter *) gemachte Anmerkung des Autors betont nochmals die angeblich mangelnde Erklärungskraft der Newtonschen Mechanik, womit er zu erkennen gibt, daß diese den Tatsachen nicht entsprechende Unterstellung ihm bzw. der Relativitätstheorie wichtig ist. Abgesehen davon, daß N. die Trägheit als der Materie innewohnend beschrieben hat - denn es wäre ja absurd, das Fernste und das Leere als ursächlich und das sinnliche erfahrbare Nahe als unwirksam zu bezeichnen, wie der Autor einerseits N. mit Vorwurf unterstellt, andererseits mit einer solchen, alles auf den Kopf stellenden Auffassung von Realität selbst liebäugelt - ist bis heute einzig die Dynamik von zwingender Erklärungskraft, während die Kinematik immer nur Beschreibungen liefert, deren Erklärungen beliebig sind. Aber es war wohl gerade diese Beliebigkeit, die der Phantasie viel Spielraum läßt, die Einstein die Kinematik bevorzugen ließ, womit er hinter N. zurückfiel. Wollte nicht Einstein alles so einfach wie möglich erklären? Aber einfacher, wie N. dies getan hat, geht es eben nicht, weshalb man ihm wohl allerlei Absurdes unterstellen muß, um das "Genie" Einstein gut dastehen zu lassen.
(Abs.5)
Es ist richtig, daß ein "Inertialsystem" ein kräftefreies System ist, in dem oder im Vergleich zu dem ein kräftefreier Körper im Zustand der Ruhe oder geradlinig-gleichförmigen Bewegung erscheint. Die Erwähnung Galileis ist ganz überflüssig, zumal nicht gesagt wird, was man unter einer "Galileischen Trägheitsbahn" zu verstehen hat. Man verschafft sich hier wohl Spielraum für Interpretationen.
(S.4)
Das Kausalitätsprinzip besagt, daß alles sich solange (in seinem Zustand) erhält, solange keine einwirkende Kraft hinzukommt, so daß Erhaltungssätze und Kausalitätsprinzip zusammengehören.
Die Probleme "verschiedener Inertialsysteme" untereinander und die Galilei-Transformationen sind m.E. eine Erfindung Einsteins oder zumindestens in seinem Sinne. In jedem Inertialsystem gelten die Naturgesetze in ihrer einfachsten Form, d.h. in jedem System das kräftefrei ist! Dies ist eine Definition und nicht die Behauptung, daß es im Universum kräftefreie Systeme gibt. Naturgesetze als Kausalgesetze gelten aber nur in Bezug auf die Ursachen! Beim Licht also in Bezug auf die jeweilige Quelle des Lichts, weshalb es ja Rot- oder Blauverschiebungen der Wellenlängen gibt, je nachdem, ob sich Quelle und Empfänger voneinander entfernen oder sich nähern, was Chr. Doppler schon wußte. Wie konstant oder schnell sich jedoch einem Messenden die Geschwindigkeit eines Lichtstrahls zeigt ist kein Naturgesetz, sondern hängt von seiner zufälligen Bewegung relativ zur Lichtquelle ab. Und es kann von ihm auch bei niemanden eingeklagt werden, daß ihm das Licht mit immer gleicher Geschwindigkeit zu begegnen hat. Die Rot- oder Blauverschiebung ist ein Abbild der Relativbewegung beider, worauf sich die Theorie vom Urknall verläßt. Wo soll hier (wenn wir zwischen kausalen Ereignissen und zufälligen Beziehungen unterscheiden) irgendein Problem liegen, zumal wir immer nur in dem einzigen System messen können, nämlich in dem, in welchem wir uns aufhalten? Das Messen in zwei oder mehr Systemen ist dem Messenden im Zeitpunkt der Messung nicht gegeben, ist also ein (eigens erfundenes) Scheinproblem. Mit einem ähnlichen Scheinproblem hat später die Quantenmechanik die Kollegen verblüfft, indem sie darauf besteht, daß Ort und Geschwindigkeit eines Teilchens zugleich gemessen werden müssen.
(S.7)
Wieso handelt es sich bei den Sätzen der "Schwerpunkts-, Impuls-, Drehimpuls- und Energieerhaltung" um 10 Erhaltungssätze? Ich zähle hier immer nur 4 (vier).
