Inhalt:
Karl R. Popper/Alles Leben ist Problemlösen
Hoimar v. Ditfurth/Der Geist fiel nicht vom Himmel
Humberto Maturana/Was ist erkennen?
Einführung in den Konstruktivismus
Wolf Singer/Der Beobachter im Gehirn
Karl R. Popper/Alles Leben ist Problemlösen
1997 Serie Piper MünchenI./I. Wissenschaftslehre in entwicklungstheoretischer und logischer Sicht Seite 15 - 45
Bei diesem Kapitel handelt es sich um den Abdruck eines Rundfunkvortrags von 1972. Es enthält die bekannte These, daß auch Wissenschaftler nach der Methode von Versuch und Irrtum arbeiten. Einstein und Newton wären auch nicht anders als eine Amöbe vorgegangen, die durch Probierbewegungen ihr Terrain sondiert. Poppers Gleichklang von Fauna, Flora und Forschung, die in der These mündet, daß die Wissenschaft ein biologisches Phänomen ist, läßt auf den ersten Blick eine Nähe zu meiner "biologisch" genannten Erkenntnistheorie vermuten. Tatsächlich sage ich ja ebenfalls, daß die physiologische und kognitive Strategie die gleiche ist, bei mir allerdings die der Aneignung, ggf. aber auch mittels Versuch und Irrtum. Aber meine Lehre ist nicht biologistisch: trotz der Gleichheit der Strategie betone ich ausdrücklich die eigene Kompetenz und die eigenen, nämlich rationalen Methoden der Kognition und ich habe auch etliche davon ausführlich vorgestellt. Hier endet die Nähe zu Poppers These. Gleichsinnig heißt es in Irrgangs Lehrbuch der Evolutionären Erkenntnistheorie im Kapitel 8.3 über die Neurophilosophie (s. Anhang zu Text III/3): "Zwar spielen in der Evolution des Wissens zufälliger Erkenntnisfortschritt und Ausmerzung des Irrtums ... eine bedeutende Rolle, aber auch Methodenreflexion, Analyse, Deduktion und Induktion als planmäßig vollzogene Heuristik. Letztere aber findet sich so wohl nicht in der Natur." Ich möchte ergänzen: sowohl das Wissenschaftsverständnis als auch die wissenschaftliche Praxis als ein bloßes Herumprobieren und Spekulieren, muß wieder ein Ende haben. An seine Stelle müssen, neben Versuch und Irrtum, wieder Ratio und Verstehen treten!
Der 5. Abschnitt meiner Erkenntnistheorie über "Die Mittel der Aneignung des Fremden in der Kognition" beginnt mit dem Halbsatz: "Auch wenn unsere Objektivität mehr als zweifelhaft ist, halte ich es trotzdem für möglich, unser Erkennen und Wissen zu objektivieren". Man könnte darin eine weitere Parallele zwischen Poppers und meinen Thesen sehen, nämlich zu Poppers Satz (S.39): "Die Idee der Annäherung an die Wahrheit ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Ideen der Wissenschaftstheorie." Während ich jedoch klar sage, durch was eine Objektivierung erreicht werden kann, nämlich durch das ins Kalkülstellen der subjektiven Strategien und Methoden der Urteilsfindung, von denen ich die wichtigsten nenne, bleibt Popper, dem das Subjekt kein Gegenstand seiner Überlegungen ist, eigentlich nur die Hoffnung, daß durch Versuch und Falsifikation unzutreffende Theorie eliminiert werden können. Das ist in seiner Sicht die Methode, "der Annäherung an die Wahrheit", einer Wahrheit, die zwar selbst nicht weiter erläutert wird, die jedoch so klingt, als gäbe es eine Wahrheit an sich und hinge nicht jede "Wahrheit" von der Verständigkeit und den Erfahrungen des sie Begreifenden ab. Die Annäherung hofft er in weiten Schritten gehen zu können, d. h. durch "Theorien mit großem informativen Gehalt", den er "die Kühnheit einer Theorie" nennt (S.40) "So suchen wir zwar die Wahrheit, aber wir sind nur an kühnen, riskanten Wahrheiten interessiert." Riskante Wahrheiten? Ist hier jemand dem Politskandal eines Mächtigen auf der Spur? Ein neues Watergate? Oder klingt hier nicht eher Ratlosigkeit durch, die auch Poppers Vokabel vom "Vermutungswissen", und sein Reden vom Wissen als "Hypothese" und "Raten" belegt? Fakt ist nämlich, daß Popper und andere Wissenschaftstheoretiker und -Praktiker, die so gern Vergleiche zwischen Einsteinscher und Newtonscher Theorie anstellen, Newtons streng rationales, Erkenntnissicherheit schaffendes Vorgehen, überhaupt nicht verstanden haben. Während Einstein sich auf seine unhinterfragten Intuitionen verließ, war Newton im besten und genauesten Sinne, zumindestens was seine Mechanik betrifft, ein kritischer Rationalist, der mit seiner Differentialrechnung darüber hinaus den objektiven Umgang mit Daten sicherstellte. Nur abgeklärte Begriffe und Prämissen sowie die Objektivität sicherstellende Methoden sorgen für die Zuverlässigkeit und Nachvollziehbarkeit eines Wissens. Und diese durchgehende Rationalität ist das, was Wissen vom Glauben unterscheidet. Etwas Geglaubtes muß ja nicht zwangsläufig falsch sein, doch bleibt es eben ein Glaube, wenn es sich der Überprüfbarkeit entzieht. Daher wäre Newtons Lehre von Wissenschaftsphilosophen zuerst einmal wegen ihres Vorbildcharakters zu loben - ein Lob jedoch, das ich noch immer vermisse, was ich als Ausdruck von Ratlosigkeit sehe, was eine objektive Wissenschaft im besten Sinne ausmacht. Die Einigkeit von Wissenschaftlern allein kann dies doch nicht sein, kann doch niemand sehen, welches Interesse dahinter steckt, z.B. bloßer Konformismus.
