Inhalt:Kurztext
Was ist eine naturwissenschaftliche Theorie?
Erstes Beispiel einer rationalen Theorie: die klassische Mechanik
Ein zweites Beispiel von Rationalität: die Atomtheorie
Parmenides Weltformel für alles
Wie sinnvoll ist es von einer endgültigen Theorie zu sprechen?
Stellungnahme zu Weinbergs Appell an den Schönheitssinn
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Ein drittes, historisch aber erstes und zugleich eindrucksvolles Beispiel einer rationalen Theorie gibt uns Parmenides (um 540 bis 480 vor Chr.) mit seinem Lehrgedicht über die Natur. Es beginnt mit der Himmelfahrt zu einer Göttin, die ihm den Unterschied zwischen Sein und Schein lehrt, so wie später Newton für die Mechanik mit dieser Unterscheidung beginnt. Die Himmelfahrt ist die Umschreibung des Erkenntnisprozesses, der durch die Göttin des Rechts - Dike - geleitet wird. Die Dike steht hier für das rechte, angemessene Bedenken, das die Vernunft ausmacht. Denn viel älter als die moderne Naturwissenschaft ist das Streben, das gerechte Urteil zu finden. Und ich denke, gerade die in langer Geschichte entwickelten Grundsätze der Rechtsprechung können Vorbildcharakter beim Finden des richtigen Urteils haben. Und ebenso können die seit Beginn der Zivilisation analog dazu entwickelten und bewährten Prinzipien der Meßkunde nicht einfach auf die Seite gestellt werden, ohne den Boden der Vernunft zu verlassen, wie die Behauptung von der Relativität von Raum und Zeit zeigt: die zur Überprüfung der Einsteinschen These notwendige Konstanz physikalischer Größen, wird ja gerade von ihr bestritten, weshalb sie - nach ihrem eigenen Verständnis - unbeweisbar ist und bleibt und wie eine Offenbarung nur geglaubt werden kann. Genauso bliebe auch die Konstanz der Lichtgeschwindigkeit unüberprüfbar, wenn es keine konstanten Maßstäbe gibt. Durch Beachtung der Prinzipien der Meßkunde erledigt sich Einsteins Theorie von selbst.
Wie schon die Geschichte der Rechtsfindung erwiesen hat, können wir nur durch Setzung eines sorgfältigst abgeklärten Kriteriums zu haltbaren Urteilen kommen. Entsprechend dieser unaufhebbaren Urteilssituation läßt Parmenides als nächstes die Göttin das oberste aller Kriterien nennen: "Seiendes ist!" Gerade weil "Seiendes ist!" so trivial und selbstverständlich klingt, weist es sich als ein oberstes Vernunftprinzip aus, welches keiner weiteren Erklärung bedarf und zugänglich ist. Weil aber Menschen, aufgrund ihrer Sterblichkeit, geneigt sind, Sein und Nichtsein immer wieder ineinander übergehen zu lassen, zeigt Parmenides ganz ausführlich, zu welchen Unsinnigkeiten es führt, wenn man nicht eisern daran festhält, daß Seiendes ist und daß Nichtseiendes nicht ist und das eine nicht in zum anderen werden kann. Ich frage hier: was sagt denn der Erhaltungssatz der Energie heute anderes? Und bei seiner Berücksichtung kann auch der sog. Urknall, wenn es ihn denn gab, vernünftigerweise auch nur als ein weiteres Durchgangsstadium der Energie angesehen werden, auch wenn durch ihn alle älteren Daten verlorengehen. Auch hier sollten wir uns die Vernunft nicht verbiegen lassen! Wenn aber nichts entstehen und vergehen kann, wie aber kommt es dann zur Vielfalt der Welt und ihrem Wandel?
Parmenides entstammte einem Geschlecht von Medizinern, von deren damaligen Insiderwissen er in seinem Lehrgedicht mehrmals Gebrauch macht, z. B. über das Vorhandensein und die Bedeutung von weiblichen Eierstöcken. Den zeitgenössischen Gedanken der Mischung aufgreifend, nimmt er die Zeugung neuen Lebens als Beispiel4:
"Wenn Frau und Mann zusammen die Keime der Liebe mischen,
formt die Kraft, die diese in den Adern aus verschiedenem Blut bildet,
wohlgebaute Körper, wenn sie nur die Mischung bewahrt."
Dieses Prinzip der Mischung - als Konsequenz des Prinzips, daß Seiendes ist -, wird von ihm auch auf die Kosmologie und Kosmogonie, die sich bei ihm ganz modern liest, und auf die Erkenntnis selbst angewendet, die eben auch eine Mischung ist, nämlich von objektiven und subjektiven Elementen. Letztere gilt es zu erkennen, wollen wir zu einer objektiven Aussage kommen, wovon Newton später ein Beispiel gab. Daß Parmenides das Prinzip der Mischung qualitativ geordneter Dingen, durch das - für die Wirkung nach außen hin - immer wieder neue Qualitäten entstehen, selbst als eine für sämtliche Bereiche des Seins gültige Weltformel für alles verstand, geht aus folgenden Versen hervor:
"Die (uns) näheren Kränze (des Weltsystems) füllten sich mit ungemischten Lichte,
die folgenden mit Finsternis, dazwischen ergießt sich des Lichtes Anteil -
in der Mitte aber ist die Göttin, die alles lenkt;
sie waltet überall der weherfüllten Geburt und Mischung
und sendet das Weib dem Manne, den Mann dem Weibe zur Paarung."