(Abs. 6)
N.s Raum-Zeit-Konzept war die richtige Einsicht, daß nur in einem Bezugssystem, das von realen Kräften unabhängig, also absolut gültig ist, Gleichungen und Meßaussagen Sinn machen, also nachvollziehbar sind. Warum ist dies angeblich so schwer zu begreifen? Was ist das Ziel der Metrologie heute anders, als von Ort und Zeit unabhängige Maßeinheiten zu definieren? Auch die Feststellung von "Bewegung" ist eine Messung, nämlich die einer Ortsveränderung, und kann daher nur in Bezug auf die vom Beobachter benutzten Orte erfolgen. Auch eine Messung in Bezug auf den absoluten Raum - nehmen wir einmal an, daß es soetwas geben könnte - wäre genauso nur eine vom Beobachter hergestellte Relation! Was soll daran geheimnisvoll sein und einer Erklärung bedürfen? Und ich denke, jede Erklärung von Selbstverständlichen ist zudem zwangsläufig falsch. Wenn es nicht möglich ist, die Bewegung der Erde um die Sonne mittels eines mit der Sonne verbundenen Äthers zu messen, dann gibt es offensichtlich keinen solchen Äther, wie dies ja schon N.s ballistische Auffassung der Lichtfortpflanzung besagt. Ein Problem gibt es hier m.E. nur für jene, welche die Fakten aus irgendeinem Grund nicht akzeptieren wollen und deshalb bestrebt sind, sie zu relativieren. Aber niemand ist - außer durch Vorurteile - gehindert, Fakten als solche ohne Wenn und Aber anzuerkennen. Nicht die Physik sondern nur auf ihre vorgefaßten Meinungen pochende Physiker gerieten durch die Messungen von A. Michelson und E. Morley "in eine ernste Krise" und sind es bis heute, weshalb die Relativitätstheorie stets neuer Interpretationen und experimenteller Prüfungen bedarf, da sie einem rationalen Nachvollzug nicht zugänglich ist, soweit sie sich nicht (insgeheim) der N.schen bedient. So erscheint mir, daß die Relativitätstheorie der Versuch ist, Auffassungen, die sich nicht bestätigt haben, durch Newton- und Faktenuminterpretation doch noch zu retten. Auch hierbei könnte der von der DPG verabschiedete Verhaltenskodex für Ehrenmänner hilfreich sein. Herr Präsident Prof. Schwoerer hat ihn anläßlich eines Forums in München über Betrug in der Wissenschaft zwar nur als ein In-Erinnerung-Rufen von Selbstverständlichen bezeichnet, das jedoch m.E. dringend geboten ist.
Sehr geehrter Herr Professor Dehnen,
Mit freundlichen Grüßen
gez. Helmut Hille
*Satz nachträglich eingefügt. Man beachte auch die Nachträge zu Abs.3 S.1 und Abs.4 S.1 und S.5, die mir notwendig erschienen, um vor allem den geistigen Hintergrund der Argumentation Dehnens besser verständlich zu machen. Dazu siehe auch den nachfolgenden Text.
Nimmt man alle Sätze des Autors zusammen, drängt sich einen die Frage auf: Warum schreibt er so Widersprüchliches, was man außerdem als unter seinem Niveau empfindet? Man muß ja nichteinmal von der Sache viel verstehen, um dies zu erkennen, sondern nur die Sprache ernst nehmen und sich an die Literatur halten, um den Text im Ganzen nicht hinnehmen zu können. Schon gleich am Anfang (Abs.1, S.2), mit der Gleichsetzung von "mathematisch formulierten Prinzipien" mit "fundamentalen Naturgesetzen", sträuben sich einen die Haare. Ein Prinzip ist etwas Geistiges, das uns von der Vernunft gegeben wird; ein Naturgesetz ist etwas, was real existierenden Dingen von "Natur aus" zukommt. Sobald man sich in die Sowohl-als-auch-Argumentation eingelesen hat, überrascht es einen nicht, wenn es in Abs.3, S.3 dann wieder fast richtig heißt: "Am ehesten finden diese Eigenschaften in der ursprünglichen Newtonschen Formulierung der Mechanik ihren Ausdruck, die auf folgenden drei Prinzipien oder Axiomen basiert." Aber warum heißt es: "...in der ursprünglichen Newtonschen Formulierung..."? Liegen denn spätere, signifikant andere Formulierungen vor? Oder soll hier einfach nur der Eindruck erzeugt werden, Newton hätte mal dies und mal jenes gesagt, weil er unsicher gewesen wäre? Fehlt es der Universität Konstanz an wichtiger Literatur? Oder gehören diese Fehlzitate und Fehlinformationen, die bei weiten nicht die einzigen sind, einfach nur zu der Methode, Newtons Aussagen zu verdächtigen? So könnte und müßte man über das bisher Gesagte hinaus immer weiter und weiter fragen. Generell ist festzustellen, daß der ganze Text der Versuch ist, von der bewährten, weil im Prinzip richtigen "Newton'schen Physik, die über 200 Jahre unangefochten Bestand gehabt hat" (Abs.1, S.2) sich zu der Relativitätstheorie Einsteins hinzumogeln, indem man deren falsche Prämissen Newton unterschiebt und diese ihm dann auch noch vorwirft. Verkehrter geht es wohl nicht. Sollte dies wirklich kein Fall für den Verhaltenskodex sein?