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Hoimar v. Ditfurth/Der Geist fiel nicht vom Himmel. Die Evolution unseres Bewußtseins
1988 dtv München, 9. AuflageEinleitung: Der Geist fiel nicht vom Himmel Seite 11 - 16
Der vor allem durch seine Fernsehserie "Querschnitte" als Wissenschaftsjournalist bekannt gewordene Neurologe Hoimar v. Ditfurth erschien mir immer als eine der klügsten Menschen, selbst als ich andere Berühmtheiten der Wissenschaft, wegen der mangelnden Rationalität ihrer Lehren oder/und weil ihr Denken ihrem Wissen nicht angepaßt war, schon mit skeptischen Augen zu sehen begonnen hatte. Daher war es auch immer mein Wunsch, Bücher von ihm zu lesen. Jetzt, nachdem ich selbst über "Die Generierung des Geistigen" und über "Das Verstehen des Verstehens" geschrieben habe, ergab sich mir die Möglichkeit, sein Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel" zu beginnen und v. Ditfurths Thesen mit den meinen zu vergleichen. Ich werde daher hier nicht so sehr über das 1976 erstmals veröffentlichte Buch referieren, sondern vor allem laufend niederschreiben, was mir beim Lesen aufgefallen ist.
So erscheint mir, gleich in der Einleitung, so sehr ich ihr sachlich zustimmen kann, sei es die Unterschätzung der sog. "Materie", sei es der geschichtete Aufbau der Welt, v. Ditfurths große Betonung der "naturgeschichtlichen Unausweichlichkeit" der biologischen und psychischen Evolution übertrieben: "So, wie die Naturgesetze sind, und so, wie die Materie beschaffen ist, war die Entstehung von Leben - genügend große Zeiträume vorausgesetzt - nicht nur wahrscheinlich, sie war auch unausbleiblich. In diesem Buch wird die Ansicht vertreten, daß das auch für unseren Geist gilt."(v. Ditfurth) "Wie die Naturgesetze sind" - man meint hier Karl Marx zu lesen, und der strenge Marxismus seiner Tochter Jutta, die ich bisher als sehr verschieden von ihrem Vater sah, wird einem plötzlich verständlich. Marx glaubte ja auch, daß die gesellschaftlichen Veränderungen - und die Gesellschaft ist ja nur eine besondere Form des Lebens - mit naturgesetzlicher Notwendigkeit daherkommen. Aber wer sind denn diese "Naturgesetze"? Sind sie Ausdruck des Soseins der Natur oder sind sie ihr von außen auferlegt, damit alles seine Ordnung habe? Es ist wohl für den Menschen sehr beunruhigend zu erfahren, daß die Dinge nur ihrer Natur folgen, ohne Zwang eines ihnen übergeordneten Gesetzes und daß sich ergibt, was sich ergibt, ohne jede Absicht. Und so viel Anarchie und Chaos möchte er ihr nicht zubilligen. Irgendein Weltenlenker muß schon sein, schließlich haben Menschen auch ihre Regierungen. Daher ist der ganz unvermutet auftauchende Halbsatz von "den unübersehbaren Hinweis auf eine jenseits unserer Wirklichkeit gelegene Ursache der Welt" doch nicht - einfach nur so - vom Himmel gefallen. Es ist wohl die Kunst heutiger Wissenschaftsjournalistik, Gläubige wie Ungläubige gleichermaßen zu bedienen und letzteren ihren Himmel zu lasssen, der hier aber offensichtlich mehr als nur eine Metapher ist.