"Wie der Nous je die vielirrenden Glieder gemischt sieht,
so ist er den Menschen (selbst) beigegeben:
denn es ist immer dasselbe, was da als Art der Glieder auch in den Menschen sinnt;
bei allem und jeden - das Mehr an Mischung nur ist ihnen Gedanke."
Dieses am Biologischen beobachtete universale Prinzip des Strebens nach inniger Verbindung qualitativ unterschiedener Elemente zu neuen Einheiten wird auch durch die Teilchentheorie, die Atomtheorie und die Chemie ebenso glänzend bestätigt wie der Grund-Satz "Seiendes ist!" durch den Erhaltungssatz der Energie. Und gaben uns nicht Newton, Bohr und Heisenberg - durch die von Parmenides geforderte Berücksichtigung der Beobachterrolle - bleibende Beispiele prüfbarer Naturbeschreibung? Es war also Vernunfteinsicht als Parmenides die Göttin sagen läßt, nachdem sie ihm die Scheinhaftigkeit der antagonistischen Weltsicht angeblich unüberbrückbare Gegensätze erklärt hatte:
"Diese (antagonistische) Weltordnung und ihre Entfaltung
künde ich Dir in der Scheinhaftigkeit ihres Wesens,
so daß keines Menschen Meinung Dich je beirre."
Die Welt ist also nicht in unüberbrückbare Gegensätze gespalten, sondern im Grunde nur eine. Der Antagonismus wird erst durch unser Denken in die Welt gebracht. Parmenides hat nicht von der Einheit des Universums "geträumt", wie heutige Physiker, sondern sie gesehen und beschrieben.
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Ich bin dafür, Prinzipien und Axiome - wenn möglich - zu unterscheiden. Während ein Prinzip ein möglichst unspezielles Vernunftprinzip sein sollte, sehe ich ein Axiom als die Anwendung eines Prinzips auf einen konkreten Daseinsbereich, der das Prinzip nicht notwendig ausschöpft. Prinzipien sind Maßstäbe der Vernunft, die ihr unmittelbar evident sind. Ein Prinzip entsteht auf dem Hintergrund der gesamten Erfahrung eines Menschen und seiner Gruppe und es hat eine innere Logik, die es für das Denken von selbst verständlich macht. Prinzipien, als das Selbst-Verständliche, sind weder wahr noch unwahr sondern vernünftig und können daher von jedermann an jedem Ort nachvollzogen werden. Sie tragen dem Rechnung, daß das Geistige eine ihm eigene Kompetenz hat, die es zu beachten gilt, wollen wir die Rolle des Beobachters erkennen.
Ein solches, unmittelbar einsichtiges Prinzip ist das Kausalitätsprinzip, welches besagt, daß in der unbelebten Natur nichts ohne materielle Ursache geschieht. Newtons 1. Axiom - daß jeder Körper in seinem Zustand verharrt, solange keine Kraft auf ihn einwirkt -, ist eine Folgerung Descartes aus dem Kausalitätsprinzip für die mit dem Begriff der Kraft arbeitende Mechanik: bei Abwesenheit von Kräften als Ursache verharrt jede Sache notwendig von sich aus in ihrem Zustand. Das 1. Axiom ist daher keine offenbarende Behauptung von der Existenz solcher Zustände, sondern lediglich die Definition des kraftfreien Zustands durch das Merkmal des Verharrens. Diese Definition gilt auch, wenn es im ganzen Universum keinen einzigen beharrenden Körper gibt. M.E. sind Newtons Axiome unüberholbar, auch wenn nie ausgeschlossen werden kann, daß ihnen weitere zur Seite gestellt werden müssen, um mit neuen Arten von Fakten, z.B. Wahrscheinlichkeiten, ebenfalls in brauchbarer Weise umgehen zu können. Wem Newtons Axiome nicht behagen, müßte uns sagen, auf welchem anderen Vernunftprinzip er eine alternative Lehre aufbauen möchte. Die immer wieder aufkommende Kritik an Newton hat verschiedene Quellen. Grundsätzlich denke ich, daß die Kritiker Newton weder gelesen, geschweige verstanden haben. Motivierte Kritik kommt aus der deterministischen Ecke, denen der Newtonsche Realismus mit seinen immanenten Ursachen zutiefst zuwider ist. Und dann haben noch jene an Newtons Lehre oder an ihn selbst etwas auszusetzen, denen seine Rationalität ihrem Irrationalismus im Wege steht.