Ja, warum schreiben erwachsene Menschen mit Universitätsausbildung überhaupt etwas so offensichtlich Ungereimtes? Ist dies einfach das allgemeine Niveau bei Debatten in der Physik? Und warum soll Einsteins Lehre unbedingt als gerechtfertigt dastehen? Thomas Kuhn hat dies mit einem Paradigmenwechsel zu erklären versucht. Das ist in der Tat die einzige Erklärung, da Vernunftgründe es ja nicht sein können, wird doch gerade Vernunft und Logik in grober Weise mit Füßen getreten. Die Beweggründe für den Paradigmenwechsel sind Ausfluß des Geistes einer obrigkeitlich fixierten Zeit, der aufgrund der großen Fortschritte im industriell-militärischen Komplex (Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert), plötzlich alles plan- und machbar erschien - ein Wahn, der für das 20. Jahrhundert mit Imperialismus, Weltkriegen, Faschismus, Kommunismus und Planwirtschaft auch politisch üble Folgen hatte. Und da stand das Newtonsche, basisorientierte Naturverständnis, das die Ursache der Ereignisse penibel und mühsam in den Dingen selbst suchte, der schnellen Machbarkeit im Wege. Der Name "Kaiser-Wilhelm-Institute" für Einrichtungen der deutschen Vorkriegsforschung des 1. Weltkriegs läßt allein schon tief blicken. Und Einstein als Direktor mittendrin. Daher durften Körper plötzlich nichteinmal mehr ihre Trägheit von sich aus haben, weil dies für den großen Macher doch störend wäre, sondern sie sollten darauf angewiesen sein, daß sie ihnen von der "fernen Masse" verliehen wird, d.h. die Summe aller massenlosen(!) Massen erzeugt den Masseeindruck, getreu dem Zeitmotto "Du bist nichts, dein Volk ist alles", wobei der große Macher den ebenso hirnlosen Hirnen1 auch sagt, was wahr und richtig ist. Der Mensch als tönende Maske. Und diese "ferne Masse" mit ihrer überallhin ausstrahlenden Raumzeit ist nichts anderes, als ein Synonym für einen zentral regierenden Gott, der angeblich als "versteckter Parameter" überall seine Finger drin hat, so wie man das vom obrigkeitlichen Staat gewohnt ist. Was Einstein betrifft, so ging es ihm im Grunde nur um diesen religiösen Aspekt des Determinismus. In meiner Untersuchung "Die Heilige Viereinigkeit - Um was es bei der Rede von der Raumzeit geht" (anschließend an Kurztext I/B9, Link unten "weiter im Thema") habe ich dies näher ausgeführt. Aber dies dürfte doch hier schon klar sein: der Versuch, sich den Glaube durch Wissenschaft rechtfertigen zu lassen, kann immer nur auf Kosten der letzteren gehen.
Der Unterschied zwischen Newton und Einstein ist der zwischen Kausalität und Determinismus, zwischen Rationalität und Instinkt, zwischen Aufklärung und Mythos. Die kausale Betrachtung sucht die Bewegungsursachen als den Dingen zugehörig zu verstehen, kennt also unzählige Ursachen und Folgen, die wieder zu Ursachen werden usw. - und sie ist kein Ismus! Der Determinismus als Dualismus dagegen ist die Doktrin der totalen Herrschaft und des totalitären Staates und bedient sich daher auch der Sprache von Demagogen, die Unvereinbares als "gleich" oder zumindest "äquivalent" hinzustellen versuchen, um den kritischen Verstand zu lähmen. Da darf auch kein Atom von sich aus strahlen, sondern muß von versteckten Parametern gesteuert sein. Andernfalls wäre dies ja Anarchie und allen obrigkeitlichen Denkern ein Greuel. Der Determinismus kennt keine Ursachen sondern nur eine Ur-Sache, die alles macht. Und bei dem Streit zwischen Bohr und Einstein ging es um dieses Gottesverständnis: Hat Gott die Gesetze der Natur nur gegeben und sie sich dann selbst überlassen, oder macht er alles noch immer selbst? Den allermeisten, wenn nicht allen Physikern ist dieser eigentliche metaphysische Hintergrund des Paradigmenwechsels und des Streites gar nicht bewußt, weshalb