Aber da ist gleich noch eine andere, "vorsorglich letzte Bemerkung" in der Einleitung, die mich ebenso fragen läßt, ob ich denn das richtige Buch lese und ob ich den Autor nicht falsch eingeschätzt habe. "Selbstverständlich ist es auch auf diesem naturgeschichtlich-genetischen Weg, auf dem wir uns hier dem Phänomen des Psychischen nähern wollen, gänzlich unmöglich, etwa eine Antwort auf die Frage zu finden, was Geist oder Bewußtsein oder Gefühl 'ist'." Nun mag die Darstellung zwar auf dem "naturgeschichtlich-genetischen Weg" erfolgen, aber wir werden v. Ditfurths Buch ja doch wohl im vollen Besitz unserer Geisteskräfte lesen und da hätten wir schon gern, in einem Buch von 340 Seiten über die Entwicklung des Geistes, etwas darüber erfahren, was denn das ist, was sich da entwickelt und wovon wir Gebrauch machen, und nicht nur gehört, daß dies zu wissen "gänzlich unmöglich" sei, weil es uns an einer Metaebene fehlt. (Umgekehrt fehlt es aber gewissen Menschen offensichtlich nicht an einer Metaebene, von der aus sie die Ursächlichkeit des Jenseits für diese Welt beurteilen können.) Ich habe, in Bezug auf die Natur des Geistes, zu einer positiven Antwort nur gut eine Seite gebraucht, gerade in Anbetracht seiner Genese!!! (Text III/1a) Und das Leben habe ich nicht von einer Metaebene her definiert, sondern von der Wirkung der Materie her, aus der es besteht (Text III/2). Erst wenn man aufhört, den Himmel als Joker im Hinterkopf zu haben, sondern endlich beginnt, die Welt als unerschaffen und ohne Grenzen in Zeit und Raum zu begreifen (Text I/C3), erst dann wird man m. E. dem Gedanken einer autonomen Evolution als eines selbstschöpferischen Prozesses voll gerecht. Und die von mir vorgestellte Integration von Philosophie und Gehirnforschung müßte auch ganz in B. Irrgangs Sinn einer Neurophilosophie sein, als der im 21. Jahrhundert notwendigen Weiterentwicklung der Evolutionären Erkenntnistheorie. (s. Anhang "Neurophilosophie" zu Text III/3, meine Erkenntnistheorie)
- Schlußkapitel: An den Grenzen der Erkenntnis und Unsere Situation Seite 307 - 318
Nachdem mir die Rückgabe von Hoimar v. Ditfurths Buch "Der Geist fiel nicht vom Himmel" angemahnt wurde, ohne daß ich bisher dazugekommen bin, weiter in ihm zu lesen, habe ich mir wenigstens noch die beiden letzten Kapitel angesehen. Mit "An den Grenzen der Erkenntnis" zeigt mir Hoimar v. Ditfurth jene Klugheit, die ich aufgrund seiner Fernsehauftritten bei ihm vermutet hatte. Die Einsicht von der Abhängigkeit unseres Erkenntnisvermögens von der bisherigen biologischen Entwicklung läßt ihn den Schluß ziehen, daß es "Ausdruck anthropozentrischer Naivität wäre, wenn wir uns dem Gedanken überlassen würden, dieser Prozeß sei ausgerechnet heute, in unserer Gegenwart, zum Stillstand gekommen." "Auch wir sind in Wahrheit nur die Neandertaler unserer biologischen Nachfahren." Lassen wir dahingestellt, ob dies zwangsläufig so sein wird, wie v. Ditfurth gern annimmt, oder ob wir vielleicht immer dümmer werden, da wir ja auch nicht das Weltverständnis der Neandertaler kennen, die ja ein größeres Gehirn hatten als der homo sapiens sapiens.
Da nach meiner These das Gehirn objektiv nichts weiß, wird es für mich mit seinem Wachsen zwangsläufig nicht objektiver, sondern gewinnt vor allem an Fähigkeit, aus den einströmenden Daten zunehmend mehr Bedeutungen zu generieren, also ein reicheres Geistesleben zu entfalten, bei dem sich bestenfalls die Frage nach seiner inneren Wahrheit stellt. Daß v. Ditfurth auf Seite 309 von der "Verarbeitung der aufgenommen Informationen" spricht, statt von Daten, die zu Informationen verarbeitet werden, zeigt die Grenzen seiner Erkenntnis. Und natürlich ist bei ihm auch immer wieder von "Anpassung" die Rede, der Lieblingsvokabel der Biologen, und nicht von der Entfaltung biologischer Möglichkeiten, bei deren Selektion die für den Beobachter angepaßteren übrig bleiben. Interessant ist, daß er "die Zählbarkeit der Dinge dieser Welt" erwähnt, ohne zu sagen, daß alles Zählen Unterscheidungen voraussetzt, die der Zählende macht, jedoch richtig bemerkt, daß die Zählbarkeit auf einer Veränderung unserer Großhirnrinde beruht und nicht auf einer Veränderung in der Welt, was ja auch absurd wäre. Daß die Entwicklung geistiger Fähigkeiten keinen definitiven Endpunkt haben kann, zeigt sich auch darin, daß heute v. Ditfurths kluge Bemerkungen von 1976 in manchen Punkten schon antiquiert erscheinen, der sich, aller gescheiten Einsichten zum Trotz, wie die, daß die von uns erlebte Wirklichkeit "die Schöpfung unseres Gehirns" sei, letztlich doch als Anhänger einer naiven Abbildhypothese erweist.
Im Schlußkapitel "Unsere Situation" sieht der Autor die Rekonstruktion der Entwicklungsgeschichte, die ja eben auch nur die heutige Sicht der Dinge ist, gleichzeitig als Beweis an, "daß wir keine rationalen Wesen sind." Sehr richtig! Darum müssen wir uns ja auch auf allen Stufen der Erziehung bemühen, Rationalität zu entwickeln, die ja mein Anliegen ist. Die Freiheit des Denkens gewinnen wir nur dadurch, daß wir uns die subjektive Basis unser Interpretationen bewußt machen und so die notwendige Distanz zu uns selber schaffen. "Wie stets, so ist die Desillusionierung auch in diesem Fall hilfreich."