Bei Anwendung einer Kriterien gebenden rationalen Theorie wissen wir immer, warum wir etwas wissen und wie vernünftig es ist. Ein solches Wissen ist ein mündiges Wissen, durch das wir geistig Herr im eigenen Hause werden, „so daß keines Menschen Meinung uns je beirre“ - um mit Parmenides zu sprechen.
© HILLE 1998-1999
Das zuvor angesprochene Kausalitätsprinzip und ebenso Leibniz "Satz vom zureichenden Grunde" sind m.E. Konsequenzen des noch allgemeineren Forschungsprinzip des unbelebten Geschehens, nämlich dem der Nichtwillkürlichkeit, weil Unbelebtes ja keinem Willen unterliegt. Nichtwillkürlichkeit in der Forschung besagt, es sind jene Annahmen zu bevorzugen, die keiner weiteren Erklärung/Hypothese bedürfen, die also selbst-verständlich sind, wie z.B. dass alle Dinge von sich aus in ihrem Zustand verharren, solange keine Kraft an sie angreift (Newton. 1. Axiom). So ist auch nichtwillkürlich davon auszugehen, dass sich das Licht einer rundherum strahlenden Quelle in allen Richtungen mit gleicher Geschwindigkeit von ihr entfernt (sofern nicht in einzelnen Richtungen eine Kraft/ein Medium auf es einwirkt). Folglich bedarf diese Annahme auch keiner "Erklärung", d.h. ebenfalls, dass jede "Erklärung" der Isotropie der Lichtausbreitung zwangsläufig so überflüssig wie falsch ist. So benötigt auch der Satz von der Erhaltung der Energie, der ja als Erstes von Ärzten formuliert wurde (Mayer, Helmholtz), während die Physiker Mayer darüber verspotteten, keiner weiteren Begründung oder "Erklärung", weil Erhalt selbst-verständlich ist, was ihn zum obersten naturwissenschaftliche Grund-Satz macht. Bereits in der Antike versuchte Parmenides, aus einem Geschlecht von Mediziner stammend, den auch damals verstockten Zeitgenossen klar zu machen, das Seiendes weder entstehen noch vergehen sondern sich lediglich wandeln kann. Nur in ihren Akzenten waren Heraklit und Parmenides verschieden. Während Parmenides die allem Wandel zugrundeliegende Erhaltung des Seins betonte, sah Heraklit nur den Wandel der Dinge selbst, den Weg des ewigen Feuers, das abwechselnd alles in einem (Urknall) und dann wieder eines in allem ist. Aber beiden war klar, dass das Universum keine Grenzen in der Zeit hat, was die heutige Kosmologen der Urknallsingularität nicht begreifen wollen, den Grund-Satz von der Erhaltung der Energie ignorierend, weshalb sie zahlreicher ebenso willkürlicher wie überflüssiger Annahmen bedürfen.
Das Forschungsprinzip der Nichtwillkürlichkeit ist m.E. auch jenes, dass der Mathematik zugrunde liegt, was wiederum erklären würde, warum sie naturwissenschaftlich so brauchbar ist. Nur das 2 + 2 = 4 ist, bedarf keiner Begründung, da nur im Produkt 4 der quantitavie Wert der beiden Glieder sich wiederfindet, nicht aber z.B. in 5 oder 3,9. Die Algorithmen müssen also so abgefasst sein, dass die quantitativen Werte durch alle Rechenoperationen hindurch erhalten bleiben. Und wenn sie das sind, sind mit ihrer Hilfe zuverlässige Vorhersagen möglich.
Prinzipien sind Ideen und die Quelle der Ideen ist der menschliche Geist und nicht die Erfahrung, auch wenn Ideen durch Erfahrung angeregt sein können und ihr Ausdruck verleihen. Man könnte zwar sagen, die Vernunft fasst das empirisch Erfahrene unter einer Idee zusammen, was aber die eigenständige Leistung des Geistes, nämlich Ideen zu haben und in Ideen zu denken, verschleiern würde. Weil also Ideen keine Naturprodukte sind, bleibt auch die Aufgabe, sich ihrer Vernünftigkeit zu vergewissern, sie also stets umfassend kritisch zu bedenken, was jedoch jenen, die sich ihrer bemächtigt haben, um eigene unreflektierte Überzeugungen zu beweisen, natürlich nicht gefällt. Doch mit Ungeklärten kann man nichts (er-)klären. Nur Selbst-Verständliches verhilft uns, etwas wirklich zu verstehen. Und das Prinzip der Nichtwillkürlichkeit als Kriterium ist der Fels in der Brandung heranstürmender Ideen. Daher bleibt die Aufgabe, alle Forschungsprinzipien sorgfältig zu prüfen und ebenso sorgfältig anzuwenden, soll Wissenschaft nicht in die Irre gehen. So findet das Forschungsprinzip der Nichtwillkürlichkeit selbst seine Grenze dort, wo ein Wille ins Spiel kommt, also beim Lebendigen, das zwar ebenfalls grundlos versucht, sich in seinem Zustand zu erhalten, sich aber möglichst nicht dem Zufall überlassen will, um seine Erhaltungschancen zu verbessern.
© HILLE 2003
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