sie überzeugt sind, Quantenmechanik und Relativitätstheorie - entgegen aller Erfahrung - einmal vereinigen zu können, als könnte man aus Feuer und Wasser eine Mischung bereiten. Sie mühen sich, die deterministische Lehre, die ihnen ihre Ikone Einstein hinterlassen hat, in immer neuen Anläufen dem ratlosen Publikum zu vermitteln, wie auch hier Dehnen. Und weil es sich um eine Ideologie handelt, ist ihnen jedes Argument recht, und sei es noch so falsch, wenn es nur die Ideologie zu stützen scheint. Logik, Gewissenhaftigkeit und Redlichkeit - und mit ihnen Unterscheidungsvermögen, Sprach- und Sachkompetenz - bleiben da unweigerlich auf der Strecke. Und weil sie die eigentlichen Probleme gar nicht sehen, sonnen sich viele Physiker in einem völlig unangebrachten, weil einem mangelnden Verständnis entsprungenen Überlegenheitsgefühl über den Begründer der rationalen Wissenschaft und damit auch dieser, wo ein gereifter Einstein mahnte: "Wenn ich in den Grübeleien eines langen Lebens etwas gelernt habe, so ist es dies, daß wir von einer tiefen Einsicht in die elementaren Vorgänge viel weiter entfernt sind, als die meisten Zeitgenossen glauben." Und mit den "meisten Zeitgenossen" sind sicher nicht zuletzt die gläubigen Anhänger der RT gemeint, denn das sind ja die meisten, weil man es ihnen so gelehrt hat. Es ist wohl der durch die technischen Revolution etablierte Massenmensch, s. Ortega y Gasset "Der Aufstand der Massen", der nach Ideologien und Mythen verlangt, weil rationale Begründungen ihm zuviel Mühe machen, wünscht er sich doch den schnellen Konsum. Und der Mythos "Einstein" selbst ist längst schon eine Ware, von der viele leben. So auch Dehnen.
Doch die Materie wirkt und reagiert von sich aus, wie Descartes schon sagte und dies das Erste Naturgesetz nannte. Daß der Weltenlauf ein von Gott gelenktes Geschehen ist, würden heute nichteinmal erzkonservative Theologen sich getrauen, dem breitem Publikum zu erzählen. Und was die Physiker betrifft, hoffe ich, daß nicht alle ihre Kritikfähigkeit auf Dauer eingebüßt haben. Sie müßten sich - wie die Montagsdemonstranten in Leipzig vor der Wende - nur endlich trauen, sie zu gebrauchen und für ihre Aussagen die Verantwortung zu übernehmen. Es wird ja wohl nicht gleich scharf geschossen werden. Und die Schlammschlacht dumpfer Instinkte mit den Mitteln der Unterstellung, Verdrehung und Verdächtigung zur Bekämpfung der besten Ideen der Menschheits- und Physikgeschichte muß man nicht erst befürchten, denn sie ist längst schon im Gange, wie das untersuchte Beispiel zeigt, das für unzählige steht. Ich fürchte, zu ihrem Umfeld und ihren unlauteren Mitteln gehört es auch, von Zeit zu Zeit die Schnipsel von Einsteins Gehirn vermessen zu lassen und durch eine gewaltsame Fakteninterpretation "das Jahrtausendgenie Albert Einstein" (BILD vom 19.6.99) als über alle Zweifel erhaben hinzustellen und so alle Schwankenden einzuschüchtern. Die Frage ist nur, wie lange wir uns noch mit diesem zutiefst unwürdigen und jeden klaren und fortschrittlichen Gedanken lähmenden dumpfen Zustand abfinden wollen. Aber durch den muß man durch und Flagge zeigen, will man nicht weiterhin die unbelehrbare Nachhut dahingeschwundener, ebenso geist- wie verantwortungsloser Zustände bleiben. Das müßte einen eigentlich die Ehre und der Ehrgeiz als Wissenschaftler gebieten. Da sich der über dem Paradigmenwechsel liegende Nebel nun zu lichten beginnt, ist es besser, die Zeit für Überlegungen zu nutzen, wie die Wissenschaft im Allgemeinen und die Physik im Besonderen im neuen Jahrhundert und Jahrtausend auf den ihr gemäßen rein wissenschaftlichen Weg gebracht und dem Menschen seine Würde als eigenverantwortliches und wirkendes Wesen zurückgegeben werden kann.