Dann befaßt sich v. Ditfurth mit den Konsequenzen, wenn die Ursachen menschlicher Beschränktheit nicht erkannt werden und der "böse Wille", "der Teufel" oder "Konterrevolutionäre" für das Versagen von Theorien vor der Wirklichkeit verantwortlich gemacht werden, mit allen blutigen Konsequenzen, von denen menschliche Geschichte so reich ist. Seine Formulierung: "Selbst die Kirche ist gegen diese Gefahr nicht immer gefeit gewesen", wirkt jedoch wie Hohn auf die Millionen unschuldiger Opfer ihrer langen Geschichte, nicht nur der Kreuzzüge und der Inquisition. Und auf die optimistische These: "Diese furchtbare Verirrung liegt glücklicherweise lange zurück", sollten wir lieber keine Probe auf das Exempel wagen angesichts der Tatsache, unter welchen Restriktionen Christen zu leiden haben, die sich nicht zu den Vorstellungen ihrer kirchlichen Oberen konform verhalten. Man denke hier nur an katholische Priester, die sich zur Liebe zu einer Frau bekennen. Diese Kirche predigt jene Menschenliebe, die an ihrer Hierarchie spurlos vorüber gegangen ist. v. Ditfurth erwähnt dazu die Praxis des Exorzismus, die für fehlendes Wohlverhalten die Ursache in einem Widersacher außerhalb des Individuums sieht. Wer der nichtrationalen menschlichen Natur Gewalt antut, wird, wenn er dazu die Macht hat, "früher oder später unausweichlich dazu gezwungen, diese Gewalt auch konkreten einzelnen Menschen gegenüber anwenden zu müssen." So sagt der Verfasser, zum Ausklang seiner Betrachtungen zur menschlichen Natur, daß wir lernen müssen, die Unvollkommenheiten des Menschen auszuhalten. "Nur dieser Schritt kann uns auch davon abbringen, den Versuch fortzusetzen, uns mit Ideologien zu vergewaltigen, die unserer Natur nicht entsprechen." Ein wichtiger humanitärer Gedanke!
Ganz am Schluß "wagt" v. Ditfurth "noch eine letzte Vermutung", die wieder alles das desavouiert, was er vorher auf über 300 Seiten aus seinem reichen Wissen entwickelt hat, was sich für mich aber schon in der Einleitung angekündigt hatte: "Geist gibt es in der Welt nicht deshalb, weil wir ein Gehirn haben. Die Evolution hat vielmehr unser Gehirn und unser Bewußtsein allein deshalb hervorbringen können, weil ihr die reale Existenz dessen, was wir mit dem Wort Geist meinen, die Möglichkeit gegeben hat, in unseren Kopf ein Organ entstehen zu lassen, das über die Fähigkeit verfügt, die materielle mit dieser geistigen Dimension zu verknüpfen." Entgegen seinem Buchtitel ist Hoimar v. Dithfurth letztlich doch davon überzeugt, daß der Geist vom Himmel fiel und sich dazu der Evolution nur bediente. (siehe auch Text II/13 "Das Bewußtseins des Seins") War mir doch gleich das Wort "Himmel" bei einem naturwissenschaftlichen Thema verdächtig! Die Eierschalen des mythischen Denkens sind eben auch für modern sein wollende Forscher nur sehr schwer abzulegen, wie sich dies hier auch bei der Untersuchung des Einsteinschen Lehre und heutiger Vorstellungen von Kosmologen erschreckend gezeigt hat. Schon wer von "Umwandlung von Materie in Energie" spricht, offenbart ein magisches Denken.
Das Buch ist für mich ein Beispiel, zu was es führt, wenn man das, worüber man schreibt und um was es im Titel und auf über 300 Seiten geht, nicht definiert. Man weiß dann gar nicht, von was man redet. Und da entschuldigt es einen auch nicht, wenn man dies am Anfang freimütig eingesteht, wo es heißt: es ist "gänzlich unmöglich, etwa eine Antwort auf die Frage zu finden, was Geist oder Bewußtsein oder Gefühl 'ist'." Dann soll man, bittschön, darüber auch keine "letzte Vermutung" anstellen, wenn man es schon nicht lassen kann, ein Buch über das zu schreiben, was man angeblich nicht wissen kann, denn die "letzte Vermutung" ist dann ebenso nichtssagend wie der verwendete undefinierte Begriff. Und da wir auch vom "Himmel" nichts wissen können, ist vermeintlicher Tiefsinn nur Dampfplauderei. Was wir jedoch ehrlicherweise sagen können, ja, sogar sagen müssen, gerade wenn wir versucht haben, die biologische Bedingheit unseres Erkenntnisvermögens zu verstehen, ist die Einsicht, daß die Realität alle Denkbarkeit übersteigt, weshalb es keine absoluten sondern höchstens vernünftige Wahrheiten gibt, um die wir immer wieder ringen müssen.
ergänzt am 26. August 1999ausführliche Informationen über Hoimar v. Ditfurth und sein Lebenswerk finden Sie auf der Webseite
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Humberto Maturana/Was ist erkennen? Mit dem Kolloquium "Systemtheorie und Zukunft"
herausgegeben und mit einem Essay zur Einführung von Rudolf zur Lippe. Aus dem Englischen. Serie Piper, Taschenbuchausgabe 1996, 244 SeitenAuch für dieses Buch des chilenischen Biologen gilt das, was er und Francisco Varela bereits am Ende des Vorworts zu ihrem bekannten Buch "Der Baum der Erkenntnis" schrieben: "In erster Linie ist dieses Buch jedoch eine Einladung an den Leser/die Leserin, seine/ihre gewohnten Gewißheiten loszulassen und so zu einer anderen Sichtweise dessen zu gelangen, was das Menschliche ausmacht." Diese Sichtweise wird anhand von Funktionen entwickelt, wogegen ein operationales und damit aneignendes Vorgehen abgelehnt wird. Im Mittelpunkt von Maturanas Überlegungen steht die Einsicht, daß Lebewesen sich dadurch charakterisieren, daß sie sich andauernd selbst erzeugen. Ihre Organisation ist also eine autopoietische (von griech. autos = selbst; poien = machen), die ihren inneren Kohärenzen folgt, während äußere Einflüssen sie nicht determinieren können sondern Störungen sind, auf die das autopoietischen System nach seinen eigenen Möglichkeiten und Erfordernissen reagiert. Maturana nennt dieses Verhalten "strukturdeterminiert". Das hat z.B. zur Folge, daß die Struktur des Lesers/Hörers festlegt, was er einem Satz entnimmt. Erkennen ist ein Tun, ist die Antwort des Autors auf die Titelfrage, und die Annahme einer von uns unabhängigen Außenwelt ein schöner Schein, auch für die Wissenschaft völlig entbehrlich. Wem diese Aussage mißfällt, weil sie seinen Denkgewohnheiten entgegensteht, der sollte sich einmal fragen, was ihm denn die Erkenntnis ermöglicht, wenn es nicht die ihm gegebenen Fähigkeiten sind? Und diese Fähigkeiten zielen immer auf den Erhalt der Organisation ab und nicht auf den Luxus einer nutzlosen objektiven Erkenntnis. Oder wie ich sage: Wissen ist ein Mittleres, Welt Vermittelndes, mit dem wir uns die Welt geistig aneignen. Das große Verdienst Maturanas ist es eben, das Erkenntnisproblem originär vom lebenden Wesen aus bedacht zu haben und nicht von der immer schon vorgegebenen Meinung und den wechselnden Begründungen des naiven Realismus, daß es für uns eine unabhängige Realität gibt und die Dinge daher schon so sein werden, wie wir sie wahrnehmen.
Die Gretchenfrage ist für Maturana: Wie halten wir es mit dem Beobachter? Je nachdem, ob wir den Beobachter akzeptieren oder nicht, gibt es zwei Wege des Denkens: Objektivität in Gänsefüßchen und Objektivität ohne Gänsefüßchen. Objektivität mit Gänsefüßchen impliziert, daß für den Beobachter nichts unabhängig von den Unterscheidungen existiert, die er trifft. Obgleich Niels Bohr den Physikern klar zu machen versucht hat, daß wir im Spiel des Lebens Zuschauer und Mitspieler zugleich sind, ist jedoch die gängige Praxis in der Physik, die Annahme einer von uns unabhängigen Außenwelt, mit all den sich daraus ergebenden Problemen. Entsprechend seiner Einsicht von der Eigendeterminiertheit lebender Wesen setzt sich Maturana sehr hellsichtig mit Einsteins Argumenten zur Rettung des "transzendentalen Determinismus" auseinander und führt so Bohrs erkenntniskritisches Bemühen auf der Grundlage der Biologie fort. Für Maturana bedeutet "Determinismus" lediglich: empirische Kohärenz und darauf gestützte Erklärungssysteme, die über "den Sinn von Handlungen und Aussagen entscheiden." Diesen Satz fand ich besonders erhellend.