Resümee
An Stelle des Bewegungsbegriffs hätte ich hier ferner den sachlich zutreffenden Begriff der "Ortsveränderung" oder "Lageveränderung" anmahnen sollen, der klar macht, dass "Bewegung" keine objektive Eigenschaft eines Körpers ist, sondern ein Eindruck ist der erst entsteht, wenn ein Beobachter einen Körper in Relation zu etwas anderen sieht/setzt, das dann "Bezugspunkt" oder "Koordinatensystem" zu nennen ist, worin die wahre Relativität der Bewegung besteht - ihre Abhängigkeit von einer Sehgewohnheit des Beobachters. Deshalb gibt es auch kein objektives "Bewegungsproblem", das "zu lösen" wäre, wie Einstein vermeinte, sondern nur ein erkenntniskritisches Problem, nämlich die Rolle des Beobachters, die es aufzuklären gilt.
Dehnens zuerst so sachlich korrekt klingender Satz als solcher, der vorgeblich für "jede Mechanik" gelten würde und somit auch für "die Newtonsche Physik", die ja hier angeblich sein Thema ist, beschreibt die Mechanik auf einem wissenschaftlichen Niveau, das nicht nur weit unter dem Newtons liegt, sondern dessen epochale Leistung, um die es ja gehen müsste: Ursachenerkenntnis an Stelle bloßer Bewegungsbeschreibung, wenn auch "unter dem Einfluß von Kräften", gar nicht benennt. Und inwieweit Dehnens Satz der Intention Einsteins entspricht, der das Rad des Wissens zurückdrehend die Vermeidung kausaler Begründungen durch "Kräfte" als Fortschritt ansah, mögen die Relativisten selbst beurteilen.
Nachtrag vom 18.-30.10.2002
Die Ausgestaltungen der Mechanik auf der Grundlage obiger Raum-Zeit-Konzeption zeigen nun aber, daß dem Raum und der Zeit weitere Eigenschaften zuzusprechen sind, als nur bloßes Ordnungsschema zu sein.
Am ehesten finden diese Eigenschaften in der ursprünglichen Newtonschen Formulierung der Mechanik ihren Ausdruck, die auf folgenden drei Prinzipien oder Axiomen basiert: Das erste - auch Galileischer Trägheitssatz genannt - besagt, daß jeder Körper, auf den keine äußeren Kräfte einwirken, sich mit konstanter Geschwindigkeit längs einer geraden Linie im absoluten Raum bewegt.
Das zweite Prinzip definiert den Kraftbegriff und stellt zugleich die Bewegungsgleichung eines materiellen Körpers dar, indem es die zeitliche Änderung des Impulses der äußeren Kraft gleichsetzt.
(S.5)
Das dritte Prinzip - auch Reaktionsprinzip genannt - besagt, daß jeder Kraft eine gleich große Gegenkraft entgegenwirkt.
(S.1)
Hiernach stellt der absolute Raum ein mächtiges physikalisches "Agens" dar, indem er jeden kräftefreien Körper auf eine Galileische Trägheitsbahn zwingt.
Darüber hinaus ist Einsteins Position auch nicht unbedingt eine gute theologische. An Gott zu glauben heisst nicht notwendig ihn für einen permanenten Allesbewirker zu halten. Diese strenge Interpretation Gottes ist selbst wieder Folge einer unhinterfragten deterministischen Grundüberzeugung, einer Ideologie. Man hat ein einfaches Erklärungsmuster oder legt es sich zu und macht dann all jenen Vorwürfe, die es nicht teilen, ist aber selbst nicht bereit, sich durch Fakten und/oder Argumente belehren zu lassen. Und wie Physik durch "Erklärungen" zur Metaphysik wird, so wird durch physikalische "Beweise" Metaphysikalisches wiederum zu etwas Physikalischem. Letztlich verkommt bei Einstein Gott zur "fernen Masse", die dank ihrer Omnipotenz allen Dingen ihre Wirksamkeit verleiht. Aber man kann auf diese "Erklärung" auch verzichten, ohne dass physikalisch etwas fehlen würde. Und der Theologie täte der Verzicht auch gut, geht es ihr doch um das Sein, das über der Materie steht.
Letztlich ist die ganze Problematik die Folge einer mangelnden geistigen Reife, die sich auch im kindlichen Trotz zeigt, der keine Lehren annehmen will. Die von der Problematik Bewegten sind auf einer frühen geistigen Entwicklungsstufe stehengeblieben, auf welcher der Mensch noch nicht gelernt hat, kritisch zwischen sich und der Welt, zwischen Mentalem und Materiellen, zwischen Beobachter und Beobachtetem zu unterscheiden, weshalb es ihm nicht gelingt, seine Vorurteile abzulegen. Bei Einstein kam ein naives Gottvertrauen auf einen ebenso allmächtigen wie gütigen Weltenlenker hinzu, der nicht zulassen würde, dass Dinge sich nach dem Zufallsprinzip entwickeln könnten, möchte doch der Mensch - vor allem der männliche - stets aller unter Kontrolle haben können. (Nach dem Scheitern der Planwirtschaft könnte man es eigentlich besser wissen.) Die heiß ersehnte materielle Existenz dieses Weltenlenkers soll mit Hilfe der Physik "bewiesen" werden, weil man eben nur Materielles gelten lassen will - oder was man dafür hält!