Das Buch geht auf 6 Vorlesungen im Wintersemester 1991/92 an der Universität Oldenburg zurück, gehalten im Rahmen der "Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit", desgl. das angefügte dreitägige Colloquium "Systemtheorie und Zukunft", abgehalten in einem ehemaligen Kloster. Die "Jaspers-Vorlesungen" wurden zum "Deutschen Beitrag zur Weltdekade für kulturelle Entwicklung der UNESCO" erklärt! Während Maturanas Überlegungen von der Strukturdeterminiertheit lebendiger Systeme durch Luhmann und ihre Übertragung auf soziale Systeme eine Eigendynamik entwickelt haben, die nicht im Sinne ihres Schöpfers ist, weil darin Individuen, um die es Maturana ging, gerade keine Rolle mehr spielen, stoßen seine Gedanken zur Kognition natürlicherweise auf Befremden. So ist "Was ist erkennen?" auch keine Lesebuch zum Lernen sondern eine Herausforderung an den mündigen Leser, seine Beobachterrolle und seine Verantwortungen zu erkennen. Dabei ist es nicht ohne Humor geschriebenen, anektodisch angereichert, manchmal schon fast mehr eine Erzählung, was Amerikaner sehr schätzen, während wir Europäer, vor allem als Philosophen, mehr Wert auf Argumente legen würden. Auch mögliche paradiesische "systemische" Zustände vor dem Heraufdämmern des Patriarchats, das alles unter seine Kontrolle bringen will, wie die heute Regierenden unter Vorwänden das Internet, werden dargestellt. Im angefügten Colloquium regieren bei Maturana auch schon mal die Gefühle, wenn einer der Diskutanten nicht bereit ist, sich auf seinen Verständnishintergrund einzulassen, oder wenn ihm vorgehalten wird, daß er beim Antworten immer lange Sequenzen benötigt, was m.E. beides Hinweise auf argumentative Schwächen sind. Letztlich ging es um Zukunftsfragen und die Verantwortung von Philosophen und Wissenschaftlern. Der Initiator der "Karl-Jaspers-Vorlesungen zu Fragen der Zeit" und der Herausgeber des Buches, Rudolf zur Lippe, hat am Ende seines einführenden sehr klugen Essays u.a. folgendes gesagt, dem ich mich anschließen möchte: "Das Denken der Menschen soll nach seiner (Maturanas) Lehre ebenso ein auch liebendes sein wie das Leben der Menschen überhaupt, so daß dieses Denken als Lebensgeste mit der Verpflichtung zu kritischer Reflexion und zu verantwortenden Abwägen im Miteinander gefordert ist."
Veröffentlicht in der philosophischen Halbjahreszeitschrift "Aufklärung und Kritik" Heft 1/1997
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Einführung in den Konstruktivismus
Veröffentlichungen der Carl Friedrich von Siemens Stiftung, Band 5. Herausgeber: Heinz Gumm und Heinrich Meier, Piper Verlag, 3. Auflage 1997Die Vertreter des Konstruktivismus behaupten, die Wirklichkeit wird von den Menschen nicht gefunden, sondern vielmehr erfunden. Diese Annahme - für Viele eine Provokation - bedeutet, daß Erkenntnis einer absoluten Wahrheit prinzipiell nicht möglich ist. Ernst von Glasersfeld richtet zunächst den Blick zurück. Schon z.B. Demokrit erklärte im 5. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung, daß wir nicht erkennen können, wie die Wirklichkeit eines Dinges beschaffen sei. Nach Pyrrhons Schule in Athen um 300 vor unserer Zeitrechnung ist eine Erkenntnis der Wirklichkeit nicht möglich. Jeder Behauptung liege nur eine subjektive Kenntnis zu Grunde. Letztlich trete ein Gleichgewicht der Gründe für und wider ein.
Montaigne qualifiziert die Meinung etwas zu wissen als Seuche der Menschen ab. Für Descartes ist fraglos nur sicher, daß er lebt. Kant zerstörte in der "Kritik der reinen Vernunft" die Grundlage jeder Hoffnung auf unverfälschte Erkenntnis. Jean Piaget hat 1937 erklärt, daß kognitive Strukturen, die wir "Wissen" nennen, nicht als Kopie der Wirklichkeit verstanden werden dürfen. Silvio Ceccato wies 1962 darauf hin, daß Wahrnehmung und Erkenntnis nicht ontische Objekte widerspiegeln, sondern als kreative Tätigkeiten zu betrachten seien.
Diese Schlüsse sind ein Schlag gegen den menschlichen Egozentrismus, der weithin ungebrochen dominiert. Der Streit geht letztlich darum, ob sichere Erkenntnis auf dem Gebiert der Ontologie möglich ist, oder ob Erkenntnis und Wissenschaft nur Mittel sind, zu Zielen zu gelangen, die der Erlebende sich jeweils selbst wählt. Mittels Sinnesorganen und auch Instrumenten stellen wir lediglich Phänomene fest (wir befinden uns also auf der Seite des Scheins), jedoch nicht die ontische Wirklichkeit (wir erfahren also nicht das Sein). Die konstruktivistische Denkweise stellt die Verbindung zwischen ontologischer Wirklichkeit und der Welt der faßbaren Erlebnisse durch den Begriff des Passens (oder auch Viabilität) im Sinne des Funktionierens dar. Wir bauen unser Weltbild auf Signalen auf. Aus diesen Signalen werden Gegenstände und Vorgänge konstruiert, die zu den Phänomenen passen. Es werden also passende Modelle erdacht. Nach dieser Auffassung geht es bei der Erkenntnis also nicht um "wahrheitsgetreue Darstellung der Wirklichkeit", sondern lediglich um eine Anschauung, die von Wahrnehmungen, Begriffen und Theorien nur Passung und Brauchbarkeit verlangt.
Auch der Konstruktivist muß die Möglichkeit haben, zwischen "Illusion" und "Wirklichkeit" zu unterscheiden. Dies ist nicht mehr möglich durch Berufung auf eine ontologisch begründete Welt. Die Bestätigung einer Konstruktion ist zunächst die intersubjektive Wiederholbarkeit des bestimmten Phänomens. Indem der Fluß des Erlebens segmentiert und Teilstücke aufeinander bezogen und verkettet werden, schafft sich das Subjekt Modelle - so erwächst die Konstruktion einer kohärenten Wirklichkeit. Solche Modelle können in Kategorien zusammengefaßt werden - und wo immer möglich - miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Der Konstruktivismus will also eine Theorie des Wissens sein und nicht eine Theorie des Seins.
Vertiefungen und Verbreiterungen dieses Denkansatzes bringen die weiteren Beiträge von Heinz Förster (Verstehen verstehen), Paul Watzlawick (Psychotherapie), Peter M. Heil (Sozialtheorie) und Siegfried J. Schmidt (Literatursystem). Eine Bibliographie der schnell anwachsenden Literatur bis 1991 ergänzt die Texte.
Verfaßt von Dr.-Ing. Wolfgang Dittrich, München
Veröffentlicht in der philosophischen Halbjahreszeitschrift "Aufklärung und Kritik" Heft 1/1998
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Wolf Singer/Der Beobachter im Gehirn. Essays zur Hirnforschung
suhrkamp taschenbuch wissenschaft 1571, Frankfurt am Main 2002, 238 Seiten, € 11,-Wer philosophischer Einsicht nicht folgen mag, dass das Hirn ein interpretierendes Organ ist, das mit Hypothesen arbeitet und seine Urteile anhand von Erwartungen und Plausibilitäten fällt (so sinngemäß schon Parmenides /540-480/, dem alle Urteile "doxa" = bloße Meinungen waren, soweit sie nicht auf abgeklärten Prinzipien beruhen), kann dies nun Wolf Singers gerade erschienenen Essays zur Hirnforschung entnehmen. Singer ist Direktor am Max-Planck-Institut für Hirnforschung in Frankfurt am Main und ist als Neurobiologe/-physiologe durch Auftritte im Fernsehen und durch Veröffentlichungen bekannt. Seine Essays sind nichts auslassende und nichts beschönigende Texte zur Hirnforschung und ihren Konsequenzen für menschliches Selbstverständnis. Ebenso zu loben aber ist, dass Singer - entgegen der Behauptung des Rezensenten seines Buches in der SZ vom 26. April 2002 - weder die Geisteswissenschaften angreift, noch den reduktionistischen Vereinnahmungsversuchen der ganz harten Fraktion der Naturwissenschaftler folgt, welche die neurophysiologischen Korrelate bewusster Prozesse gleich für das Bewusstsein selbst ausgeben, um ihren Materialismus zu "beweisen". Im Gegenteil: die Eigenständigkeit emergenter Phänomene wird von Singer ausdrücklich anerkannt. So schreibt er auf Seite 179 und ähnlich an anderen Stellen: "Es wäre verfehlt, wollte man versuchen, das System der Beschreibung der emergenten Phänomene durch das System der Beschreibung der hervorbringenden Prozesse zu ersetzen." Ob jedoch zur Herstellung von Bezügen zwischen den unterschiedlichen Ebenen gleich eine von ihm angeregte "Metasprache" erforderlich ist, möchte ich bezweifeln, hat es jedoch z.B. zur Verständigung über die Besonderheiten der Quantenphänomene genügt, die Sprache der klassischen Mechanik entsprechend zu differenzieren. Doch richtig und wichtig ist es, die Phänomene und Ergebnisse der emergenten Ebene unter den Bedingungen der hervorbringenden Ebene zu verstehen, um sie ggf. entsprechend lenken bzw. korrigieren zu können. Im Falle der Hirnforschung sehe ich die Lösung in einer Neurophilosophie, welche philosophische Erkenntnistheorie und Neurophysiologie gezielt in Einklang zu bringen versucht, wovon ich selbst schon Beispiele gegeben habe, z.B. in meinem Essay "Was uns veranlaßt, eine Aussage für 'wahr' zu halten" und "Das Gehirn und sein Ich. Eine notwendige Klärung", abgelegt unter II/4 bzw. II/7.
Wenn so unterschiedliche Auskünfte aus der Hirnforschung in die Öffentlichkeit dringen, nämlich solche, die echte Emergenz bestreiten und solche, welche sie zu verstehen versuchen, so liegt das an unterschiedlichen Sichtweisen, die aber gerade die Eigenständigkeit der geistigen Ebene beweisen, die eben nicht von irgendeiner physikalischen oder chemischen Naturnotwendigkeit gesteuert wird. Von der geistigen Ebene, wie im Nervensystem selbst, werden selbstgenerierte Urteilskriterien an die Phänomene herangetragen. Und auf beiden Ebenen wird einfach probiert, wie weit ihnen die gewählten Annahmen hilfreich sind. Und der undogmatische, nach dem Krieg in Deutschland entwickelte Ansatz, das Gehirn als ein aktives, Initiativen ergreifendes Organ zu verstehen, bei dem Wahrnehmungen, Empfindungen und Motivation das Ergebnis aktiver, konstruktiver Prozesse sind, hat zu einer Offenheit der Forschung und Sprache geführt, der wir auch Singers Buch und seine offenen Worte verdanken. Und so erfahren wir von ihm u.a., warum das so ist, dass Hans das nimmer lernt, was Hänschen nicht gelernt hat, weil die am Anfang des Lebens reichlich vorhandenen Kognitionsstränge im zur Verfügung stehenden Zeitraum ungenutzt blieben und deshalb vom Hirn eliminiert wurden, was Konsequenzen in Erziehung und Bildung notwendig macht. Wie ein Überschuss an Nachkommen und deren Selektion das Überleben der Tüchtigsten bewirkt (Darwin), so gehört es zur Strategie des Hirns, reichlich aus den Sinnen kommende Kognitionsstränge anzubieten und nur die eingeübten und untereinander kohärenten zu behalten, um die Qualität der kognitiven Leistungen zu verbessern, dem Rechnung tragend, dass unmöglich jedes Detail durch die Gene gesteuert werden kann. So erfahren Leser durch sein Buch vieles über sich, was sie immer schon wissen wollten und sollten.