Nachtrag vom 12.-20.02.03
Abweichungen von dieser Trägheitsbahn, z. B. durch äußere Kräfte, rufen sofort sogenannte Trägheitskräfte auf den Plan, die gemäß dem dritten Newtonschen Prinzip mit den äußeren Kräften im Gleichgewicht stehen.
Solche Trägheitskräfte, welche bei Beschleunigung relativ zum absoluten Raum auftreten, sind uns allen in Form der Zentrifugalkräfte z. B. beim raschen Durchfahren einer Kurve wohl bekannt.
Der absolute Raum Newtons ist somit nicht nur allein Ordnungsschema, sondern zugleich der "Ursprung" der Trägheitskräfte.
(S.5)
Worin diese Trägheitskräfte letztlich ihre "Ursache" haben, sagt die Newtonsche Theorie allerdings nicht.
Nachtrag vom 15.02.03, ergänzt am 27.03.03
Hier liegt ein schwerwiegender erkenntnistheoretischer Mangel vor, auf den zuerst der Physiker und Philosoph Ernst Mach gegen Ende des vorigen Jahrhunderts nachdrücklich hingewiesen hat: Geschwindigkeit und Beschleunigung machen nur Sinn bezüglich der Relativbewegung von Körpern zueinander, aber eigentlich nicht bezüglich eines leeren Raumes.
Mach hat daher die Vermutung ausgesprochen - in seiner berühmten Kritik am Newtonschen Eimerversuch - daß es in Wahrheit die fernen Fixsternmassen sind, die den absoluten Raum bedingen und die Trägheitskräfte bei Beschleunigung relativ zu ihnen hervorrufen, eine Idee, die in der Mechanik freilich nicht verankert ist, aber durch die Übereinstimmung von "Trägheitskompaß" und "Fixsternkompaß" nahegelegt wird.*)
(S.8)
Auf Albert Einstein hat diese Idee, die er auch Machsches Prinzip genannt hat, einen starken Eindruck gemacht, und er hat sie später als heuristisches Prinzip bei der Aufstellung der Allgemeinen Relativitätstheorie herangezogen.
Herr Prof. Dehnen, ist dies nicht eine traurige Situation? Ich würde ja noch nichts sagen, wenn es sich hier nicht um Wissenschaft handeln sollte. Ach richtig, es geht hier ja mehr um eine "Philosophie der Raum-Zeit" unter Verwendung physikalischer Begriffe! Aber auch jede Philosophie sollte gut begründet und in sich konsistent sein! Und Sie sollte es schon überhaupt nicht nötig haben, Autoren, die für die Wissenschaft Grundlegendes geleistet haben, Absurdes zu unterstellen. Das läßt auch die eigene, darauf aufbauende Lehre nicht gut aussehen.
(S.1)
Schließlich muß noch auf eine dritte Eigenschaft der Newtonschen Raum-Zeit-Struktur hingewiesen werden.
(S.2)
Ein Bezugssystem, dargestellt durch ein cartesisches Raumachsenkreuz und eine Zeitachse, bezüglich dessen ein kräftefreier Körper eine Galileische Trägheitsbahn beschreibt, heißt "Inertialsystem".
(S.3)
Ein solches liegt allerdings nicht eindeutig fest; ist ein Inertialsystem gefunden, so sind alle gleichförmig geradlinig, also unbeschleunigt hiergegen bewegten Bezugssysteme ebenfalls Inertialsysteme.
Zwischen den Raum-Koordinaten und der Zeit verschiedener Inertialsysteme vermitteln lineare Transformationen, die sogenannten Galilei-Transformationen, die eine 10-parametrige Transformationsgruppe, die sogenannte Galilei-Gruppe darstellen.
(S.5)
Da die physikalischen Gesetzmäßigkeiten in allen Inertialsystemen die gleichen sind, müssen die sie beschreibenden physikalischen Theorien invariant sein gegenüber Galilei-Transformationen.
(S.6)
Jede derartige Invarianzeigenschaft einer Theorie gegenüber einer Transformationsgruppe hat jedoch Erhaltungssätze zur Folge, deren Anzahl der Zahl der Parameter der Transformationsgruppe entspricht.