In mehreren Essays benutzt Singer das von der Hirnforschung wohl bisher am besten untersuchte Beispiel der Datenverarbeitung im Gehirn, das des Sehvorgangs. Singer zeigt, wie aus der zweidimensionalen Helligkeitsverteilung des Netzhautbildes über Umwandlung von Bildpunkten in elektrische Signale und deren paralleler Bewertung und Bearbeitung in verschiedenen Hirnarealen, durch die intensive Wechselwirkung dieser Areale eine kohärente Aussage entsteht. "Bedeutsamer wird mit zunehmender Entfernung von den Sinnesorganen selbstgenerierte Aktivität (der Nervenzellen), welche von den Sinnessignalen lediglich moduliert wird." "Das System beschäftigt sich hauptsächlich mit sich selbst; 80 bis 90% der Verbindungen sind dem inneren Monolog gewidmet." Während Singer so mehrmals den Übergang von materiellen Daten mittels Hypothesen in Informationen aufzeigt, wird dieser für die Erkenntnistheorie so entscheidende Sachverhalt von ihm jedoch nicht eigens thematisiert. Nirgends liest man bei ihm eine Definition von Information als die plausibelste Deutung von Daten oder wenigstens die klare und konsequente Unterscheidung beider Begriffe, obgleich Singer diesen Übergang durch Interpretation aufzeigt und auch genau dieses Wort benutzt. Ist es eine allgemeine Zurückhaltung des Naturwissenschaftlers oder wollte er einfach die objektivistische Fraktion der Kollegen nicht zu sehr herausfordern? So bleibt es dem Neurophilosophen überlassen dies deutlich auszusprechen, der auf solche Empfindlichkeiten keine Rücksicht nehmen muss. Ja, und etwas weniger Fremdwörter (ich meine hier nicht Fachbegriffe) oder zumindestens ein Glossar hätte er sich und den hoffentlich trotzdem zahlreichen Lesern schon gewünscht. Für den Neurophilosophen selbst liefert Singers Buch zwar Neues, aber kaum Überraschendes, außer der seltenen Feststellung, dass es erfreulich ideologiefrei geschrieben ist und auch vor tabuisierten Fragen nicht zurückschreckt.
In dem kurzen Kapitel "Zur Prägung ästhetischer Normen" (S.227) schreibt Singer: "Genetisch festgelegt sind bestimmte fundamentale Strukturmerkmale, wie sie sich in der Logik der Syntax und der Grammatik niederschlagen. Das Gehirn kommt schon mit ganz bestimmten Hypothesen (Vorwissen) über die Struktur von Sprache zur Welt und erlernt dann lediglich die kulturspezifischen Vokabeln und Modifikationen der Grundstruktur." So richtig der Lernvorgang beschrieben wird, so fraglich halte ich die genetische Festlegung der "fundamentale(n) Strukturmerkmale". Die ist nämlich nicht erforderlich, weil die fundamentale Struktur unseres Sprechens die kognitive Situation selber ist, aus der wir nicht ausbrechen können - s. II/8 "Ursprung und Inhalt der Grammatik". Bleibt bei der Annahme einer genetischen Festlegung die Entstehung der Strukturen offen, wird ihre Unausweichlichkeit bei einer kognitiven Betrachtung einsehbar. Die sich aus ihr ergebende Konsequenz für das Lernen liest sich bei mir ganz ähnlich wie bei Singer: "Die Grammatik spiegelt die geistige Situation des Subjekts. Ihre Formen sind die Darstellung geistiger Operationen, weshalb Grammatik weder angeboren ist, noch gelernt werden muß. Sie ergibt sich im Prozeß der intellektuellen Reifung des Kindes und muß von ihm, anhand von Mustern, nur noch geübt werden." Dies ist ein Beispiel für die Notwendigkeit, neuronale Untersuchungen mit philosophischen Einsichten zur Kognition zu verbinden, soll das Verständnis neuronaler Prozesse vertieft werden, wie ich dies schon bei der Besprechung des Buches von Ernst Pöppel "Geheimnisvoller Kosmos Gehirn" (Text II/6, Datei "poeppel.html") gezeigt habe. Und man versteht etwas am allertiefsten, wenn man es in seiner Ursache und/oder Unausweichlichkeit versteht. Die Zukunft der Erkenntnistheorie gehört für mich der Neurophilosophie (s. auch den Anhang des vorhergehenden Textes III/3 "Zum Thema Neurophilosophie" - Link ganz oben). Schade, dass sich Singer zu meinem ihm per E-Mail zugegangenen Einwand gegen die genetische Festlegung der Struktur von Sprache nicht geäußert hat. So bleibt der Einwand aber auch unwidersprochen.
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