In einer Galilei-invarianten Theorie existieren somit 10 Erhaltungssätze: Schwerpunkts-, Impuls-, Drehimpuls- und Energieerhaltung.
(S.8)
Ja, die Begriffe "Impuls, "Drehimpuls" und "Energie" sind über diese Erhaltungssätze als Folge von Invarianzeigenschaften gegenüber Raum-Zeit-Transformationen definiert.
Erhaltungssätze gelten, wie schon erwähnt, zuerst einmal nur für kausale Ereignisse, was der Aufzählung in Satz 8 entspricht. Es wäre jedoch unsinnig, Invarianzen von Größen zu fordern, die vom kontingenten Verhalten des Beobachters abhängen. Man wird in der Physik überhaupt nichts verstehen, wenn man, wie im ganzen bisherigen Text, nicht die Rolle des Beobachters bedenkt.
(S.1)
Dieses Newtonsche Raum-Zeit-Konzept hat bis in die Anfänge dieses Jahrhunderts Bestand gehabt, obwohl die von J. C. Maxwell bereits zu Beginn der 2. Hälfte des vorigen Jahrhunderts entwickelte Theorie der Vereinheitlichung von Elektrizität und Magnetismus keine Galilei-invariante Theorie darstellt.
(S.2)
Diese Tatsache, verbunden mit der fortschreitenden Bestätigung der Maxwellschen Theorie durch das Experiment, insbesondere auf dem Gebiet der elektromagnetischen Wellen nach deren Entdeckung durch H. Hertz, legte den Verdacht nahe, daß das bisherige Raum-Zeit-Konzept allenfalls eine gewisse Näherung einer weit vollkommeneren Theorie von Raum und Zeit darstellt.
(S.3)
Um die Situation vorläufig aber zu retten, ließ man zunächst die Hypothese eines den absoluten Raum erfüllenden ruhenden "Äthers" wieder aufleben, der die Funktion eines Trägermediums für die Ausbreitung der transversalen elektromagnetischen Wellen einschließlich des Lichts übernimmt.
(S.4)
Aber dann zeigten A. Michelson und E. Morley, daß es nicht möglich ist, die Bewegung der Erde um die Sonne mittels eines optischen Interferenzexperiments nachzuweisen; dies hätte aufgrund der Vorstellung eines im absoluten Raum ruhenden Äthers gelingen müssen.
(S.5)
Die Physik geriet daraufhin in eine ernste Krise.
lassen Sie es mich bitte wissen, was an meinen Überlegungen falsch ist, soweit sie den Ihrigen entgegenstehen. Erst danach möchte ich mich mit den weiteren Punkten ihrer Arbeit befassen, zumal ich meine, daß der sog. "negative Ausgang" der Michelson-Experimente einzig mit der dort gegebenen gleichbleibenden Distanz von Lichtquelle und Lichtempfänger zu tun hat. Was soll an dieser simpelsten aller Tatsachen einer Erklärung bedürfen, über die man noch dazu immer wieder neue Bücher schreiben muß??? Wer Selbstverständliches nicht versteht, dem mangelt es an Verstand.* Wenn es Theorien oder Überzeugungen gibt, die durch solche, sich selbst erklärende einfachste Fakten in Schwierigkeiten geraten, dann wäre es an der Zeit, diese zu revidieren und aufzuhören, Newton Absurdes zu unterstellen, was er - leicht nachprüfbar - nie geschrieben hat! Das müßte doch eine interessante Aufgabe für Physiker sein!
Kommentar
1In ihrem Objektivismus schaffen es selbst Hirnforscher inzwischen, das Hirn so "zu vergeheimnissen", als wäre es überflüssig - s. die Buchbesprechung II/6 = poeppel.html "Geheimnisvoller Kosmos Gehirn". (Vom erfreulich ideologiefrei geschriebenen Buch "Der Beobachter im Gehirn" eines anderen deutschen Hirnforschers wird von mir in II/4 = anmerkungen.html, 5. Text berichtet.)
Es kann ja wohl nicht das oberste Anliegen der Physik bleiben, eine als "Philosophie und Physik der Raum-Zeit" daherkommende deterministische Lehre auf Biegen und Brechen als "bewiesen" aussehen zu lassen - ganz abgesehen davon, daß die Prämissen dieser "Philosophie" äußerst naiv und eines erwachsenen Menschen ebenso wie einer Kulturnation unwürdig und heute, in einem demokratischen Zeitalter, unzeitgemäß sind, läßt sie doch den Geist der Aufklärung völlig vermissen.
Überhaupt rüttelt das Bestehen auf der "Relativität von Raum und Zeit" an den Grundlagen der Zivilisation, deren innerer Frieden - und der ist es, der menschliche Gemeinschaften "zivilisiert" macht - auf der Verbindlichkeit und Verläßlichkeit ihrer Setzungen, hier ihrer grundlegenden technischen Maßeinheiten (cgs-System) beruht und es ist daher im höchsten Maße unverantwortlich, diese in Frage zu stellen.
Letztlich gehört die Relativitätstheorie mit ihrer Materialisierung geistiger Größen wie Raum, Zeit und Masse zur weit auch ins Politische hineinragenden materialistisch- reduktionistischen Ideologie, welche die Eigenständigkeit menschlichen Geistes und seiner Werte leugnet - ein nicht nur zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern immer noch schwelender Kulturkampf (s. C.P. Snow: The Two Cultures), wie die anhaltende Bekämpfung der Beobachterrolle zeigt, die ja deshalb bestritten wird, weil sie die schöpferische Rolle des Geistigen ist, ebenso wie die politischen Feinde des freien Geistes die autonome Kreativität des modernen Künstlers unter dem Schlagworten "Dekadenz" bzw. "Entartung" bekämpften.2 Und gewissermaßen als I-Tüpfelchen des Objektivismus: selbst das rein körperliche Abstandsverhalten des Beobachters, z.B. zu einer Lichtquelle, soll für die Messung der Geschwindigkeit des von ihr kommenden Lichts folgenlos sein, wie Einsteins Lorentztransformationen uns weismachen sollen, als hätte es nie einen auch optischen Dopplereffekt gegeben, auf den sich z.B. die Urknalltheorie verlässt. So folgen- und damit letztlich auch würdelos wie hier, wurde die Existenz des Menschen zuvor noch niemals gesehen.
Vor diesem ideologischen Hintergrund der Verleugnung jeglicher Rolle des Subjekts in der Physik, wird vieles an der "Philosophie und Physik der Raum-Zeit" Rätselhaftes nun doch noch verständlich. So verstehen wir jetzt, warum Dehnen gleich zu Beginn "mathematisch formulierte Prinzipien", die ja geistiger Natur sind, mit "fundamentalen Naturgesetzen" gleichsetzt (Abs.1, S.2), oder warum er die euklidische Geometrie und ihre Axiome zur Erfahrungswissenschaft zählt (Abs.1, S.3 u. Abs.2), obgleich sie "aus reiner Anschauung" hervorgegangen ist (Kant). Aber "alles verstehen" heißt hier nicht "alles verzeihen", geht es doch der echten Philosophie um die Selbstfindung des Menschen, während die "Philosophie und Physik der Raum-Zeit" seinen subjektiven Anteil am Wissen in Abrede stellt, statt ihn aufzuklären und so zu einem echten Wissen zu kommen.4 Denn gerade erst die Unterscheidung zwischen Geistigen und Materiellen, zwischen Eigenschaften einer Sache, die sie objektiv, d.h. für sich selber hat, und Eigenschaften, die ihr erst durch geistige Operation des Beobachters verliehen werden, wie alle Relationen, ermöglicht ein Sachwissen, das diesen Namen verdient und wie es uns durch die klassischen Mechanik Newtons und die Quantenmechanik in der Kopenhagener Deutung vermittelt wird! Oder wie der Philosoph Hans Reichenbach (1891-1953) sagte, obgleich Einsteins Lehre ihn zuerst tief beeindruckt hatte - aber er erlebte eben auch den Aufstieg der Quantenmechanik: "Die Befreiung von den Willkürlichkeiten der Naturbeschreibung wird nicht dadurch erreicht, daß man sie in naiven Absolutismus bestreitet, sondern allein dadurch, daß man sie als Willkürlichkeiten erkennt und formuliert; der Weg zur objektiven Erkenntnis geht allein durch das Bewußtwerden der Subjektivität in unseren Erkenntnismethoden"3, ohne die wir nämlich überhaupt keine Erkenntnis hätten, sind sie doch der Mittler zwischen Subjekt und Objekt. Es gibt noch viel zu tun, packen wir's an!
2s. auch "Moderne Kunst als Lehrstück von der Freiheit des Geistes", 13. Text auf I/A10 = sokrates1.html.
3Erläuterungen und Quelle s. II/10 = subjekt.html
4zur mentalen Situation selbst, welche die tiefste Ursache der Geistesverkennung und ihrer Folgen ist, s. oben "Ein Fall für den Verhaltenskodex?" letzter Block des Nachtrags zu Abs.4, S.1
© HILLE 1998-2003
letzte Änderungen vom 29.03.03 (Massenmensch)
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